soziologieheute-news

17. Oktober 2009

Der Vatikan unter Liberalisierungszwang

Filed under: Allgemein — bjh @ 17:06

von Bernhard Martin

Interpretiert man die „Außenpolitik“ des Vatikans nach weltlichen Kriterien, so erscheint von anti-klerikaler Seite gepflegte Fundamentalkritik am „ewig reaktionären“ Kirchenstaat in differenzierendem Licht. Aus der Forschungsperspektive der Internationalen Beziehungen ließen sich ausgerechnet während der Amtszeit des Bayern Josef Ratzinger – vor seiner Kür zum Pontifex war er oberster „Inquisitor“ Roms – Liberalisierungstendenzen erkennen. Über den medialen Druck nach regelmäßig bekannt werdenden Kirchenskandalen hinaus unterliegt die römisch-katholische Kirche vor allem einem aus internationalen Rechtsbeständen resultierenden Handlungszwang.

Wandel. schafft gesellschaftspolitische Faktizität welche als normative Kraft auf die völkerrechtliche Entität des Heiligen Stuhls wirkt – um den Staatsrechtler Hans Jellinek zu paraphrasieren. Da der strukturellen Transformation durch die Globalisierung keine zivile Reaktion (mehr) standhält, stehen selbst die erzkonservativen unter den Diözesen sowie Kleinstorden wie die Pius-Brüderschaft längst auf verlorenem Posten. Der Stuhl Petri muss sich mit pluralistischen Wertesystemen sowie den Allgemeinen Menschenrechten längst anfreunden. Warum auch nicht? Rom hat sich ohnedies seit dem II. Vatikanischen Konzil durch das Prinzip des „Aggiornamento“ von „il Papa buono“, Johannes XXIII., zu zeitgemäßer Anpassung verpflichtet. Willkommen im Werterelativismus!

So relativierte Benedikt XVI. noch jede der gelegentlich polarisierenden Aussagen des Theologen Ratzinger im Nachhinein – etwa nachdem er an der Universität Regensburg das Werk Mohammeds sowie islamische Glaubensinhalte in Frage gestellt hatte. Auch seine Distanzierung von vereinzelten reaktionären Stimmen, wonach die jüdischen „Glaubens-brüder“ zum christlichen (d.h. römisch-katholischen) Glauben zu missionieren wären, ist von gleicher Symptomatik wie die Rücknahme der Designation eines als intolerant erachteten Windischgarstner Pfarrers als Linzer Weihbischof durch Rom. Und so passt auch die neue Enzyklika „caritas in veritate“ mit ihrer von Beobachtern als „behutsam“ bewerteten Sprache zur liberaleren Tendenz. Ob da nicht selbst der Papst in seiner Rhetorik bzw. die Handlungen des Vatikans gleichsam als Dialektik der Aufklärung interpretierbar wären…?

Völkerrecht über Kirchenrecht
Auch als Völkerrechtssubjekt kann der Heilige Stuhl gar nichts anders als den historisch überholten (Macht-)Anspruch aus der katholischen Staatslehre aufzugeben. – Der vom Vatikan als Hüter „der wahren Religion“ erklärte Vorrang vor dem weltlichen „Irrtum“ – plus angeschlossener Sanktionsmechanismus via feudalherrschaftlicher Vasallen – ist spätestens seit 20. September 1870 durch Waffengewalt erledigt. Nämlich als die italienische Armee nach dem Abzug französischer Schutztruppen in die Vatikanstadt einmarschierte und Pius IX. festsetzte.

Auch die Dogmen religiöser Deutungshoheit sind durch das kirchenamtliche „Ja“ zur Dignitatis humanae, der Religionsfreiheit für den Bürger, in Wirklichkeit obsolet geworden. Folgerichtig ist es daher, wenn heute der Vatikan in Aussendungen der Kathpress auch 60 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf diese Bezug nimmt. Ganz wie es der Papst in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am 18. April 2008 getan hat. Der Vatikanstaat hat in der UNO den Rechtsstatus eines ständigen Beobachters woraus Pflichten erwachsen. Etwa das in der UN-Charta gebotene Anti-Diskriminierungsgebot von Frauen betreffend. – Wenn im Vatikan bei der Feier mit UN-Granden wie am 10. Dezember 2008 erstmals eine Frau vor dem Papst ein Orchester dirigiert hat so ist das ein klares Symbol. – Gleiches Recht für alle gilt nun mal unter allen Mitgliedern der Weltengemeinschaft.

Rom und die katholischen Kirchen dieser Welt sind gut beraten, auch die Unterdrückung der Befreiungstheologie, einseitige Vorgaben in der ökumenischen Diskussion und latente Ressentiments im Dialog mit anderen Religionen ins Vatikanische Archiv zu verweisen. –Einer zivil(gesellschaftlich)en Kraft – dazu sind eben auch die verschiedenen Kirchen pars pro toto zu zählen – steht es in der Tat besser an, neben der Liebe auch Freiheit als zentralen Wert der demokratischen westlichen Welt zu unterstützen – zumal in autoritären Regimen.

Lateranverträge und Konkordate
Dass der Heilige Stuhl die bilaterale Verbindung zu Italien mit Wirkung 1. Jänner 2009 einseitig aufkündigte, wird noch Folgen haben. Nicht nur weil künftig italienische Gesetze für den Vatikan nicht mehr automatisch gelten – erst nach Prüfung durch Katholisches Recht. Vielmehr zeigt sich, dass die 1929 von Mussolini mit dem Bischof von Rom geschlossenen Lateranverträge offenbar nicht in Stein gemeißelt sind. Konkordate zwischen Staaten und Kirche, welche hierzulande stets als nur im beiderseitigen Einvernehmen auflösbar – und damit quasi unauflösbar – in der Öffentlichkeit dargestellt werden, können von jeder Staatsregierung, die mit dem Vatikanstaat Staatsverträge unterhält, auch einseitig abgeändert werden, da dies offenbar dem Vatikan ebenso möglich gewesen ist.

Derlei weckt auch die Aufmerksamkeit von weltlichen Macht-Pragmatikern. So überraschte kürzlich Wiens Bürgermeister Michael Häupl als er im Zuge einer öffentlichen Debatte um einen – angeblich antisemitischen – Islam-Lehrer an einer Wiener Schule das Konkordat zur Disposition stellte. Dahingehend, dass Änderungen, die den staatlich finanzierten Islamunterricht in Wiener Schulen beträfen, auch für den gemäß Konkordat aus Steuergeldern finanzierten katholischen Religionsunterricht entsprechend gelten würden. – Das Konkordat politisch nur anzusprechen war hierzulande bislang ein echter Tabu-Bruch, den kleinkalibrige Politiker stets mit abruptem Karriere-Knick büßten. Jetzt bedürfte es noch der „Schwarzen“, um im Zuge einer hochnotwendigen Staatsreform durch diese Regierung auch die alte Kiste Konkordat anzupacken.

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