soziologieheute-news

1. Februar 2010

Pessimistische Ungarn

von Peter Stiegnitz, 1. 2. 2010

Aus den operettenhaften „schwerblütigen Magyaren“ ist ernst geworden: Gallup WorldPoll stellte jüngst in 120 Ländern die Frage, wie Erwachsene ihre eigene Zukunft sehen. Ungarn nimmt dabei, mit 34,2%, auf der pessimistischen Skala den 117. Platz ein; gemeinsam mit Haiti, Burundi, Togo und Pakistan. Die optimistische Seite führt Norwegen an, wo nur 0,5% der befragten Erwachsenen ihre Zukunft negativ beurteilen. Auch Österreich (3,0%) und Deutschland (7,5%) stehen auf der Sonnenseite der Optimisten.

Über die Gründe des tiefen Pessimismus der Ungarn sprach der Budapester Soziologe Prof. Dr. Elemér Hankiss bei einer Veranstaltung der Wiener Peter Bornemisza-Gesellschaft: • Seit dem Systemwechsel (1989) fühlen sich die Ungarn „vom kapitalistischen Westen verraten“. Sie haben irriger Weise angenommen, dass mit dem Ende des Kommunismus das „Geld nach Ungarn strömen“ wird. Das es nicht dazu kam, das stieß als erste viele Ungarn in einen tiefen Pessimismus • In einem Land, dessen Menschen seit Generationen keine Demokratie kennen, fehlt die Bereitschaft zur politischen Kooperation. Daher herrschen zwischen den einzelnen Parteien und ihren Anhängern blanker Hass und Kampfeslust.

Auch das hebt nicht die „gute Stimmung“. • Viele „stolze Ungarn“ erweisen sich, angesichts eines „starken Führers“ als echte, kritiklose und vor allem begeisterte Untertanen. Fällt der eine „Führer“, rennt man schon hinter dem nächsten her. Diese selbst täuschende Einstellung sorgt dafür, dass sich kaum eine Regierung länger als eine Legislaturperiode halten kann. • Wirtschaftliche Not, Perspektivlosigkeit, eine hohe Arbeitslosigkeit , niedrigste Renten und eine ungenügende Gesundheitspolitik tragen gleichfalls zum tiefen Pessimismus der Ungarn bei.

Trotz diesen und ähnlichen Problemen können sich gar nicht so wenige Ungarn „Westurlaube“ leisten. Kehren diese Menschen nach Ungarn zurück und dabei die krassen Unterschiede zwischen dem „westlichen“ und dem ungarischen Lebensstandard sehen, verbreiten sie nur Frustration und Unzufriedenheit. Auch das verstärkt, so Soziologe Hankiss, den tiefen Pessimismus der ohne dies verzweifelten Magyaren. 

Wir können es mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der geplante Siegeszug rechter und rechtsextremer Parteien bei den Parlamentswahlen im heurigen April dieser Stimmung voll Rechnung tragen wird. (pst)

17. Januar 2010

Kann Liebe Arbeit sein?

Deutschlandfunk, 14.01.2010

Kann Liebe Arbeit sein?

- Kontroversen um bezahlte Elternschaft

von Christian Forberg

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1105782/

Jenaer-Thesen zur bezahlten Elternschaft zum Downloaden:

Jenaer Thesen zur Bezahlung von Elternschaft – Entwurf für 14.1.2010

Minarette, Macht und Multikulti

Deutschlandfunk, 14.01.2010

Das zähe Ringen um die Integration der Einwanderer in Deutschland
von Kersten Knipp

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1105610/

11. November 2009

Die Status-Sicherheit der Juden

Abgelegt unter: Peter Stiegnitz — soziologieheute @ 10:47
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Ungarn und Österreich

von Peter Stiegnitz (Oktober 2009)

„Es ist nicht leicht, ein Jude zu sein …“ – Diesen Satz hört meine Frau, die – im Gegensatz zu mir – eine gebürtige Österreicherin und Christin ist, unzählige Male. Fast so oft allerdings höre ich ihre Antwort: „Es ist auch nicht leicht, ein Nicht-Jude zu sein …“

Meine Frau, wie nahezu immer, hat Recht. Im Schatten der Shoa, des Holocaust, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, fallen – man verzeihe mir diese semantische Tautologie – die Medien und die „veröffentlichte Meinung“, die sich nur äußerst selten mit der Meinung der Öffentlichkeit decken, in das andere Extrem. Kein Tag, keine Woche, wo sich die Medien – zumindest in Österreich und in Deutschland – nicht mit dem Thema „Juden“, „Jüdischkeit“ und vor allem „Antisemitismus“ beschäftigen. Diese Inflation einer geistigen Restitution – das unschöne Wort „Wiedergutmachung“ will niemand mehr hören – beeinflusst auch die soziologische Situation der Juden, die ich in meinen Arbeiten „Status-Sicherheit“ nenne.

Bevor ich mit den wichtigsten Faktoren beginne, darf ich Ihnen einige Zahlen nennen:

Gegenwärtig leben auf der ganzen Welt 13,2 Millionen Juden, davon 4,9 Millionen in Israel – und 8,3 Millionen in der Diaspora. Nicht uninteressant sind die sechs Städte, wo die meisten Juden leben: In Tel Aviv: 2,5 Mio, in New York: 1,9; in Jerusalem: 570.000; in Paris: 350.000; in Moskau: 200.000 und in Kiew: 110.000 Juden. Mit mehr globalen Zahlen will ich Sie nicht quälen. Höchsten mit nur wenigen, wenn ich kurz zur Schilderung der betreffenden Situation in den beiden Ländern komme.

In Österreich lebten bis zum Jahre 1938 über 200.000 Juden; der Großteil davon, rund 180.000, in Wien. Das große „Glück“ im Unglück des Holocaust in Deutschland und in Österreich – im Gegensatz beispielsweise zu Ungarn – waren die Jahre zwischen dem „Anschluss“ (1938) und dem systematischen Beginn des Völkermordes (1941). Deshalb kamen die wenigsten Juden in Deutschland und in Österreich um. – Aber das nur nebenbei.

In Österreich leben heute rund 7.000 Juden, die Mitglieder einer der fünf Kultusgemeinden sind – in Wien, Linz, Salzburg, Graz und Innsbruck – und ungefähr noch einmal so viele außerhalb der Gemeinden.

Im Rahmen meiner soziologischen Langzeitstudie gelang es mir, in Bezug auf die Status-Sicherheit, also auf die selbst gestaltete Position in der Gesellschaft den Unterschied zwischen drei Generationen der in Österreich lebenden Juden auszuarbeiten.

Davor jedoch eine demographische Erklärung: Unter den rund 14.000 Juden, die heute in Österreich leben, bilden die österreichischen Re-Emigranten einen eher kleinen Teil. Die meisten kamen aus Osteuropa: von 1945 bis Ende der 80-er Jahre aus Ungarn, Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Rumänien. Anschließend aus Russland und auch einige Rückwanderer aus Israel.

Jetzt, meine Damen und Herren, die kurze Darstellung der Generationsunterschiede in Bezug auf die Status-Sicherheit: Die erste (Jahrgänge 1910-1920) hat Holocaust und Emigration als erduldende Opfer
er-, und wenn sie viel Glück hatte, auch überlebt. Die Generation ruderte nach der Befreiung von der Nazi-Barbarei möglichst weit weg von all dem, was man mit „Judentum“ in Verbindung bringen konnte. So verstand z. B. mein Vater (seligen Angedenkens) nicht, warum ich in Wien als 22-jähriger Student (wieder) Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde wurde.

Die zweite Generation, die der heute ca. 70-Jährigen, fand zaghaft zu ihren „jüdischen Wurzeln“. Diese zweite Generation, die Holocaust und Emigration als Kinder erlebte oder knapp nach dem Krieg geboren wurde, wurde in die ungute Rolle eines „Sozial-Puffers“ gezwungen. Sie verstanden die Ahnungs- und Widerstandslosigkeit ihrer Eltern nicht, wir wollten nicht begreifen wie Hunderttausende und Millionen Menschen ohne Widerstand in den sicheren Tod gingen. Die Entschuldigung unserer Eltern („Widerstand wäre zwecklos gewesen …!“) wollten und konnten wir nicht akzeptieren.

Mitglieder dieser zweiten reemigrierten Generation kamen als junge Menschen mit ihren vertriebenen Eltern in die „alte Heimat“ nach Österreich, zurück, wo sie kaum jemand mehr haben wollte. Eine psychologisch zwar verständliche, doch genau genommen eine furchtbare, tief-belastende, neurotisierende Situation. Das einzig Gemeinsame der Reemigranten war ihr fehlendes „jüdisches Bewusstsein“. Daher lebten die assimilierten, manchmal auch getauften Familien in der Selbstlüge der „geläuterten Österreicher“, die – laut Moskauer Deklaration von 1943 – selbst „Opfer Hitlers“ waren. Die „Heimgekehrten“ wollten nichts anderes als leben, möglichst gut leben, „Geschäfte in Wien, Ferien in Israel“ machen, wie das Ruth Beckermann formulierte.

Die meisten sozialpsychologischen Begriffe, vor allem die des „Selbstbewusstseins“ und der „Identifikation“, stehen oft auf tönernen Füßen. Erst recht im Leben der zweiten jüdischen Diaspora-Generation. Meist als Kinder assimilierter, getaufter oder kommunistisch-atheistischer Eltern fanden sie den wirklichen Zugang zur jüdischen Religion nicht und blieben daher im formellen Bereich zu den hohen Feiertagen hängen.

Stärker als die Religion, doch nicht minder illusionistisch sind die zionistischen „Wurzeln“, aus denen die dritte Generation ihre „Jüdischkeit“ zu ernähren hoffte. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden aufnehmen muss, kann eine wirklich innere Bindung zum Land Israel, das – vielleicht – vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, nicht geknüpft werden. Religion ohne religiöse Tradition, Zionismus ohne wirkliches Heimatgefühl sind weitere Elemente, aus denen viele Juden ihr widersprüchiges Leben diktiert bekommen.

Die dritte jüdische Generation, heute um die 40, lebt entweder „vollassimiliert“ in Wien und geht, meist einem akademischen Beruf nach, oder hat sich in der englischsprachigen Welt Australiens, Englands, Kanadas und der USA endgültig niedergelassen und nur im Winter, zum Schifahren, besucht sie die fremd gewordene Heimat ihrer Eltern und Großeltern.

Die nicht-religiöse jüdische Tradition, das Aufrechterhalten des jüdischen Selbstbewusstseins in der Diaspora ist diffizil und von äußeren Einflüssen und Bedingungen abhängig. Den Weg der Assimilation, also den der vollständigen Aufgabe jüdischer Tradition und jüdischen Glaubens und Lebens gingen bis zum Holocaust in Österreich, Deutschland, aber auch in den großen mittel- und westeuropäischen Städten (Wien, Berlin, Prag, Warschau, Budapest, usw.) sehr viele jüdische Familien. Auch die Zahl der so genannten „Mischehen“ – allerdings mehr in Wien als in Budapest – wuchst ständig an.

Der Holocaust wirkt heute auch auf die „Mischehen“. Allerdings wird nicht der jüdische Teil „christlich“, sondern eher umgekehrt. „Mischehen“ gehen jüdischerseits natürlich nur Menschen ein, die sich von der jeweiligen religiösen Tradition vollends losgesagt haben. Auch die Juden in den Mischehen basteln verzweifelt an ihrer (Schein-)Identität, die so stark sein kann, dass der christliche Teil des gemischten Doppels „judaisiert“ wird. Der christliche Teil in diesen „Mischehen“ huldigt, wenn auch unbewusst, einer moralischen Wiedergutmachung.

Die Status-Sicherheit der Juden wird überwiegend vom echten und noch mehr vom eingebildeten Antisemitismus gelenkt und geformt. Auch und erst recht – im Shoah-Schatten – in Österreich und in Deutschland, obwohl die Angst vor Antisemitismus in diesen Ländern gutteils zu Unrecht grassiert. Genau das zeigt eine Studie der in Wien beheimateten und außerordentlich kritischen „Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ (EUMC), ein so genanntes „Eurobarometer“, mit dem die europäische Toleranz gegenüber Andersgläubigen ausgelotet wird. Der EU-Durchschnitt der tolerant eingestellten Menschen, die sich durch die Anwesenheit von Andersgläubigen nicht beunruhigt fühlen, beträgt 82,0 Prozent. In Österreich liegt dieser Anteil bei 82,3 Prozent, also knapp über dem EU-15-Durchschnitt. Der deutsche Anteil mit 75,7 Prozent liegt etwas unterhalb des EU-15-Wertes.

Die Status-Sicherheit der Juden in Österreich – von „österreichischen Juden“, die sich zu Österreich wirklich bekennen, kann man seit der so genannten „Waldheim-Affäre“ kaum mehr sprechen – wird hauptsächlich von innenpolitischen Verhältnissen beeinflusst. Seit den jüngsten Parlamentswahlen im heurigen September und dem starken Zugewinn rechtspopulistischer Parteien haben gar nicht so wenige Juden das Gefühl, wenn auch völlig zu Unrecht, auf „gepackten Koffern“ sitzen zu müssen.

Hier darf ich, wenn auch nur kurz, auf den Hauptfaktor der subjektiven Status-Sicherheit zu sprechen kommen: Die Schuld- und Minderwertigkeitskomplexe vor allem der wenigen, doch immer noch tonangebenden re-emigrierten österreichischen Juden blockieren jedwede Heimatgefühle dieser Menschen. Da sie in nach sozialen Schichten eingeteilten freiwilligen „Ghettos“ leben, ziehen sie sich in Parallelgemeinschaften zurück. Weil sie im Vergleich zu den in Österreich lebenden Türken zahlenmäßig sehr klein sind, kann man nicht von „Parallelgesellschaften“, sondern eben nur von „Parallelgemeinschaften“ sprechen. Die Kompensierung ihrer Komplexe zeigt, wie immer in solchen Fällen, auch extrem kritische Züge.

Die aus Osteuropa, vorwiegend aus Ungarn, nach Österreich emigrierten Juden kennen diese Komplexe nicht. Da sie den Holocaust nicht in Österreich oder noch überhaupt nicht erlebt haben, bekennen sie sich gutteils zu ihrer neuen Heimat. Die erste Generation, die leider nicht mehr lebt, bekannte sich trotz der schlimmen Erfahrungen im Holocaust und auch im Nachkriegskommunismus voll und ganz zur alten „ungarischen Heimat“. Die zweite Generation, also die meine, lebt ambivalent; wir sind einerseits „gute Österreicher“ geworden, andererseits haben gar nicht so wenige unter uns Häuser oder zumindest Wohnungen in Ungarn gekauft, wo sie die Wochenenden und die Sommermonate verbringen.

Während also die erste Generation der aus Ungarn emigrierten österreichischen Juden – sie sind im Gegensatz zu den Re-Emigrierten keine „Juden aus Österreich“, sondern eben „österreichische Juden“ – zu hundert Prozent „ungarisch“ bleibt, sieht dieser Anteil in der zweiten Generation bereits 50-zu-50 Prozent aus. Die dritte Generation, also unsere Kinder, zeigen bestenfalls eine 80-zu-20 Prozent Relation.

Sehr geehrte Damen und Herren! Bevor ich mich kurz, soweit ich es von außen her sehe, mit der Status-Sicherheit der ungarischen Juden beschäftige, darf ich einen kurzen Einschub leisten. Das vor allem deshalb, weil ich mich hier unter hochrangigen Historikern befinde.

Der eigentliche Begründer der soziologischen Untersuchungen der Juden hieß Arthur Ruppin; er wurde im Jahre 1876 in Rawatsch bei Posen geboren und starb 1943 in Jerusalem. Er gilt nicht nur als geistiger Vater der Soziologie der Juden, sondern auch als Begründer der Stadt Tel Aviv, die heute noch das „weltliche“ Pendant zu Jerusalem ist.

Der nach Magdeburg übersiedelte Ruppin studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Berlin und in Halle. Zunächst als Referendar am Landgericht in Magdeburg und später als Sozialwissenschaftler verfasste er mehrere, heute noch als Standardwerke geltende Bücher, wie die „Juden der Gegenwart“ und „Darwinismus und Sozialwissenschaft“. 1908 übersiedelte er nach Palästina. Bereits zu dieser Zeit befürwortete er die so genannte „Zwei-Staaten“-Lösung für Juden und Araber. 1926 wurde er Inhaber des Lehrstuhls „Soziologie des Jahrhunderts“ an der Jerusalemer Universität. Seine damaligen Vorlesungen gelten heute zumindest als rechtspopulistisch und sogar rassistisch. Ruppin zeigt sich den Gedanken der Eugenik gegenüber aufgeschlossen und fordert für die neue Besiedlung Palästinas eine „Auslese des Menschenmaterials. Die Anzusiedelnden sollten von besonderer „körperlicher, beruflicher und moralischer Beschaffenheit“ sein. Er beteiligt sich auch intensiv an der Entwicklung neuer Formen des sozialen Zusammenlebens, so insbesondere der Kibbuzbewegung. Ruppin gilt zwar als Begründer der Soziologie der Juden, doch vor allem seine Bejahung der Eugenik (Erbgesundheitsforschung) rückt ihn in faschistische Nähe. Zumindest nach heutiger Auffassung.

Jetzt, meine Damen und Herren, noch einige Worte zur ungarischen Situation. Natürlich ist es von mir anmaßend, vor Ihnen über eine ungarische Situation zu sprechen. Trotzdem versuche ich es. Ich darf meine Analyse auf zwei Quellen aufbauen: auf die Ergebnisse einer eher kleinen, doch repräsentativen Stichprobe, die ich mit Studenten durchführte und darüber berichten, wie wir vom Ausland her die einschlägige Situation in Ungarn beurteilen.

In Ungarn, wo Anfang der vierziger Jahre noch 900.000 Juden lebten, kamen 600.000 ums Leben. Und trotzdem redete im Land der ermordeten Magyaren, deren „Pfeilkreuzler“ und Gendarmerieeinheiten brutaler als die SSler wüteten, nach dem Krieg keine einzige offizielle Stelle vom Holocaust und Antisemitismus. So konnten auch die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über das Martyrium der ungarischen Juden nicht in Budapest, sondern sie mussten im Westen erscheinen. Die erste umfassende Analyse erblickte in den Niederlanden das Licht der (interessierten) westlichen und (desinteressierten) östlichen Welt. Der Historiker und Universitätsprofessor Péter Várdy zog die Bilanz des Schreckens seiner ehemaligen Landsleute und Schicksalsgenossen: „Das offizielle ungarische Judentum bot nach dem Krieg das Bild einer in sich gespalteten, zerstrittenen und schließlich verängstigten Minderheit.“

In Ungarn leben nach inoffiziellen Statistiken rund 100.000 Juden, davon 75.000-80.000 in Budapest. Heute tobt im Land der Magyaren ein offener Antisemitismus, getragen von rechtsextremen Parteien (MIÉP und Jobbik), bzw. Bewegungen (Ungarische Garde), die sich offen auf die Nazi-Pfeilkreuzler berufen. Eines der „Hauptnahrungsmittel“ des „gefräßigen“ Antisemitismus in Ungarn der Jetztzeit ist die relativ hohe jüdische Beteiligung in den KP-Führungsgremien nach dem Ersten (z. B. Béla Kuhn) und nach dem Zweiten Weltkrieg (Mátyás Rákosi, der „ungarische Stalin“). Dass sich weder Kuhn noch Rákosi als „Juden“ und letzterer sich sogar als Antisemit deklarierte, das registrieren die heutigen Judenfeinde in Ungarn nicht. So z. B. der Führer der rechtsrechten Lebens- und Wahrheitspartei, István Csurka.

Die Situation in Ungarn ist paradox: hohe Assimilation und trotzdem viele Glaubensjuden? Diesen Widerspruch kann man nur dann verstehen, wenn man die „Inselmentalität“ (Marta S. Halpert: “jüdische Gemeinden in Europa”) der Ungarn, eingebettet zwischen Slawen und Germanen, versteht. Dieses kulturelle „Alleingelassensein“ züchtet ein hohes, oft auch neurotisches Selbstbewusstsein. Diese „Wir-sind-Wir“-Mentalität charakterisiert auch das Selbstbewusstsein der ungarischen Juden, die „Juden“ und „Ungarn“ in einer Person sein möchten.

Wie in Österreich, so konnten wir, meine Studenten und ich, eine ähnliche Generationseinstellung, wie das in Österreich der Fall ist, feststellen. Da jedoch die Mitglieder der ältesten Generation, die jetzt um die 100 Jahre alt wären, nicht mehr leben, übernimmt diese Rolle die zweite – eben meine – Generation. Der Unterschied zu Österreich ist allerdings beängstigend und groß: Die Angst vor antisemitischen Äußerungen ist in Ungarn real. Während die österreichische Rechtssprechung die Wiederbelebung des NS-Geistes mit mehreren Jahren Gefängnisstrafen ahndet, kann man im heutigen Ungarn davon kaum sprechen.

Eine Parallele beider Länder ist aus psychologischer Sicht interessant: In Österreich wie in Ungarn bekennt sich nur ein gewisser Teil – die Hälfte oder noch weniger – auch offiziell zu seinem Judentum. Die Ursachen sind allerdings unterschiedlich. Während die assimilierten, oft auch getauften Juden der zweiten Generation in Österreich keine Beziehung mehr zur jüdischen Religion haben und die Mitgliedschaft in einer Kultusgemeine aber eine solche voraussetzt, regiert in den Kreisen der gleichen ungarischen Generation der Juden die pure Angst.

Ganz anders reagieren in Österreich, aber auch in Ungarn die Angehörigen der dritten Generation: sie bekennen sich offen und sogar demonstrativ zu ihrem Judentum, wobei der „Event-Charakter“ hier wie dort entsprechend vorhanden ist. Wir sehen, dass die gesellschaftspolitische Akzentuierung in der dritten jüdischen Generation in Ungarn – ich meine darunter die religiöse wie die zionistische Einstellung – viel ausgeprägter ist als in Österreich. Die Gründe hiefür liegen sicherlich in der unterschiedlichen Wohlstands- und Sicherheitssituation.

Wie wir wissen, spielen in Ungarn in der dritten und vierten Nach-Holocaust-Generation die jüdische Religion und ihre politischen und geistlichen Vertreter eine sehr große Rolle. Das bezieht sich vor allem auf die frommen, auf die orthodoxen Richtungen, deren „Abgesandte“ in jüdischen Kreisen intensiv missionieren.

Im Gegensatz zu den Wienern, deren Charakterfestigkeit immer schon biegsame Züge aufwies, verfügen die Ungarn mit ihrer „Kopf-durch-die-Wand“-Mentalität über einen Dauerplatz auf allen Verliererstraßen der mitteleuropäischen Geschichte. Vom Mongolensturm bis zum Ende des Nazireiches standen die Ungarn immer – und das auch mit Begeisterung – auf der Seite der Verlierer.

Analog zu diesem Volkscharakter haben die ungarischen Juden, im Gegensatz zu ihren Schicksalsgenossen im Westen, die deutschen Wiedergutmachungsleistungen großzügig ausgeschlagen. Allerdings nur bis jetzt. Der Grund dieses, jetzt langsam verblassenden Stolzes liegt nicht im angedichteten Beleidigtsein – „Von Mördern nehmen wir nichts …!“ -, sondern am niedrigen deutschen Angebot und vor allem am politischen Druck der bis 1989 herrschenden Kommunisten.

Im Schatten der auch offen zur Schau getragenen Judenfeindlichkeit erstarkt – als Reaktion auf diese Entwicklung – das jüdische Leben im Land, welches wiederum den Antisemiten neue Nahrung verschafft. Auch hier zeigt sich die Formel: Druck erzeugt immer Gegendruck, und wie einst Herzls Zionisten den Antisemitismus „brauchten“, so profitieren die beiden Kontrahenten – Antisemiten und die Juden – aus der gegenseitigen Hochschaukelei. Wie neurotisch jedoch dieses „Zusammenspiel“ ist, muss wohl nicht extra betont werden.

Während unserer Befragung, wir arbeiteten mit den qualitativen Methoden der tiefenpsychologischen Gespräche, hörten wir öfters den Satz, „Wie gut geht es den westeuropäischen Juden …“. So träumen Ungarns Juden von österreichischen Verhältnissen – und das weit über Wiedergutmachungsleistungen und soziale Sicherheit hinaus.

In unserer Arbeit haben wir auch Sekundärliteratur benützt: Im Frühjahr und Sommer 2000 haben ungarische Soziologen unter der Leitung von András Kovács Identität und Zugehörigkeit ungarischer Juden erforscht. Ich darf, ganz kurz und keineswegs wortwörtlich aus dieser Arbeit zitieren: Für einen Gutteil der ungarischen Juden ist die Frage nach der Religion (Religionszugehörigkeit als statistische Größe) eine reine private Angelegenheit. So ist es kein Wunder, dass gar nicht so wenige Juden, vor allem solche, die nicht Mitglieder einer Kultusgemeinde sind, schlicht und einfach Angst haben, auf die Frage der Statistiker („Volkszählung“) nach ihrer Religion, wahrheits- oder einstellungsgemäß zu antworten. Noch immer brennt die Erinnerung an die Nazizeit, als die Mörder mit fertigen Listen in der Hand ihre wehrlosen Opfer in den Tod jagten. 65 Prozent der Befragten sagen, dass sie der „jüdischen Religion“ angehören. Interessant dabei ist die altersmäßige Streuung: 51 Prozent der 18- bis 34jährigen, 55 Prozent der 35- bis 54jährigen, 73 Prozent der 55- bis 69jährigen und sogar 83 Prozent der 70jährigen und älteren bekennen und bejahen ihren jüdischen Glauben. Dieses Ergebnis scheint die Angst der Älteren vor einem offenen Bekenntnis zur jüdischen Religion zu widersprechen: immerhin bezeichnen sich 73 Prozent der ältesten Befragten nicht nur schlicht und einfach als „Juden“, sondern sie bekennen sich auch zum jüdischen Glauben.

Trotzdem: Es herrscht nur eine lose Bindung zur aktiven Religion; selbst jüdischen Soziologen gegenüber behaupten nur 18 Prozent aller Befragten, dass sie Wert auf die Ausübung ihres Glaubens legen. Etwas höher (23 Prozent) war der Anteil derjenigen, die gerne Mitglieder einer ethnisch-jüdischen Minderheit wären. Das ist vor allem in Ungarn interessant, wo auch religiöse Minderheiten als ethnische Minderheiten gehandhabt werden. Diese Ethnizität ist noch ein unbewusstes Erbe aus dem sowjetischen System, wo die „Juden“ als ethnische Minderheit und nicht nur als eine „Religion“ betrachtet wurden.

Die ungarische Untersuchung – das hätte man in Österreich und in Deutschland nicht anders gehandhabt – ging auch auf die komplizierten Fragen der „jüdischen Identität“ ein: 84 Prozent der Befragten sehen, wenn auch nur indirekt, ihre Identität im Holocaust wurzeln und knappe 70 Prozent suchen ihre Zugehörigkeit in der jüdischen Kultur.

Die Reformjuden – in Ungarn „Neologen“ genannt – haben sich zwar vom orthodoxen Glauben, doch nicht von der jüdischen Gesellschaft entfernt. Dieser zweischneidigen, alles andere als glücklich machenden Tradition aus der Vor-Holocaust-Zeit frönen auch heute sehr viele Juden, vor allem in Budapest.

Ungarn, auch die Juden, sind Nationalisten, und so kehren auch die jungen Juden aus Amerika und aus Israel wieder zurück. Nebst, für ungarische Verhältnisse, modischen Accessoires bringen diese Heimkehrer vor allem ihre Liebe zur Religion, zur Orthodoxie mit.

Damit brachen bisher ungeahnte Konflikte zwischen den assimilierten Eltern und ihren frommen Kindern aus, die ihr orthodoxes Judentum überdimensional mitbrachten. Unter dem Druck ihrer frommen Kinder mussten die Mütter in ihrer Küche, die weitab von jedwedem Koschertum sehr oft auch Schweinefleisch sah, eigene „koschere Ecken“ einrichten, wo die glaubensstarken Mädchen und Jungen nicht nur das „unsaubere Schweinefleisch“, sondern alles, was die jüdische Religion verbietet, hinauswarfen.

Während „Mischehen“ im Kreise ungarischer Juden bis zu den sechziger, siebziger Jahren Seltenheitswert besaßen, steigt in den letzten Jahrzehnten der Anteil der jüdisch-christlichen Ehen merklich an. Kinder aus diesen Ehen, die aus unterschiedlichen Gründen auf „jüdische Wurzelsuche“ – vorwiegend in Israel und in Amerika – gingen, haben sich mit großer Freude fromm-orthodoxen Sekten angeschlossen.

Psychologisch verständlich, doch nicht uninteressant ist die „projüdische“ Reaktion der christlichen Familienmitglieder in den Gemischtehen: sie unterstützen – vielleicht aus schlechtem Gewissen – die fromme Neujüdischkeit ihrer jungen Heimkehrer. Während sich der jüdische Teil der Familie vehement dagegenstemmt, erfahren die jungen Orthodoxen von ihren christlichen Verwandten eine weitgehende Unterstützung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Im letzten Teil meines Referates möchte ich auf die theoretischen Grundlagen der Gesamtthematik und die praktischen Ergebnisse unserer, auch meiner, wenn auch etwas länger zurückliegenden Arbeiten zu sprechen kommen.

Um die sozialpsychologischen Hintergründe der Status-Sicherheit der Juden zu verstehen, und das betrifft die gesamte europäische Diaspora, ist es notwendig, die drei „Kraftquellen“ der Juden zu erwähnen. Diese wurzelt erstens in der Theologie des strikten Monotheismus, zweitens im Geist des Studiums der Bibel und der Kommentare und drittens in der Schicksalsgemeinschaft der Verfolgung. Die ersten beiden „Kraftquellen“, also die Theologie und der Geist, zeigen die wichtigste Qualifikation des jüdischen Glaubens, dass es sich dabei um eine Buchreligion handelt.

Der Vollständigkeit halber, vor allem aber weil ich mich hier in einer illustren Gesellschaft namhafter Historiker befinde, darf ich die wichtigsten sieben-plus-zwei Jahreszahlen des jüdischen Volkes erwähnen:

  • Um 1750 v. Chr. verlässt Abraham das Zweistromland und wird mit seinen Stämmen in Kanaan sesshaft
  • 1240 führt der ägyptische Prinz Moses das Volk der Apiru, wie dort die hebräischen Sklaven hießen, über die Sinai-Halbinsel Richtung kanaanatische Heimat
  • 1000 legt Königsmörder David die Grundsteine Jerusalems
  • 587 beginnt das babylonische Exil; Nebukadnezar zerstört Jerusalem und den Tempel
  • 538 kehren die Hebräer nach Jerusalem zurück
  • 520 wird der Tempel wieder aufgebaut
  • 63 das Imperium Romanum erobert das Land.

Soweit die sieben wichtigsten historischen Eckdaten. Die zwei restlichen betreffen:

  • Das Jahr 30, die Kreuzigung des Wander- und Wunderrabbiners Jesus – und
  • das Jahr 70 n. Chr., die endgültige Zerstörung des Tempels.

Soviel, meine Damen und Herren, zu den wichtigsten historischen Eckdaten, die in der Soziologie der Juden immer noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Die meisten sozialpsychologischen Begriffe, vor allem die des „Selbstbewussteins“ und der „Identifikation“, stehen oft auf tönernen Füßen. Erst recht im Leben der bereits erwähnten zweiten jüdischen Diaspora-Generation. Meist als Kinder assimilierter, getaufter oder kommunistisch-atheistischer Eltern fanden sie den wirklichen Zugang zur jüdischen Religion nicht und blieben daher im formellen Bereich zu den hohen Feiertagen hängen.

Stärker als die Religion, doch nicht minder illusionistisch sind die zionistischen „Wurzeln“, aus denen die zweite Generation ihre „Jüdischkeit“ zu ernähren hoffte. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden aufnehmen muss, kann eine wirkliche innere Bindung zu Land Israel, das – vielleicht – vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, nicht geknüpft werden.

Religion ohne religiöse Tradition, Zionismus ohne wirkliches Heimatgefühl sind weitere Elemente, aus denen viele Kontinental-Juden ihr widersprüchliches Leben diktiert bekommen.

„Der schaut aus wie eine ‚Stürmer’-Figur …“ Dieser Satz aus meiner Budapester Kindheit, mit dem wir „assimilierte Juden“ unsere orthodoxen Schicksalsgenossen abstempelten, prägte sich tief in meine Erinnerung ein. Stimmt es wirklich, dass manche Mitglieder (verfolgter) Minderheiten so wie die eigene Karikatur aussehen? Ohne Zweifel und Absicht benehmen sich gar nicht so wenige Zigeuner und Juden – leider – so, wie das von ihren unerbittlichen, intoleranten Gegnern dargestellt wird.

Weit wichtiger als diese oberflächliche, höchstgradig masochistische Selbst-Angleichung an das von ihren Verfolgern entworfene Bild ist die „Bewusstseinshaltung“ in der jüdischen Diaspora. Während allerdings zahlreiche historische Studien die jüdischen Identitäten der k.u.k.-Monarchie ausführlich darlegen, gehen solche Arbeiten aus der Gegenwart der Diaspora-Juden noch ab.

Die sozio- und psychohistorischen Methoden damaliger und heutiger Untersuchungen könnten deckungsgleich verlaufen. Einerseits wurden (für damalige Zeiten) und sollten (für die Gegenwart) die Anpassung an die nicht jüdische Gesellschaft (und die) damit verbundenen Identitätsprobleme genauso durchleuchtet werden, wie der Einfluss gesellschaftlich vorherrschender Bilder über Juden auf deren Selbstverständnis.

Etwas einfacher formuliert: Das Fremdbild prägt immer das Eigenbild. Besonders starke Persönlichkeiten – so genannte „Robinson-Typen“ – können auf die Meinung ihrer nähren und entfernteren Umgebung verzichten. Sie wissen, was sie wollen und gehen erhobenen Hauptes, die sozialen Stolpersteine negierend, ihren eigenen Weg; selbst dann, wenn dieser in einer Sackgasse mündet.

Die meisten Menschen, darunter bedeutend mehr Männer als Frauen, sind jedoch aus einem anderen Holz, sie sind keine Helden, die einem Robinson gleich auf sich allein gestellt überleben können. Wir alltägliche Menschen in Minderheiten und Mehrheiten beobachten aufmerksam die Meinung und Einstellung unserer Umgebung und freuen uns über jedes Lob und regen uns maßlos über jede Kritik auf.

Mit anderen Worten, vielleicht noch einfacher formuliert: Je labiler der Mensch in seiner sozialen Umgebung verankert ist, desto ängstlich-intensiver hört er auf die Meinung anderer. Schicksalsgemeinschaftliche Minderheiten, die keine kommerziell-kulinarisch-folkloristische Stabilität genießen, lassen sich in vielfacher Hinsicht von ihrer Umgebung beeinflussen. Groteskerweise hören sie vor allem auf ihre Gegner und Hasser.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich glaube, es wäre zeitraubend, wenn ich jetzt das Gesagte noch zusammenfassen würde. Am Ende meines Referates erlauben Sie mir trotzdem, ein persönliches Bekenntnis abzulegen: Kein Mensch, und auch Soziologen sind nur Menschen, kann ein Thema, das ihn persönlich betrifft, wirklich objektiv und tunlichst wertfrei darstellen. In meinem Referat habe ich auch mein Schicksal und das meiner Familie dargestellt und obwohl ich bemüht war, die Fakten möglichst sachgerecht zu analysieren, kann es ohne weiteres der Fall sein, dass ich persönliche Momente nicht ganz ausklammern konnte. Dafür bitte ich Sie jetzt schon um Nachsicht. – Und ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

WER LÄSST SICH SCHON INTEGRIEREN?

Abgelegt unter: Alfred Rammer — soziologieheute @ 09:36
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- Die doppelte Integrationsproblematik moderner Gesellschaften

von Alfred Rammer (Public Observer, 27. 7. 2006)

 

Der Umgang mit fremden Kulturen – zumal mit
muslimischen – ist spätestens seit den Terroranschlägen
in den USA 2001 allerorts ein heiß
umstrittenes Thema. Schön langsam setzt
sich selbst in Ländern wie Deutschland oder
Österreich die Erkenntnis durch, dass man
ungeachtet anders lautender Versicherungen
längst de facto zu einem Einwanderungsland
geworden ist.
Vor diesem Hintergrund aber verschieben sich
Horizonte, es gilt, Perspektiven für den Umgang
von Angehörigen anderer Kulturen innerhalb der
eigenen Gesellschaft zu entwickeln, nicht mehr
Außenpolitik sondern Innenpolitik ist gefragt. Es
ist nicht verwunderlich, dass Menschen, die über
Generationen von ganz anderen Prämissen ausgegangen
sind, den Umschlag der realen Verhältnisse
zwar theoretisch (und selbst dies mit Würgen)
zur Kenntnis nehmen, in ihren emotionalen
und weltanschaulichen Dimensionen jedoch dieser
eingestandenen Wirklichkeit hinterher hinken.
Die Folgen sind Ablehnung, Ausländerfeindlichkeit,
irrationale Abwehrbemühungen. Und
selbstredend finden sich in allen Staaten politische
Organisationen und Parteien, die die entsprechenden
Stimmungslagen als leicht zu erntendes
Stimmreservoir erkennen. Dem Volke
auf’s Maul schauend verstärken sie die grassierenden
Vorurteile, bauen zum Teil absurde Bedrohungsszenarien
auf und bieten messianistisch
anmutende einfache Lösungen. Dabei gäbe es
der Probleme wahrlich genug. Doch wird es nicht
reichen, den Blick nur in eine Richtung zu schärfen,
sich nur damit zu beschäftigen, welche Anforderungen
man denn an die hier lebenden Ausländer
stellen muss.
Allzu schnell erliegt man der Versuchung, nicht
mehr bloß zu fordern, was für ein gedeihliches
Miteinander notwendig ist, stattdessen wird das
Fordern Selbstzweck, und erzeugt wird ein Verhältnis
zwischen Alteingesessenen und Hinzugekommenen
als Über- und Unterordnung. Wenn
sie schon „hier bei uns“ leben wollen, so heißt
dann die Devise, sollen sie sich eben auch „
integrieren“. Doch erweist sich diese Integrationsforderung
bei näherem Hinsehen nicht selten als
Euphemismus, als schieres Bedürfnis, den anderen
spüren zu lassen, wer hierzulande das Sagen hat. Da reicht es dann auch nicht, wenn eine
Gruppe Muslime unter Wahrung sämtlicher in Österreich
geltender Regeln privat für einige Stunden
ein öffentliches Freibad mietet, um dort nach
eigenen Vorstellungen zu baden – schließlich
muss man den Anfängen wehren …
Bei aller Berücksichtigung der verschiedenen
Umstände, die die infantile Ausländerfeindlichkeit
und -angst schüren – prekäre eigene soziale Lage,
drohende Arbeitslosigkeit, demagogische Politiker
usw. – ganz aus der Verantwortung wird
man den einfachen Bürger wohl auch nicht entlassen
können. Immerhin leben wir im 21. Jahrhundert
und die europäischen Gesellschaften
verstehen sich als aufgeklärte Gesellschaften.
Etwas mehr kritische Selbstreflexion wäre vonnöten,
klarere Vorstellungen davon, wer und was
man in dieser Gesellschaft und was diese selbst
denn eigentlich sein will und soll und kann, wären
zu entwickeln.
Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Ministerium
für Inneres die Zusammenfassung einer Studie,
die die Situation der Muslime in Österreich
beleuchtet. Über die wissenschaftliche Qualität
der Arbeit lässt sich wohl trefflich streiten, zumal
sie ja nicht zur Gänze vorliegt. Fraglich mag auch
sein, ob der Nürnberger Richter und Islamexperte
Mathias ROHE tatsächlich die richtige Adresse
für die spezielle Fragestellung ist. Doch spielen
derartige Zweifel für die hier präsentierten Überlegungen
keine Rolle. Mindestens ebenso interessant
erscheint mir die Art und Weise, wie die Ergebnisse
in der Öffentlichkeit rezipiert wurden.
Gefragt soll hier bloß danach werden, ob die Inhalte
der Arbeit tatsächlich das hergeben, wofür
man sie offensichtlich zu verwenden gedenkt,
nämlich als Anlass, die Alarmglocken in Österreich
noch ein wenig lauter schellen zu lassen.
Gefragt soll in einem weiteren Gedankengang
danach werden, was denn diese ominöse „Integration“
eigentlich sei, die man so heftig von den
Ausländern (in bestimmter Hinsicht und in vernünftigen
Grenzen zurecht) fordert und die man –
nicht zuletzt dank besagter Studie – bei selbigen
so schmerzlich vermisst.
Und hier wird in einem dritten Gedankengang erkennbar,
woran das Bemühen um eine befriedigende
Bewältigung der Ausländerproblematik
krankt, nämlich an der mangelhaften Trennung
zweier Problemkreise: der Integration von Min-derheiten einerseits, jener der Mehrheitsgesellschaft
selbst anderseits.
1. Die Integrationsstudie
Mathias ROHE verwendet für seine Studie
Daten aus der Volkszählung in Österreich 2001,
der Inhaltsanalyse tagesaktueller Medienberichte
in Österreich sowie verbreiteter türkisch- und arabischsprachiger
Printmedien; außerdem stützt er
sich auf zwei repräsentative bundesweite Telefonumfragen
unter jeweils 1000 Österreichern in
den Erhebungszeiträumen Ende November bis
Mitte Dezember 2005 (Leitfadeninterviews) und
Jänner – Februar 2006 (100 ausführliche Leitfadeninterviews).
Die Analyse österreichischer Medien führt Rohe
zur Feststellung, dass das medial schon länger
behandelte „Ausländerproblem“ während der letzten
Jahre zunehmend zum „Islamproblem“ wurde.
Das Thema Integration wurde also insgesamt immer
weniger eigenständig als vielmehr im Zusammenhang
mit weltweiter Gefahrenprävention erörtert.
Auch das noch 1997 im Vordergrund stehende
Thema Bildung/Erziehung verschwindet zunehmend.
Lokal vorhandene Probleme werden
mit Problemen mit der islamischen Welt insgesamt
zunehmend vermischt.
Dass es sich für die österreichische Gesellschaft
um ein durchaus überschaubares Problem handelt,
ergeben die Daten aus der Volkszählung in
Österreich von 2001: 8,9 % der österreichischen
Wohnbevölkerung sind Ausländer, knapp
340.000, also 4,2 % der Gesamtbevölkerung,
sind Muslime, die hauptsächlich aus Serbien/
Montenegro (18,7 %), Türkei (17,9 %) und Bosnien/
Herzegowina (15,2 %) kommen. Fast alle
Türken, die meisten Staatsangehörigen Bosnien/
Herzegowinas und wohl auch ein gewisser Teil
der Menschen aus Serbien/Montenegro dürften
Muslime sein. Die charakteristischen Richtungen
des Islam in der Türkei (theoretisch laizistische
Ausprägung, faktisch gemäßigter sunnitischer
Staatsislam sowie Alevitentum mit in der Türkei
stark beschränkter Religionsfreiheit) und auf dem
Balkan (weitgehend liberaler bis gemäßigttraditioneller
Islam mit vereinzelten Radikalisierungstendenzen
im Zuge des Bürgerkriegs) prägen
also das Bild des Islam von Österreich. Je
nach Bundesland schwankt der Anteil der Muslime
unter den Ausländern zwischen knapp einem
Drittel und etwas über der Hälfte.
Die Probleme fasst ROHE wie folgt überblicksartig
zusammen: Die muslimische Präsenz in Österreich
und in weiten Teilen Europas beruht auf Migration jüngeren Datums. „Gastarbeiter“ mit
meist sehr niedriger formaler Bildung und Flüchtlinge
prägen das Bild, viele von ihnen befinden
sich am unteren Rand der Aufnahmegesellschaften.
Gerade hier treffen zwei sehr gegensätzliche
Kommunikationskulturen aufeinander. Orientalische
Kommunikation – geprägt durch Vermeidung
offener, sachlicher Kritik – wirkt auf Europäer
häufig unaufrichtig. Umgekehrt wirkt die europäische
„Offenheit“ oft verletzend. Innerhalb vertrauter
Formen sind die Menschen orientalischer
Prägung im zwischenmenschlichen Umgang sehr
herzlich, offene Ablehnung führt zu Trotzreaktionen.
Hier liegt eine der wesentlichen Ursachen
der mittlerweile unter jungen Türken oder Albanern
herausgebildete, teils betont aggressive Jugendkultur.
„Nach langjähriger Beobachtung über die hier
vorliegende Analyse hinaus wagt der Verfasser
die Tendenzaussage, das der übersteigerte Nationalismus
bei vielen Türken nicht weniger integrationshinderlich
ist als religiöser Fanatismus
(nicht zuletzt militante laizistische Nationalisten
sind für einen Grossteil der vergangenen und gegenwärtigen
Menschenrechtsverletzungen in der
Türkei verantwortlich).“
Solange in der europäischen Öffentlichkeit Muslime
bzw. der Islam vorwiegend als Problem wahrgenommen
und angesprochen werden, dürfte
sich – so vermutet der Autor – die Isolation auf
beiden Seiten eher verstärken. Je mehr gemäßigte
muslimische Stimmen auch in der Öffentlichkeit
wirken können, je mehr Muslime beruflich
und gesellschaftlich feste Verankerung finden
und sich an arrivierten Multiplikatoren orientieren
können, desto eher werde dauerhafter gesellschaftlicher
Friede zu erreichen sein. Bei all dem
schreibt er übrigens der Religion keine entscheidende
Bedeutung zu. Sie könne allerdings ideologisch
genutzt und bei Unzufriedenen zur Mobilisierung
für den Aufbau einer „Gegengesellschaft“
dienen.
ROHE zieht folgende Schlussfolgerungen:
„Persönliche Erfahrungen und Einschätzungen
der befragten Österreicher und Muslime hinsichtlich
des Zusammenlebens lassen die vereinfachte
Aussage zu, wonach ein insgesamt eher kontaktarmes,
friedliches, aber von einiger Distanz
geprägtes Nebeneinander besteht – ‚Integration’
auf niedrigem Niveau. Diese vereinfachte Aussage
muss allerdings gruppenspezifisch relativiert
werden, sowohl im Hinblick auf die Österreicher
insgesamt als auch auf die Muslime. Beide Gruppen
sind sehr heterogen, und in beiden Gruppen findet sich eine grundsätzlich verständigungsbereite
oder zumindest neutrale Mehrheit. Allerdings
sind gewichtige Gruppen mit jeweils erheblicher
Distanz zum Gegenüber (Muslime bzw. österreichische
Gesellschaft) nicht zu übersehen.“
„Restriktive Maßnahmen gegen Extremismus und
Unterhöhlung werden auf breite Akzeptanz stoßen,
auch unter vielen Muslimen. Solche Akzeptanz
setzt andererseits die Bereitschaft zur Förderung
und effektiver Rechtsgewährung dort
durch, wo entsprechende Ansprüche bestehen
bzw. wo Fördermaßnahmen Integration effizient
bewirken können.“
„Die Integration der Muslime in die österreichische
Gesellschaft (nicht: die Assimilation an sie!)
ist noch bei weitem nicht erfolgreich abgeschlossen.
Es dominiert das weitestgehend friedfertige
Nebeneinander mit einer noch verbreiteten gegenseitigen
Distanz. Die Mehrheit unter den Österreichern
insgesamt wie auch unter den Muslimen
bringen nach ihren Grundhaltungen gute
Voraussetzungen für gelingende Integration mit.
Allerdings finden sich auf beiden Seiten gewichtige
Gruppen, die hierfür nur schwer zu gewinnen
sind. Ein gewisses Maß an Segregation wird daher
wohl auf lange Zeit hinzunehmen sein. Segregation
ist aber ein in jeder Gesellschaft durchaus
übliches Phänomen und als solches nicht bedenklich.
Deshalb ist auch der verbreitete Begriff
der ‚Parallelgesellschaft’ noch zu wenig konturiert,
um aussagekräftig zu sein.“
„Das größte Gefährdungspotential dürfte … dort
liegen, wo wirtschaftliche Probleme, ein erhebliches
Maß an innerer Distanz, Unsicherheit bzw.
Überlegenheitsgefühlen und intensive Einbindung
eine ethnisch oder religiös ausgerichtete Infrastruktur
zusammentreffen.“
ROHE zeichnet alles in allem kein besonders
dramatisches Bild von der Situation der Muslime
in Österreich. Im Duktus durchaus wohlwollend
verweist er auf die verschiedenen Probleme und
Gefahren und zeigt sich vorsichtig optimistisch,
was die Möglichkeiten der Bewältigung derselben
betrifft. Von überbordender und gefährlicher Integrationsfeindlichkeit
eines beträchtlichen Teils
der Immigranten ist nicht nur nicht die Rede, es
bedarf kühner Phantasie, um derartige Deutungen
zu entwickeln. Dass sich selbige dennoch
jedenfalls teilweise durchsetzen, lässt vermuten,
dass diese Gesellschaft keine klaren Vorstellungen
davon hat, woraufhin zu integrieren ist.

2. Integration
Emile DURKHEIM folgend ist zu unterscheiden
zwischen zwei Dimensionen sozialer Integration,
nämlich der negativen und der positiven Solidarität,
denen aus rechtsphilosophischer Sicht negative
und positive Freiheit korrespondieren.
Wenngleich man die Konzepte der Klassiker der
Soziologie nicht unmittelbar auf die Gegenwart
anwenden kann, empfiehlt sich doch, an diese
anzuschließen. Nicht nur gelten jene nicht umsonst
als Klassiker, sie machten sich auch um die
Entwicklung der soziologischen Theorie und Praxis
in unvergleichlicher Weise verdient und lieferten
Erkenntnisse, hinter die nicht straflos zurückzufallen
ist; die von der Tradition völlig unbelastete
Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Themen
schafft zudem terminologischen Wildwuchs,
der mehr verdeckt als freilegt. Freilich darf man
es nicht beim bloßen Rezitieren klassischer Theorien
oder Theorieelementen belassen, vielmehr
gilt es zu prüfen, ob und wie weit selbige auch die
jeweilige Gegenwart erhellen können.
Negative Solidarität bedeutet eine Akkordierung
der Handlungsrechte von Personen in einer Weise,
die Konflikte vermeidet. Der eindeutige Anspruch
auf Eigentum vermeidet den Streit um die
Nutzung desselben. Jede konfliktfreie Bestimmung
von Handlungsrechten drückt eine negative
Solidarität aus, sie gewährleistet, dass sich die
Menschen nicht gegenseitig ins Gehege kommen.
Möglich ist diese negative nur durch das
Gegenstück der positiven Solidarität. Diese besteht
in der gegenseitigen Anerkennung jener
Rechte und in der gemeinsamen Unterhaltung
von Rechtsinstanzen, die über die gegenseitige
Respektierung der Rechte wachen.
Dieses gegenseitige Bedingungsverhältnis verweist
auf die Irreduzibilität der beiden Dimensionen.
Die eine ist ohne die andere nicht zu haben.
Ein gedeihliches Miteinander der Menschen in
einer Gesellschaft setzt also voraus, dass positive
wie negative Solidarität in ein möglichst optimales
Gleichgewicht zu bringen sind, ein Gleichgewicht
freilich, das stets prekär bleibt und welches
unter Bedachtnahme sich ändernder Rahmenbedingungen
immer wieder neu einzustellen
ist.
Richard MÜNCH deutet „negative Integration“
in Bezug auf die europäische Integration und die
Öffnung des Weltmarktes als die Form der Integration,
die sich aus dem Abbau von Handelshemmnissen
ergibt. „Positive Integration“ meint dabei das staatlich-regulierende Eingreifen in die
Marktbeziehungen zwecks Kontrolle unerwünschter
Nebeneffekte.
Negative Integration wie negative Solidarität beruhen
also auf der Gewährung privater Freiheitsrechte,
positive Integration und positive Solidarität
stützen sich auf Kooperation zum Zweck der gemeinsamen
Gestaltung der Handlungsräume.
Die positive Solidarität beinhaltet stets eine Form
der Zusammenarbeit, etwa die gegenseitige Anerkennung
von Handlungsrechten, die Bereitschaft,
Konflikte nach rechtlich festgelegten Verfahren
friedlich zu bewältigen sowie rechtliche
Instanzen, die Regelabweichungen erfolgreich
sanktionieren, gemeinsam zu unterhalten. Das
Integrationsmedium der positiven Solidarität ist
das Recht.
Andere Formen positiver Solidarität sind von der
rechtlichen zu unterscheiden: die kollektive Verbundenheit,
die sich etwa in dichter Arbeitsteilung,
in gemeinsamem republikanischem Bürgersinn,
in enger sozialer Zusammenarbeit und gemeinsamer
kultureller Lebenswelt äußert; die Bereitschaft,
den erwirtschafteten Wohlstand mit allen
Mitgliedern der Gesellschaft zu teilen; der
Vorrang des Kollektivs vor dem Individuum und
der Vorrang des eigenen Kollektivs gegenüber
anderen Kollektiven. Das Integrationsmedium
dieser „emotionalen Solidarität“ ist das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Je umfassender die einzelnen Formen der positiven
Solidarität verwirklicht werden, desto stärker
ist eine Gesellschaft integriert. Je stärker die Formen
„emotionaler Solidarität“ ausgeprägt sind,
desto geringer fällt die persönliche Wahlfreiheit
aus. Zuviel soziale Integration schließt also eine
Gesellschaft nach außen ab, engt die individuellen
Handlungsspielräume ein und unterdrückt Innovationen.
Zuwenig soziale Integration wiederum
lässt keine Kooperation aufkommen, wo sie
benötigt wird, führt zu einem Mangel an Infrastrukturen,
überlässt die weniger Leistungsfähigen
sich selbst und erzeugt Krisenherde der Entfremdung,
Hoffnungslosigkeit und Anomie
(Regellosigkeit), die sich in Kooperationsverwei-gerung, Zynismus, Leistungsverweigerung und
Kriminalität äußern.
In der Moderne wurde der Nationalstaat zur zentralen
Einheit einer starken sozialen Integration
mit entsprechender Einbettung der negativen in
eine umfassende positive Solidarität. Die Nation
ist dabei bestimmbar als eine historisch gewachsene
oder politisch konstruierte Gemeinschaft mit
einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das nach
innen Differenzen wischen kleineren Gemeinschaften
überwindet und sich nach außen gegenüber
anderen Nationen abgrenzt. Als Staat ist ein
Herrschaftsverband, der für ein bestimmtes Territorium
erfolgreich das Gewaltmonopol beansprucht,
zu verstehen.
Der Nationalstaat ersetzt nicht nur partikulargemeinschaftliche
Solidarität durch Recht, er
schafft auch eine neue solidarische Einheit. Mit
den Worten von Richard MÜNCH „Nationale Solidarität
ist die nicht-rechtliche Grundlage einer
sonst durch das Recht integrierten Gesellschaft,
so wie das Recht die nicht-kontraktuelle Grundlage
des Vertrags ist … und der Vertrag das bindende
Element der arbeitsteiligen Gesellschaft
mit ihrer marktwirtschaftlichen Ordnung.“ Die auf
wachsender Arbeitsteilung beruhende organische
Solidarität (DURKHEIM) wurde in den Wohlfahrtsstaaten
in eine ausgeprägte mechanische
Solidarität eingebettet. Die mechanische Solidarität
äußert sich im Grad der Marktunabhängigkeit
des individuellen Lebensstandards.
Die internationale Arbeitsteilung überwindet den
tödlichen Kampf um knappe Ressourcen und wird
zur Grundlage der grenz-überschreitenden Integration.
Jenseits der global wachsenden Inklusion
der Menschen in die Erwerbsarbeit ist aber soziale
Integration – jedenfalls in vorerst präsentierter
Form – kaum mehr möglich.
Dies hängt nicht zuletzt mit dem Umstand zusammen,
dass das hohe Wohlstandsniveau und dessen
kollektive Teilung in den Wohlfahrtsstaaten
mit einem hohen Maß an Ungleichheit und der
Desintegration der Weltgesellschaft einhergingen.
Die Wohlfahrtsstaaten konnten ein hohes Maß
der mechanischen Solidarität von Inseln des
Wohlstands in eine immer mehr von grenzüberschreitender
Arbeitsteilung geprägten Welt retten,
doch je weiter sich der europäische Markt und
der Weltmarkt öffnen, desto weniger wird sich
dieser nationale Wohlstandsverbund in seiner
bisherigen Gestalt aufrecht erhalten lassen.

Die unabwendbare Standortkonkurrenz schlägt
von der nationalen auf die regionale, lokale und
individuelle Ebene durch und lockert so die nationalen
Bande der kollektiven Solidarität. Diverse
Sozialleistungen erweisen sich zunehmend als
Schwächung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit,
die Starken lassen sich weniger bereitwillig zu
Ausgleichszahlungen motivieren, weil sie jetzt
selbst härterer Konkurrenz ausgeliefert sind. Die
nationale Kollektivsolidarität wird schwächer und
differenziert sich stärker aus in reichere und ärmere
Regionen, Städte, Gemeinden, Schichten
und Berufsgruppen. „Die kosmopolitisch orientierte
Intelligenz wird zum Träger der erweiterten internationalen
Arbeitsteilung, die sich über die bisherigen
Schranken der nationalstaatlich organisierten
kollektiven Solidarität hinwegsetzt.“
Die Modernisierungsverlierer dagegen sehen den
Verlust nationaler Solidarität als Bedrohung für ihr
eigene Position und werden so zur Quelle nationalistischer
Gegenbewegungen gegen die Globalisierung.
Dies alles führt tendenziell auch dazu, dass sich
die Maßstäbe der Gerechtigkeit verändern.
Gleichheit soll sich weniger in gleichen Resultaten
trotz ungleicher Leistungen äußern, sondern
mehr in der proportionalen Entlohnung von Leistungen
und in gleichen Chancen im Wettbewerb
um Einkommen und Status. Und zunehmend findet
der Gedanke Widerhall, dass vom Steuerzahler
zu finanzierende Sozialleistungen nur denjenigen
zugute kommen sollen, die ihrer auch bedürfen.
Nicht ganz zu Unrecht gilt Richard MÜNCH als
der „amerikanischste“ der deutschsprachigen Soziologen.
Entsprechend sollten insbesondere
dessen Schlussfolgerungen mit Vorsicht behandelt
werden. Tatsächlich erweist sich, dass diese
gemessen an seinen sehr sorgfältig ausgearbeiteten
Gegenwartsanalysen in ihrer Stringenz
doch erheblich zurückbleiben. Weil das Ziel der
Argumentation – der Ausweis US-amerikanischer
Gesellschaftsordnung als die einzige Option -
schon feststeht, fallen Alternativen unter den
Tisch. Doch da es mir hier nicht um eine ausführliche
Diskussion sozialpolitischer Perspektiven zu
tun ist, mag MÜNCHS Ausblick als Anstoß für
weitere Debatten dienen:
Als Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen
der Globalisierung kommen nach
MÜNCH Neoliberalismus, Rettung des Wohlfahrtsstaates
und Europäische Sozialintegration in Betracht. Alle drei beinhalten ihm zufolge Richtiges,
sie sind ihm aber zu einseitig und letztlich
unrealistisch. Bleibt als einzig realistische Strategie
eine vernünftige Kombination der drei. Die
Marktöffnungsstrategie gilt ihm als unvermeidlich
und in dem Umfang richtig, in dem Desintegration
und Anomie vermieden werden können. Diese
sucht die Strategie der Rettung des Wohlfahrtsstaates
in sozialverträglichen Grenzen zu halten.
Die Sozialintegration wird sich auf Fairness im
Sinne von Chancengleichheit konzentrieren müssen,
sie wird aber nicht gleiche Lebensbedingungen
schaffen können.

In dem Maße, in dem sich die Politik in der Gesellschaftsgestaltung
durch Gesetzgebung zurückhält,
eröffnen sich neue Spielräume eigenverantwortlicher
Lebensgestaltung, die die Menschen
häufiger in Konflikte über die Reichweite
ihrer Rechte geraten lässt. Entsprechend wächst
im Verhältnis zur Gesetzgebung die Bedeutung
der Rolle der Gerichte der Sozialintegration durch
Streitschlichtung, Gewährleistung rechtlicher
Gleichheit, Chancengleichheit und Fairness.
3. Die Integrations-Desintegrationsdynamik
heute
Regelmäßiges Wachstum, sozialstaatliche Sicherungen
und korporatistische Übereinkünfte zwischen
Interessengruppen nach 1945 vermittelten
den Eindruck, dass die Integrationsfrage gelöst
sei, ließen erwarten, dass das individuelle wie
das soziale Leben von immer weniger Desintegration
gekennzeichnet sei. Mittlerweile jedoch
zeichnet sich ab, dass sich angesichts der Ambivalenzen
sozialer Modernisierung die Integrationsproblematik
noch radikalisiert und sich längst
nicht mehr bloß für die „Ausländer“ stellt. Mittlerweile
stellt sich eine doppelte Integrationsfrage:
die Integration der Mehrheitsgesellschaft selbst
und die der Minderheiten.
Mittlerweile gibt es einige Ansätze, die Integrationsthematik
mehrdimensional zu betrachten. Sie
alle lassen vermuten, dass die Frage danach,
was die Gesellschaft zusammenhält, kaum befriedigend
beantwortet werden kann, es sei denn,
man stellt an derartigen Zusammenhalt dermaßen
bescheidene Ansprüche, dass man von einem
solchen eigentlich gar nicht mehr sprechen
kann.

Für Wilhelm HEITMEYER unterscheidet sich die
heutige Integrations- Desintegrationsdynamik von
früher in drei Punkten: Erstens wird die soziale,
ökonomisch-politische Entwicklungsrichtung immer
diffuser; zweitens sind die Fragen brisanter
Konfliktlinien jenseits politischer Ideologien in den
neuen ethnisch-kulturellen Konfrontationslinien
unbeantwortet; und drittens werden immer neue
Bevölkerungsgruppen in diese Dynamik hineingezogen,
so dass die Angst vor Desintegration zunimmt.
Einer der wesentlichsten Gründe dafür, dass heute
die Integrationsthematik so viel Aufmerksamkeit
erfährt, ist wohl dem Umstand geschuldet,
dass man angesichts fortgeschrittener Differenzierung
einer Gesellschaft auch die Notwendigkeit
höher Integration erwartet, andernfalls ja der
soziale wie auch persönliche „Gewinn“ abhanden
käme. Was brächte die durch kulturelle Pluralisierung
größer gewordene Geltung der jeweiligen
Interessen, wenn gleichzeitig die Wirksamkeit der
Regelung von Gegensätzen und Konflikten abnähme?
Nun sind die Versuche einer normativ neutralen
Konzeption sozialer Integration entweder gescheitert,
oder die Konzeption wird von Menschen,
ihren Bedürfnissen und Ängsten „entleert“
und nur noch sozialtechnologisch gedacht. Als
Alternative, die ich im Folgenden forcieren möchte,
bietet sich die Idee von der Gleichwertigkeit
der Menschen und der Gewaltfreiheit der Verhältnisse
und Beziehungen.
Ein Blick auf den Gebrauch des Begriffs Integration
macht schnell deutlich, dass selbiger recht
nachlässig und interessenorientiert verwendet
wird, ohne dass Rechenschaft darüber abgegeben
wird, warum und wozu man ihn auf bestimmte
Art und Weise in Anschlag bringt und vor allem
ohne darauf zu reflektieren, was dabei unter den
Tisch fällt. So wird Integration zumeist positiv
konnotiert, die Ambivalenz des Begriffs, die vorhandenen
Mechanismen der sozialen Kontrolle
und Zwänge und die damit verbundenen Herrschafts-
und Machtverhältnisse, werden für gewöhnlich
ausgeblendet. Auch die Gleichsetzung
von Stabilität und Integration oder Konfliktfreiheit
und Integration ist durchaus problematisch. Dementsprechend
wird Desintegration per se negativ
interpretiert.
Doch die einfache Gegenüberstellung von positiver
Integration und negativer Desintegration ist
nicht sehr hilfreich, denn die gesellschaftliche
Entwicklung befindet sich in einer wechselseitigen Integrations-Desintegrationsdynamik. Dagegen
gilt es, die Antriebskräfte von Ausformungen
der jeweiligen „hellen“ und „dunklen“ Seiten von
Integration und Desintegration gleichermaßen zu
berücksichtigen.
Falsch ist auch die Behauptung, dass nicht mehr
die hierarchische gesellschaftliche Aufteilung
von „oben“ und „unten“ maßgeblich sei, dass es
nun stattdessen um „in“ und „out“ gehe. Demgegenüber
ist festzustellen, dass in der funktional
differenzierten Gesellschaft die stratifikatorischen
Kategorien keineswegs geschliffen sind. Phänomene
sekundärer Differenzierung nach Geschlecht,
Hautfarbe, kultureller Zugehörigkeit
usw. werden mit neuen Bedeutungen versehen,
die zu immer veränderten Konstellationen von
Integration und Desintegration zugleich führen
können. Es gehen also in funktional orientierte
Konzeptionen auch stratifikatorische Elemente
wie z.B. Positionierungen im Staatsgefüge ein.

Empirisch lassen sich vielfältige Konstellationen
für unterschiedliche Personen und Gruppen feststellen.
Durch die Integrations-Desintegrationsdynamik
werden individuell, milieubezogen
oder entlang ethnisch-kultureller Zugehörigkeiten
komplexe Anerkennungsprozesse geformt,
womit soziale Bindung und politische Loyalitäten
erzeugt und stabilisiert werden oder selbige
erodieren und lösen sich auf. Die durch gesellschaftliche
Modernisierung hervorgerufenen Individualisierungsschübe
befördern neue Integrations-
wie Desintegrationsformen, und es stellt sich
die Frage, ob diese Dynamik in „Balance“ gehalten
werden kann. Innergesellschaftliche Modernisierungsprozesse,
die Globalisierung ökonomischer
Entwicklungen und die ethnisch-kulturelle
Partikularisierung lassen es zunehmend undeutlich
werden, welche Integrationsmodi und welche
Integrationsressourcen heute noch greifen.
Der Verlauf gesellschaftlichen Wandels hat mehrere
Integrationsmodi hervorgebracht. Heutzutage
kann, wie HEITMEYER zutreffend feststellt,
gesellschaftliche Bindung nicht mehr als die Auflösung
bzw. das Fehlen gesellschaftlicher Konflikte
gesehen werden, sondern als Regulation von
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Bewältigt
werden demzufolge gesellschaftliche (auch
ethnische) Auseinandersetzungen nicht durch
Überwindung, sondern durch das erfolgreiche Prozessieren von Konflikten, wodurch gesellschaftliche
Stabilität gesichert und die widerstreitenden
Standpunkte in einem für alle Beteiligten
akzeptablen Modus vivendi zusammengeführt
werden.
Während die soziologischen Klassiker davon ausgegangen
sind, dass die funktionale Differenzierung
der Gesellschaft die ethnischen Kategorisierungen
zum Verschwinden bringen würden, zeigt
sich heute ein Zunehmen ethnisch-kultureller
Auseinandersetzungen.

HEITMEYER nennt folgende anomische Entwicklungen
und Gewaltpotenziale, die sich erkennen
lassen:
!. Die Strukturkrise, die sich entlang der Differenzierung
gesellschaftlicher Teilsysteme feststellen
lässt. Dies führt zur Problementwicklung der stratifikatorischen
Positionierung bis hin zur Existenzgefährdung.
Wirtschaftliches Wachstum und
prosperitätsorientierte Politik verschärfen Ungleichheit.
Demokratieabbau bei Wohlstandserhaltung
für deutungs- und mobilisierungsfähige
Milieus scheint die fast unausweichliche Konsequenz
zu sein.
2. Die Regulationskrise, die davon herrührt, dass
durch die Pluralisierung von Werten und Normen
„Sinn“ und Verständigung abnehmen. Durch
die Pluralisierung von Werten und Normen erhöht
sich die Kontingenzerfahrung und somit auch die
Beliebigkeit, daneben wird der Kern der unstrittigen
Normen kleiner, der der umstrittenen dagegen
größer.
3. Die Kohäsionskrise, die sich in der Abnahme
von sozialer Anerkennung, Bindungen und Zugehörigkeiten
zeigt.
Und so kommt HEITMEYER zu dem Schluss:
„Ein Syndrom, das Desintegrationserfahrungen
und Ängste mit Delegitimierung von Normen und
der Kontingenz von Wertvorstellungen verbindet
sowie ihren Niederschlag sowohl in Vereinzelung
als auch in Re-Aktivierungen von Abgrenzungen
erfährt, hat weitreichende Folgen: die ‚Entsicherung’
von Konfliktpotentialen, und damit Gewaltlatenz
durch Gleichgültigkeit, geht in diesem
Syndrom einher mit der Absenkung von Gewaltschwellen und der Lenkung von Gewaltprozessen.“
4. Zusammenfassung
Gegenwärtig stehen die europäischen Gesellschaften
vor großen Umbrüchen. Die Probleme,
die sich mit einem vermehrten Zuzug von Ausländern
ergeben, sind tatsächlich vorhanden und
sollen hier keineswegs geleugnet werden, wenngleich
darauf verzichtet wird, diese ausführlich zu
behandeln oder gar einer Lösung zuzuführen.
Beleuchtet man nämlich den gegenwärtigen Diskurs
über die Integration von Fremden in die eigene
Gesellschaft so wird schnell ersichtlich,
dass sich selbiger über weite Strecken jedenfalls
in der breiten Öffentlichkeit von der Wirklichkeit
abgekoppelt hat. Der Beispiele ließen sich viele
finden, auf deren Aufzählung muss jedoch aus
Platzgründen verzichtet werden. Da werden dann
von den Fremden Anpassungsleistungen an Traditionen
und Üblichkeiten, die es so nicht oder
nicht mehr gibt, gefordert. Während man einerseits
gemeinhin einem überbordenden Individualismus
frönt und das Verdampfen von Solidarität
mit schicksalsergebenem Achselzucken zur
Kenntnis nimmt, bedient man sich der im großen
und ganzen allgemein geteilten Ablehnung von
Fremden gleichsam als Alternativquelle von Solidarität.
Freilich hat derartige Beruhigung auch ihren
Preis. Dieser besteht darin, dass unter der
Hand Prozesse in Gang gesetzt oder verstärkt
werden, die man eigentlich nicht wünscht und deren
Konsequenzen im nachhinein umso schmerzhafter
empfunden werden, sobald sie dann doch
einmal an die Oberfläche drängen.
Es ist höchst an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen,
dass die Integrationsfrage nicht ein für allemal
gelöst, sondern angesichts sozialer Modernisierung
erneut und sogar verschärft aufgebrochen
ist und sich nun als eine doppelte stellt: als
Integration von Minderheiten einerseits und neuerdings
eben auch als Integration der Mehrheitsgesellschaft
selbst. Eben diese zweite wird mangels
Bereitschaft in der breiten Öffentlichkeit noch
viel zu wenig gesehen und thematisiert. Doch auf
Dauer wird es wohl nicht möglich und keinesfalls
dienlich sein, die Verwerfungen in einem Gebiet
mit Kurierungsanstrengungen im anderen zu bewältigen.
Noch so restriktive und jedenfalls
manchmal auch gehässige Maßnahmen gegen
Ausländer geben nicht genug her, um die Mängel
der Integration der Mehrheitsgesellschaft zu beheben.

Literatur
Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine
andere Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Heitmeyer, Wilhelm (Hg.), 1997a: Was treibt die Gesellschaft
auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem
Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Bd. 1,
Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1997b: Was hält die Gesellschaft
zusammen? Bundesrepublik Deutschland: Auf
dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft,
Bd. 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Münch, Richard, 1996: Risikopolitik, Frankfurt/M.: Suhrkamp,
1998: Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der
schwierige Weg in die Weltgesellschaft, Frankfurt/M.:
Suhrkamp, 2001: Offene Räume. Soziale Integration
diesseits und jenseits des Nationalstaates, Frankfurt/
M.: Suhrkamp
Rohe, Mathias, M.A., 2006: Perspektiven und Herausforderungen
in der Integration muslimischer MitbürgerInnen
in Österreich. Executive Summary, Erlangen-Wien:
Website des Bundesministeriums für Inneres
Rosa, Hartmut, 2005: Beschleunigung. Die Veränderung der
Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Soziologie als Beruf

Abgelegt unter: Friedrich Fürstenberg — soziologieheute @ 09:34
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- eine “fragwürdige” Profession?

von Friedrich Fürstenberg (Public Observer, 2. 6. 2006)

In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist Soziologie
immer noch eine „fragwürdige“ Profession. Zwar ist
sie als selbständiges akademisches Fach fest etabliert,
und in zahlreichen Berufsfeldern sind Soziologen
erfolgreich tätig. Einheitliche Berufsbilder sind jedoch
nicht entwickelt worden, so dass es keinen
Stellenmarkt im engeren Sinne gibt und institutionell
gesicherte Karrieren eher die Ausnahme sind. Dies
hängt auch mit einer Besonderheit soziologischer
Selbstreflexion zusammen.
Probleme der Identitätsfindung
In Forschung und Lehre plagt man sich mit
unaufgelösten Widersprüchen, die auch eine spätere
Praxisorientierung beeinflussen.
Ist Soziologie „Grundwissenschaft“ als universeller
Philosophieersatz, ist sie autonome „Bildungswissenschaft“
für Hörer aller Fakultäten oder ist
sie „Fachwissenschaft“ “zur empirischen Erforschung
der sozialen Realität” (Max Haller 1989, 185), oft
eingeschränkt verstanden als zuständig für die
Nomenklatur des Sozialen in griffigen Schlagworten
oder für die Techniken empirischer Sozialforschung
oder für die Problemreste der Nachbardisziplinen?
Fragen wir nach den Gründen für diese Unsicherheit,
dann gelangen wir zu einem Dualismus der
Erkenntnisinteressen dieser Wissenschaft, der sie so
spannend, aber auch so schwierig macht. Einmal geht
es ihr um die Gewinnung von Reflexions- und
Handlungsspielräumen durch Erkenntnis gesellschaftlicher
Handlungsbedingungen, also letztlich um
die Befreiung des Menschen von unnötigen Zwängen.
Aus dieser Sicht ist Soziologie die Emanzipationswissenschaft
schlechthin und damit allen
Autoritäten grundsätzlich suspekt. In der GegenGegenposition
erscheint aber auch Soziologie als
Ordnungswissenschaft von den vorwiegend institutionellen
Bindungen, die den Fortbestand der
Gesellschaft sichern.
Zum anderen vermittelt die Soziologie strategische
Orientierungen für planendes und vorausschauendes
Handeln im Sinne des schon von Auguste Comte
geforderten „savoir pour prévoir“ und damit für eine
gewissermaßen soziotechnische Organisation von
Handlungsstrukturen und Handlungsabläufen. Ganz im
Gegensatz zu den Kritikern, die Soziologie als
unverständliche Wissenschaft von den Selbstverständlichkeiten
des Alltags denunzieren und den
Soziologen Professionalität absprechen wollen, sind
diese in beiden Bereichen außerordentlich erfolgreich
tätig.
Eine Orientierung in der modernen sozialen
Wirklichkeit sowie die Benennung und Analyse ihrer
Probleme sind ohne die von Soziologen geschaffene
Begriffssprache und das damit verbundene
Problembewusstsein nicht denkbar, ob es sich nun um
Modernisierung, Indivdualisierung und Globalisierung
in einer Risiko-, Dienstleistungs- oder Erlebnisgesellschaft
handelt, um Wertewandel, Lebensstile und
multikulturelle Milieus, um die Jungen Alten,
Randgruppen, Terroristen oder Kommunikations-,
Selbstverwirklichungs- und Partizipationsprobleme.
Aber auch die soziale Praxis hängt von den
Problemlösungen der Soziologen ab. Keine Familienund
Jugendberatung, kein Programm betrieblicher
Personal- und Organisationsentwicklung, keine Marktund
Meinungsforschung, keine Regional- und
Stadtplanung, keine sozialpolitische Maßnahme, aber auch keine Vorbereitung eines Verbandskongresses,
keine Wahlstrategie einer Partei, keine Konzeptualisierung
eines politischen Programms ist ohne
Rückgriff auf soziologisches Wissen, also ohne die
Hilfe der Soziologen denkbar, ob dies nun explizit
eingestanden oder nur implizit praktiziert wird.
Auch die Beschaffung der für Steuerungs- (und
Reform-)prozesse unerlässlichen Planungs- und
Orientierungsdaten ist ohne empirische Sozialforschung
nicht möglich. Ihre Reduktion im
öffentlichen Bewusstsein auf Markt- und Meinungsforschung
entspricht keineswegs der Vielfalt der
Anwendungen.
Das Verhältnis von Theorie und Praxis
Dennoch kommt es immer wieder zu einer
Minderschätzung soziologischer Erkenntnisse seitens
der Praxis und damit zu einer potenziellen Abwertung
der Soziologie, auch wenn sie als anwendungsorientierte
Fachwissenschaft auf empirischer
Grundlage betrieben wird. Ein Grund hierfür liegt in
der oft scharfen Trennung von Theorie und Praxis, die
Absolventen als Divergenz von Prüfungswissen und
Berufsanforderungen erfahren.
Im soziologischen Forschungsprozess werden Primärerfahrung
und Reflexion getrennt. Die Wahrnehmung
der sozialen Wirklichkeit wird gleichsam halbiert, und
zwar einerseits in Tatsachen, die subjektiv im
lebensweltlichen Sinnkontext erfahren werden,
andererseits in begrifflich konstruierte Artefakte im
Kontext theorieorientierter Begründungen. Der Wirklichkeitsbezug
der Soziologie ist also problematisch,
wenn es nicht zu einer Synthese von Erklärungsansatz
und Erfahrungswissen kommt.
Dann sind Fehlentwicklungen möglich, die das
Verhältnis von Theorie und Praxis verzerren. Hierfür
zwei Beispiele: Mit Anspruch auf hohen
Allgemeinheitsgrad kann die These von der
Individualisierung moderner Lebensstile formuliert
werden, vielleicht von ein paar Beispielen illustriert,
ohne dass eine Rückbindung an nachvollziehbare
soziale Vorgänge erfolgt. Ein derartiges abstraktes
Argumentieren gilt bisweilen als Merkmal der Gelehrsamkeit.
Seine Qualität hängt allerdings von der
Prägnanz begrifflicher Distinktionen ab und selbstverständlich
von der Problemsicht. In der Soziologie
kommt es nun darauf an, Argumente auf Daten zu
beziehen, ihnen also eine Erfahrungsgrundlage zu
geben. Dieses Erfordernis wird häufig verfehlt. Dies
gilt insbesondere für den Umgang mit komplexen
Konstrukten wie Kapitalismus, Rationalisierung,
Entfremdung, Klasse, Milieu, Feminismus, um nur
einige zu nennen. In Ansätzen zur Theoretisierung
werden darüber hinaus laufend neue Begriffsbildungen in mehr oder weniger systematisierter Form angeboten,
die den Überblick über Erkenntnisfortschritte
außerordentlich erschweren. Es besteht die
Möglichkeit, sich über Probleme zu streiten, deren
reale Entsprechung nicht einsichtig ist, und auch
Problemen durch als Begriffsstreit kaschierte
Ausreden auszuweichen. Deshalb ist es so wichtig, die
Begriffsbildung an wissenschaftlich kontrollierte
Erfahrungen zu koppeln.
Geht man hingegen von empirischen Befunden aus, so
ist eine weitreichende Arbeitsteilung nicht
ungewöhnlich. Soziologische Tatbestände werden in
der Form von Datensätzen, z. B. über die
Einstellungen einer Bevölkerungsstichprobe gegenüber
Ausländern, gleichsam als Rohmaterial von
spezialisierten Instituten bezogen. Mit Hilfe
komplexer Rechenverfahren werden dann statistische
Zusammenhänge zwischen verschiedenen Merkmalen
dieser Informationsmengen ermittelt und beliebig
modelliert. Dies führt schließlich etwa zu Aussagen
wie derjenigen, dass die Akzeptanz von Ausländern
auch vom jeweiligen Bildungsgrad abhängt. Derartige
Formulierungen können produziert werden, ohne dass
seitens ihres Urhebers jemals die Begegnung mit
einem Ausländer in einer konkreten Situation
stattfand.
Dieser abstrakte Empirismus kann wissenschaftliche
Aussagen begründen – oft in Form tabellierter
Korrelationskoeffizienten – die entweder nicht lokalisierbar
oder fiktiv sind. Dennoch gelten sie als verallgemeinerungsfähiges
Wissen.
In beiden Fällen hat diese Vorgehensweise
Konsequenzen: Der abstrakte Empirismus führt ebenso
wie das abstrakte Argumentieren letztlich zu einer
Vernachlässigung des handelnden Menschen und
schließlich zu einem Unverständnis der sinnhaften
situativen Bindung sozialen Handelns und damit zum
Verlust des Wirklichkeitsbezugs. Auf diese Weise
verliert die Wissenschaft gleichsam den Boden unter
den Füßen. Sie gerät zu einem freischwebenden
selbstreferentiellen System – um einen Terminus von
Niklas Luhmann zu gebrauchen – das sich der Wirklichkeitskontrolle
entzieht. An deren Stelle tritt
Verfahrenskontrolle. Das produzierte Wissen bleibt
somit an die spezifisch verkürzte Systemwelt
wissenschaftlicher Verfahren bzw. an berufsspezifische
Argumentationskonventionen gebunden.
Der sozialwissenschaftliche Erkenntnisprozess ist also
zwischen der Scylla des abstrakten Argumentierens
und der Charybdis des abstrakten Empirismus zu
steuern und zwar, dies ist meine These, durch
Erfahrung und Einsicht, also letztlich durch
Rückbindung an die gesellschaftliche Praxis. Der wissenschaftliche Fortschritt impliziert einen
ständigen Kreislauf von Erkenntnissen, ihrer
Vermittlung und ihrer Anwendung, also von
Forschung, Lehre und Praxis
Probleme der Professionalisierung
Inwiefern kann man also von „Soziologie als Beruf“
sprechen? Hierzu ist zunächst festzustellen, dass eine
erworbene Hochschulqualifikation mit Zertifikat nur
den Berufseinstieg ermöglicht, dass im Berufsleben
selbst jedoch die tatsächliche Handlungskompetenz
ausschlaggebend ist. George Strauss 1963 und dann
Harold Wilensky 1964 haben den mehrstufigen
Prozess der Professionalisierung anschaulich anhand
folgender Schritte beschrieben:
• Eine spezialisierte Erwerbstätigkeit beschäftigt
den Menschen voll und sichert seinen
Lebensunterhalt.
• Ausbildungsstätten (an den Hochschulen)
werden aufgebaut, in denen engagierte Berufsangehörige
als Lehrer tätig sind. So wird der
Anspruch auf berufsspezifisches Expertenwissen
begründet.
• Die Absolventen bauen einen Berufsverband
auf, der die kompetenten Berufsangehörigen von den
unfähigen zu trennen sucht. Der Zugang wird auf die
Ausgebildeten beschränkt. Es werden ferner
prestigetragende Tätigkeiten definiert und die
schmutzigen Arbeiten abgestoßen. Die Berufsaufgaben
werden autonom von den Berufsangehörigen
ausgeführt.
• Der Verband versucht, die Unterstützung des
Gesetzgebers zu erhalten: Wo der Kompetenzbereich
nicht eindeutig ist, soll dieser den Titel schützen. wo
er eindeutig ist, soll die Berufsausbildung durch
Unbefugte unter Strafe gestellt werden. Andererseits
verpflichten sich die Berufssträger zur Identifizierung
mit der Berufsrolle.
• Es wird ein code of ethics aufgestellt, der die
wichtigsten Interaktionsbeziehungen regelt. Damit
wird gesellschaftliche Verantwortung für die
Berufsausübung übernommen. Gerade für die unter
Konkurrenzdruck selbständig tätigen Sozialforscher
ist dieser Aspekt besonders wichtig, wie ich als
Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft
sozialwissenschaftlicher Forschungsinstitute erfahren
habe.
Der Professionalisierungsprozess wird zwar durch
interessenbezogene Strategien und Taktiken
eingeleitet, aber erst durch gesellschaftliche
Anerkennung abgeschlossen. Wo liegen nun die
Probleme bei den Soziologen? Hierzu ein paar
absichtlich karikierende, also übersteigernde
Bemerkungen. Wahrscheinlich sind Soziologen für
einen demonstrativen und organisierungsfeindlichen Individualismus besonders anfällig, verbunden mit
einem Geltungsstreben, das in jedem Kollegen vor
allem den Konkurrenten sieht, den es herabzuqualifizieren
gilt, und das die Erfolge anderer
grundsätzlich neidet. Um einen Vorteil zu erhaschen,
wird etwa bei der Konkurrenz um Drittmittel oft
Unerfüllbares versprochen und auf Risiken und
Nebenwirkungen nicht aufmerksam gemacht. Wenn
Solidarität gezeigt wird, dann ist sie bei vielen
Soziologen leider auf “Paradigmen-Clans” und
weltanschaulich getarnte Seilschaften begrenzt. So
treten dann nicht nur die Frauen gegen die Männer
(und umgekehrt), die Wiener gegen die Linzer (und
umgekehrt), die Etablierten gegen die Jobsucher auf.
Andererseits stellen sich viele auch mit Freude als
Außenseiter in der Öffentlichkeit dar, laufen mit
schickem Rucksack auf der linken Schulter und
ausgewaschenen Jeans durch die Wiener Innenstadt zu
einem Festempfang. Mit dem so genannten
Establishment hat man grundsätzlich Berührungsängste.
Lieber verkriecht man sich in informelle
Netzwerke, aus denen es dann, wie in schlecht
geplanten WGs und übereilt geknüpften Beziehungen,
kaum ein Entrinnen gibt. So wird von diesen
Soziologen, die es eigentlich besser wissen müssten,
verkannt, dass ihr Beruf erst durch verpflichtende
Normbindung funktionaler, aber auch extrafunktionaler
Qualifikationen zu einer gesellschaftlichen
Institution wird. Wirklichkeitssinn,
Urteilsreife und soziale Kompetenz sind für Soziologen
im Beruf unerlässlich. Sonst erscheinen sie der
Umwelt als das Problem, dessen Lösung sie angeblich
anstreben. In diesem Zusammenhang erinnere ich
mich auch an meinen amerikanischen Professor,
William Foote Whyte, der uns einmal sagte,
Soziologie sei nichts für heiße Herzen und einen
weichen Kopf. Das habe ich dann schmerzlich
erfahren, wenn ich mich zu sehr in Situationen
engagierte, die etwas mehr Abstand erfordert hätten.
Professionalität ist also auch ein Mittelweg zwischen
idealistischem Aktionismus und rigorosem Vorteilskalkül.
Unklarheiten der Berufsfindung
Aber nicht alle Berufsprobleme sind den Soziologen
selbst anzulasten. Sie müssen in einem unübersichtlichen
Umfeld tätig werden, das um so
schwieriger wird, je mehr man sich von den Bereichen
mit technisch fixierter und oft auch rechtlich
normierter Systemsicherheit entfernt, also in die
ungeregelten Problemzonen der Handlungsfelder
vordringt. In vieler Hinsicht sind Soziologen
Berufspioniere. Sie erproben oft die Anwendbarkeit
sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden
dort, wo man auf eingefahrenen Wegen nicht
weiterkommt.

Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass die
im Soziologiestudium erworbene Kernqualifikation
für viele Tätigkeiten nicht hinreichend ist und z.B.
durch anwendungsorientierte, nicht bloß formale
Wirtschafts-, Rechts- und Sprachkenntnisse ergänzt
werden muss. Erika Jaklitsch-Schmidt stellte 1989
anhand der Umfrageergebnisse bei 104 österreichischen
Soziologen fest, dass 81 % angaben, ihre
für die Berufstätigkeit erforderlichen Kenntnisse nicht
im Studium erworben zu haben (166). Erst im
breiteren Kontext der Sozialwissenschaften wird der
Stellenwert der Soziologie manifest.
Außerdem fehlt zunächst die situative Erfahrung, die
für Problemlösungen in der Praxis ausschlaggebend
werden kann, sich aber erst in einem Prozess
lebenslangen Lernens akkumuliert. Die praktische
Anwendbarkeit des an der Hochschule vermittelten
Lehrstoffs wird schon aus diesem Grunde immer
begrenzt sein. Andererseits wird oft verkannt, dass
Erfahrung erst vor dem Hintergrund eines erweiterten
Problemhorizonts zu Erkenntnissen und Einsichten
führt.
Weil der Bereich der Soziologie so umfassend ist, fällt
es dem Soziologen als potenziellem Generalisten oft
schwer, eine realistische Berufsperspektive zu
entwickeln, die immer zwangsläufig mit einer
Eingrenzung des Handlungsfeldes und entsprechender
Spezialisierung verbunden ist. Die Erkundung der
persönlichen Eignung und Neigung ist ein oft
schmerzlicher Lernprozess . Eine Konsequenz daraus
ist die Förderung von Praktika schon während des
Studiums und die Bereitstellung von Trainee-Phasen
beim Berufseinstieg.
Karrierestrategien
In den Berufsinformationen der deutschen
Bundesagentur für Arbeit heißt es:
„Beschäftigungsmöglichkeiten finden Soziologen und
Soziologinnen (Uni) in der öffentlichen Verwaltung,
bei Parteien und Verbänden sowie in der Markt- und
Meinungsforschung. An Fachhochschulen und
Universitäten nehmen sie Lehr- und Forschungsaufträge
im Bereich der Soziologie wahr. Ferner sind
sie in Fachredaktionen von Tageszeitungen oder
Verlagen sowie in Rundfunk- und Fernsehanstalten
beschäftigt. In Betrieben aller Wirtschaftszweige
übernehmen sie Aufgaben im Personalwesen, in
Werbe- und Kommunikationsabteilungen. Ein weiteres
Tätigkeitsfeld stellen Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit
dar.“
Hinzugefügt werden kann noch die freiberufliche
Beratungstätigkeit, die oft ein Ergebnis des
Outsourcing größerer Wirtschaftsorganisationen und
Verwaltungseinheiten oder einer vergeblichen Suche nach fester Anstellung ist.
Josef Hochgerner hat 1989 versucht, die
soziologischen Berufe auf den Hauptarbeitsbereich
Information zurückzuführen und dementsprechend
zwischen informationsproduzierenden, -verarbeitenden
und -vermittelnden Berufen unterschieden (200).
Hinzuzufügen wären allerdings auch berufliche
Anwendungsfelder von sozialwissenschaftlichen
Informationen.
Je nach dem gewählten Berufsfeld stellt sich der
Karriereverlauf anders dar. Entscheidend ist immer ein
realistischer Ausgleich von subjektiven Ansprüchen
und objektivierten Anforderungen. Der Trend zu
Tandemkarrieren der Lebenspartner und deren
gleichgewichtige Einbindung in familiäre Pflichten
führt zu Verschiebungen der Präferenzen, die sich
nicht mehr vollständig aus der Berufssituation ableiten
lassen und damit auch den Aufstiegshorizont in der
Regel deutlich begrenzen. Priorität hat aus der Sicht
des Berufsträgers die Stimmigkeit der Lebensführung.
Aber in den Anforderungssituationen, die für
rationalisierte Arbeitsorganisationen typisch sind,
werden die Systemzwänge oft unausweichlich. Gerade
aus ihrer professionellen Perspektive heraus sind die
Soziologen angesichts dieser Herausforderungen in
besonderem Maße aufgefordert, ihrerseits zur so
genannten „Humanisierung des Arbeitslebens“
beizutragen, und zwar weniger programmatisch als mit
einfühlender Problemsicht und Gestaltungskompetenz.
Ein konkretes Beispiel ist die Doppelbelastung
berufstätiger Mütter.
Zwischen Beruf und Berufung
Es gibt eine minimalistische Auffassung von “Beruf”,
für die er “nichts anderes (ist) als der symbolische
Ausdruck für (die) `Warenbedeutung´ der Menschen
zueinander” (Beck/Brater/Daheim 1980, 216f.). Der
Beruf wird aber auch als Kulturform der Arbeit erlebt
und gestaltet. Dies erklärt, warum unter gleichen
Arbeitsmarktbedingungen Berufseinstellungen sehr
unterschiedlich sein können, je nach der
sozialkulturellen Prägung von Bedürfnissen, Interessen
und Werten.
Es ist verständlich, dass die Berufsorientierung der
Hochschulabsolventen zunächst von der Perspektive
der Soziologie als wissenschaftlichem Fach und
weniger von der Soziologie als möglichem Berufsfeld
geprägt wird. So wird eher selten antizipiert, dass es
Soziologie als Beruf im Sinne der Berufsbezeichnung
„Soziologe“ allenfalls in Ansätzen gibt.
In den Leistungsorganisationen der Praxis treten an
ihre Stelle Rang- und Funktionsbezeichnungen, die
aber auch Mitarbeiter mit anderem Ausbildungshintergrund teilen. Es ist üblich, dass Soziologen in
Teams integriert werden und sowohl interdisziplinär
als auch praxisorientiert Projekte bearbeiten. Das
Berufsbewusstsein ändert sich und wird weniger
partikulär.
Den außeruniversitär beruflich tätigen Soziologen fehlt
häufig der kollegiale Zusammenhalt. Vorrang sollte
deshalb auch die nachhaltige Entwicklung von
Beziehungsnetzen mit Einschluss der Zentren
soziologischer Lehr- und Forschungsaktivitäten sowie
die wissenschaftliche Weiterbildung haben.
Mit dem Perspektivenwechsel nach Berufseintritt
können sich aber auch tiefgreifende Identitäts- und
Motivationsprobleme verbinden. Die im Studium
erworbene Eingangsqualifikation prägt zweifellos die
spätere berufliche Identitätsfindung, aber nur in dem
Maße, in dem auf einen Dialog zwischen Wissenschaft
und Praxis Wert gelegt wird. In ihm sollte es keinen
grundsätzlichen Vorrang geben, wie dies kürzlich auch
Herbert Altrichter, Waltraud Kannonier-Finster
und Meinrad Ziegler (2005) gefordert haben. Zum
Dialog müssen beide Seiten beitragen, vor allem aber
die Berufsträger selbst motiviert werden. Dabei
kommt es nun häufig zu Widersprüchen zwischen
Erkenntnis-, Gestaltungs- und Verwertungsinteressen.
Aus dem idealistischen Sozialpionier kann rasch der
vorteilsmaximierende Anpassungsvirtuose werden.
Umgekehrt entdeckt mancher erst in der Praxis die
Notwendigkeit einer umfassenderen Einsicht in
Wirkungszusammenhänge, die bei oberflächlicher
Routine verborgen bleiben.
Wer Soziologie als Beruf anstrebt und ausübt, tut dies
angesichts der moderaten Beschäftigungs- und
Aufstiegschancen nicht in erster Linie, um möglichst
rasch zu Wohlstand und Prestige zu kommen.
Aufgeschlossenheit gegenüber sozialen Fragen und
Bereitschaft zum Engagement müssen ebenfalls
vorhanden sein. Hierzu fühlen sich offensichtlich
immer mehr Frauen berufen, wie der wachsende
Anteil der Soziologie-Studentinnen zeigt. Als
Konsequenz wird sich voraussichtlich in absehbarer Zeit auch das Berufsmilieu der Soziologen ändern.
Unsere bürokratisierte und technisierte Gesellschaft
braucht aber die gerade von Frauen stärker vertretenen
personbezogenen Grundhaltungen auch in der Praxis,
als Gegengewicht gegen eine schrankenlose
Versachlichung und Ökonomisierung sozialer
Beziehungen.
Wer als Soziologe oder Soziologin im Beruf etwas
bewirken will, braucht zunächst ein gutes Rüstzeug
von Kenntnissen und Fertigkeiten, das in einem
Prozess lebenslangen Lernens erneuert und ergänzt
werden muss. Letztlich sind nicht Zertifikate, sondern
Handlungskompetenzen ausschlaggebend. Bei der
Fort- und Weiterbildung kommt den Universitäten eine
bisher kaum wahrgenommene Aufgabe zu.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische
Erfahrungen müssen aber auch symbiotisch verknüpft
werden. Dann erst entsteht die humane Einsicht, ohne
die eine Gestaltung des sozialen Lebens allenfalls
effiziente Manipulation bleibt.

Literatur
Altrichter, H./Kannonier-Finster, W./Ziegler, M. (2005): Das
Theorie-Praxis-Verhältnis in den Sozialwissenschaften im Kontext
professionellen Handelns, in: Österr. Zeitschr. f. Soziologie 30/1,
22-43.
Beck, U./Brater, M./Daheim, H.J. (1980): Soziologie der Arbeit
und der Berufe. Reinbek: Rowohlt.
Fürstenberg/F. (1989): Soziologie – die fragwürdige Profession, in:
Soziale Welt 40, 325-329.
Fürstenberg, F. (2000): Berufsgesellschaft in der Krise. Berlin:
edition sigma.
Fürstenberg/F, Mayer, K. (1975): Die Berufseingliederung der
Absolven ten der Hochschule für Sozial – und
Wirtschaftswissenschaften Linz 1969-1974. Wien: Schriftenreihe des
Bundesministeriums für soziale Verwaltung 1/75.
Haller, M. in Zusammenarbeit mit E. Fischer und A. Pinter (Hrsg.)
(1989): Berufsfelder von Soziologen und Soziologinnen im
außeruniversitären Bereich. Graz: Österreichische Gesellschaft für
Soziologie.
Hochgerner, J. (1989): Tendenzen der Professionalisierung. Über
die Entwicklung soziologischer Berufsfelder außerhalb der
Universität. In: Haller u.a., 189-209.
Jaklitsch-Schmitt, E. (1989): Zur Situation österreichischer
SoziologInnen im Beruf. Ergebnisse einer empirischen Studie. In:
Haller u.a., 106-170.

IST DER SOZIALSTAAT IN ZUKUNFT NOCH TRAGFÄHIG?

Abgelegt unter: Helmut Renöckl — soziologieheute @ 09:21
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- sozialethische Perspektiven, Thesen und der kirchliche Beitrag

von Helmut Renöckl (aus: Public Observer, 26. 1. 2006)

Mein Beitrag ist von meiner beruflichen Perspektive
geprägt: Ich bin Theologe, Ethiker, ein Wissenschaftler
mit Freude am Beruf und mit „nüchterner
Leidenschaft“. Pflicht eines Wissenschaftlers
ist es, gründlich und systematisch zu denken und zu
argumentieren, besonders auf das zu achten, was
man leicht übersieht oder lieber verdrängt. Die
Grundfrage der Ethik ist: „Wie gelingt unser Leben?“
Dafür ist von entscheidender Bedeutung,
nichts Wichtiges zu übersehen, auf angemessene
Prioritäten und Proportionen und auf die Herausforderungen
der Zeit zu achten.
1. Katholisch-sozialethische Perspektiven angesichts
der Neugestaltung Europas
Wir sind Zeitgenossen dramatischer Umbrüche von
wahrhaft historischer Dimension: Der überraschende
Abbau des „Eisernen Vorhangs“ 1989/90 und die Auflösung
des totalitären Sowjet-Imperiums machen eine
Neugestaltung ganz Europas möglich. Focus der politischen
Integration ist die Europäische Union. Mit der
2004 erfolgten Erweiterung auf 25 Mitglieder durch
die Aufnahme der bis 1989/90 kommunistisch beherrschten
mitteleuropäischen Staaten, dazu noch Zypern
und Malta, wurde die Nachkriegsspaltung Europas
definitiv überwunden. Angesichts dieser historischen
Umbruch- und Neuorientierungsprozesse stellt
sich die Frage, wie es um die Präsenz und Gestaltungskraft
der Christen in den Gesellschaften (Mittel-)
Europas steht. Nach christlicher Überzeugung müssen
sich die Kraft des Geistes und die Relevanz der Kirche
für das persönliche und gesellschaftliche Leben wesentlich
in den „Früchten des Geistes“ erweisen. Die
Botschaft der biblischen Offenbarung und der darauf
antwortende christliche Glaube inspiriert und orientiert
ja das persönliche Leben und die Gestaltung von Gesellschaft
und Wirtschaft. Nach den Akzenten des 2. Vatikanischen Konzils gilt dies besonders hinsichtlich
der „Zeichen der Zeit“, dazu gehört für uns ohne
Zweifel die jetzt mögliche Einigung Europas. Gefragt
sind also entsprechende Beiträge der Christen und Kirchen
zur jetzt möglichen Neugestaltung ganz Europas
in Freiheit und Gerechtigkeit.
Eine historische Chance, spirituell gesehen: einen Kairos,
kann man aber auch verpassen oder verpatzen!
Die Stimmung hinsichtlich der europäischen Einigung
ist trotz der historischen Chance derzeit weder in der
Bevölkerung noch in den politischen Führungsebenen
gut. Durch die Auflösung des „Eisernen Vorhangs“
und das Zusammenwachsen der bisher getrennten
Sphären ergeben sich auf beiden Seiten gravierende
Veränderungen. Darauf reagiert man in den wohlhabenden
Regionen (trotz der vergleichsweise günstigen
Rahmenbedingungen) überwiegend verstört und blockt
möglichst ab. In den früher kommunistisch beherrschten
Ländern steht man unter dem Dauerstress von
mehreren gleichzeitigen Umbrüchen: Zusätzlich zur
EU-Integration und zur Globalisierung muss ja auch
die politische, ökonomische und mentale Transformation
bewältigt werden. Dort wie da sind die Menschen
durch die Umbrüche und notwendigen Neuorientierungen
verunsichert und möchten das Angenehme und
Vertraute erhalten. Auf den Führungsebenen verkrallt
man sich in partikuläre und kurzfristige Interessen und
verliert dabei die Perspektive und Gestaltungskraft für
das Gemeinsame und Zukunftsfähige. Das haben die
schweren Rückschläge auf dem Weg zu einer Minimalverfassung
der EU offenbar gemacht. Gefragt wären
Führungskräfte, die nicht die Probleme vernebeln,
sondern weiterführende Wege kennen und bahnen und
glaubwürdig vermitteln können, dass sie die Menschen
dabei nicht verschaukeln. Leider sind solche Persönlichkeiten
derzeit sehr dünn gesät, in der Politik, in der
Wirtschaft und auch in der Kirche.
Wie steht es real um die Präsenz und Kraft der Christen
und Kirchen in unserer Lage, in der Europas Weichen
neu gestellt werden? Die Zwischenbilanz ist gemischt,
es gibt durchaus viel Anerkennenswertes, aber
der große Elan ist nicht zu erkennen. Wie durchgehend
in der Christentumsgeschichte bewähren sich auch
jetzt Christen persönlich und im sozial-caritativen
Dienst in gelebter Mitmenschlichkeit und werden in
dieser Funktion allgemein geschätzt und anerkannt.
Gott und den in dieser Weise tätigen Christen sei
Dank. In der Gesellschaftsgestaltung haben Christen
und christliche Kirchen leider deutlich an Kraft und
Terrain verloren. Bloßes Wiederholen von noch so richtigen Prinzipien und Formeln, die traditionellen
Formen der Lehrverkündigung von oben finden nur
noch geringe Resonanz. Fordernde Imperative, Appelle,
Anklagen … wurden im 20. Jahrhundert politisch
wie religiös inflationär verbraucht und greifen nur
noch sehr begrenzt. Hochentwickelte Gesellschaften
und großräumig vernetzte Ökonomien sind komplizierte
Gebilde. Sie sind in ihren Wirkzusammenhängen
nicht leicht zu verstehen und noch schwerer konstruktiv
zu beeinflussen. Im Feld dieser komplizierten
Gesellschaft, in Kultur, Politik, Wirtschaft, auch gegenüber
Not und Elend, genügt es nicht, es gut zu meinen.
Der Wiener Satiriker Karl Kraus hat dies einst
polemisch so formuliert: „Gut gemeint ist das Gegenteil
von gut!“ Man muss die relevanten Kräfte und Zusammenhänge
– interdisziplinär – bestmöglich erfassen,
wenn man kompetent mitgestalten, wenn man optimal
helfen will.

2. Entwicklung und aktuelle Lage des „Sozial-
Staat“-Modells
Ich kann hier nur einige Zusammenhänge kurz in Erinnerung
rufen: Auslöser für diese Entwicklungen war
die „Industrielle Revolution“ im 19. Jahrhundert. Der
neuzeitlichen Programmatik entsprechend kam es damals
durch die Einsatzreife von Schlüsseltechnologien
(Dampfmaschine, Werkzeugmaschinen, Eisenbahn
usw.) zu gewaltigen Effizienzsteigerungen und Ballungen
im Produktionsbereich und in der Folge zu dramatischen
ökonomischen, gesellschaftlichen und mentalen
Umwälzungen. Die Bezeichnung „Industrielle Re-volution“ vermittelt die im Kern unwiderstehliche
Wucht dieser Vorgänge und die damit verbundenen
gesellschaftlichen Umwälzungen. Der durch die maschinell-
industrielle Produktion verfügbaren Güterfülle
zu wesentlich niedrigeren Kosten, mit der die handwerklichen
Produktionsweisen weithin nicht konkurrieren
konnten, stand die Entwurzelung und Verelendung
von großen Teilen der Bevölkerung („
Proletariat“) gegenüber. Von christlicher Seite reagierte
man mit intensiver caritativer Nothilfe, es entstanden
auch schon früh christliche Sozialbewegungen.
Aber von offizieller kirchlicher und theologischer Seite
fand man erst sehr verspätet, lange nach der marxistischen
Mobilisierung, zur angemessenen Diagnose
dieser Umwälzung und zur „Katholischen Soziallehre“
mit ihrer zutreffenden Doppelstrategie „Gesinnungsund
Strukturreform“ für eine menschenwürdige Gesellschaftsgestaltung.
Die wesentlichen strukturellen
Weichenstellungen dafür waren allerdings schon vorher
durch die überwiegend marxistisch oder sozialistisch-„
revisionistisch“ geprägten Arbeiterbewegungen
einerseits und durch die Sozialgesetzgebung der auf
gesellschaftliche Stabilität bedachten Staatsregierungen
andererseits erfolgt. Die Kirchen und deren Theologie
sind durch ihr „Zuspät“ viel schuldig geblieben.
Das 20. Jahrhundert war für Europa ein sehr dunkles
Jahrhundert. Unser Kontinent wurde durch Vernichtungskriege
und humane Katastrophen weitgehend zerstört.
Wesentliche Ursachen waren die totalitären irdischen
Heilslehren des Nationalismus, des Kommunismus
und des Nationalsozialismus mit seinem Rassenwahn.
Viele Millionen Menschen wurden in den technisch-
effizient geführten Kriegen und in den Vernichtungslagern
der Nationalsozialisten und Kommunisten
getötet, körperlich und seelisch verstümmelt, viele
Millionen Menschen wurden vertrieben, unermessliche
kulturelle und materielle Werte wurden vernichtet.
Trotz der verzweifelten Lage nach diesen furchtbaren
Katastrophen und trotz der deprimierenden menschlichen
und materiellen Verluste gelangen nach dem
Krieg zukunftsweisende Neuanfänge durch eine mutige
und weitsichtige Bündelung der Kräfte, christlich
orientierte Persönlichkeiten spielten dabei maßgebliche
Rollen. In Deutschland und Österreich entwickelte
man als bewusste Alternative zur nationalsozialistischen
und kommunistischen Diktatur das Gesellschafts-
und Wirtschaftsmodell der „Sozialen Marktwirtschaft“.
Man wollte bewusst eine konkret erfahrbare
Beteiligung der Menschen an den gesellschaftlichen
und ökonomischen Entwicklungen, eine möglichst
faire Verteilung der Chancen, Lasten und Erträge
durch entsprechende Strukturen und Regelsysteme
erreichen. Die Konzepte und Umsetzungen in
Deutschland und Österreich sind in wichtigen Punkten
ähnlich, aber nicht gleich. In Deutschland wurden soli-de theoretische Grundlagen erarbeitet, in Österreich
ging man eher pragmatisch vor. Je nach eigener Tradition
verliefen die Entwicklungen in anderen Staaten
unterschiedlich, aber wesentliche Elemente einer sozial
moderierten Marktwirtschaft gibt es in den meisten
europäischen Staaten, in deutlicher Differenz zu den
US-amerikanischen Verhältnissen.
Spezifisch für Österreich ist die Institution der „
Sozialpartnerschaft“ (regelmäßige Treffen der Vertreter
der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Landwirtschaft
mit zahlreichen formellen und informellen
Kompetenzen) zur Findung von Interessensausgleichen
und für Konfliktregelungen. Erste Weichenstellungen
dafür ergaben sich in Gesprächen auf den Lagerstraßen
im KZ Dachau, in das man schon 1938, unmittelbar
nach dem Zwangsanschluss Österreichs an
das nationalsozialistische Deutschland, die österreichischen
Führungskräfte aus den damals verfeindeten politischen
Lagern gebracht hatte. Man kam dabei überein:
Sollte Österreich nochmals frei werden, wollte
man es besser machen und lieber am Verhandlungstisch
als auf der Straße die unterschiedlichen Positionen
und Interessen aushandeln und ausstreiten. Daraus
wurde ein wirklich beachtenswertes Erfolgsmodell:
Weil die Menschen spürten, dass keine Gruppe ausgegrenzt,
dass Lasten und Vorteile im Großen und Ganzen
fair verteilt wurden und die knappen Mittel und
Kräfte nicht im Machtkampf gegeneinander zerrieben
und vergeudet wurden, deshalb arbeiteten alle mit innerer
Zustimmung und vollem Einsatz mit und schufen
aus Not und Zerstörung ein Land mit Wohlstand und
hoher Lebensqualität. Die Orientierung an Sozialpartnerschaft
und Sozialer Marktwirtschaft, der Einsatz für
gemeinsame Ziele, ist in den letzten Jahrzehnten
schwächer und schwieriger geworden, teils durch interne
Fehlentwicklungen, teils durch die zunehmenden
grenzübergreifenden Vorgänge in Wissenschaft, Technik
und Wirtschaft.
Ausdrücklich ist daran zu erinnern, dass die Einigung
Europas nach dem verheerenden Krieg wesentlich
durch christlich motivierte Persönlichkeiten mit großem
Mut und politischem Weitblick, nämlich Maurice
Schuman, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperri,
als Friedensprojekt begonnen wurde. Man unterstellte
als Erstes die für die Rüstung wesentlichen Bergbau-,
Eisen- und Stahlindustrien einer dafür neu geschaffenen
europäischen Institution und entzog sie damit dem
nationalen Zugriff, der die europäischen Völker immer
wieder in Kriege verstrickt hatte. Schrittweise trieb
man die europäische Einigung geografisch und inhaltlich
bis zum gegenwärtigen Zwischenstand der „
Baustelle Europa“ voran. Wie schon erwähnt, ist die
Stimmung hinsichtlich der europäischen Einigung derzeit
nicht gut. Verunsichert durch die großen Umbrüche
verkrallt sich in partikuläre, kurzfristige Interessen und verliert dadurch an Perspektive und Gestaltungskraft
für das Zukunftsfähige. Ich habe Verständnis für
die regressiv-gedrückte Stimmung, aber es wäre
schlecht, darin hängen zu bleiben. Und es ist übel,
wenn Politiker und Medien diese verständlichen Emotionen
populistisch missbrauchen, denn die Herausforderungen
für uns und für ganz Europa sind groß und
dringend: Die Welt ist in einem rasenden Umbruch
und wartet sicher nicht auf ein langsames und durch
kleinkarierte Streitereien blockiertes Europa.
Neugestaltung Europas im Kontext der „Globalisierung“
Die jetzt mögliche Neugestaltung ganz Europas ist also
dringend und sie muss unter schwierigen Rahmenbedingungen
erfolgen. Das Schlagwort „
Globalisierung“ benennt entscheidende Vorgänge unserer
Zeit, aus denen man sich nicht einfach auskoppeln
kann: Vergleichbar mit der „Industriellen Revolution“
im 19. Jahrhundert vollzieht sich derzeit eine
zweite technisch-ökonomische, aber auch kulturelle,
religiöse und ethische „Revolution“, ausgelöst vor allem
durch den Einsatz der Leittechnologien Elektronische
Informationstechnik/Telekommunikation und
Bio-Technologien/Life-Science. Wiederum werden die
vertrauten Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen,
aber auch Bewusstsein und Handlungsmuster massiv
und irreversibel verändert. Wesentliche Forschungsund
Wirtschaftsprozesse sind global geworden. Die
elektronische Telekommunikation, die schnelle weltweite
Mobilität von Informationen, Waren, Dienstleistungen
und – besonders folgenschwer – Kapital ermöglichen
und die gigantischen Entwicklungs-
Aufwendungen und Anlagekosten verlangen großräumige
Vernetzung und transnationale Märkte. Ökonomisch,
politisch und sozial werden dadurch die Karten
weltweit neu gemischt. Chancen, Lasten, Entscheidungszentren,
Arbeitsplätze werden weltweit neu verteilt.
Gewaltige „Völkerwanderungen“, freiwillige
Mobilität und unfreiwillige Migration, begleiten diese
Prozesse. Wie im 19. Jahrhundert wird man solche
Umwälzungen nicht insgesamt aufhalten können. Wir
sollten nicht noch einmal verspätet hinten nachhinken.
Man wird diese Umwälzungen umso eher einigermaßen
human gestalten und eine Reihe von Schäden vermeiden
oder wenigstens mildern können, je eher man
diese Vorgänge aktiv und zutreffend erfasst und kompetent
gestaltend darauf reagiert. Wenn man davor die
Augen verschließt oder nur defensiv abzublocken versucht,
dann gehen Gestaltungschancen verloren und es
kommt im Zuge dieser Umwälzungen zu Entsolidarisierung
und sozialer Brutalisierung.
Eine starke „Globalisierung“ vollzieht sich nicht nur
technisch-ökonomisch, sondern auch im Bewusstsein
und kulturell: Vor allem über die elektronischen Medien
sickern Informationen, Bilder, Lebensmuster und auch religiöse Vorstellungen und Haltungen aus aller
Welt vom Kleinkindalter an in unser Bewusstsein, verändern
Sichtweisen und Verhaltensmuster. Es gibt äußerlich
wie innerlich keine „geschlossenen Welten“
mehr. Die neue Lage bringt auch eine „ethische Globalisierung“
mit sich: Aus der globalen ökonomischen
Vernetzung folgt eine globale soziale Verantwortlichkeit
in neuer Qualität. Aber „ethische Globalisierung“
bedeutet noch wesentlich mehr: Elektronische Informationstechnik,
Telekommunikation, Bio- und Gentechnik,
globalisierte Wirtschaft sind Spitzenleistungen
des neuzeitlichen Naturbeherrschungs- und Weltgestaltungsprogramms.
Damit wurden in letzter Zeit
Schallmauern durchstoßen, weltbewegende Kräfte bis
hin zu Lebenssteuerungen, Erbgut, Luft, Meere und
Klima kamen in menschliche, in industrielle Verfügung.
Viele Menschen empfinden diese „
Entgrenzung“ nicht mehr ungebrochen als wachsende
Freiheit, sondern erleben sich oft als Getriebene, als
fremdbestimmt. Es wachsen die Abstände zwischen
Arm und Reich, zwischen „einflussreich“ und „
ohnmächtig“.
Zunehmend werden die zwei Gesichter der wissenschaftlichen,
technischen und wirtschaftlichen Effizienz
bewusst: Erfreulichen Verbesserungen und neuen
Möglichkeiten stehen hohe Aufwände, Risiken und
Schäden gegenüber. Die „Natur“ ist nicht mehr wie
bisher stabiler, unantastbarer und sich selbst regulierender
Rahmen unseres Lebens und Handelns. Mit
dem Zugriff auf substantiell weltbewegende Kräfte
liegt die Verantwortlichkeit für die ökosystemische
Balancierung, für eine nachhaltig zukunftsfähige Lebenskultur
auf menschlichen Schultern. Werden wir
das rechtzeitig begreifen und werden wir persönlich
und gesellschaftlich rechtzeitig das Notwendige tun?
Haben wir dafür ausreichend Wissen, fundierte Hoffnung
und moralische Kraft? In diesen Fragen und Sorgen
wird spürbar: Die Visionen und Programme der
Neuzeit verlieren an Plausibilität, an Mobilisierungsund
Orientierungskraft; der gesellschaftliche Grundkonsens
nimmt ab. Man tastet und tappt herum „im
Nebel“ des Übergangs zu einer noch undeutlichen „
Nachneuzeit“, man sucht nach verlässlichen Wurzeln,
nach neuen Orientierungen.
4. Ausblick auf zukunftsfähige europäische Modelle
menschenwürdiger Gesellschaftsgestaltung
Überall drücken und drängen ökonomische Zwänge
und durch die globale technisch-ökonomische Revolution
entfesselte Kräfte. Es stimmt: Ohne entsprechende
wirtschaftliche Grundlagen gibt es kein gutes Leben.
Die Zukunftsfähigkeit Europas und seiner Lebensformen
braucht konkurrenzfähiges wissenschaftlichtechnisch-
ökonomisches Wissen und Können, aber
ebenso Sinn- und Orientierungswissen, „Weisheit“,
auf gleichem Niveau. Bei der Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung geht es nicht nur um Eigengesetzlichkeiten
und unpersönliche Kalkulationen. Glaubwürdige
Antworten auf grundsätzliche Fragen sind
wieder neu notwendig: Was ist, was bedeutet in der
aktuellen europäischen und globalen Lage persönlich,
gesellschaftlich, politisch, ökonomisch „Freiheit“?
Freiheitlich-pluralistische Demokratien mit Wettbewerbsmarkt-
Wirtschaften bauen auf weitgehende Entscheidungs-
und Gestaltungsmöglichkeiten für einzelne
Menschen, dezentrale Institutionen, Wirtschafts-
Unternehmen und freie Vereinigungen sowie auf deren
Verantwortungsbereitschaft. Offene demokratische
Gesellschaften und Wettbewerbs-Märkte sind gesellschaftliche
Organisationsformen, stark stimulierende
Verfahren mit hoher Eigendynamik. Mit dem entsprechenden
Wissen und Können sind sie zur Erreichung
von Zielen und zur Lösung von Problemen zu steuern.
Oft wird vergessen, dass sich nicht automatisch ergibt,
welche Ziele, Werte, Problemlösungen als menschenwürdig
anstrebenswert, welche Prioritäten und Proportionen
dabei einzuhalten sind. Das bleibt eine zentrale
menschliche, religiöse, kulturelle, politische Klärungs-
, Bildungs- und Steuerungsaufgabe.
Ohne Zweifel brauchen alle Menschen und auch die
Wirtschaft ein gut geordnetes Gemeinwesen mit entsprechenden
Bildungs-, Gesundheits- und Sozial-
Einrichtungen, Rechtssicherheit, Kommunikations-
Infrastruktur, zumindest ein Minimum gemeinsamer
Werte und Sinn-Horizonte. Evident sollte die mit der
ansteigenden technisch-ökonomischen Effizienz zunehmende
Bedeutung der Rücksicht auf unverzweckbare
personale Dimensionen sowie Umwelt und Nachhaltigkeit
sein. Da geht es um die Zukunftsfähigkeit
unserer Lebensform und unserer gesellschaftlichen
Systeme. „Effizienz“ ist kein freischwebender Selbstzweck,
sondern untrennbar auf sinnvolle und verantwortbare
Ziele und Werte bezogen und daran zu messen.
Ohne menschenwürdige Ziele, Werte und Ordnungen
für das instrumentelle Wissen und Können
wird Effizienz ziel- und sinnlos und damit unverantwortlich.
Tatsächlich vergrößern sich nicht nur global, sondern
auch in Europa die Abstände zwischen arm und reich,
zwischen Wende- und Globalisierungs-Gewinnern und
jenen, die nicht profitieren oder verlieren. Auch in den
europäischen Staaten, zu deren Staatszielen ausdrücklich
soziale Standards gehören, laufen Umgestaltungen,
die Vorwürfe wie „Sozialabbau“ und „Zerstörung
des Sozialstaats“ auslösen. Die Sorge, im Zuge der
Europa-Integration und Globalisierung die bisherige
soziale Qualität zu verlieren, ist begründet. In unserem
Zusammenhang geht es um grundsätzliche Orientierung,
nicht um Tagespolitik. Selbstverständlich verstößt
es gegen zentrale christliche Grundwerte ebenso
wie gegen Menschenwürde und Gemeinwohl, wenn Schwache und Bedürftige, die sich nicht selbst helfen
können, ohne verlässliche Solidarnetze und ausreichende
Unterstützungen ihrer Not überlassen würden.
Es wäre aber eine Engführung, „Sozialstaat“ mit staatlichen
Sozialleistungen und Versorgung gleichzusetzen.
Noch wichtiger ist es, von vornherein für echte
Chancengleichheit und Beteiligung aller, für eine prosperierende
Wirtschaft mit sozialen und ökologischen
Standards zu sorgen, das Entstehen von Unselbständigkeit,
Marginalisierung, Hilfsbedürftigkeit und Not
vorbeugend zu minimieren. „Sozial“ zu einseitig als „
Versorgung“ zu denken, kann auch Machtausübung
von Funktionären und „Helfern“, Abhängighalten und
Passivität bedeuten. Derzeit tendieren viele junge
Menschen in Sozialberufe, zu Betreuungsaufgaben.
Viele wollen helfen, stützen, pflegen, das ist erfreulich.
Wir bräuchten aber auch dringend viele fähige
und engagierte Menschen und haben zu wenige, die
bereit sind, kompetent und ausdauernd an fachlich und
ethisch guten Gestaltungen in Gesellschaft und Wirtschaft
zu arbeiten.
Angesichts der laufenden Zusammenschlüsse zu großen
Einheiten wachsen verständliche Ängste, an eigenen
Gestaltungsmöglichkeiten und an Identität zu verlieren.
Oft wird unsere Aufmerksamkeit durch das vordergründig
dominierende „Große“ fixiert, das verengt
die Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit. Demgegenüber
ist deutlich vor Augen zu stellen: Die historisch
gewachsene Qualität Europas liegt nicht in der
Gleichschaltung, sondern in der Differenzierung. Die
Europäische Union hat sich in ihrer Grundarchitektur
auf „Subsidiarität“ verpflichtet. In Europas Kultur,
Politik und Wirtschaft ist also die Realisierung dieses
von der katholischen Soziallehre entwickelten (aber
von der Kirche selbst nicht ausreichend praktizierten)
gesellschaftlichen Gestaltungsprinzips notwendig und
chancenreich, wenn auch nicht einfach. Dieses Prinzip
besagt, dass die Gestaltungs- und Entscheidungs-
Kompetenzen samt Verantwortung so weit wie möglich
bei den kleineren Einheiten zu belassen sind. Nur
was diese nicht gut bewältigen kann, geht auf die
nächstgrößere Ebene, auch nicht gleich an die obersten
Zentralen, über. Die Europäische Union fördert regionale
Identitäten sowie kleine und mittlere Strukturen
aus guten Gründen: Für wichtige politische, ökonomische
und ökologische Anliegen brauchen wir das große
europäische Dach. Aber in unüberschaubar großen
Räumen fühlen sich die Menschen ohnmächtig, heimatlos,
entwurzelt, demotiviert. Entwurzelte Menschen
haben kein gutes Leben, sie werden leicht zu „
Treibsand“. Deshalb brauchen die Menschen unter
größer werdenden Dächern mehr denn je die Beheimatung
in überschaubaren, gut gestalteten, „bewohnbaren
Räumen“. Unter dem großen europäischen Dach bestehen
also echte Aufgaben und Chancen für kleinere
Einheiten. Allerdings behalten und stärken diese ihre Vitalität nicht durch Passivität und defensive Abschottung,
so verkümmern sie in Provinzialität, sondern
durch Entfaltung und Betätigung ihrer Talente, durch
bewusste Pflege und Ins-Spiel-Bringen ihrer Qualitäten,
durch stimulierenden Austausch, durch Osmose
mit den anderen.
Hilfreich ist nüchterne Hoffnung, nicht romantische
Nostalgie: Aufgrund der Hochentwicklung kann vieles
in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft nur noch in
großräumiger Vernetzung erfolgreich sein, allerdings
lässt sich nach wie vor vieles gut in kleineren Einheiten
und im Nahbereich unternehmen. Kleinere Staaten
und andere Institutionen, kleine und mittlere Betriebe
haben durch verschiedene Formen von Spezialisierung
und Kooperation, durch Nützung der Nähe und bessere
Kenntnis der Bedürfnisse sehr wohl Chancen. Je größer
die Großen werden, umso größere Nischen entstehen
für konkurrenzfähige Kleine, denn die Großen
sind für vieles zu schwerfällig, zu unkreativ, zu teuer.
Für die Nützung dieser echten Chancen brauchen wir
Menschen mit entsprechender persönlicher Einstellung
und fachlichem Können, aber auch Strukturen und Regelsysteme,
die ungesunde Machtballungen unterbinden
oder wenigstens limitieren und fairen Wettbewerb
für alle, die Einhaltung sozialer und ökologischer
Standards sichern.
Die stärksten Infragestellungen von Effizienz und
Leistung, von Freiheit, Sinn und menschlicher Würde
sind die Grenz- und Ohnmachts-Erfahrungen im Alltag,
bei Schicksalsschlägen, in Armut und Marginalisierung,
im unausweichlichen Altern und Sterben. Vieles
in unseren spätneuzeitlichen Zivilisationen ist unschwer
als Kompensieren, Verdrängen und Überspielen
der Endlichkeit, als Illusion von grenzenloser Leistungsfähigkeit
(„Full Power and Wellness for ever“, „
Anti-Aging“) zu durchschauen. Verdrängen oder
Kompensieren der Zerbrechlichkeit und Begrenztheit
führt nicht zur Freiheit. Ohne Integration der unvermeidlichen
Grenzen, Schwächen und Leiden, der
menschlichen Endlichkeit insgesamt, in die persönlichen
und öffentlichen Lebensmuster gelingt keine
menschenwürdige Lebenskultur.
In der Diskussion über europäische Werte und Ziele
gibt es säkularistische Tendenzen, ein geringschätziges
Beiseiteschieben der christlichen Beiträge zur kulturellen
Identität Europas. Es muss aber gefragt werden, ob
unser persönliches und gesellschaftliches Leben unter
Aussparung der tiefsten Fragen nach unserer transzendenten
Herkunft und Zukunft gelingen kann. Die Gefahr,
dass ohne Transzendenzbezug entweder einzelne
Teilwerte, wie bspw. Macht und Geltung, Geld, Leistung,
Konsum, Jugend, sexuelle Aktivität …, mit fatalen
Folgen überbewertet oder überhaupt verabsolutiert
werden, dass ohne Transzendenzbezug Desorientie-rung, Resignation und Zynismus zunehmen, liegt auf
der Hand. Die großen religiösen Traditionen der
Menschheit sind in ihren Antworten auf die letzten
Fragen, in ihren Vorstellungen über die transzendente
Herkunft und Zukunft von Mensch und Welt nicht
gleich. Transzendenz kann die Realität der Welt und
konkreter Menschen entwerten oder deren Bedeutung
durch Erweiterung der Perspektive über die irdische
Phase hinaus eminent aufwerten. Die biblischchristliche
Sicht mutet uns im Unterschied bspw. zu
bestimmten fernöstlichen oder esoterischen Transzendenz-
Vorstellungen die Wertschätzung des Lebens,
der Welt und jedes Menschen, sowie die schwierigen
Wege der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensgestaltung
zu und gibt fundierte Hoffnung über den
Tod hinaus. Viele Macher in unserer einseitigen
Leistungs- und Konsumgesellschaft halten derartige
Überlegungen für überflüssig. Viele Menschen lassen
sich von den angebotenen Konsum- und Medienwellen
ziemlich gedankenlos treiben und zerstreuen. Aber
wird das Leben nicht unsäglich flach und banal bzw.
eiskalt und brutal, wenn übersehen wird, dass spezifisch
Menschliches, wie Sprachfähigkeit, Denkfähigkeit,
Liebesfähigkeit, aus und in zuvorkommender Zuwendung
und wohlwollender Beziehung wächst, dass
Wichtiges im Leben nicht machbar, nicht erzwingbar,
nicht kalkulierbar, nicht kaufbar ist, dass Freiheit untrennbar
mit Verantwortung verbunden ist, weil unser
tiefster Ursprung und unser endgültiges Heil in der
zuvorkommenden Zuwendung Gottes gründen?
In sozialethischer Perspektive brauchen wir für ein
zukunftsfähiges Europa neue Synthesen. Weder die
einseitige Leistungs- und Konsumorientierung noch
die in alternativen und auch in kirchlichen Kreisen
verbreitete naiv-romantische Polemik gegen technischökonomische
Effizienz führen uns voran. Wir brauchen
heute und morgen nicht weniger, sondern mehr
konkurrenzfähiges technisch-ökonomisches Wissen
und Können. Es muss uns allerdings wesentlich besser
als bisher gelingen, dieses Wissen und Können auf
menschenwürdige Ziele und Stile hin auszurichten.
Das ist der Unterschied von „Wissen“ und der in der
biblischen und in vielen kulturellen Traditionen hervorgehobenen
„Weisheit“: die bewusste Aufmerksamkeit
für das unverkürzte Ganze des menschlichen Lebens
und für das Gemeinwohl. Nur so lassen sich die
für ein Gelingen des menschlichen Lebens wesentlichen
Dimensionen und Faktoren, Prioritäten, Proportionen
und Zusammenhänge besser verstehen und in der
Praxis beachten. Wir sollten aus den erwähnten Erfahrungen
mit der 1. „Industriellen Revolution“ im
19. Jahrhundert (klassischen Prinzipien der „
Katholischen Soziallehre“ samt Implementierungs-
Konzept Gesinnungs- und Struktur-Entwicklung) und
aus den gelungenen gesellschaftlichen Neuanfängen
nach Weltkrieg und Totalitarismus (sachlich und menschlich erfolgreichen Konzepte „Soziale Marktwirtschaft“
und „Sozialpartnerschaft“) lernen. Diese
Errungenschaften stehen durch die Europa-Integration
und die globale Vernetzung vor neuen Bewährungsproben:
Ökosoziale Ordnungspolitik ist keinesfalls als
überholt beiseite zu schieben, sondern im eigenen
kommunalen, regionalen und staatlichen Bereich für
die veränderten Gegebenheiten zu adaptieren und auf
europäischer Ebene voranzutreiben.
Selbstverständlich wären angesichts der zunehmenden
transnationalen ökonomischen und wissenschaftlichtechnischen
Entwicklungen zur Sicherung sozialer,
kultureller und ökologischer Standards wirksame Institutionen
und Regelsysteme auch auf Weltebene notwendig.
Das wird sich aber nur schrittweise in harten
Interessenskämpfen durchsetzen lassen und ist nicht
schon in naher Zukunft zu erwarten. Die Europäische
Union mit 450 Millionen Menschen und gewaltigen
materiellen und immateriellen Kapazitäten ist potent
genug, im eigenen Bereich entsprechende kulturelle,
soziale und ökologische Standards zu entwickeln und
in der globalen Konkurrenz zu behaupten. Es spricht
alles dafür, dass wir sachlich und menschlich zukunftsfähige
europäische Modelle erhalten bzw. entwickeln,
in Kontrast zu und im Wettbewerb mit USamerikanischen
und asiatischen Modellen! Dafür die
Fähigkeiten und Kräfte der Menschen und Völker in
Europa zu bündeln ist eine echte Zukunftschance!
Deshalb muss es rechtzeitig gelingen, die kurzsichtigen
Verstrickungen in Partikulärinteressen zu überwinden
und aus den noch sehr verschiedenen nationalen
Traditionen, Mentalitäten, Strukturen und Vorgangsweisen
unter Wahrung der Subsidiarität gemeinsame
europäische Kompetenzen zu entwickeln!
5. Thesen zu erwartbaren Entwicklungen und Aufgaben
in der Arbeitswelt
Wenn man Arbeit angemessen definiert: als Lösung
von Problemen, als Erarbeitung und Vermittlung von
Produkten und Dienstleistungen zur Entfaltung und
Verbesserung des Lebens und zur menschenwürdigen
Gestaltung der Welt, dann haben wir sicher keinen
Mangel an Arbeit. Es gibt auch keinen grundsätzlichen
Mangel an Kapital und sonstigen Ressourcen. Wir stecken
vielmehr in schwierigen Übergangsphasen, für
viele wichtige Aufgaben fehlen uns die Transformationen
in Arbeitspakete, die Voraussetzungen im Bewusstsein
und auf der Ebene der Strukturen und Regelsysteme,
um die dafür notwendigen Finanzen und
sonstigen Ressourcen zu organisieren. Vieles ist blockiert
durch überholte, dysfunktionale Auffassungen
und Strukturen. Wir brauchen eine tiefgreifende Neuorientierung
der Ziele und eine tiefgreifende Neuordnung
der Ressourcen und Regelsysteme.
Denken wir nur an die in diesem Text skizzierte unausweichliche Neuverteilung der Arbeit (Forschung/
Entwicklung, Produktion und Dienstleistung) im Europäischen
Großraum und weltweit, an die Herausforderungen
der Demographie (höchst unterschiedliche Alterspyramiden
in reichen und armen Ländern) und der
Migration. Es nützt wenig und nur kurzfristig, die Augen
und die Grenzen davor zu verschließen. Wir müssen
uns der neuen Standort-Konkurrenz sachlich und
menschlich kompetent stellen, Entwicklungsausgleiche
und eine Neupositionierung unserer Länder bewältigen!
Rechtzeitiges Handeln eröffnet Spielräume und
hilft, Schäden und Zwänge zu mindern. Wie schon
erwähnt, wäre Europa groß und kompetent genug, europäische
kulturelle, soziale und ökologische Standards
zukunftsfähig zu entwickeln und in der globalen
Konkurrenz zu behaupten.
Schwierige Probleme ergeben sich aus der in absehbarer
Zeit kaum domestizierbaren globalen Kapital-
Mobilität und aus der weitgehenden Abkoppelung
zwischen dieser Kapitalsphäre und der Realwirtschaft.
Aber auch die Unrechtslagen zwischen stärker und
schwächer dem Wettbewerb ausgesetzten Bereichen,
zwischen jenen, welche transnational agieren und daraus
teils problematische Vorteile gewinnen können
und jenen, die diese Möglichkeiten nicht haben, sind
schwer erträglich – sowohl zwischen den Arbeitnehmergruppen
als auch zwischen den Unternehmen. Die
Institutionen und Führungskräfte sowohl der Arbeitnehmer
als auch kleinerer Unternehmen und landwirtschaftlicher
Betriebe stecken da in sehr schwierigen
Problemen und kommen damit oft nicht gut zurecht.
Starres Verteidigen überkommener Rechte und Positionen
sichert mitunter nicht einmal die Positionen der
so Vertretenen und geht meist auf Kosten der schlechter
oder gar nicht Vertretenen. Eher hilfreich sind eine
Verbindung von klaren, sachlich und menschlich tragfähigen
Zielen mit schrittweisem Vorgehen sowie Flexibilität
mit Augenmaß.
Ich habe bewusst auf die Erfolge von Sozialer Marktwirtschaft
und Sozialpartnerschaft hingewiesen. Die
gesellschaftliche Grundüberzeugung, dass Lasten,
Chancen, Erträge auch bei schmerzlichen Umgestaltungen
einigermaßen fair verteilt werden, muss in unseren
Ländern erhalten bzw. wieder gewonnen werden.
Nur so bringen die Menschen ihre Fähigkeiten
und ihre Belastbarkeit entsprechend ein. Andernfalls
entstehen dramatische Ausfälle und Kosten, Motivations-
und Reibungsverluste, welche Europas Konkurrenzfähigkeit
im globalen Wettbewerb entsprechend
schmälern. Immer wieder festzustellende obszöne Diskrepanzen,
nämlich Lastenzuschiebung an Schwächere
und gleichzeitige Vorteilsnahmen von Mächtigen und
Reichen, sollte man wirklich nicht mit der Berufung
auf „Freiheit“ legitimieren. Nur glaubwürdige Fairness
bei der Lasten- und Vorteilsverteilung und echte Partizipation sichern längerfristig die notwendige Motivation,
und Problemlösungskraft sowie ausreichend hohe
Belastbarkeit und damit das Gemeinwohl.
6. Kirchliche Beiträge zur Neugestaltung Europas
Ich habe keine kirchliche Leitungsfunktion und respektiere
die theologisch-fachliche Kompetenz der Fundamental-
und Pastoraltheologen. Aus meiner sozialethischen
Perspektive kann ich nur ein paar Anmerkungen
machen. Kirchliche Beiträge zur geistigen und
sozialen Neugestaltung Europas sind ganz wesentlich
und dringlich. Die Hoffnungs- und Orientierungsarmut
angesichts der Erschöpfung des prometheischeigenmächtigen
Fortschritts-Paradigmas der Neuzeit
ebenso wie die Verunsicherungen und Überlastungen
durch die aktuellen Umbrüche disponieren zu Regressionen
und Anfälligkeiten für persönliche und politische
Kurzschlüsse. Stützende, inspirierende, ermutigende
und orientierende christliche Weggemeinschaften
sind in dieser Lage besonders notwendig und hilfreich.
Erfreulich ist, dass die Christen und die Kirchen
in allen postkommunistischen Ländern erhebliches
Ansehen haben, trotz aller berechtigten wie unberechtigten
Kritik. Obwohl ihre Lagen kompliziert und ihre
Ressourcen knapp sind, erweisen sie sich oft als wesentlich
vitaler und belastbarer als die Christen und
Kirchen im Westen. Man erwartet nach wie vor viel
von ihnen, weil man nicht vergessen hat, dass die Kirchen
in der kommunistischen Zeit die einzigen großen,
nicht gleichgeschalteten, Menschen und ihre Würde
schützende Institutionen waren und Substantielles zur
befreienden Wende und zu deren unblutigem Verlauf
beigetragen haben. Ein zentrales kirchliches Problem
sehe ich in dem fast überall vorherrschenden Verharren
in einer Getto-Position gegenüber der Gesellschaft.
Diese Existenzform einer christlichen Nischen-
Subkultur war unter den totalitären Bedingungen überlebensnotwendig
und, auch durch die kommunistischen
Attacken, gesellschaftlich wirksam. Unter den
mittlerweile stark pluralisierten Verhältnissen führt das
Verweilen in der Getto-Position im Denken und Verhalten
aber zum Verlust an gesellschaftlicher Relevanz
und zur Identitäts-Schwächung: In einer offenen, pluralistischen
Gesellschaft werden Nischenbewohner
nicht bekämpft, allerdings auch nicht beachtet, wenn
sie sich nicht aktiv und gekonnt in die gesellschaftliche
Meinungs- und Entscheidungsbildung einbringen.
Unter den Führungskräften in Wirtschaft, Politik und
Medien finden sich leider nur wenige kompetente
Christen. Das Mitgestalten von Christen und Kirchen
in unseren ökonomisch, wissenschaftlich, technisch,
medial geprägten Gesellschaften verlangt sowohl nach
entsprechenden Fach-Kompetenzen als auch nach ethischer
Orientierung, mehr denn je nach fundierter Hoffnung.
Wir brauchen tragfähige, interdisziplinär erarbeitete
Konzepte und realistische Programme zu deren Implementierung. Die Kirchen und Christen tun sich
mit den pluralistisch-dynamischen Verhältnissen nicht
leicht, verständlicherweise nicht in den Transformationsländern,
aber auch nicht „im Westen“. Im Blick auf
die biblische Seesturm-Szene ist zu fragen: Ermutigen
und befähigen die kirchlichen Leitlinien, die christliche
Spiritualität, Pastoral und Bildungsanstrengungen
zum Rudern und Steuern durch die hochgehenden
Wellen der gesellschaftlichen Umbrüche? In einer über
die christlichen Kirchen noch hinausreichenden
Ökumene der Humanität im offenen, pluralistischen „
Neuen Europa“ ist von vitalen christlichen Gemeinschaften
Großes und kaum Ersetzbares zu erwarten,
wenn dort die biblischen Erinnerungen und Verheißungen
glaubwürdig gelebt und praktisch erfahrbar
werden, wenn aus tiefen Wurzeln gespeist nachhaltig
an der Kultivierung des Lebens und der Gesellschaft
mitgearbeitet wird, wenn die vielfach überforderten
und desorientierten Menschen immer wieder gestützt,
ermutigt und orientiert werden.
Viele Menschen moderner und postmoderner Prägung
finden trotz des zunehmenden Interesses für Transzendenz
keinen Zugang zu unseren Kirchen, nicht wenige
verlassen sie. Das ist tragisch angesichts des gigantischen
Bedarfs an Inspiration, Hoffnung und Orientierung
in den gegenwärtigen Chancen und Krisen. Mit
der Marginalisierung von Glaube und Kirchen dürfen
wir uns nicht abfinden. Die Leer-Räume nach dem Ende
der Faszination sowohl durch kommunistische als
auch westliche Fortschritts-Ideologien sind höchst gefährlich!
Dafür nur den Menschen oder „dem Säkularismus” die Schuld zu geben, ist eine kaum rechtfertigbare
einseitige Schuldzuweisung, solange nicht alle
kirchlichen Strukturen, Denk-, Sprach- und Vermittlungsformen
energisch überprüft werden, ob sie für die
Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft
bestmöglich entsprechen, ob sie Glauben und kirchliche
Vitalität wirklich fördern oder eher blockieren.
Wir haben dafür nicht endlos Zeit: Wenn es nach dem
Auszug böser Geister aus dem Haus nicht rasch gelingt,
in den leeren Räumen einen besseren Geist zu
beheimaten, dann etablieren sich üblere Zustände als
zuvor (vgl. Lk 11,24-26). Die biblische Warnung an
Glaubende und besonders an kirchliche Vorsteher ist
scharf: Wer mit der Hand am Pflug nur zurückschaut,
auf alte Besitzstände, vertraute Formen und Machtpositionen,
statt fruchtbare Furchen nach vorne zu ziehen,
entspricht nicht dem nahe gekommenen Gottesreich
(vgl. Lk 9,62). Die schon oben erinnerte biblische
Szene vom Rudern auf einem stürmischen See ist
zugleich desillusionierend und ermutigend: Christlicher
Glaube erlaubt nicht das Verweilen in den Häfen
von gestern, die Abkapselung in Gettos oder in vermeintlich
spirituellen Idyllen. Christlicher Glaube mutet
uns zu, dass wir uns auf die stürmischen Umbruchgewässer
hinauswagen. Wenn wir alle Fähigkeiten
zum Rudern und Steuern einsetzen, dann dürfen wir
gewiss sein: Wir sind nicht alleine im Boot, der göttliche
Schöpfer und Begleiter ist auch der Herr über die
Stürme.

 

18. Oktober 2009

Lebensqualität

Abgelegt unter: Bernhard Hofer — soziologieheute @ 18:27

vom Wohlfahrtsbegriff zum interdisziplinären Forschungsfeld

von Bernhard Hofer

(aus: Public Observer Nr. 26 v. 22. 9. 2006)

Ob in der Politik, Medizin oder der Regionalarbeit – der Begriff Lebensqualität ist heute in aller Munde. Doch was versteht man eigentlich darunter, oder besser: was gilt es dabei zu beachten? Auf den folgenden Seiten begeben wir uns auf die historischen Spuren der Lebensqualitätsforschung und stellen erste Überlegungen zu einer Erweiterung der Wahrnehmung von Lebensqualität zur Diskussion.

1. Ausgangslage
1.1. historische Entwicklung
Lebensqualität und Wohlstand sind eng miteinander verbunden. Beide Begriffe können als Teile eines übergreifenden Konzepts der Wohlfahrt betrachtet werden. Adam SMITH unterschied bereits drei Stufen des Wohlstandes: Subsistence, Conveniency und Luxury.1)

Der erste, der den Begriff Lebensqualität verwendete, dürfte der Begründer der Wohlfahrtsökonomie, Arthur Cecil PIQUO, gewesen sein. In seinem Werk „Economics of Welfare“ (1920) finden wir die Bezeichnung „Quality of Life“ für nicht ökonomische
Wohlfahrtsaspekte. Mit dem Aufkommen der Wohlstands-Diskussion Ende der 50er Jahre lösten vermehrt mehrdimensionale und qualitativ orientierte Ansätze die bis dahin vorwiegend auf Wachstum ausgerichteten Wohlfahrtskonzepte ab. Populär wurde der Begriff Lebensqualität 1958 von dem in Kanada geborenen Johan Kenneth
GALBRAIGHT. In seinem damals erschienenen Buch „The Affluent Society“ wandte er sich gegen die vorherrschende ökonomische Lehrmeinung und den „American Way of Life“.

Einer der ersten im Bereich der Sozialindikatorenforschung dürfte wohl Raymond BAUER in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen sein. Sein Werk „Social Indicators“ zählt inzwischen zu den Klassikern. Der Begriff der Lebensqualität fand Eingang in die modernen Wohlfahrtstheorien. Als wissenschaftlicher und politischer Begriff variieren die Definitionen seitens der zahlreichen Autoren noch bis heute. Man unterschied zwischen Wohlstand – auch Lebensstandard genannt -, worunter man die Verfügung über Einkommen, Vermögen sowie den Besitz und Konsum von Gütern und Dienstleistungen´verstand und Wohlbefinden, welche das Individuum, seine Wahrnehmungen, Situationsdefinitionen, kognitive Bewertung und Gefühlszustände in den Vordergrund stellte.2)

In den 70er Jahren haben sich drei grundlegende Ansätze durchgesetzt: ein objektivierter Ansatz, welcher Lebensqualität unter dem Gesichtspunkt der optimalen Ressourcenausstattung behandelt und die Verantwortung dafür dem Sozialstaat überträgt; ein subjektivierter, individualistischer Ansatz, der das Streben nach individuellem Glück als Ursache und Ziel menschlichen Handelns darstellt und die Beurteilung der Lebensumstände den Betroffenen zuweist; und eine Mischform bestehend aus guten Lebensbedingungen, für welche Staat, Markt und der sog. 3. Sektor gleichermaßen verantwortlich sind und die mit einem subjektiven Wohlbefinden einhergehen.

Der finnische Soziologe Erik ALLARDT schließlich brachte in die Wohlfahrtsbetrachtung eine objektive und eine subjektive Dimension ein. ALLARDT unterscheidet dabei den Lebensstandard (level of living), welcher sich hauptsächlich auf die materiellen Bedürfnisse (having) bezieht, von der Lebensqualität, die auch die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit (loving) und Selbstverwirklichung (being) beinhaltet. In Deutschland waren es Anfang der 80er Jahre GLATZER/ZAPF, 3)welche sich erstmals mit der Thematik Lebensqualität in der Bundesrepublik Deutschland auseinander setzten und diesem Thema noch viele Untersuchungen folgen ließen.

„Unter Lebensqualität verstehen wir … gute Lebensbedingungen, die mit einem positiven, subjektiven Wohlbefinden zusammengehen… Unter Lebensbedingungen verstehen wir… Einkommen, Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, Familienbeziehungen und soziale Kontakte, Gesundheit, soziale und politische Beteiligung. Unter subjektivem Wohlbefinden verstehen wir die von den Betroffenen selbst abgegebenen Einschätzungen über spezifische Lebensbedingungen und über das Leben im allgemeinen. Dazu gehören insbesondere Zufriedenheitsangaben, aber auch generelle kognitive und emotive Gehalte wie Hoffnungen und Ängste, Glück und Einsamkeit, Erwartungenund Ansprüche, Kompetenzen und Unsicherheiten, wahrgenommene Konflikte und Prioritäten.“ 4)

Die heutige Lebensqualitätsforschung geht von folgendem Grundverständnis aus: Lebensqualität umfasst „sowohl materielle wie auch immaterielle, objektive und subjektive, individuelle und kollektive Wohlfahrtskomponenten gleichzeitig …. und (betont) das ‚ besser’ gegenüber dem ‚mehr’.“ 5)

Die aus dem anglikanischen Raum stammende Happiness-Forschung weist enge Verbindungen zur späteren Lebensqualitätsforschung auf. In der amerikanischen Verfassung ist der „Pursuit of Happiness“ auch als wesentliche Grundlage verankert.

Amerika brachte die Sichtweise ein, dass Lebensbedingungen – je nach Blickwinkel – unterschiedlich bewertet werden, also dass gesellschaftlich Privilegierte unzufrieden und Unterprivilegierte durchaus auch zufrieden sein können. Prägend waren hier vor allem die Studien „Quality of American Life“ 6) und „American Perception of Life Quality“.7) Für den Zeitraum 1984 bis 1998 veröffentlichte The International Society for Quality-of-Life Studies 8) 1998 eine Bibliographie ausgewählter Forschungsarbeiten zum Thema Lebensqualität und Sozialindikatoren. Darin wird u. a. auch die Lebensqualität von bestimmten Personengruppen wie Frauen, Jugend, Kinder, ethnische Minderheiten, Ältere, Arme und College- Studenten untersucht.

Ruut VEENHOVEN, Soziologieprofessor an der Erasmus-Universität Rotterdam, erstellte eine Datenbank zum Thema „Happiness“. Derzeit beinhaltet diese Datenbank u. a. rund 2300 Umfragen aus 112 Nationen für den Zeitraum 1946 – 2004. Er ist auch Herausgeber des „ Journal of Happiness Studies“, einem interdisziplinärem Forum zum Thema subjektives Wohlbefinden. In den 80er und 90er Jahren erschienen neue, für die Lebensqualität relevante, Konzepte: Sustainable Development, Human Development, Livability („Lebbarkeit“), Social Capital etc. Lebensqualität soll nunmehr verstärkt auch Generationengerechtigkeit, ökologisches Verhalten aktive Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten etc. beinhalten.

Anfang der 90er Jahre wurde mit der Lokalen Agenda 21 eine enge Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Lebensqualität hergestellt. Die Lokale Agenda 21 stellt den gesellschaftlichen Prozess, der zu nachhaltiger Entfaltung führen soll, in den Mittelpunkt: Ziel des Prozesses der LA21 ist die Erarbeitung eines kommunalen Gesellschaftsvertrages zur Sicherung nachhaltiger Entwicklung. Nur durch eine nachhaltige Gemeinde- und Regionalentwicklung könne die Lebensqualität für die BürgerInnen sichergestellt werden.

1.2. derzeitiger Stand der Forschung
Heute stehen im großen und ganzen zwei Auffassungen einander gegenüber, welche in der Praxis konvergieren: die objektivistische und die subjektivistische Position. Während die Objektivisten davon ausgehen, dass Lebensqualität über den Zugang zu Ressourcen, aus welchen dann subjektive Ansprüche erwachsen, erklärt wird, versuchen die Subjektivisten, Lebensqualität vorwiegend aus den subjektiven Ansprüchen und der Zufriedenheit mit Lebensbedingungen zu erklären.

In der Öffentlichkeit herrscht zum Teil die bislang noch unausgesprochene Meinung vor, dass Lebensqualität in erster Linie von einer durch (teil-)öffentliche Infrastruktur finanzierten Verbesserung der Lebensverhältnisse abhängt. Auch die sozialwissenschaftliche Forschung beschränkt sich oftmals darauf, Items abzufragen, welche lediglich Aufschluss über Veränderungen bei den Lebensverhältnissen geben. Den Befragten wird jedoch kaum die Möglichkeit eingeräumt, ihre subjektiv spezifische Sichtweise von Lebensqualität zu verbalisieren und somit dem Begriff der Lebensqualität ein möglicherweise breiteres und tieferes Spektrum als bisher zu verleihen.

In der Medizin wurde der Begriff Lebensqualität zunächst sehr zögerlich verwendet. Erst im letzten Jahrzehnt machte sich hier ein regelrechter Boom bemerkbar, der sich auf epidemiologische und klinische Studien und insbesondere in Studien zur Qualitätssicherung äußerte.

Die Messung von Lebensqualität stellt in der Tat eine besondere Schwierigkeit dar. Allein in der Medizin existieren über 800 Lebensqualitätsparameter, welche sich bereits im Aufbau voneinander stark unterscheiden. Hier besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass die
empfundene Lebensqualität in erster Linie durch den Patienten beschrieben werden kann. Dies setzt allerdings voraus, dass dieser auch selbst in der Lage ist, seine Situation zu beurteilen. Wo dies nicht der Fall ist, muss auf eine Fremdeinschätzung zurückgegriffen werden. Der Großteil der Forschungen bezieht sich dabei auf die Erfassung der wahrgenommenen Lebensqualität von Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Erkrankungen, z. B. Herz- Kreislauf-Patienten oder Patienten mit Nieren oder Lebertransplantation.

Bezieht man sich auf die Lebensqualitäts- Definition der WHO, 9) so wird Lebensqualität als individuelle Wahrnehmung der jeweiligen Lebensstellung im kulturellen Kontext und im Kontext des Wertesystem definiert, in welchem man lebt und in bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen. Es ist dies ein breit angelegtes komplexes Konzept, welches den physischen und psychischen Gesundheitszustand, Abhängigkeiten, Sozialkontakte und den Zugang zu Grundressourcen einschließt.

1.3. dzt. Stand der Forschung/Analyse der Lebensqualität
Mit ihrem Projekt „Modellkommunen“ untersuchte die Bertelsmann Stiftung Anfang 2000, wie die Standortqualität langfristig in den Kommunen gesichert werden kann oder wie sich die Lebensqualität der Bevölkerung weiter verbessern lässt.
In der allgemeinen wissenschaftlichen Literatur werden zumeist mittels Systemen von Sozialindikatoren Zieldimensionen, Zielwerte und Ergebnisse regelmäßig beobachtet und bewertet, um damit mögliche Wohlfahrtsdefizite bei bestimmten Gruppen, Regionen bzw. Lebensbereichen zu identifizieren.

In der empirischen Forschung hat sich die Unterscheidung und Gegenüberstellung von objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Wohlbefinden zur Untersuchung der Lebensqualität etabliert. In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche empirische Studien zur Lebensqualität und Wohlfahrtsentwicklung durchgeführt. Eine Messung dieser Lebensqualität erfolgt dabei zumeist über sogenannte Dimensionen.
LAWTON10) beispielsweise geht in seinem Modell von vier Dimensionen der Lebensqualität bei demenziell erkrankten Menschen aus: subjektives Wohlbefinden, objektive Umwelt, erlebte Lebensqualität und Verhaltenskompetenz. Das Heidelberger Instrument zur Erfassung von Lebensqualität bei Demenz (H.I.L.DE)11) entwickelte daraus eine noch größere Anzahl von Dimensionen, welche sich im Sinne eines umfassenden Assessments nutzen lassen. Für eine möglichst umfassende Erforschung der Lebensqualität erweist sich ein derzeit laufendes Pilotprojekt der Gesundheitsförderung Schweiz und des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums12) als besonders interessant. Im Grundmodell dieses Lebensqualitätskonzepts werden objektive Lebensbedingungen und subjektives Wohlbefinden als zwei aufeinander bezogene Aspekte eines übergeordneten Lebensqualitätsbegriffs verstanden. Zwischen objektiven Strukturen und subjektivem Wohlbefinden wirkt eine Reihe von vermittelnden Variablen (z. B. sozialpsychologische
Dispositionen und Handlungskontexte von Gruppen und Individuen). Ein wesentliches Merkmal dieses Lebensqualitätskonzepts besteht darin, dass es sich nicht nur an gesundheitsrelevanten Strukturen orientiert, sondern den gesamten gesellschaftlichen Kontext betrachtet.

Für weitere Überlegungen erweist sich auch die Untersuchung von Bernhard CHRISTOPH und Heinz-Herbert NOLL13) über das subjektive Wohlbefinden in der Europäischen Union in den 90er Jahren als fruchtbar. Hierin wurden erste Unterschiede zwischen drei Altersgruppen (20- 29jährige, 45-64jährige und über 65jährige) erhoben. Für die Analyse wurden größtenteils die Eurobarometer-Umfragedaten zwischen 1991 und 2000 herangezogen. Allerdings beschränkte sich diese Untersuchung auf die Lebenszufriedenheit von vier Bereichen: Arbeitszufriedenheit, finanzielle Zufriedenheit, Wohnzufriedenheit und Zufriedenheit mit der Freizeit. Bereiche wie Gesundheit (physisch, psychisch), Sozialkontakte, Engagement, Werte, Erwartungen etc. wurden dabei fast völlig vernachlässigt.

Neuere Einblicke in die Lebensqualitätsforschung stammen in jüngster Zeit von Andreas GIGER 14) , welcher Lebensqualität als neuen Leitwert für die Zukunft bezeichnet. Er vergleicht die Veränderung der Wertelandschaft seit 1998 und stellt dabei spannende Veränderungen in der Wertelandschaft fest. Soweit die internationalen Forschungsergebnisse dem Autor zugänglich waren gibt es bis dato jedoch keine Studien hinsichtlich der Lebensqualität im intergenerationellen Kontext.

Insbesondere die generationenbezogene Sichtweise von Lebensqualität, der mögliche Wandel in den Vorstellungen von Lebensqualität bedingt durch Erfahrungen in den jeweiligen Lebenszyklen und eine damit verbundene Typologie wurden bislang von der Forschung vernachlässigt.

2. Eine erweiterte Sichtweise von „Lebensqualität“
2.1. Die vier objektiven und subjektiven Dimensionen von Lebensqualität
Berücksichtigt man den bisherigen Stand der Lebensqualitätsforschung, so erscheint es durchaus sinnvoll, Lebensqualität in vier Dimensionen (materiell, physisch, psychisch und sozial) und unter dem Gesichtspunkt der Objektivität und der Subjektivität zu analysieren. Diese vier Lebensqualitätsdimensionen vereinen in sich die zentralen Bereiche menschlichen Daseins und erleichtern die Zuordnung entsprechender Indikatoren.

2.2. zeitliche/intergenerationelle Komponente
Von der sozialwissenschaftlichen Forschung bisher nahezu unbeachtet blieb die zeitliche/ intergenerationelle Komponente, d. h. die Betrachtung aus dem Blickwinkel der jeweiligen Generationen15) , deren Verläufe und deren Verhältnisse zueinander. Dabei stellt sich die zentrale Frage, ob sich intergenerationelle, also generationenübergreifende Muster in der
Wahrnehmung und Internalisierung von Lebensqualität erkennen lassen und – wenn vorhanden – ob diese auch typisiert werden können.

2.3. Lebensqualitäts-Typen
Typologien in der sozialwissenschaftlichen Forschung fanden ihren Aufstieg mit Max WEBERS „Idealtypus“, einem nicht normativen, empirischen Begriff zur Erklärung und Zusammenschau als „typisch“ geltender bzw. einem Typus zurechenbarer Strukturen und Prozesse der sozialen Wirklichkeit. Obwohl die von Max WEBER damit angestrebte Methodenautonomie der Sozialwissenschaften umstritten geblieben ist, finden wir bis heute zahlreiche Anhänger und Verfechter von Typologienbildung in den verschiedensten Disziplinen (PARSONS, BLAU & SCOTT, GOULDNER, EYSENCKS, ETZIONI …).
Ein bestimmter „Lebensqualitäts-Typus“ ist demnach kein klassifikatorischer Begriff mit scharfen Grenzen, sondern ein Durchschnittsoder Häufigkeitstyp, der sich mit der Realität nur annäherungsweise decken kann und durch Steigerung eines oder mehrerer Merkmale bis zur letzten Konsequenz als Gedankenbild vorliegt. Nach Anton AMANN enthalten Typisierungen Zuschreibungen, die sich auf Personen oder Objekte richten und die Wahrnehmung für zukünftig auftretende Situationen formieren.16)

Wenn es gelingt, sich dem Begriff von Lebensqualität auf diese Art und Weise zu nähern und man sich dabei etwa an die Generationendefinition MANNHEIMS anlehnt, so sollte es möglich sein, Lebensqualitäts-Typen herauszubilden und zu beschreiben.

3. Überlegungen zur Neudefinition von Lebensqualität und multidimensionale Erfassung
Aufgrund der Vielfalt an Lebensqualitäts- Definitionen und Konzepte aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen stellt sich die Lebensqualität als ein interdisziplinäres Forschungsfeld dar. Bislang wurde es verabsäumt, alle diese Definitionen systematisch zu ordnen.

Was müsste bei einer multidimensionalen Erfassung von Lebensqualität also vorwiegend berücksichtigt werden?
Aufgrund der aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen vorliegenden zahlreichen Indikatoren sollten unter den Kriterien der Verfügbarkeit und intergenerationellen Vergleichbarkeit statistischer Daten praktikable Indikatoren für die Erfassung objektiver
Lebensbedingungen ausgewählt und verwendet werden. Die Indikatorenauswahl für die Erfassung des subjektiven Wohlbefindens sollte insbesondere auch neueren gesellschaftlichen Entwicklungen – wie Generationengerechtigkeit, ökologisches Bewusstsein, aktive Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten etc. – Rechnung tragen.

Lebensqualität sollte im intergenerationellen Kontext gemessen und analysiert werden. Unter „intergenerationell“ ist hier die Betrachtung „zwischen den Generationen“ gemeint. Jüngere haben einen anderen Zugang zur Beschreibung von Lebensqualität als Ältere, welche bereits ein unterschiedliches Erfahrungspotenzial mitbringen.
„Intergenerationelle Betrachtung“ beinhaltet auch die zwischen den ausgewählten Generationen ablaufenden Austauschprozesse, bisheriges, gegenwärtiges und künftiges Verhalten sowie die Einstellungen zur Lebensqualität. Durch den Fokus auf den intergenerationellen Kontext und durch eine (Neu)Definition des Lebensqualitätsbegriffs seitens der jeweiligen Zielgruppen wäre auch ein breiteres Spektrum zu den in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen tradierten Lebensqualitätsaspekten gewährleistet.

Literaturangaben:

1) Vgl. Dahrendorf, Ralf: Lebenschancen. Anläufe zur
sozialen und politischen Theorie. Suhrkamp, 1979, Frankfurt
am Main, S. 110.
2) Vgl. Noll, Heinz-Herbert: Indikatoren des subjektiven
Wohlbefindens: Instrumente für die gesellschaftliche
Dauerbeobachtung. In: ZUMA-Nachrichten, No. 24, 1989, s.
26-41.
3) Glatzer, Wolfgang/Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Lebensqualität
in der Bundesrepublik. Objektive Lebensbedingungen und
subjektives Wohlbefinden, Frankfurt/New York, 1984.
4) Zapf , Wol fgang: Ind ividue ll e Woh lfahr t :
Lebensbedingungen und wahrgenommene Lebensqualität. In:
Glatzer, W./Zapf, W.(Hrsg.): Lebensqualität in der
Bundesrepublik. Objektive Lebensbedingungen und
subjektives Wohlbefinden. Frankfurt/M./New York, 1984,
Campus, S. 23.
5) Noll, H.-H.: Konzepte der Wohlfahrtsentwicklung:
Lebensqual ität und neue Wohlfahr tskonzepte.
Überblicksanalyse im Rahmen des Querschnittsprojekts
Arbeit & Ökologie. Ms. Mannheim, 1999, S. 3.
6) Vgl. Campell, Angus/Converse, Philip E./Rodgers, Willard:
The Quality of American Life. 1976, New York, Russel Sage
Foundation.
7) Vgl. Andrews, F./Whithey, S.: Social Indicators of Well-
Being. American’s Perception of Life Quality. 1976, New York/
London.
8) Sirgy, M. Joseph: Quality-of-Life Studies and Social Indicators
Research: An Annotated Bibliography of Selected Works
(1984 – 1998), The International Society for Quality-of-Life
Studies, Virginia, USA, 1998.
9) WHO: QOL. The World Health Organization Quality of Life
assessment: position paper from the World Health Organization.
Soc.Sci.Med. 1995, 41: 1403-1409 und 1996, 17: 354-
356.
10) Lawton, MP/vanHaitsma K./Klapper, J.: Observed afflect
in nursing home residents with Altheimer’s disease. 1996,
Gerontol 51B:S. 3-14.
11) Becker, S./Kruse, A./Schröder, J./Seidel, U.: Das
Heidelberger Instrument zur Erfassung von Lebensqualität bei
Demenz (H.I.L.DE). Dimensionen von Lebensqualität und
deren Operationalisierung. Zeitschrift für Gerontologie und
Geriatrie. No. 197, 2005, Steinkopf Verlag, Darmstadt, S. 1-
14.
12) vgl.Gesundheitsobservatorium, 2002, Neuchâtel, http://
www.obsan.ch/monitoring/themen/d/index.htm, 25. 7. 2005.
13)vgl. Christoph, Bernhard; Noll, Heinz-Herbert: Subjective
Well-Being in the European Union during the 1990ies. In:
Social Indicators Research, Special Issue Vol. 64, 2003, S.
521-546.
14) Giger, Andreas: Lebensqualitätsmärkte. Wege aus der
Sättigungsfalle, Zukunftsinstitut GmbH, 1. Auflage, Frankfurt,
2004.
15) Allgemein betrachtet versteht man in der Soziologie unter
dem Begriff „Generation“ die „Gesamtheit der innerhalb eines
best immten zei t l i chen Spielraums geborenen
Gesellschaftsmitglieder, die durch ähnliche kulturelle
Orientierungen, soziale Einstellungen und Verhaltensweisen
geprägt sind.“ (Brockhaus Enzyklopädie, Bad 8, 19. Auflage,
Mannheim, F.A.Brockhaus, 1989, S. 286).
Für unsere Betrachtungen orientieren wir uns großteils an der
Definition von Karl Mannheim. Er charakterisiert das
Generationenphänomen durch das stete Einsetzen neuer
Kulturträger, den Abgang der früheren Kulturträger, die
Tatsache, dass die Träger eines jeweiligen
Generationenzusammenhangs nur an einem zeitlich
begrenzten Abschnitt des Geschichtsprozesses partizipieren,
die Notwendigkeit des steten Tradierens der akkumulierten
Kulturgüter und durch die Kontinuierlichkeit des
Generationswechsels (vgl. Mannheim, Karl: Das Problem der
Generationen. In: Friedeburg, Ludwig v. (Hrsg.): Jugend in der
modernen Gesellschaft. Neue Wissenschaftliche Bibliothek,
Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin, 2. Auflage, 1965, S. 33 f.).
16) Amann, Anton: Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien,
Geschichte und Denkweisen, Böhlau-Verlag, Wien – Köln,
1986, S. 209.

Pflegenotstand?

Abgelegt unter: Bernhard Hofer — soziologieheute @ 17:19

zwischen Panikmache und Wählergunst

von Bernhard Hofer

(aus: Public Observer Nr. 25 v. 18. 8. 2006)

Nach den kürzlichen Finanzskandalen um BAWAG, HYPO und Gewerkschaft wird die Politik erneut gefordert. Mit dem Thema „Pflegenotstand“ kann die Wahlschlacht um die wichtige Gruppe der „Babyboomer“ beginnen. Es ist die Zeit der Experten, welche nun bemüht werden, Lösungsansätze zu präsentieren, um der Bevölkerung vor Augen zu führen, dass neue Belastungen auf sie zukommen. Und sobald diese neuen Belastungen
(kurzfristig) internalisiert worden sind, ist die Zeit für die Parteien reif, „Beruhigungspillen“ zu verteilen, Lösungen, welche der Masse der
Wähler nicht wehtun (dürfen). Auch wenn der Bevölkerung mitgeteilt wird, eine Entscheidung werde erst in einer neuen Legislaturperiode
fallen, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im Vorfeld der Wahlen mit entsprechenden Forderungen und vermeintlichen Lösungen auf sich aufmerksam macht.

Es ist auch die Zeit der Hilfsorganisationen, welche im Vorwahlkampf ihre Chance nützen müssen, auf die Problematik wieder einmal aufmerksam zu machen, verbunden mit der Hoffnung, zumindest Teilerfolge bei ihren Forderungen zu erzielen.

Caritas-Präsident KÜBERL hat es auf den Punkt gebracht: wir brauchen einen nationalen Aktionsplan. Solch ein Aktionsplan ist wahrlich höchst an der
Zeit. Er darf sich jedoch nicht auf Einzelmaßnahmen beschränken; es ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig, um kurz-, mittel- und langfristig die mit der Pflege und Gesundheit verbundenen Herausforderungen in den Griff zu bekommen. „Intergenerationelle Verantwortung“ ist das
Schlüsselprinzip.
So erscheint es unverständlich, dass bei der derzeitigen Pflegediskussion nur von der älteren Generation geredet wird und die Jugendlichen – gegen
ihren Wunsch – ausgeklammert werden. Bereits im Jahr 2005 1) sprach sich rund ein Drittel der Jugendlichen für einen freiwilligen Sozialdienst aus. Hauptmotive für die Bereitschaft, einen freiwilligen Sozialdienst abzuleisten, sind vor allem eine attraktivere Entlohnung und die Anrechnung der Ausbildung für den Beruf (jeweils rund 60 % der Befragten). Für eine Öffnung des Zivildienstes – insbesondere auch für Frauen – traten nahezu drei Viertel der befragten Jugendlichen ein.
Derzeit gibt es in Österreich das freiwillige soziale Jahr (FSJ), wo junge Menschen ab 18 Jahren praktische Erfahrungen in der Sozialarbeit sammeln
können. Dafür erhalten diese ein monatliches Taschengeld von 168 Euro, gesetzlichen Versicherungsschutz, freie Unterkunft und Verpflegung in der Einsatzstelle. Der Wermutstropfen am Rande: Da es sich beim FSJ um keine Ausbildung im Sinne des § 2 Abs. 1 lit. bFLAG handelt, ist somit auch kein gesetzlicher Anspruch auf die Familienbeihilfe gegeben.

Rund 64 Prozent der Jugendlichen könnten sich auch vorstellen, dass ein Sozialdienst Teil der Ausbildung an österreichischen Schulen wird.2) Die Schaffung eines eigenen Lehrberufs für die Pflege erscheint hier als sinnvolle und langfristig wirksame Maßnahme.

„Intergenerationelle Verantwortung“ bedeutet in diesem Fall die Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen und Einstiegshilfen für die Jugendlichen,
Verminderung der Jugendarbeitslosigkeit und vor allem das Erlernen prosozialen Verhaltens. Intergenerationelle Verantwortung bedeutet aber auch einen verantwortlichen Umgang mit seiner persönlichen Gesundheit und mit dem Umfeld. Wer sich nicht selbst aktiv an gesundheitsfördernden
Maßnahmen beteiligt, wer nicht Verantwortung für seine eigene Gesundheit übernimmt, degradiert sich zum Tabletten und Anweisungen empfangenden Patienten (vgl. S. 16 in dieser Ausgabe) und wird aller Voraussicht nach
frühzeitig zum Pflegefall. Nicht alle „schwarz“ Gepflegten brauchen
Heimplätze!

Um auch mit einem Missverständnis aufzuräumen:
Nicht alle „schwarz“ gepflegten Menschen brauchen Heimplätze. Der Großteil der ausländischen Pflegekräfte verrichtet notwendige Hilfsdienste
wie Kochen, Wäsche waschen, Baden, Putzen, Einkaufen, Vorlesen etc. Kurzfristig ist eine Legalisierung dieser Pflegekräfte, sei es in Form von Saisonarbeitskräften oder in einer anderen – rechtlich und moralisch vertretbaren – Form sicherlich sinnvoll, langfristig können sich allerdings Pflegende und auch die Politik nicht auf billige ausländische Ressourcen verlassen. Tschechien und die Slowakei haben ähnliche (Pflege)Probleme wie Österreich und mit dem Anstieg des Lohnniveaus in diesen Ländern wird über kurz oder lang der Zustrom „billiger“ ausländischer Pflegekräfte abreißen.
Begleitmaßnahme „Pflegescheck“
Ein entsprechend beworbener und in jeder Trafik erhältlicher „Pflege(Dienstleistungs)-Scheck“ löst zwar nicht das Problem direkt, könnte jedoch eine brauchbare Begleitmaßnahme darstellen. Um einen ähnlichen
Flop wie beim Dienstleistungsscheck zu vermeiden, bedarf es dabei allerdings eines konzertanten Zusammenwirkens aller Parteien und Institutionen und einer breitgefächerten Öffentlichkeitsarbeit. Bisherige Modelle greifen zu kurz Versicherungssparmodelle – wie sie vereinzelt von
Versicherungen und Banken angeboten werden – greifen zu kurz. Insbesondere für die “Baby-boom- Generation“ kommen sie zu spät und schließen die unteren EinkommensbezieherInnen größtenteils aus.

Auf jeden Fall fühlen sich nun auch jene bislang sich noch zurückgehaltenen Banken und Versicherungen dazu aufgefordert, diesen aktuellen Markt zu erschließen. Gesellschaftliche Entwicklung birgt auch Chancen
Höhere Scheidungsraten, vermehrtes Single-Dasein und zunehmende Vergreisung werden von Experten oft als Hauptursachen des Pflegenotstandes gesehen. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass gerade die sogenannten „Patchworkfamilien“ auch Chancen
bieten. In diesen Patchworkfamilien ist das Beziehungsnetzwerk manchmal auch weiter als bei traditionellen Familien ausgeprägt. Darüber hinaus sind Singles ja nicht nur Pflege-Empfänger; gerade Singles engagieren sich oftmals im Pflegebereich und erhöhen auf diese Art und Weise ihre Sozialkontakte. Natürlich sind PflegerInnen aus Patchworkfamilien und Singles
nicht die Lösung des Problems. Dennoch wäre es ratsam, auch in diese Richtung weiterzudenken. Schätzungen zufolge werden österreichweit derzeit rund 460.000 Personen von Angehörigen gepflegt; die
Hauptlast der Pflege tragen dabei die Frauen. Der Vorschlag des Wirtschaftsforschungsinstituts, wonach neue Jobs geschaffen werden könnten, indem Pflegende, die sich um einen Angehörigen kümmern, auch
weitere Pflegebedürftige in der Umgebung betreuen könnten, mag zwar in der Theorie richtig sein. Es fehlt ihm jedoch jegliches Einfühlungsvermögen und praktische Relevanz. Zwischen der Pflege Angehöriger und der Pflege fremder Personen – auch wenn dies in der Umgebung erfolgen soll – ist ein fundamentaler Unterschied: die Motive sind völlig anders geartet. Pflege ist umfassend zu betrachten und hat bei der Prävention zu beginnen.

Laut einer von Public Opinion kürzlich durchgeführten Befragung 3) unter 1000 ÖsterreicherInnen ab 16 Jahren meinen 72 Prozent der Befragten, dass alles unternommen werden müsse, damit Menschen bebestimmte intime Dinge wie Waschen, Essen oder eine Toilette benützen selbständig verrichten können sollen. 57 Prozent treten sogar dafür ein, dass vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen für jeden Einzelnen zur Pflicht gemacht werden sollen. (Über Letzteres könnte man natürlich noch ausgiebig diskutieren). Erste, allerdings noch halbherzige, Ansätze seitens
der Politik und der Wirtschaft gibt es bereits. Barrierefreies Bauen, um die älteren Menschen möglichst lange selbständig in ihrer gewohnten Umgebung zu behalten, betriebliche Gesundheitsprogramme und
Vorsorgeuntersuchungen. Einzelne Bildungswerke und Hilfsorganisationen bieten spezielle Programme zur Vorbeugung gegen die zunehmende Demenz
an.

Chance für Neu- und WiedereinsteigerInnen in den Pflegeberuf
Mit dem im Herbst 2005 vom Sozialministerium ins Leben gerufenen Freiwilligenpass wurde ein interessanter Schritt gesetzt, um im Freiwilligenengagement erworbene Qualifikationen auch einer beruflichen
Anerkennung zuzuführen. Dies könnte die Chance für Neu- und WiedereinsteigerInnen in den Pflegeberuf durchaus vergrößern. Auch ein Anspruch auf spätere Pflege für einen selbst – so wie er von Rainer MÜNZ kürzlich vorgeschlagen wurde – könnte daraus abgeleitet werden. Über die informelle Pflege wird nach wie vor geschwiegen Bei der derzeit laufenden Diskussion um den Pflegenotstand darf eines nicht vergessen werden: neben
der formellen Pflege, welche großteils durch Hilfsorganisationen professionell bewältigt wird, gibt es noch den großen Bereich der informellen Pflege, also die Pflege durch Angehörige, Nachbarn, Selbsthilfegruppen und sonstige nicht organisierte Freiwillige. Über diesen Bereich gibt es derzeit nur Schätzungen, welche sich zwischen 5 und 10 Prozent bewegen.

Wie die künftige Lösung auch aussehen mag – erfreulich ist jedenfalls, dass dieses gesellschaftspolitisch so wichtige Thema Eingang in die öffentliche
Diskussion gefunden hat. Es bleibt abzuwarten, wie wir mit dieser intergenerationellen Verantwortlichkeit umgehen werden.

Quellen:
1) Public Opinion: Die Zukunft des Zivildienstes. Online-
Umfrage, März 2005.
2) Ebd.
3) Schneider/Hofer: Gesundheitsmarkt Österreich. Repr. Befragung
, Nov. 2005.

Wer lässt sich schon integrieren?

Abgelegt unter: Alfred Rammer — soziologieheute @ 16:29

Die doppelte Integrationsproblematik moderner Gesellschaften

von Alfred Rammer

(aus: Public Observer Nr. 24 v. 27.7.2006)

Der Umgang mit fremden Kulturen – zumal mit muslimischen – ist spätestens seit den Terroranschlägen in den USA 2001 allerorts ein heiß
umstrittenes Thema. Schön langsam setzt sich selbst in Ländern wie Deutschland oder Österreich die Erkenntnis durch, dass man ungeachtet anders lautender Versicherungen längst de facto zu einem Einwanderungsland geworden ist.

Vor diesem Hintergrund aber verschieben sich Horizonte, es gilt, Perspektiven für den Umgang von Angehörigen anderer Kulturen innerhalb der eigenen Gesellschaft zu entwickeln, nicht mehr Außenpolitik sondern Innenpolitik ist gefragt. Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen, die über
Generationen von ganz anderen Prämissen ausgegangen sind, den Umschlag der realen Verhältnisse zwar theoretisch (und selbst dies mit Würgen)
zur Kenntnis nehmen, in ihren emotionalen und weltanschaulichen Dimensionen jedoch dieser eingestandenen Wirklichkeit hinterher hinken.
Die Folgen sind Ablehnung, Ausländerfeindlichkeit, irrationale Abwehrbemühungen. Und selbstredend finden sich in allen Staaten politische Organisationen und Parteien, die die entsprechenden Stimmungslagen als leicht zu erntendes Stimmreservoir erkennen. Dem Volke auf’s Maul schauend verstärken sie die grassierenden Vorurteile, bauen zum Teil absurde Bedrohungsszenarien auf und bieten messianistisch
anmutende einfache Lösungen. Dabei gäbe es der Probleme wahrlich genug. Doch wird es nicht reichen, den Blick nur in eine Richtung zu schärfen, sich nur damit zu beschäftigen, welche Anforderungen man denn an die hier lebenden Ausländer stellen muss.

Allzu schnell erliegt man der Versuchung, nicht mehr bloß zu fordern, was für ein gedeihliches Miteinander notwendig ist, stattdessen wird das
Fordern Selbstzweck, und erzeugt wird ein Verhältnis zwischen Alteingesessenen und Hinzugekommenen als Über- und Unterordnung. Wenn sie schon „hier bei uns“ leben wollen, so heißt dann die Devise, sollen sie sich eben auch „ integrieren“. Doch erweist sich diese Integrationsforderung bei näherem Hinsehen nicht selten als Euphemismus, als schieres Bedürfnis, den anderen spüren zu lassen, wer hierzulande das Sagen hat. Da reicht es dann auch nicht, wenn eine Gruppe Muslime unter Wahrung sämtlicher in Österreich geltender Regeln privat für einige Stunden
ein öffentliches Freibad mietet, um dort nach eigenen Vorstellungen zu baden – schließlich muss man den Anfängen wehren …

Bei aller Berücksichtigung der verschiedenen Umstände, die die infantile Ausländerfeindlichkeit und -angst schüren – prekäre eigene soziale Lage, drohende Arbeitslosigkeit, demagogische Politiker usw. – ganz aus der Verantwortung wird man den einfachen Bürger wohl auch nicht entlassen
können. Immerhin leben wir im 21. Jahrhundert und die europäischen Gesellschaften verstehen sich als aufgeklärte Gesellschaften. Etwas mehr kritische Selbstreflexion wäre vonnöten, klarere Vorstellungen davon, wer und was man in dieser Gesellschaft und was diese selbst denn eigentlich sein will und soll und kann, wären zu entwickeln.

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Ministerium für Inneres die Zusammenfassung einer Studie, die die Situation der Muslime in Österreich
beleuchtet. Über die wissenschaftliche Qualität der Arbeit lässt sich wohl trefflich streiten, zumal sie ja nicht zur Gänze vorliegt. Fraglich mag auch
sein, ob der Nürnberger Richter und Islamexperte Mathias ROHE tatsächlich die richtige Adresse für die spezielle Fragestellung ist. Doch spielen
derartige Zweifel für die hier präsentierten Überlegungen keine Rolle. Mindestens ebenso interessant erscheint mir die Art und Weise, wie die Ergebnisse in der Öffentlichkeit rezipiert wurden. Gefragt soll hier bloß danach werden, ob die Inhalte der Arbeit tatsächlich das hergeben, wofür
man sie offensichtlich zu verwenden gedenkt, nämlich als Anlass, die Alarmglocken in Österreich noch ein wenig lauter schellen zu lassen.
Gefragt soll in einem weiteren Gedankengang danach werden, was denn diese ominöse „Integration“ eigentlich sei, die man so heftig von den Ausländern (in bestimmter Hinsicht und in vernünftigen Grenzen zurecht) fordert und die man – nicht zuletzt dank besagter Studie – bei selbigen so schmerzlich vermisst. Und hier wird in einem dritten Gedankengang erkennbar, woran das Bemühen um eine befriedigende Bewältigung der Ausländerproblematik
krankt, nämlich an der mangelhaften Trennung zweier Problemkreise: der Integration von Minderheiten einerseits, jener der Mehrheitsgesellschaft
selbst anderseits.

1. Die Integrationsstudie
Mathias ROHE verwendet für seine Studie Daten aus der Volkszählung in Österreich 2001, der Inhaltsanalyse tagesaktueller Medienberichte in Österreich sowie verbreiteter türkisch- und arabischsprachiger
Printmedien; außerdem stützt er sich auf zwei repräsentative bundesweite Telefonumfragen unter jeweils 1000 Österreichern in den Erhebungszeiträumen Ende November bis Mitte Dezember 2005 (Leitfadeninterviews) und Jänner – Februar 2006 (100 ausführliche Leitfadeninterviews).

Die Analyse österreichischer Medien führt Rohe zur Feststellung, dass das medial schon länger behandelte „Ausländerproblem“ während der letzten
Jahre zunehmend zum „Islamproblem“ wurde. Das Thema Integration wurde also insgesamt immer weniger eigenständig als vielmehr im Zusammenhang mit weltweiter Gefahrenprävention erörtert. Auch das noch 1997 im Vordergrund stehende Thema Bildung/Erziehung verschwindet zunehmend. Lokal vorhandene Probleme werden mit Problemen mit der islamischen Welt insgesamt zunehmend vermischt.

Dass es sich für die österreichische Gesellschaft um ein durchaus überschaubares Problem handelt, ergeben die Daten aus der Volkszählung in
Österreich von 2001: 8,9 % der österreichischen Wohnbevölkerung sind Ausländer, knapp 340.000, also 4,2 % der Gesamtbevölkerung, sind Muslime, die hauptsächlich aus Serbien/ Montenegro (18,7 %), Türkei (17,9 %) und Bosnien/ Herzegowina (15,2 %) kommen. Fast alle Türken, die meisten Staatsangehörigen Bosnien/Herzegowinas und wohl auch ein gewisser Teil der Menschen aus Serbien/Montenegro dürften Muslime sein. Die charakteristischen Richtungen des Islam in der Türkei (theoretisch laizistische Ausprägung, faktisch gemäßigter sunnitischer Staatsislam sowie Alevitentum mit in der Türkei stark beschränkter Religionsfreiheit) und auf dem Balkan (weitgehend liberaler bis gemäßigttraditioneller Islam mit vereinzelten Radikalisierungstendenzen im Zuge des Bürgerkriegs) prägen
also das Bild des Islam von Österreich. Je nach Bundesland schwankt der Anteil der Muslime unter den Ausländern zwischen knapp einem Drittel und etwas über der Hälfte.

Die Probleme fasst ROHE wie folgt überblicksartig zusammen: Die muslimische Präsenz in Österreich und in weiten Teilen Europas beruht auf Migration jüngeren Datums. „Gastarbeiter“ mit meist sehr niedriger formaler Bildung und Flüchtlinge prägen das Bild, viele von ihnen befinden
sich am unteren Rand der Aufnahmegesellschaften. Gerade hier treffen zwei sehr gegensätzliche Kommunikationskulturen aufeinander. Orientalische
Kommunikation – geprägt durch Vermeidung offener, sachlicher Kritik – wirkt auf Europäer häufig unaufrichtig. Umgekehrt wirkt die europäische
„Offenheit“ oft verletzend. Innerhalb vertrauter Formen sind die Menschen orientalischer Prägung im zwischenmenschlichen Umgang sehr herzlich, offene Ablehnung führt zu Trotzreaktionen. Hier liegt eine der wesentlichen Ursachen der mittlerweile unter jungen Türken oder Albanern herausgebildete, teils betont aggressive Jugendkultur.

„Nach langjähriger Beobachtung über die hier vorliegende Analyse hinaus wagt der Verfasser die Tendenzaussage, das der übersteigerte Nationalismus
bei vielen Türken nicht weniger integrationshinderlichist als religiöser Fanatismus (nicht zuletzt militante laizistische Nationalisten sind für einen Grossteil der vergangenen und gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei verantwortlich).“
Solange in der europäischen Öffentlichkeit Muslime bzw. der Islam vorwiegend als Problem wahrgenommen und angesprochen werden, dürfte sich – so vermutet der Autor – die Isolation auf beiden Seiten eher verstärken. Je mehr gemäßigte muslimische Stimmen auch in der Öffentlichkeit wirken können, je mehr Muslime beruflich und gesellschaftlich feste Verankerung finden und sich an arrivierten Multiplikatoren orientieren
können, desto eher werde dauerhafter gesellschaftlicher Friede zu erreichen sein. Bei all dem schreibt er übrigens der Religion keine entscheidende
Bedeutung zu. Sie könne allerdings ideologisch genutzt und bei Unzufriedenen zur Mobilisierung für den Aufbau einer „Gegengesellschaft“
dienen.

ROHE zieht folgende Schlussfolgerungen:
„Persönliche Erfahrungen und Einschätzungen der befragten Österreicher und Muslime hinsichtlich des Zusammenlebens lassen die vereinfachte
Aussage zu, wonach ein insgesamt eher kontaktarmes, friedliches, aber von einiger Distanz geprägtes Nebeneinander besteht – ‚Integration’
auf niedrigem Niveau. Diese vereinfachte Aussage muss allerdings gruppenspezifisch relativiert werden, sowohl im Hinblick auf die Österreicher insgesamt als auch auf die Muslime. Beide Gruppen sind sehr heterogen, und in beiden Gruppen findet sich eine grundsätzlich verständigungsbereite oder zumindest neutrale Mehrheit. Allerdings
sind gewichtige Gruppen mit jeweils erheblicher Distanz zum Gegenüber (Muslime bzw. österreichische Gesellschaft) nicht zu übersehen.“

„Restriktive Maßnahmen gegen Extremismus und Unterhöhlung werden auf breite Akzeptanz stoßen, auch unter vielen Muslimen. Solche Akzeptanz
setzt andererseits die Bereitschaft zur Förderung und effektiver Rechtsgewährung dort durch, wo entsprechende Ansprüche bestehen
bzw. wo Fördermaßnahmen Integration effizient bewirken können.“

„Die Integration der Muslime in die österreichischeGesellschaft (nicht: die Assimilation an sie!) ist noch bei weitem nicht erfolgreich abgeschlossen.
Es dominiert das weitestgehend friedfertige Nebeneinander mit einer noch verbreiteten gegenseitigen Distanz. Die Mehrheit unter den Österreichern
insgesamt wie auch unter den Muslimen bringen nach ihren Grundhaltungen gute Voraussetzungen für gelingende Integration mit.

Allerdings finden sich auf beiden Seiten gewichtige Gruppen, die hierfür nur schwer zu gewinnen sind. Ein gewisses Maß an Segregation wird daher wohl auf lange Zeit hinzunehmen sein. Segregation ist aber ein in jeder Gesellschaft durchaus übliches Phänomen und als solches nicht bedenklich.
Deshalb ist auch der verbreitete Begriff der ‚Parallelgesellschaft’ noch zu wenig konturiert, um aussagekräftig zu sein.“

„Das größte Gefährdungspotential dürfte … dort liegen, wo wirtschaftliche Probleme, ein erhebliches Maß an innerer Distanz, Unsicherheit bzw.
Überlegenheitsgefühlen und intensive Einbindung eine ethnisch oder religiös ausgerichtete Infrastruktur zusammentreffen.“

ROHE zeichnet alles in allem kein besonders dramatisches Bild von der Situation der Muslime in Österreich. Im Duktus durchaus wohlwollend verweist er auf die verschiedenen Probleme und Gefahren und zeigt sich vorsichtig optimistisch, was die Möglichkeiten der Bewältigung derselben
betrifft. Von überbordender und gefährlicher Integrationsfeindlichkeit
eines beträchtlichen Teils der Immigranten ist nicht nur nicht die Rede, es
bedarf kühner Phantasie, um derartige Deutungen zu entwickeln. Dass sich selbige dennoch jedenfalls teilweise durchsetzen, lässt vermuten, dass diese Gesellschaft keine klaren Vorstellungen davon hat, woraufhin zu integrieren ist.

2. Integration
Emile DURKHEIM folgend ist zu unterscheiden zwischen zwei Dimensionen sozialer Integration, nämlich der negativen und der positiven Solidarität,
denen aus rechtsphilosophischer Sicht negative und positive Freiheit korrespondieren.

Wenngleich man die Konzepte der Klassiker der Soziologie nicht unmittelbar auf die Gegenwart anwenden kann, empfiehlt sich doch, an diese anzuschließen. Nicht nur gelten jene nicht umsonst als Klassiker, sie machten sich auch um die Entwicklung der soziologischen Theorie und Praxis in unvergleichlicher Weise verdient und lieferten Erkenntnisse, hinter die nicht straflos zurückzufallen ist; die von der Tradition völlig unbelastete
Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Themenschafft zudem terminologischen Wildwuchs, der mehr verdeckt als freilegt. Freilich darf man es nicht beim bloßen Rezitieren klassischer Theorien oder Theorieelementen belassen, vielmehr gilt es zu prüfen, ob und wie weit selbige auch die jeweilige Gegenwart erhellen können.

Negative Solidarität bedeutet eine Akkordierungder Handlungsrechte von Personen in einer Weise,die Konflikte vermeidet. Der eindeutige Anspruch
auf Eigentum vermeidet den Streit um die Nutzung desselben. Jede konfliktfreie Bestimmung von Handlungsrechten drückt eine negative
Solidarität aus, sie gewährleistet, dass sich die Menschen nicht gegenseitig ins Gehege kommen. Möglich ist diese negative nur durch das
Gegenstück der positiven Solidarität. Diese besteht in der gegenseitigen Anerkennung jener Rechte und in der gemeinsamen Unterhaltung
von Rechtsinstanzen, die über die gegenseitige Respektierung der Rechte wachen. Dieses gegenseitige Bedingungsverhältnis verweist
auf die Irreduzibilität der beiden Dimensionen.

Die eine ist ohne die andere nicht zu haben.
Ein gedeihliches Miteinander der Menschen in´einer Gesellschaft setzt also voraus, dass positive wie negative Solidarität in ein möglichst optimales
Gleichgewicht zu bringen sind, ein Gleichgewicht freilich, das stets prekär bleibt und welches unter Bedachtnahme sich ändernder Rahmenbedingungen immer wieder neu einzustellen ist.

Richard MÜNCH deutet „negative Integration“ in Bezug auf die europäische Integration und die Öffnung des Weltmarktes als die Form der Integration,
die sich aus dem Abbau von Handelshemmnissen ergibt. „Positive Integration“ meint dabei das staatlich-regulierende Eingreifen in die
Marktbeziehungen zwecks Kontrolle unerwünschter Nebeneffekte.
Negative Integration wie negative Solidarität beruhen
also auf der Gewährung privater Freiheitsrechte, positive Integration und positive Solidarität stützen sich auf Kooperation zum Zweck der gemeinsamen Gestaltung der Handlungsräume.
Die positive Solidarität beinhaltet stets eine Form der Zusammenarbeit, etwa die gegenseitige Anerkennung von Handlungsrechten, die Bereitschaft,
Konflikte nach rechtlich festgelegten Verfahren friedlich zu bewältigen sowie rechtliche Instanzen, die Regelabweichungen erfolgreich
sanktionieren, gemeinsam zu unterhalten. Das Integrationsmedium der positiven Solidarität ist das Recht.

Andere Formen positiver Solidarität sind von derrechtlichen zu unterscheiden: die kollektive Verbundenheit,die sich etwa in dichter Arbeitsteilung,in gemeinsamem republikanischem Bürgersinn,in enger sozialer Zusammenarbeit und gemeinsamer kultureller Lebenswelt äußert; die Bereitschaft, den erwirtschafteten Wohlstand mit allen
Mitgliedern der Gesellschaft zu teilen; derVorrang des Kollektivs vor dem Individuum und der Vorrang des eigenen Kollektivs gegenüber
anderen Kollektiven. Das Integrationsmedium dieser „emotionalen Solidarität“ ist das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Je umfassender die einzelnen Formen der positiven Solidarität verwirklicht werden, desto stärker ist eine Gesellschaft integriert. Je stärker die Formen
„emotionaler Solidarität“ ausgeprägt sind, desto geringer fällt die persönliche Wahlfreiheit aus. Zuviel soziale Integration schließt also eine
Gesellschaft nach außen ab, engt die individuellen
Handlungsspielräume ein und unterdrückt Innovationen. Zuwenig soziale Integration wiederum lässt keine Kooperation aufkommen, wo sie benötigt wird, führt zu einem Mangel an Infrastrukturen, überlässt die weniger Leistungsfähigen sich selbst und erzeugt Krisenherde der Entfremdung,
Hoffnungslosigkeit und Anomie (Regellosigkeit), die sich in Kooperationsverweigerung, Zynismus, Leistungsverweigerung und Kriminalität äußern.

In der Moderne wurde der Nationalstaat zur zentralen Einheit einer starken sozialen Integration mit entsprechender Einbettung der negativen in
eine umfassende positive Solidarität. Die Nation ist dabei bestimmbar als eine historisch gewachsene oder politisch konstruierte Gemeinschaft mit
einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das nach innen Differenzen wischen kleineren Gemeinschaften überwindet und sich nach außen gegenüber
anderen Nationen abgrenzt. Als Staat ist ein Herrschaftsverband, der für ein bestimmtes Territorium erfolgreich das Gewaltmonopol beansprucht,
zu verstehen. Der Nationalstaat ersetzt nicht nur partikulargemeinschaftliche Solidarität durch Recht, er schafft auch eine neue solidarische Einheit. Mit den Worten von Richard MÜNCH „Nationale Solidarität ist die nicht-rechtliche Grundlage einer sonst durch das Recht integrierten Gesellschaft, so wie das Recht die nicht-kontraktuelle Grundlage
des Vertrags ist … und der Vertrag das bindende Element der arbeitsteiligen Gesellschaft mit ihrer marktwirtschaftlichen Ordnung.“ Die auf wachsender Arbeitsteilung beruhende organische Solidarität (DURKHEIM) wurde in den Wohlfahrtsstaaten in eine ausgeprägte mechanische Solidarität eingebettet.

Die mechanische Solidarität äußert sich im Grad der Marktunabhängigkeit
des individuellen Lebensstandards. Die internationale Arbeitsteilung überwindet den tödlichen Kampf um knappe Ressourcen und wird zur Grundlage der grenz-überschreitenden Integration. Jenseits der global wachsenden Inklusion der Menschen in die Erwerbsarbeit ist aber soziale
Integration – jedenfalls in vorerst präsentierter Form – kaum mehr möglich.
Dies hängt nicht zuletzt mit dem Umstand zusammen, dass das hohe Wohlstandsniveau und dessen kollektive Teilung in den Wohlfahrtsstaaten
mit einem hohen Maß an Ungleichheit und der Desintegration der Weltgesellschaft einhergingen.

Die Wohlfahrtsstaaten konnten ein hohes Maß der mechanischen Solidarität von Inseln des Wohlstands in eine immer mehr von grenzüberschreitender
Arbeitsteilung geprägten Welt retten, doch je weiter sich der europäische Markt und der Weltmarkt öffnen, desto weniger wird sich dieser nationale Wohlstandsverbund in seiner bisherigen Gestalt aufrecht erhalten lassen.

Die unabwendbare Standortkonkurrenz schlägt von der nationalen auf die regionale, lokale und individuelle Ebene durch und lockert so die nationalen
Bande der kollektiven Solidarität. Diverse Sozialleistungen erweisen sich zunehmend als Schwächung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, die Starken lassen sich weniger bereitwillig zu Ausgleichszahlungen motivieren, weil sie jetzt selbst härterer Konkurrenz ausgeliefert sind. Die nationale Kollektivsolidarität wird schwächer und differenziert sich stärker aus in reichere und ärmere Regionen, Städte, Gemeinden, Schichten und Berufsgruppen. „Die kosmopolitisch orientierte Intelligenz wird zum Träger der erweiterten internationalen Arbeitsteilung, die sich über die bisherigen
Schranken der nationalstaatlich organisierten kollektiven Solidarität hinwegsetzt.“

Die Modernisierungsverlierer dagegen sehen den Verlust nationaler Solidarität als Bedrohung für ihr eigene Position und werden so zur Quelle nationalistischer Gegenbewegungen gegen die Globalisierung. Dies alles führt tendenziell auch dazu, dass sich die Maßstäbe der Gerechtigkeit verändern. Gleichheit soll sich weniger in gleichen Resultaten trotz ungleicher Leistungen äußern, sondern mehr in der proportionalen Entlohnung von Leistungen und in gleichen Chancen im Wettbewerb
um Einkommen und Status. Und zunehmend findet der Gedanke Widerhall, dass vom Steuerzahler zu finanzierende Sozialleistungen nur denjenigen
zugute kommen sollen, die ihrer auch bedürfen.

Nicht ganz zu Unrecht gilt Richard MÜNCH als der „amerikanischste“ der deutschsprachigen Soziologen. Entsprechend sollten insbesondere dessen Schlussfolgerungen mit Vorsicht behandelt werden. Tatsächlich erweist sich, dass diese gemessen an seinen sehr sorgfältig ausgearbeiteten
Gegenwartsanalysen in ihrer Stringenz doch erheblich zurückbleiben. Weil das Ziel der Argumentation – der Ausweis US-amerikanischer Gesellschaftsordnung als die einzige Option – schon feststeht, fallen Alternativen unter den Tisch. Doch da es mir hier nicht um eine ausführliche
Diskussion sozialpolitischer Perspektiven zu tun ist, mag MÜNCHS Ausblick als Anstoß für weitere Debatten dienen:

Als Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen der Globalisierung kommen nach MÜNCH Neoliberalismus, Rettung des Wohlfahrtsstaates
und Europäische Sozialintegration in Betracht. Alle drei beinhalten ihm zufolge Richtiges, sie sind ihm aber zu einseitig und letztlich unrealistisch. Bleibt als einzig realistische Strategie eine vernünftige Kombination der drei. Die Marktöffnungsstrategie gilt ihm als unvermeidlich und in dem Umfang richtig, in dem Desintegration und Anomie vermieden werden können. Diese
sucht die Strategie der Rettung des Wohlfahrtsstaates in sozialverträglichen Grenzen zu halten.

Die Sozialintegration wird sich auf Fairness im Sinne von Chancengleichheit konzentrieren müssen, sie wird aber nicht gleiche Lebensbedingungen
schaffen können.

In dem Maße, in dem sich die Politik in der Gesellschaftsgestaltung
durch Gesetzgebung zurückhält, eröffnen sich neue Spielräume eigenverantwortlicher Lebensgestaltung, die die Menschen
häufiger in Konflikte über die Reichweite ihrer Rechte geraten lässt. Entsprechend wächst im Verhältnis zur Gesetzgebung die Bedeutung
der Rolle der Gerichte der Sozialintegration durch Streitschlichtung, Gewährleistung rechtlicher Gleichheit, Chancengleichheit und Fairness.

3. Die Integrations-Desintegrationsdynamik
Regelmäßiges Wachstum, sozialstaatliche Sicherungen und korporatistische Übereinkünfte zwischen Interessengruppen nach 1945 vermittelten den Eindruck, dass die Integrationsfrage gelöst sei, ließen erwarten, dass das individuelle wie das soziale Leben von immer weniger Desintegration gekennzeichnet sei. Mittlerweile jedoch zeichnet sich ab, dass sich angesichts der Ambivalenzen sozialer Modernisierung die Integrationsproblematik noch radikalisiert und sich längst
nicht mehr bloß für die „Ausländer“ stellt.

Mittlerweile stellt sich eine doppelte Integrationsfrage: die Integration der Mehrheitsgesellschaft selbst und die der Minderheiten. Mittlerweile gibt es einige Ansätze, die Integrationsthematik mehrdimensional zu betrachten. Sie alle lassen vermuten, dass die Frage danach, was die Gesellschaft zusammenhält, kaum befriedigend beantwortet werden kann, es sei denn,
man stellt an derartigen Zusammenhalt dermaßen bescheidene Ansprüche, dass man von einem solchen eigentlich gar nicht mehr sprechen
kann.

Für Wilhelm HEITMEYER unterscheidet sich die heutige Integrations- Desintegrationsdynamik von früher in drei Punkten: Erstens wird die soziale, ökonomisch-politische Entwicklungsrichtung immer diffuser; zweitens sind die Fragen brisanter Konfliktlinien jenseits politischer Ideologien in den
neuen ethnisch-kulturellen Konfrontationslinien unbeantwortet; und drittens werden immer neue Bevölkerungsgruppen in diese Dynamik hineingezogen, so dass die Angst vor Desintegration zunimmt.

Einer der wesentlichsten Gründe dafür, dass heute die Integrationsthematik so viel Aufmerksamkeit erfährt, ist wohl dem Umstand geschuldet,
dass man angesichts fortgeschrittener Differenzierung einer Gesellschaft auch die Notwendigkeit höher Integration erwartet, andernfalls ja der
soziale wie auch persönliche „Gewinn“ abhanden käme. Was brächte die durch kulturelle Pluralisierung größer gewordene Geltung der jeweiligen
Interessen, wenn gleichzeitig die Wirksamkeit der Regelung von Gegensätzen und Konflikten abnähme?

Nun sind die Versuche einer normativ neutralen Konzeption sozialer Integration entweder gescheitert, oder die Konzeption wird von Menschen,
ihren Bedürfnissen und Ängsten „entleert“ und nur noch sozialtechnologisch gedacht. Als Alternative, die ich im Folgenden forcieren möchte, bietet sich die Idee von der Gleichwertigkeit der Menschen und der Gewaltfreiheit der Verhältnisse und Beziehungen.

Ein Blick auf den Gebrauch des Begriffs Integration macht schnell deutlich, dass selbiger recht nachlässig und interessenorientiert verwendet
wird, ohne dass Rechenschaft darüber abgegeben wird, warum und wozu man ihn auf bestimmte Art und Weise in Anschlag bringt und vor allem
ohne darauf zu reflektieren, was dabei unter den Tisch fällt. So wird Integration zumeist positiv konnotiert, die Ambivalenz des Begriffs, die vorhandenen Mechanismen der sozialen Kontrolle und Zwänge und die damit verbundenen Herrschafts- und Machtverhältnisse, werden für gewöhnlich ausgeblendet. Auch die Gleichsetzung von Stabilität und Integration oder Konfliktfreiheit und Integration ist durchaus problematisch. Dementsprechend wird Desintegration per se negativ
interpretiert. Doch die einfache Gegenüberstellung von positiver
Integration und negativer Desintegration ist nicht sehr hilfreich, denn die gesellschaftliche Entwicklung befindet sich in einer wechselseitigen Integrations-Desintegrationsdynamik. Dagegen gilt es, die Antriebskräfte von Ausformungen der jeweiligen „hellen“ und „dunklen“ Seiten von
Integration und Desintegration gleichermaßen zu berücksichtigen.

Falsch ist auch die Behauptung, dass nicht mehr die hierarchische gesellschaftliche Aufteilung von „oben“ und „unten“ maßgeblich sei, dass es
nun stattdessen um „in“ und „out“ gehe. Demgegenüber ist festzustellen, dass in der funktional differenzierten Gesellschaft die stratifikatorischen
Kategorien keineswegs geschliffen sind. Phänomene sekundärer Differenzierung nach Geschlecht, Hautfarbe, kultureller Zugehörigkeit
usw. werden mit neuen Bedeutungen versehen, die zu immer veränderten Konstellationen von Integration und Desintegration zugleich führen können.

Es gehen also in funktional orientierte Konzeptionen auch stratifikatorische Elemente wie z.B. Positionierungen im Staatsgefüge ein Empirisch lassen sich vielfältige Konstellationen für unterschiedliche Personen und Gruppen feststellen. Durch die Integrations-Desintegrationsdynamik
werden individuell, milieubezogen oder entlang ethnisch-kultureller Zugehörigkeiten komplexe Anerkennungsprozesse geformt,
womit soziale Bindung und politische Loyalitäten erzeugt und stabilisiert werden oder selbige erodieren und lösen sich auf. Die durch gesellschaftliche Modernisierung hervorgerufenen Individualisierungsschübe befördern neue Integrations-
wie Desintegrationsformen, und es stellt sich die Frage, ob diese Dynamik in „Balance“ gehalten werden kann. Innergesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die Globalisierung ökonomischer
Entwicklungen und die ethnisch-kulturelle Partikularisierung lassen es zunehmend undeutlich werden, welche Integrationsmodi und welche
Integrationsressourcen heute noch greifen.

Der Verlauf gesellschaftlichen Wandels hat mehrere Integrationsmodi hervorgebracht. Heutzutage kann, wie HEITMEYER zutreffend feststellt,
gesellschaftliche Bindung nicht mehr als die Auflösung bzw. das Fehlen gesellschaftlicher Konflikte gesehen werden, sondern als Regulation von
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Bewältigt werden demzufolge gesellschaftliche (auch ethnische) Auseinandersetzungen nicht durch
Überwindung, sondern durch das erfolgreiche Prozessieren von Konflikten, wodurch gesellschaftliche Stabilität gesichert und die widerstreitenden
Standpunkte in einem für alle Beteiligten akzeptablen Modus vivendi zusammengeführt werden.

Während die soziologischen Klassiker davon ausgegangen sind, dass die funktionale Differenzierung der Gesellschaft die ethnischen Kategorisierungen zum Verschwinden bringen würden, zeigt
sich heute ein Zunehmen ethnisch-kultureller Auseinandersetzungen.

HEITMEYER nennt folgende anomische Entwicklungen und Gewaltpotenziale, die sich erkennen lassen:
1. Die Strukturkrise, die sich entlang der Differenzierung
gesellschaftlicher Teilsysteme feststellen lässt. Dies führt zur Problementwicklung der stratifikatorischen Positionierung bis hin zur Existenzgefährdung. Wirtschaftliches Wachstum und prosperitätsorientierte Politik verschärfen Ungleichheit. Demokratieabbau bei Wohlstandserhaltung für deutungs- und mobilisierungsfähige
Milieus scheint die fast unausweichliche Konsequenz zu sein.
2. Die Regulationskrise, die davon herrührt, dass durch die Pluralisierung von Werten und Normen „Sinn“ und Verständigung abnehmen. Durch die Pluralisierung von Werten und Normen erhöhtsich die Kontingenzerfahrung und somit auch die Beliebigkeit, daneben wird der Kern der unstrittigen
Normen kleiner, der der umstrittenen dagegen größer.
3. Die Kohäsionskrise, die sich in der Abnahme
von sozialer Anerkennung, Bindungen und Zugehörigkeiten
zeigt. Und so kommt HEITMEYER zu dem Schluss:
„Ein Syndrom, das Desintegrationserfahrungen und Ängste mit Delegitimierung von Normen und der Kontingenz von Wertvorstellungen verbindet sowie ihren Niederschlag sowohl in Vereinzelung
als auch in Re-Aktivierungen von Abgrenzungen erfährt, hat weitreichende Folgen: die ‚Entsicherung’ von Konfliktpotentialen, und damit Gewaltlatenz
durch Gleichgültigkeit, geht in diesem Syndrom einher mit der Absenkung von Gewaltschwellen und der Lenkung von Gewaltprozessen.“
4. Zusammenfassung
Gegenwärtig stehen die europäischen Gesellschaften vor großen Umbrüchen. Die Probleme, die sich mit einem vermehrten Zuzug von Ausländern ergeben, sind tatsächlich vorhanden und sollen hier keineswegs geleugnet werden, wenngleich darauf verzichtet wird, diese ausführlich zu
behandeln oder gar einer Lösung zuzuführen. Beleuchtet man nämlich den gegenwärtigen Diskurs über die Integration von Fremden in die eigene
Gesellschaft so wird schnell ersichtlich, dass sich selbiger über weite Strecken jedenfalls in der breiten Öffentlichkeit von der Wirklichkeit
abgekoppelt hat. Der Beispiele ließen sich viele finden, auf deren Aufzählung muss jedoch aus Platzgründen verzichtet werden. Da werden dann von den Fremden Anpassungsleistungen an Traditionen und Üblichkeiten, die es so nicht oder nicht mehr gibt, gefordert. Während man einerseits
gemeinhin einem überbordenden Individualismus frönt und das Verdampfen von Solidarität mit schicksalsergebenem Achselzucken zur
Kenntnis nimmt, bedient man sich der im großen und ganzen allgemein geteilten Ablehnung von Fremden gleichsam als Alternativquelle von Solidarität. Freilich hat derartige Beruhigung auch ihren
Preis. Dieser besteht darin, dass unter der Hand Prozesse in Gang gesetzt oder verstärkt werden, die man eigentlich nicht wünscht und deren
Konsequenzen im nachhinein umso schmerzhafter empfunden werden, sobald sie dann doch einmal an die Oberfläche drängen.

Es ist höchst an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Integrationsfrage nicht ein für allemal gelöst, sondern angesichts sozialer Modernisierung
erneut und sogar verschärft aufgebrochen ist und sich nun als eine doppelte stellt: als Integration von Minderheiten einerseits und neuerdings
eben auch als Integration der Mehrheitsgesellschaft selbst. Eben diese zweite wird mangels Bereitschaft in der breiten Öffentlichkeit noch
viel zu wenig gesehen und thematisiert. Doch auf Dauer wird es wohl nicht möglich und keinesfalls dienlich sein, die Verwerfungen in einem Gebiet
mit Kurierungsanstrengungen im anderen zu bewältigen. Noch so restriktive und jedenfalls manchmal auch gehässige Maßnahmen gegen Ausländer geben nicht genug her, um die Mängel der Integration der Mehrheitsgesellschaft zu beheben.

Literatur
Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine
andere Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Heitmeyer, Wilhelm (Hg.), 1997a: Was treibt die Gesellschaft
auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem
Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Bd. 1,
Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1997b: Was hält die Gesellschaft
zusammen? Bundesrepublik Deutschland: Auf
dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft,
Bd. 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Münch, Richard, 1996: Risikopolitik, Frankfurt/M.: Suhrkamp,
1998: Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der
schwierige Weg in die Weltgesellschaft, Frankfurt/M.:
Suhrkamp, 2001: Offene Räume. Soziale Integration
diesseits und jenseits des Nationalstaates, Frankfurt/
M.: Suhrkamp
Rohe, Mathias, M.A., 2006: Perspektiven und Herausforderungen
in der Integration muslimischer MitbürgerInnen
in Österreich. Executive Summary, Erlangen-Wien:
Website des Bundesministeriums für Inneres
Rosa, Hartmut, 2005: Beschleunigung. Die Veränderung der
Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp

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