soziologieheute-news

17. Oktober 2009

Ländliche Frauen- und Geschlechterforschung

Filed under: Theresia Oedl-Wieser — bjh @ 17:32

von Theresia Oedl-Wieser

In der ländlichen Sozialforschung in Österreich gewinnen Frauen- und Geschlechterfragen in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit. Dies zeigt sich nicht nur in einer steigenden Zahl an Forschungsarbeiten, sondern auch in der Vielfalt der Themen. In diesem Beitrag werden die einzelnen Phasen der Frauen- und Geschlechterforschung in Österreich vorgestellt.

Die erste „Frauenstudie“, die sich mit der Position der Frauen in der Außenwirtschaft von landwirtschaftlichen Betrieben in Österreich befasste, wurde erst Ende der 1960er Jahre durchgeführt (SCHEWCZIK, 1971). Was waren die Ursachen für diese „verspätete“ Befassung mit ländlichen Frauen- und Geschlechterfragen in Österreich? War es das männlich dominierte Forschungsfeld oder das konservativ-bewahrende agrarische Milieu, das Fragen zur Situation der Frauen in der ländlichen Gesellschaft nicht aufkommen ließ?

Beide Aspekte sind sicherlich von großer Bedeutung und erst mit der gesellschaftlichen Öffnung in den 1970er Jahren durch soziale Bewegungen wie die Neue Frauenbewegung oder die Ökologiebewegung, ist auch die ländliche Sozialforschung in Österreich durch kritisch-emanzipatorische Ansätze herausgefordert worden.

1. Anspruch und Entwicklung feministischer Wissenschaft
Ende der 1960er Jahre trat die „Neue“ Frauenbewegung an, Gesellschaft und Staat radikal zu verändern. Es ging um die Humanisierung der Gesellschaft und um die Überwindung des Androzentrismus im Wissenschaftsbetrieb. Feministische Wissenschaft setzte sich zum Ziel, das Leben und Handeln von Frauen sichtbar zu machen und sich mit den sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen ihrer Unterdrückung auseinander zu setzen (ROSENBERGER und SAUER, 2004, 256).

Die Frauenforschung konzentrierte sich zunächst auf den Nachweis der Nichtwahrnehmung des Lebens und Handelns von Frauen in den Wissenschaften und es wurden Wege gesucht, das männerzentrierte Leitbild in der Wissenschaft zu revolutionieren (MAIHOFER 2004, 13). Die Frauenforschung an den Universitäten bezog ihre Problemwahrnehmung vielfach aus den politischen, ökonomischen, intellektuellen und kulturellen Entwürfen der Neuen Frauenbewegung.
Das übergeordnete Ziel der Frauenforschung in den 1970er und 1980er Jahren war es, Frauen zu politisch autonomem Handeln zu ermächtigen.

Insbesondere die Kritik an der ausschließlich auf Frauen reduzierten Theorie und Forschungspraxis führte ab Mitte der 1980er Jahre zu einem Perspektivenwechsel hin zur Geschlechterforschung. Geschlecht wurde nicht mehr als etwas selbstverständlich Naturgegebenes angesehen, sondern als eine „soziale“ Kategorie.
Zu Beginn der 1990er Jahre kommt es neuerlich zu einem einschneidenden Perspektivenwechsel. Die mittlerweile gebräuchliche Differenzierung von biologischem und sozialem Geschlecht wird von Feministinnen in Frage gestellt. Im feministischen (De-)Konstruktivismus werden die beiden Geschlechter nicht mehr als natürlich gegebene sondern als spezifische gesellschaftlich-kulturelle Existenzweisen oder als sozial konstruierte Genus-Gruppen angesehen. Die Handlungsfelder liegen eher im Symbolischen, in der Sprache und der kulturellen Subversion als in der Auseinandersetzung mit Institutionenpolitik und Ökonomie.

2. Ländliche Sozialforschung
Die ländliche Sozialforschung in Österreich erfolgte über einen langen Zeitraum losgelöst von den Institutionen der allgemeinen Soziologie. Diese ‚Abschottung‘ war und ist teilweise heute noch maßgeblich bedingt durch einen hohen Anteil an Auftragsforschung (Verwaltung, Interessenvertretung) und einen begrenzten wissenschaftlichen Austausch mit verwandten Disziplinen (WIESINGER, 2004, 94). Die Frühphase der ländlichen Sozialforschung war durch starke gegensätzliche ideologische Strömungen (Austromarxismus, Ständestaat) bestimmt. Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg war das Thema der „traditionellen Bäuerlichkeit“ zentral, es wurden aber auch zahlreiche explorative Dorfstudien durchgeführt. Erst in den 1970er und 1980er Jahren wurden durch „agraroppositionelle“ WissenschaftlerInnen, die sich kritisch mit der Einkommenssituation, dem Förderungswesen sowie den Lebens-, Arbeits- und Machtverhältnissen in der Landwirtschaft auseinandersetzten, neue und systemkritische Akzente gesetzt (KRAMMER und SCHEER 1978). Ab den 1990er Jahren rückten im Zuge agrarpolitischer Umorientierungen in Österreich und in der Europäischen Union Themen wie Erwerbskombination und Fragen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit sowie der integrierten ländlichen Entwicklung ins Zentrum der ländlichen Sozialforschung (VOGEL, 2000, 242ff).

3. Ländliche Frauen- und Geschlechterforschung
Ländliche Frauen- und Geschlechterforschung hat in Österreich im Laufe der Zeit eine bemerkenswerte Ausweitung erfahren. Dabei ist ein Nebeneinander von unterschiedlichen Fragestellungen und perspektivischen Ausrichtungen festzustellen. Die breite, oft inter- und transdisziplinär arbeitende akademische Gemeinde spiegelt den Cross-cutting Charakter wider.

Unsichtbarkeit der Bäuerinnen und Frauen am Land (1945 – 1965)
Obwohl die unterschiedlichen und vielfältigen Aktivitäten von Bäuerinnen für die landwirtschaftlichen Betriebe und für die ländliche Gesellschaft von größter Bedeutung waren, wurden nach dem zweiten Weltkrieg bis etwa 1965 keine Studien zu diesem Thema durchgeführt (PEVETZ, 1974, 167ff). Ländliche Sozialforschung befasste sich zu diesem Zeitpunkt eher damit, geschlechterunspezifische Informationen für die Beratung und für die agrarische Verwaltung zu sammeln.

Studien zum Arbeitsalltag und dem täglichen Leben von Bäuerinnen (1965 – 1985)
Das Ziel der ersten Arbeitszeitstudie „Die Mitarbeit der Bäuerin in der Außenwirtschaft“ (SCHEWCZIK, 1971) war es, die Mitwirkung und die Arbeitslast der Bäuerinnen in den Arbeitsbereichen jenseits des Haushalts (Feld- und Stallarbeit, Maschinenarbeit, Urlaub auf dem Bauernhof) zu erfassen. In der zweiten, von WERNISCH durchgeführten Studie (1976-1980), wurden auf 200 landwirtschaftlichen Betrieben ein Jahr lang „Arbeitszeit-Tagebücher“ geführt. Dabei zeigte sich, dass die tägliche Arbeitszeit von Bäuerinnen um einiges höher war als jene der Männer. Mitte der 1970er Jahre nahm Österreich an der europäischen Studie „Die ökonomische und soziale Situation von Bäuerinnen“ teil (BACH, 1982). Bei all diesen Studien ging es in erster Linie darum, die Arbeitsleistung der Bäuerinnen aufzuzeigen sowie ihre Lebenssituation zu erfassen. Es wurde damit aber nicht intendiert, die bäuerliche oder ländliche Gesellschaft im Sinne des Abbaus ungleicher Geschlechterverhältnisse zu transformieren.

Feministische Studien und neue Themen in einem erweiterten Europa (seit 1985)
Ab Mitte der 1980er Jahre wurden die Fragestellungen auf alle Frauen, die in ländlichen Räumen wohnen und arbeiten, ausgedehnt, wobei auch zunehmend deren Potenziale und Handlungsspielräume ausgelotet wurden.

Von der Diskriminierung zur Ermächtigung von Bäuerinnen
Die feministischen Studien brachten nicht nur Veränderungen der Fragestellungen mit sich, sondern auch neue methodische Ansätze. Mit der Studie „Das Ansehen der Bäuerinnen“ (ARNREITER ET AL., 1987) wurde ein neuer Typ von Bäuerinnenstudien etabliert. Bäuerinnen waren eingeladen, über ihre eigene Lebens- und Arbeitssituation sowie Strategien zu deren Verbesserung zu reflektieren.
Die großangelegte Studie „Bäuerinnen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne: Einstellungen zur Berufstätigkeit der Frau zur Ehe und Familie“ war die erste soziologische Grundlagenstudie über Bäuerinnen in Österreich. Mit Hilfe von narrativen Interviews wurden unterschiedliche Muster von weiblichen Identitäten, so genannte „Weiblichkeitskonstruktionen“, auf landwirtschaftlichen Betrieben herausgearbeitet (GOLDBERG, 2003).

Die Rolle der Bäuerinnen in der Erwerbskombination
Etwa gleichzeitig mit der Diskussion um die eigenständige ländliche Regionalentwicklung wurde die Erwerbskombination in der Landwirtschaft und hier insbesondere auch die Rolle der Frauen in wissenschaftlichen Studien und EU-weiten Forschungskooperationen bearbeitet (DAX ET AL., 2005). Es wurde festgestellt, dass Frauen im Prozess der Neuorientierung und Modernisierung der Betriebe eine sehr bedeutende Rolle spielen.

Frauen, ländlicher Raum und
Gender Mainstreaming
Neben der Berufsgruppe der Bäuerinnen wurden zunehmend andere Gruppen von Frauen am Land Zielgruppen feministischer Forschung. Eine der ersten Studien beschäftigte sich mit Arbeiterinnen in einer peripheren Region im Südosten Österreichs (BENARD und SCHLAFFER, 1979). In einer späteren Studie analysierte MENNE (1994) den Prozess der Ermächtigung von Frauen am Land am Beispiel des autonomen Frauenhauses in Rohrbach im Mühlviertel, einer peripheren ländlichen Region.  Nach dem EU-Beitritt Österreichs 1995 wuchs das politische Interesse für ländliche Regionen aufgrund der gut dotierten Strukturfondsförderung. Erste sozio-ökonomische Analysen zur Situation der Frauen in ländlichen Regionen sowie zur Beteiligung im ländlichen Entwicklungsprozess wurden durchgeführt (OEDL-WIESER, 1997). Über EU-Gemeinschaftsinitiativen wurden viele gender-sensitive (Forschungs-)Projekte im Bereich der regionalen Entwicklung initiiert und dadurch eine nationale und internationale Vernetzung aufgebaut (EQUAL, INTERREG III, TEP).
Der gegenseitige Austausch und der Transfer von Wissen zwischen VertreterInnen der Wissenschaft, Verwaltung, Politik, NRO’s und Frauen an der Basis wurden durch diese Initiativen und Projekte intensiviert. Weiters wurden Grundlagenstudien zu gleichstellungsorientierter Regionalentwicklung (AUFHAUSER et al., 2003) oder über die politische Partizipation von Frauen im ländlichen Raum (OEDL-WIESER, 2006) erarbeitet. Vor allem im landschaftsplanerischen Bereich entstanden in den letzten Jahren Arbeiten unter Anwendung partizipativer Planungsansätze (z. B. gendergerechte kommunaler Entwicklung).

4. Ausblick
In einem ausgesprochen veränderungsresistenten Klima, das im Agrarbereich und in vielen ländlichen Regionen Österreichs vorherrscht, ist es besonders wichtig, mit Zahlen und Fakten, aber auch insbesondere mit qualitativen Analyseergebnissen, die ungleichen Lebensverhältnisse von Frauen und Männern aufzuzeigen. Geschlechter-sensible Forschung kann somit die Grundlagen für eine fortschreitende geschlechterdemokratische Entwicklung in ländlichen Regionen bereitstellen.

Literatur

ARNREITER, M., BREYER, G., NÖBAUER, Ch. und QUETESCHINER, I. (1987): Das Ansehen der Bäuerin. Die Bergbauern Nr. 109/110/111. Wien.
AUFHAUSER, E., HERZOG, S., HINTERLEITNER, V., OEDL-WIESER, T. und REISINGER, E. (2003): Grundlagen für eine Gleichstellungsorientierte Regionalentwicklung. Hauptband. Studie im Auftrag des Bundeskanzleramtes, Abteilung IV/4. Wien.
BACH, H. (1982): Die wirtschaftliche und soziale Situation der Landfrauen in Österreich – erhoben in den Landgemeinden Hirschbach, Weitersfelden, Ofterding und Großarl. Graz: Stocker Verlag.
BENARD, C., SCHLAFFER, E. (1979): Notizen über Besuche auf dem Land. Am Rande des Wohlstandes. Wien/München: Jugend und Volk.
DAX, T., LOIBL, E., OEDL-WIESER, T. (1995): Erwerbskombination und Agrarstruktur. Entwicklung landwirtschaftlicher Haushalte im internationalen Vergleich. Forschungsbericht Nr. 34. Wien: Bundesanstalt für Bergbauernfragen.
GOLDBERG, C. (2003): Postmoderne Frauen in traditionalen Welten. Zur Weiblichkeitskonstruktion von Bäuerinnen. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag.
KRAMMER, J., SCHEER, G. (1978): Das österreichische Agrarsystem. 2 Bände. Wien: Institut für Höhere Studien.
MAIHOFER, A. (2004): Von der Frauen- zur Geschlechterforschung – modischer Trend oder bedeutsamer Perspektivenwechsel? In: DÖGE, P., KASSNER, K., SCHAMBACH, G. (Hrsg.): Schaustelle Gender. Aktuelle Beiträge sozialwissenschaftlicher Geschlechterforschung. Bielefeld: Kleine Verlag. S. 11-28.
MENNE, Brigitte (1994): Wir Frauen am Land. Ergebnisse regionaler Kultur- und Bildungsarbeit im Mühlviertel. Reihe Dokumentation Band 13. Wien: Wiener Frauenverlag.
OEDL-WIESER, T. (1997): Emanzipation der Frauen am Land. Eine explorative Studie über Ambivalenzen und Lebenszusammenhänge. Forschungsbericht Nr. 40. Wien: Bundesanstalt für Bergbauernfragen.
OEDL-WIESER, T. (2006): Frauen und Politik am Land. Forschungsbericht Nr. 56. Wien: Bundesanstalt für Bergbauernfragen.
PEVETZ, W. (1974): Stand und Entwicklungstendenzen der ländlichen Sozialforschung in Österreich, 1960-1972. Schriftenreihe Nr. 20. Wien: Bundesanstalt für Agrarwirtschaft.
ROSENBERGER S. K., SAUER B. (Hrsg.) (2004): Politikwissenschaft und Geschlecht. Wien: Facultas.
SCHEWCZIK, R. (1971): Die Mitarbeit der Bäuerin in der Außenwirtschaft. AWI-Schriftenreihe Nr. 8. Wien: Bundesanstalt für Agrarwirtschaft.
VOGEL, S. (2000): Agrarsoziologie und Agrarkultur. In: HOVORKA, G. (Red.) (2000): Zukunft mit Aussicht. Beiträge zur Agrar-, Regional-, Umwelt- und Sozialforschung im ländlichen Raum. Forschungsbericht Nr. 45. Wien: Bundesanstalt für Bergbauernfragen, S. 137-150.
WERNISCH A. (1978-1980): Wie viel arbeitet die bäuerliche Familie? Artikelserie in der Zeitschrift „Der Förderungsdienst“ in den Jahren 1978 – 1980. Wien.
WIESINGER, G. (2004): Ländliche Sozialforschung in Österreich. In: Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie 02/04. In: La sociologie rurale: pour quoi faire? Schweizerische Gesellschaft für Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie. Bern, S. 93-110.

Advertisements

1 Kommentar »

  1. Die Genderfrage für Frauen im ländlichen Raum ist nicht nur eine private, partnerschaftliche, sondern es entstehen z.B. auch Probleme im Umgang mit Behörden, Handwerkern aller Art, Steuerberatern, Tierärzten……Ich bin gespannt, ob diesbzgl. Forschungsarbeiten Diskussion und Veränderung in dieser Problematik befördern.

    Kommentar von Lydia Riedel-Tramsek — 7. Dezember 2012 @ 11:38 | Antwort


RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: