soziologieheute-news

17. Oktober 2009

Gedanken zum „ganz normalen Wahnsinn“

Filed under: Bernhard Hofer — bjh @ 17:21

Warum geht es dem Einzelnen so schlecht, wo es doch allen so gut geht?

von Bernhard Hofer

(aus: Public Observer, Nr. 52 v. 3. 6. 2008)

Vor rund drei Jahrzehnten gab es im ORF eine Fernsehserie mit dem Titel „Der ganz normale Wahnsinn“. Die darin von einem etwas schrullig wirkenden, erfolglosen Nachwuchsautor gestellte Frage „Warum geht es dem Einzelnen so schlecht, wo es doch allen so gut geht“ gewinnt heutzutage offensichtlich an Brisanz. Während einerseits Rekordgewinne von Konzernen bei den Anlegern Freude aufkommen lassen, zittern die einfachen Konsumenten weltweit um ihre Kaufkraft. Nach jüngsten Meldungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wurde die Prognose für das Wirtschaftswachstum der 15 Euro- Länder von Plus 1,4 Prozent auf Plus 1,75 Prozent erhöht. Trotz des hohen Ölpreises und der Finanzkrise in den USA wird die Wirtschaft im Euro-Raum weiter wachsen. Erst im Jahr 2009 wird seitens des IWF aufgrund des hohen Ölpreises und steigender Lebensmittelpreise ein leichter Rückgang auf 1,25 Prozent erwartet; die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet – etwas optimistischer – mit einem Plus von 1,8 Prozent.

Die steigenden Preise für Grundnahrungsmittel sind derzeit ein weltweites Problem. Die Ursachen liegen vor allem in der gestiegenen Nachfrage nach Biotreibstoffen und in der Fleischproduktion. Spekulanten haben dabei wesentlich zur Preissteigerung bei Lebensmitteln beigetragen. Leidtragende sind besonders die armen Menschen in den Entwicklungsländern, welche bereits mehr als 80 Prozent ihres Einkommens für die Ernährung aufwenden
müssen. Laut neuesten Pressemeldungen konnte der Konzern Monsanto seine Nettoeinkünfte im Vergleich zum Vorjahr in den drei Monaten bis Ende Februar auf 1,12 Mrd. Dollar mehr als verdoppeln. Und auch der weltgrößte Verarbeiter von Soja, Mais und Korn, Archer Daniels Midland, konnte seine Gewinne in derselben Zeitspanne um 42 Prozent steigern. Auch Dünger wird immer knapper und dieser Mangel hat die Preise dafür verdreifacht. Die Entwicklungsländer – angewiesen auf Erntesteigerungen – sind davon besonders stark betroffen.

Laut einer ersten Inflationsschätzung erreichte die Teuerung im Mai mit 3,6 Prozent einen neuen Höchststand. Aufgrund der Inflation müssten eigentlich die Zinsen steigen; dies würde allerdings die Konjunktur dämpfen. Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) sieht die hohen Nahrungsmittelpreise als vorübergehendes Problem und rechnet mit einer Gegenbewegung bis 2012. Die Wifo-Prognose basiert darauf, dass sich die Immobilienpreise und Aktienkurse erholen und die Erdölpreise einbremsen werden.

Der ehemalige portugiesische Präsident Mario Soares beklagt, dass – obwohl das europäische Parlament in der letzten Legislaturperiode an Glaubwürdigkeit und Konsistenz gewonnen hat – in diesem Europa niemand mehr von der Zukunft spricht; Die verschiedenen Krisen – wirtschaftliche, energiepolitische, die der Umwelt und der Lebensmittel – kreuzen sich und beeinflussen sich gegenseitig. Dem gegenüber findet sich die generelle Unfähigkeit, diesen Krisen innovativ zu begegnen.1)

Versucht man nun diese weltweiten Entwicklungen mit ihren Auswirkungen aus den Augen des einfachen Konsumenten zu betrachten, so beginnen nun die ersten Alarmglocken zu läuten. Mit anderen Worten: der soziale Kelomat beginnt langsam zu pfeifen.

Ich möchte in der Folge nur einige Auswirkungen aufzählen, welche BürgerInnen derzeit besonders zu schaffen machen. Nach den aktuellen Ergebnissen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)2) hat sich in Deutschland das Konsumklima im Mai relativ stark verringert. Die Rekordpreise an den Tankstellen, hohe Energiekosten und die Angst vor Inflation sowie nach unten geschraubte Einkommenserwartungen ließen die Anschaffungsneigung der Konsumenten nach unten sinken. Lediglich die Manager in den Chefetagen sind noch optimistisch eingestellt.
Das Markt– und Sozialforschungsinstitut IFAK3) zeigte auf, dass die Loyalität von Mitarbeitern gegenüber ihren Arbeitgebern in den vergangenen Monaten stark nachgelassen hat. Gerade in größeren Unternehmen fühlen sich Angestellte oftmals hin– und hergeschoben, als „Humankapital“ betrachtet, haben wenig bis kein Mitspracherecht und präsentieren ihren Arbeitgebern letzten Endes die Rechnung. Der zunehmende Facharbeitermangel wird seitens der Unternehmen zwar immer wieder beklagt, entsprechende Gegenmaßnahmen greifen jedoch zu kurz und erzielen nicht die gewünschte Wirkung. Für zahlreiche Arbeitnehmer wird die vermehrte Umstellung auf Leiharbeit problematisch, insbesondere für jene, die über zu geringe berufliche Qualifikationen verfügen.

Der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) konstatiert einen Anstieg von psychischen und Verhaltensstörungen in der Arbeitswelt. Während die Zahl der Arbeitsunfälle abnimmt, konstatiert man einen enormen Anstieg der psychischen Belastungen am Arbeitsplatz und vermehrte Krankschreibungen.

Die psychischen Probleme, welche sich quer durch alle Berufsgruppen ziehen, sind Depressionen, Angststörungen und auch Suchterkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass bereits im Jahr 2020 die depressiven Verstimmungen nach den Herzerkrankungen an zweiter Stelle stehen werden. Burnout und Depressionen zeigen sich besonders deutlich in Gesundheits– und Sozialberufen, bei Lehrern und Lokführern. Die Psychologen berichten, dass mindestens 20 Prozent der Ärzte unter dem Burnout-Syndrom leiden; die Suizidraten bei Medizinern sind drei– bis fünffach erhöht; bei Lehrern Lehrern spiegelt sich diese Entwicklung in der hohen Zahl von Frühpensionierungen wider. 4) Die oftmals für Arbeitnehmer unerwartet kommenden Veränderungen in der Arbeitswelt durch Fusionierungen, Outsourcing, Stellenabbau usf. führen dazu, dass heute oftmals die gleiche Arbeit durch weniger Personal erbracht werden muss. Die für den Ausgleich notwendige Freizeit erfährt dabei
starke Einschränkungen.

So machten beispielsweise im letzten Jahr rund 820.000 Beschäftigte in Österreich Überstunden – durchschnittlich 8,8 Stunden pro Woche. Die höheren Lebenskosten schlagen sich jedoch auch auf bislang lieb gewonnene Orte der Kommunikation und Konsumation nieder – auf die Gastronomie. Wie das Marktforschungsinstitut CHDExpert/Marktplatz Hotel feststellte, hat die durchschnittliche Verweildauer der Gäste in Kneipen und Restaurants in den vergangenen sechs Monaten abgenommen. Hierzu wurden 1050 Gastronomiebetriebe – Restaurants, Gasthöfe, Kneipen und Hotelrestaurants – im April 2008 befragt. Deutlich abgenommen hat auch die Konsumationsmenge. Das Gourmetdinner mit Freunden findet deutlich seltener statt, in Bistros bleibt über die Hälfte der Gäste maximal eine Stunde und auch das Auswärtsessen muss heutzutage viel schneller gehen. Laut CHDExperten sind dafür die höheren Lebenshaltungskosten, steigende Energiepreise und zu einem guten Teil auch das Rauchverbot verantwortlich. 5)

Nicht nur das Essengehen ist für die BürgerInnen teurer geworden, auch die Gehälter der sogenannten „Mittelschicht“ können mit den Kosten für Lebensmittel, Treibstoff und Energie immer weniger mithalten. Besonders belastet sind dabei auch die jungen Paare, also die „Zukunft“, welche dabei ist, sich eine Existenz aufzubauen. Für alleinverdienende Jugendliche wird es fast zur Notwendigkeit, möglichst lange im „Hotel Mama“ zu bleiben und junge doppelverdienende Paare sind – wenn sie sich nicht auf Bankkredite einlassen möchten – auf finanzkräftige Mithilfe ihrer Angehörigen bei der Wohnraumschaffung angewiesen.

Trotz laufender Bemühungen seitens des Staates ist Kinderkriegen nicht attraktiv genug. Die Kosten für das Aufziehen sind zwar nicht der ursächliche Grund aber dennoch ein mitausschlaggebender Faktor. Sehr vorsichtig gerechnet kostet ein Kind die Eltern bis zum vollendeten 18. Lebensjahr mindestens 50.000 Euro, bis zum vollendeten 27. Lebensjahr mindestens 110.000 Euro.6) Um diese Summe wird bei Diskontern laut Prospekt ein Einfamilienhaus angeboten.

Alois Guger vom Wifo zeigt auf, dass das unterste Fünftel in der Einkommensverteilung während der letzten zehn Jahre Einbußen beim Lohneinkommen von acht Prozent zu verzeichnen hatten; bei den obersten zwanzig Prozent waren es Zuwächse von rund 20 Prozent. Nach Konsumerhebungen gibt das untere Einkommensdrittel derzeit mehr aus als es einnimmt; die Differenz muss also entweder über familiäre Transfers oder über Kredite finanziert werden. Auch der Konjunkturaufschwung hat – so Guger – kaum etwas an der Situation geändert. Es wurde zwar mehr Arbeit geschaffen, diese jedoch vor allem in Form atypischer und oft nicht existenzsichernder Beschäftigungen.7)

Nach dem Salzburger Universitätsprofessor Nikolaus Dimmel schrumpft die Mittelschicht; ein großer Teil rutscht in die Armut ab. Viele finden sich aufgrund mangelnder Chancen am Arbeitsmarkt in der Selbständigkeit wieder, scheitern dort und bilden mit 30 Prozent den größten Teil der Kunden bei den Schuldnerberatungsstellen. Nikolaus Dimmel sieht zwei soziologisch definierte Gruppen von Schuldnern: ein Teil, welcher sich Geld leihen muss, um den Lebensunterhalt zu fristen, ein anderen Teil, welcher zusätzliches Geld benötigt, um im Statuswettbewerb mithalten zu können. 8)

Betrachtet man die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung – der einerseits oftmals zur Schau gestellte Luxus und Reichtum, die aus Langeweile von Event zu Event eilende „Seitenblick-Gesellschaft“, die Privilegien einer Minderheit etc. und andererseits die drückende Schuldenlast und das stete Abgleiten von immer mehr Menschen in Richtung Armutsgefährdung, die Restriktionen bei Handel und Gewerbe, die Gesetzesflut, die zunehmende und schon fast zum Alltag gehörende Überwachung des Einzelnen usf. – so lassen sich unweigerlich viele Parallelen zur Geschichte wiederfinden.

Tiefe soziale und politische Unzufriedenheit bei der halbverhungerten und enteigneten Bevölkerung war einer der Hauptgründe für den Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Rund 25 Millionen Bürger, Arbeiter, Handwerker und Bauern mussten für sämtliche Steuerleistungen aufkommen. Ihnen standen

• der Klerus mit 150.000 Mitgliedern, von der zivilen Gerichtsbarkeit enthoben und von sämtlichen Steuern befreit sowie mit einem Fünftel Landbesitz ausgestattet und
• der Adel mit 110.000 Mitgliedern, privilegiert durch die Möglichkeit der Steuereinhebung, bevorzugt bei staatlichen und militärischen Diensten, ebenfalls von Steuern befreit und mit einem Fünftel Landbesitz versehen gegenüber. Zu der von den Unterprivilegierten empfundenen Ungerechtigkeit kamen noch weitere Faktoren hinzu: Ungerechtigkeit und hohe Steuern, außenpolitische Niederlagen, der Einfluss der „Glorreichen Revolution“ von England, der Revolution in Amerika und intellektuelle Einflüsse.

Claude-Henri de Rouvroy Comte de SAINTSIMON (1760 – 1825) forderte seinerzeit eine Überführung der Produktionsmittel in das Eigentum des Volkes; Adel, Militär und der Klerus sollten entmachtet werden; Privateigentum sollte jedoch erhalten bleiben. Nach Saint-Simon sollte die Gesellschaft von jenen, die über genügend Einkommen verfügen, auf „ehrenamtlicher Basis“ regiert werden. Ziel aller sozialer Institutionen sollte es sein, das Los der ärmsten und zahlreichsten Klasse geistig, moralisch und physisch zu verbessern.

Der Frühsozialismus im 18. und frühen 19. Jahrhundert entwarf konkrete Bilder einer idealen sozialistischen Gemeinschaft. Teilweise gab es auch modellhafte Versuche, diese Gemeinschaften in Form von sozialen Experimenten zu verwirklichen. Im Gegensatz zu Jeremy Bentham (1748-1832 – das größte Glück der größten Zahl) meinte John Stuart Mill (1806-1873), dass das anzustrebende Ziel nicht das exakt aufrechenbare Glück aller sei, sondern die Berücksichtigung verschiedener Qualitäten des Glücks der Mehrheit. Damit – so könnte man sagen – wurde Mill zum Vorläufer der Lebensqualitätsforschung. Mill trat für Koalitionsfreiheit und Mitbeteiligung der ArbeiterInnen an den Betrieben ein. Im Vordergrund sollte eine gerechte Verteilung des Vorhandenen stehen – auf alle Fälle vor dem Produktionswachstum.

Die Industrialisierung brachte eine neue Unternehmerschicht hervor, welche ihre Interessen in der Kapitalvermehrung und Liberalisierung der Wirtschaft sah. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts machte sich
Pessimismus breit. Charles Darwins Vorstellungen vom Überleben des Stärkeren im Kampf ums Dasein gewann zahlreiche Anhänger. Auf der Suche nach einem „Sündenbock“ wurde man auch bald fündig: Juden, Fremde und Sozialisten waren das erklärte Feindbild. Die Arbeiterparteien erlangten großen Zulauf und die Kluft zwischen Kapitaleignern und der Arbeiterklasse wurde immer größer. Für das Bürgertum blieb dazwischen kein Platz mehr.

Nach den beiden Weltkriegen und dem darauf einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung setzte auch beim „einfachen Konsumenten“ eine neue Entwicklung ein. Fast jeder entwickelte das Gefühl, nicht mehr „unten“ zu sein, sondern an der Fülle und am Luxus teilhaben zu können. Es war nun vermehrt auch für den einfachen Mann möglich, in den Urlaub zu fahren, sich einen Fernsehapparat anzuschaffen etc. Der deutsche Soziologe Helmut Schelsky prägte damals den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Nach Schelskys These bewegten sich immer mehr Menschen aus den Unterschichten in die Mittelschicht und diese Mittelschicht erfuhr auch Nahrung von der Oberschicht. Dieses Anwachsen der Mittelschicht führte seiner Meinung nach dazu, dass sich deren Angehörige letztlich als eigener Stand – als Mittelstand – verstanden.

Mit Aufkommen der Postmoderne – dem Verlust von Solidarität, traditionellen Bindungen, der Sektoralisierung des gesellschaftlichen Lebens in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen mit einander widersprüchlichen Denk– und Handlungsweisen – und der ökönomischen Entwicklung ab dem Ende der 1970er Jahre, welche zu einer sozialen Kluft
führte, tauchte wiederum ein neuer Begriff auf: die „Zwei-Drittel-Gesellschaft“. Der Begriff „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ weist auf eine Entwicklung hin, bei welcher etwa zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung, die über gutbezahlte, relativ sichere Arbeitsplätze verfügen undam Zuwachs des Volkseinkommens teilhaben, rund einem Drittel der Bevölkerung, welche davon ausgeschlossen sind, gegenüber stehen. Als Ursache hiefür sieht man den hohen Bestand an Dauerarbeitslosen und Teil– bzw. Unterbeschäftigten, welcher auch in Phasen wirtschaftlichen Wachstums nicht ausreichend reduziert wird. Somit bildete sich eine neue soziale Unterschicht heraus. Seit dem Anfang dieses Jahrhunderts gibt es dafür auch den Begriff des „Prekariats“. Den Begriff erläuternd meint der Italiener Alex Foti: „Das Prekariat ist in der post-industriellen Gesellschaft, was das Proletariat in der Industriegesellschaft war.“ Damit wird keine sozial homogene Gruppierung beschrieben. Hierunter fallen einkommensschwache Selbständige, PraktikantInnen, Alleinerziehende, verarmte Adelige, erfolglose Wissenschaftler oder Künstler und immer mehr MigrantInnen der zweiten oder dritten Generation.

Die zunehmend schlechter werdende Schichtmobilität nach oben, soziale Einschnitte in (vermeintlich erworbene) Rechte und Eintrittsbarrieren in den Beruf lassen Darwins Idee vom Überleben des Stärkeren im Kampf ums Dasein (Flexibilität, räumliche und zeitliche Mobilität …) und die Suche nach Schuldigen neu aufkeimen. Besonders betroffen sind dabei die „Fremden“, die seinerzeit gerne willkommen geheißenen, später dann auch die Asyl gefundenen oder die temporären ausländischen Arbeitskräfte und ihre Nachfolgegenerationen.

Der Soziologe Armin Nassehi bezieht sich in seinen Betrachtungen auf den Klassiker Simmel9) und nimmt dessen Definition des Fremden als Ausgangspunkt. Als „Fremder“ wird dabei nicht jener gemeint, der heute kommt und morgen geht (also der Wandernde), sondern der, welcher heute kommt und morgen bleibt. Nassehi geht es darum, wie der Fremde als Fremder wahrgenommen wird und wie der Fremde letztlich zum Feind wird. Am Beispiel der Integration von Arbeitsmigranten zeigt er auf, dass der Fremde erst dann zum Feind wird, wenn er nicht mehr fremd, sondern zum Vertrauten geworden ist. 10)

Er lehnt sich dabei an die Unterscheidung Zygmunt Baumanns an: „Es gibt Freunde und Feinde. Und es gibt Fremde.“11) Nassehi zeigt auf, dass dieses Fremde aus dem Raum der gesellschaftlichen Vertrautheit (des vertrauten Antagonismus) herausfällt; es erscheint als etwas Unbekanntes, das nicht erwartet wurde und nicht vertraut ist. Der Fremde wird zu einem Menschen, der kein Bürger ist, d. h. ihm werden nicht alle Menschen-/ Bürgerrechte zuteil oder – mit anderen Worten – der Fremde ist zwar Teil der gesellschaftlichen Ordnung, kann jedoch nur eingeschränkt an den Vergünstigungen dieser Ordnung teilhaben. Fremde sind diejenigen, welche in vertraute Räume eindringen und aufgrund ihrer Unbestimmbarkeit die soziale Ordnung in Frage stellen.

Um seine Theorie empirisch zu belegen greift Nassehi auf die Wanderungsstudien Hartmut Essers 12) zurück. Am klassischen Beispiel der Arbeitsmigranten der 50er und 60er Jahre aus Südeuropa und Vorderasien nach Mitteleuropa sieht man, dass Einwanderer in ökonomische Nischen eindringen und dort absorbiert werden. Sie füllen damit Bereiche „defizitärer Funktionserfüllung“ auf. Der Fremde wird noch auf Distanz gehalten. Spätestens in der zweiten Generation wird jedoch der Fremde rein formal zu einem gleichen Mitbewerber beim Zugang zu knappen Ressourcen und Lebenschancen. Nunmehr wird er paradoxerweise als Fremder wahrgenommen, obwohl er dies nicht mehr ist. Er ist Freund oder Feind. Wenn nun die eigene Position im Wettbewerb um knappe materielle oder kulturelle Ressourcen als durch den Fremden geschwächt erscheint bzw. es gelingt, ihm die Ursache – den „Schwarzen Peter“ – zuzurechnen, entsteht daraus Feindschaft.

Gerade unter den Muslimen im Westen haben sich seit den 90er Jahren zunehmend kommunitaristische Strömungen ausgebreitet. Al-walā‘ wa-l-barā   ist ein wichtiger muslimischer Grundsatz im Umgang mit den Anhängern anderer Religionen. Übersetzt heißt es etwa Freundschaft/ Unterstützung und Meidung. Gemeint ist damit der Grundsatz, sich von allen Nichtmuslimen fernzuhalten und die Nähe von Muslimen zu suchen und diese im Notfall gegen Nichtmuslime zu unterstützen. In Anbetracht vorheriger Überlegungen darf dies nicht verwundern. Die in den Medien immer wieder diskutierten „Parallelgesellschaften“ sind somit hausgemacht.

Woran liegt es nun, dass es dem Einzelnen immerschlechter geht, obwohl es doch allen so gut geht? Nach Talcott Parsons12) werden einzelne Handlungen nicht isoliert, sondern im Rahmen eines strukturellen und funktionalen Systemzusammenhanges betrachtet. Um einen möglichst stabilen Zustand des Systems wiederum herbeizuführen, müsste man den Subsystemen ermöglichen, ihre unterschiedlichen funktionalen Leistungen für das System einzubringen. Die Problematik besteht nun darin, dass dem Erhalt des Systems alle Leistungen von Subsystemen untergeordnet sind. Dies war insbesondere in den USA ein probates Mittel, farbige US-Amerikaner in ihrer seinerzeit mit wenig Rechten ausgestatteten Umwelt zu halten. Anders ausgedrückt würde dies heute bedeuten, dass unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung eines vom Konjunkturwachstum gezeichneten wirtschaftspolitischen Systems alle Subsysteme eingebunden werden müssen, um ihren Beitrag zur Strukturerhaltung leisten zu können. Die Gefahr besteht nun darin, dass durch eine zu starre Fixierung auf die Strukturerhaltung des Gesamtsystems eine Art Erstarrung eintritt, welche entwicklungshemmend wirken und in letzter Konsequenz das gesamte System – da nicht mehr lebensfähig – kippen kann.

Niklas Luhmann14) erweiterte die Theorie Parsons, indem er nicht die Struktur, sondern die Funktion in den Mittelpunkt stellt und die Kommunikation als zentralen Punkt der Systemtheorie bezeichnet. Nicht die Struktur ist entscheidend, sondern vielmehr das Verhältnis zwischen einzelnen Systemen und die Funktion dieser. Moderne Gesellschaften sind komplexe Gebilde und diese Komplexität verstärkt sich immer mehr durch funktionale Differenzierung. Dadurch dass es immer mehr Unterschiede zwischen einzelnen sozialen Gruppen gibt, entstehen auch immer mehr Subsysteme, welche wechselseitig voneinander abhängig sind. Mit zunehmendem Grad der Differenzierung einer Gesellschaft als soziales System verliert auch die Struktur ihre Bedeutung als Erklärung gesellschaftlicher Zustände. Luhmann sieht die Entwicklung einer Gesellschaft im Grad ihrer Ausdifferenzierung begründet. Soziale Systeme sind nun darauf ausgerichtet, diese Komplexität zu reduzieren und den beteiligten Personen somit eine Orientierungshilfe zu geben. Für Luhmann ist das politische System ein Teilsystem der Gesellschaft. Die Vorstellung, dass die Politik hierarchisch die Gesellschaft steuert, ist seiner Ansicht nach überholt. Die Gesellschaft steuert sich selbst und die Politik übernimmt exklusiv die Funktion des Bereithaltens der Kapazitäten zu kollektiv bindendem Entscheiden. Durch funktionelle Differenzierung bilden sich in der Gesellschaft sogenannte Teilsysteme heraus (politisches System, Rechtssystem, Erziehungssystem, Wirtschaftssystem …), welche für die Gesellschaft wiederum bestimmte Funktionen übernehmen.

In Anlehnung an Luhmann bin ich nun der Meinung, dass – wenn es zu Defiziten in einem Teilsystem kommt -muss dessen Funktion von anderen oder sich neu herausbildenden Teilsystemen übernommen werden. Werden Defizite durch andere oder neue Teilsysteme verspätet oder nicht ausgeglichen, so wird das Gesamtsystem instabil und unberechenbar. Nationalstaaten haben die Funktion, kollektiv verbindliche Entscheidungen an die jeweils regional sehr unterschiedlichen kulturellen oder wirtschaftlichen Bedingungen anzupassen. Dabei sind diese Nationalstaaten auf Organisationen (Parteien, Verwaltung, Interessensvertretungen, NGO’s …) angewiesen, auf die dortigen Mitgliedschaften und Entscheidungen (= interne Differenzierung). Werden einzelne Organisationen bewusst ausgeschlossenoder vernachlässigt, so bleibt diesen nichts anderes übrig als sich auf der Basis von Beobachtung und Kommunikation selbst zu entwickeln und zu verändern und sie wählen aus den vorhandenen Möglichkeiten jene aus, die ihrer Selbstschöpfung bzw. –erhaltung dienen. Damit kann im Extremfall neben dem Staat als eine Organisation des politischen Systems eine Parallelorganisation mit entsprechender interner Differenzierung entstehen, welche wiederum entsprechende Auswirkungen auf die Teilsysteme der Gesellschaft insgesamt hat.

Diese Vorgänge lassen sich derzeit in vielen Bereichen der Welt beobachten. Die Gründe sind vielfältig und finden sich in sozialen Mißständen, Unterdrückung, Isolierung, Ausgrenzung, Ausbeutung usf. Im Zuge der Globalisierung sind Europa und seine Mitgliedsstaaten davon nicht ausgeschlossen.

In diesem noch jungen, doch geschichtsgeprägten, Europa wird Vielem noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt: die Zunahme der Streiks, Jugendkrawalle, Zwei-Drittel-Gesellschaft, Spekulantenunwesen, Burnout, Symbolische Terrorattacken, Migration und Integration, Zunahme von Amokläufern bis hin zur Bedrohung von Lokalpolitikern usf. Bei all den Vorwürfen gibt es jedoch auch einige gute Ansätze, welche auf europäischer Ebene vorangetrieben werden. Das junge Europa gewinnt vermehrt an Selbstbewusstsein und will auch weltweit mehr Verantwortung übernehmen. Im Klimaschutz, bei der Gemeinsamen Außen– und Sicherheitspolitik, in Teilen der Bildungspolitik und der Förderung der Regionalentwicklung wurden erste positive Schritte gesetzt. Große Themen wie eine gemeinsame Gesundheits– und Sozialpolitik lassen jedoch noch auf sich warten. Es bleibt zu hoffen, dass uns die Geschichte nicht einholt.

Ein Resultat politischer Kommunikation, wo kollektiv bindende Entscheidungen auf Konsens vorbereitet werden, ist die Öffentliche Meinung. Diese Vorbereitung erfolgt durch Testen bzw. Verdichten von Informationen. Massenmedien nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Die Öffentliche Meinung fördert vor allem Themen, die den Eindruck sachlicher Orientierung vermitteln, da diese auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für ihre Durchsetzung aufweisen als Themen, hinter denen man ein bestimmtes Motiv vermutet. Was nun Personen und Organisationen als Öffentliche Meinung annehmen, wird letztlich auch zur Öffentlichen Meinung. Was vom Einzelnen jedoch aufgrund seiner täglichen Erfahrungen und Eindrücke nicht als Öffentliche Meinung angenommen werden kann, wird für ihn auch nicht zur Öffentlichen Meinung – es bleibt lediglich die „veröffentlichte Meinung“ bestimmter Medien, denen man auch ein Motiv unterstellt – ein Motiv, welches in krassem Widerspruch zum Bedürfnis des Betroffenen steht.

Die Botschaft „Es geht uns allen doch so gut“ hören nur, die es hören wollen und können. Darum geht es heute so manchem schlecht.

Literaturhinweise:
1) vgl. Diário de Noticias, Portugal, 6.5.2008.
2) vgl.
http://www.gfk.de, 2. 6. 2008.
3) vgl.
http://www.ifak.com, 2.6.2008.
4) vgl.
http://www.bdp-verband.de, 2.6.2008.
5) vgl.
http://www.chd-expert.de, 2.6.2008.
6) eigene Berechnungen
7) vgl.
http://oe1.orf.at/highlights/118566.html, 2. 6. 2008.
8) vgl. ebd.
9) Simmel, Georg, Der Mensch als Feind. Zwei Fragmente aus
einer Soziologie, In: Der Morgen. Wochenzeitschrift für
deutsche Kultur, Jg. No.2, Berlin, 1907, S. 55-60.
10) Nassehi, Armin, Der Fremde als Feind. Soziologische Beobachtungen
zur Konstruktion von Identitäten und Differenzen.
In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie,
Jg. 47, Heft 3, Köln,1995, S. 443-463.
11) Baumann, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz. In: Uli Bielefeldt
(Hrsg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus
in den Alten Welt? 2. Aufl., Junius, Hamburg, 1992, S. 23.
12) Esser, Hartmut, Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation
und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen
und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse.
Luchterhand, Darmstadt und Neuwied, 1980
13) vgl. Parsons, Talcott/Smelther, Neil J.: Economy and Society.
A study in the integration of economic and social theory.
Routledge, London, 1984.
14) vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Erster
und zweiter Teilband, Frankfurt am Main, 1997.

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