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28. September 2009

Karl W. Deutsch (1912-1992)

Filed under: Uncategorized — bjh @ 08:57

Als nichtversiegende Quelle theoretischer Kreativität hat Karl W. Deutsch eine unüberschaubare Zahl von Detailforschungen inspiriert. Oftmals als bloßer Kommunikationstheoretiker wahrgenommen beschritt Deutsch stets vieldimensionale Pfade. Sein Denken galt immer wieder der Vermittlung materieller und immaterieller, struktureller und prozessualer, harter und weicher Faktoren.

1941 erhielt er an der Harvard University den M.A.; 1942-1952 war er Instructor am benachbarten MIT; 1951 wurde ihm an der Harvard University der Doktortitel verliehen; von 1952-1958 hatte Karl Deutsch eine Professur für Geschichte und Politikwissenschaft am MIT; von 1958-1967 war er Professor of Government an der Yale University; 1967 kehrte er als Professor of Government an die Harvard University zurück, wo er schließlich 1971-1983 eine Professur für Friedensforschung innehatte (Stanfield Professor of International Peace). Ab 1977 war er für 10 Jahre einen Großteil des Jahres im Rahmen des Wissenschaftszentrums Berlin als Direktor des Internationalen Instituts für Vergleichende Gesellschaftsforschung tätig. Hochbetagt übernahm er auf Einladung von Jimmy Carter 1987 noch einmal eine Tätigkeit im Bereich der Friedensforschung an der Emory University in Atlanta. 

Eine zentrale theoretische Überlegung von Karl Deutsch, wie in dem Hauptwerk The Nerves of Government (1963) herausgearbeitet, ist, dass ein Gesellschaftssystem, gleichgültig auf welcher Ebene, sich nur am Leben erhalten kann, wenn es über eine soziale Lernkapazität verfügt. Die Lernprozesse selbst sind von der Struktur des Informationsflusses abhängig, so vor allem von der Leitungskapazität der Informationskanäle und der Effizienz der Steuerungs- und Kontrollmechanismen, dem self-steering.

Soziales Lernen eines Systems ist die Voraussetzung für die Lösung akuter oder langfristiger Probleme. Offen und lernfähig zu bleiben, die eigenen Lernkapazitäten zu hegen und zu pflegen: das sind wichtige Aufgabenstellungen auch jedes politischen Systems.

Vielleicht lässt sich die zentrale Botschaft von Karl Deutsch wie folgt zusammenfassen: Politik kann verkümmern und den Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit verlieren. In Selbstinszenierungen kreist sie dann oft nur noch um sich selbst, Machtbehauptung oder Machterwerb im Sinn. Verdrossenheit, ja Zynismus gegenüber aller Politik stellen sich dann bei den Bürgern ein. Dann kommt auch eine Dialektik zum Tragen, die sich zugespitzt folgendermaßen formulieren lässt: Eine Politik, die Menschen verdummt, verdummt selbst.

Politik kann sich aber auch als wichtiges, viele Menschen motivierendes Medium gesellschaftlichen Lernens erweisen. Dann dient sie auf einzelstaatlicher und internationaler Ebene kritischer Realitätsprüfung im Sinne von wirklichkeitsgerechter Problemerfassung und innovativer Problemlösung. Zu letzteren beizutragen ist die allererste Aufgabe einer sich kritisch verstehenden Sozialwissenschaft, insbesondere auch der Politikwissenschaft. Kritik war dabei für Karl Deutsch eine selbstverständliche Voraussetzung für Innovation.

(Auszug aus soziologie heute, Okt. 2009/Heft 7, Beitrag v. D. Senghaas)

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