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17. Oktober 2009

Lebensstil

Filed under: Alfred Rammer — bjh @ 17:33

ein Konzept für die Soziologie des 21. Jahrhunderts

von Alfred Rammer

Der Begriff „Lebensstil“ ist denkbar diffus, alle möglichen Leute benutzen ihn als Zuschreibung für höchst unterschiedliche Sachverhalte. Doch ist dies das Schicksal vieler Begriffe der Sozialwissenschaften, und es ist auch keineswegs besonders verwunderlich, denn einerseits bleibt es jedem Menschen unbenommen, einen Gegenstand einfach anders zu benennen als man dies gewohnt ist, anderseits ist eben auch tatsächlich der jeweils thematisierte Gegenstand der Gesellschaftswissenschaften, der ja immer Teil der von Menschen geschaffenen Wirklichkeit ist, dem geschichtlichen Wandel unterworfen. Dennoch wird man ihn schwerlich einfach aus der Soziologie bannen können, würde man damit doch dieses Fach eines gewichtigen Forschungsfeldes berauben. Es bleibt also nichts anderes übrig, sich dem Bedeutungsgehalt je neu anzunähern und gegebenenfalls zu entscheiden, auf welchen Gebrauch und Bereich des Forschungsfeldes man sich denn im Kommenden festzulegen und zu beschränken gedenkt.

 

Bei Durchsicht der entsprechenden Literatur fällt schnell auf, dass Lebensstil weitgehend der Freizeitsphäre zugeordnet wird. Die Freizeitforschung bedient sich des Lebensstilkonzepts als Bezugsrahmen zur Interpretation einzelner Erhebungsdaten und erhält so durchaus beachtliche Einsichten. Doch ist dann nicht mit „Lebensstil“ einfach dasselbe gemeint wie mit „Freizeit“?

Nun, vermutlich kann man es sich so einfach nicht machen, würden doch damit wichtige Bereiche der sozialen Wirklichkeit, etwa Politik, Wirtschaft, Kultur, aus dem Blick geraten. Das ist denn doch ein wenig bescheiden und jedenfalls nicht das, worauf man zielte, als man einstens damit begann, das Konzept zu entwickeln. Ohne sich einer ungeprüften und kritiklosen Ahnenverehrung zu verschreiben, ist man doch gut beraten, in einer ersten Annäherung eben jene zu befragen. Dabei ist klar, dass man bei den „Klassikern“ nicht stehen bleiben kann, denn, wie erwähnt, die gesellschaftliche Wirklichkeit ist einem ständigen Wandel unterworfen, und man könnte nur verfehlen, was bei den „Alten“ im Zentrum des Interesses stand, würde man deren Perspektiven einfach fortschreiben. Angesichts des knapp bemessenen Raumes beschränke ich mich auf die Darstellung von in Hinblick auf das Thema zentralen Ideen von Max Weber und, gleichsam als Vertreter der „soziologischen Klassiker der Gegenwart“, des kürzlich verstorbenen Pierre Bourdieu.

Max Weber
Max Weber verwendet den Begriff „Lebensstil“ in seiner Unterscheidung zwischen Klassen, Ständen und Parteien, die er in seinem Werk Wirtschaft und Gesellschaft präsentiert. Dabei sieht er Klassen als ökonomisch bestimmt, Parteien als auf politische Macht bezogen, und die Stände beschreiben ihm zufolge eine soziale Ordnung.

Die „ständische Lage“ hält Weber für jene Komponente des Lebensschicksals, die durch eine spezifische (positive oder negative) soziale Einschätzung der Ehre bedingt ist. Dieser ständischen Ehre wird der einzelne durch eine bestimmte Lebensführung gerecht. Selbige Lebensführung wiederum sieht er durch Konventionen geregelt, die sich in subtile Verästelungen ausbreiten, zu Ritualisierungen werden und zu einer „Stilisierung“ des Lebens führen. Mit diesen beiden Begriffen – einerseits die mehr auf den Akteur oder eine Gruppe von Handelnden gerichtete „Lebensführung“, anderseits die die ritualisierten Handlungen beschreibende „Stilisierung des Lebens“ – lässt sich der Bedeutungsumfang des Wortes „Lebensstil“ bei Weber erfassen. 

„Lebensführung“ entspricht bei Weber der sozialen Ordnung und äußert sich in kulturellen Orientierungen, wobei er die Möglichkeit ständischer Lebensführung ökonomisch mitbestimmt sieht. Anderseits sieht er ständisch-soziale Interessen sich auf politisches Handeln auswirken, insofern diese in der politischen Auseinandersetzung vertreten werden. So avanciert „Lebensstil“ zu einem Schlüsselbegriff, der alle Bereiche historischer Erfahrung tangiert, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß: Soziale und kulturelle Erfahrungen gehen als Orientierungsmuster unmittelbar in den Lebensstil ein, ökonomische Ursachen sind durch Beruf, Status und Einkommen gegenwärtig, Politik wirkt in dem Maß, in dem sie Freiheit gewährt oder vorenthält, auf das Leben der Menschen ein.

Pierre Bourdieu
Mit den Überlegungen Bourdieus lässt sich der innere Zusammenhang zwischen den Erfahrungen der Individuen und der sie umgebenden objektiven Strukturen trefflich darlegen. Bekanntlich arbeitet selbiger mit dem Schlüsselbegriff des „Habitus“. Damit bezeichnet er Dispositionen, die auf ein System verinnerlichter Wahrnehmungs- und Handlungsmuster zurückgehen, die allen Mitgliedern einer Gruppe oder Klasse gemeinsam sind, womit auch klar ist, dass sie aus der objektiven Realität sozialer Strukturen stammen. Allerdings werden sie von den Individuen aufgenommen, gelernt, verarbeitet, internalisiert. Vermittelt werden sie durch kulturelle Symbole. Diese wiederum – also die Art, miteinander umzugehen, zu grüßen, die in Einsatz kommenden Gesten usw. – bilden eine Matrix von Beziehungen, die gelesen und verstanden wird. Im Habitus sind historische Erfahrungen eingeschrieben.

So entsteht ein System verinnerlichter Muster, die alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur erzeugen. Zwar verfügt das Individuum über diese Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, doch spricht dieses eben immer die Sprache der Kultur, die es erlernt hat, bleibt eingebunden in die objektiven Strukturen einer sozialen Realität.  So wird die Sozialisation zur Einübung und zum Erwerb des Habitus, und der jeweilige Lebensstil ist sein Ausdruck.

In den Eigenschaften (und Objektivationen) von Eigentum, mit denen sich die Einzelnen wie die Gruppen umgeben – Häuser, Möbel, Gemälde, Bücher, Autos, Spirituosen, Zigaretten, Parfüms, Kleidung – und in den Praktiken, mit denen sie ihr Anderssein dokumentieren – in sportlichen Betätigungen, den Spielen, den kulturellen Ablenkungen – erkennt Bourdieu Systematik. Dies allerdings nur, weil sie in der ursprünglichen synthetischen Einheit des Habitus vorliegt, dem einheitsstiftenden Erzeugungsprinzip aller Formen von Praxis.

Wir finden bei Bourdieu eine systematische Formel, die die Auswahl bestimmter Inhalte und Ausdrucksformen steuert, was uns erspart, auf eine wahllose Aufzählung derselben zurückzugreifen. Die Wahl der Gegenstände entspricht bestimmten Neigungen und Präferenzen, die einem einheitlichen Prinzip entspringen. Lebensstil ist also hier ein System kohärenter Ausdrucksformen und Orientierungsmuster.

Diese Handlungen sind typisch für eine soziale Gruppe oder gar für eine Kultur. Ein begrenzter Satz von Dispositionen erzeugt eine schier unendliche Zahl von Handlungen, denen man nachträglich ihre Stilähnlichkeiten ansieht, ohne dass man sie immer vorhersehen könnte. Und diesem Umstand ist es zu verdanken, dass man Lebensstile untersuchen kann. Folgt man diesen Überlegungen, so müsste es möglich sein, bei der Beschreibung von herausragenden Bereichen der Lebenspraxis eine Einheitlichkeit zu entdecken, die in sämtlichen Bereichen deutlich wird. Wobei selbstredend nicht vergessen werden darf, dass die Ausdrucksformen von Lebensstil stets in den ökonomischen und sozialen Lebenszusammenhängen der Menschen zu sehen sind. Und nicht zuletzt bleibt zu berücksichtigen, dass diese Ausdrucksformen auf die kulturellen Normen bezogen werden, die den Stilwillen der Einzelnen oder der sozialen Gruppen inhaltlich bestimmen.

Wie entstehen Lebensstile?
Lebensstile entwickeln sich auf der Grundlage bestimmter Lebensbedingungen. Die politischen Verhältnisse eröffnen die Freiräume, in denen eine Vielfalt von Lebensformen möglich ist. Natürlich begrenzen sie diese Räume auch entsprechend. Die materiellen Umstände – das Ausmaß der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern sowie die Ermöglichung von Konsumwünschen, die über den notwendigen Bedarf hinausgehen, bestimmen Einstellungen und Verhaltensformen. Die Lebensgestaltung wird geprägt von der Art, wie das wirtschaftliche Leben in Produktionsformen und Arbeitsorganisation geregelt wird. Danach richtet sich der Tagesablauf, danach ergeben sich Möglichkeiten eigenständiger, selbstbestimmter Berufsausübung – oder eben auch nicht. Es ist also festzuhalten, dass die sozialen Beziehungen nur im Zusammenhang mit der politischen und wirtschaftlichen Organisation angemessen gedeutet werden können.

Der Grad gesellschaftlicher Differenzierung spiegelt sich in der Ausbildung und Entwicklung von Lebensstilen wider, die je nach sozialer Gruppe unterschiedlich ausgeprägt sein können oder von anderen übernommen werden. In diesem Sinn lässt sich dann sogar behaupten, dass es einen einheitlichen Lebensstil gibt, der für eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit charakteristisch ist. Allerdings ist eine derartige Verwendung des Begriffs dann nur mehr für die Unterscheidung verschiedener Epochen (also diachron) dienlich, während ein differenzierender Blick auf die Gegenwart (synchron) verwehrt ist.

Doch es sind nicht ausschließlich materielle Faktoren, die den jeweiligen Lebensstil beeinflussen. Auch geltende Normen, Interessen, Wertsetzungen, persönliche Einstellungen spielen dabei eine bedeutende Rolle, wobei klar ist, dass sie ihrerseits nicht isoliert von den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten der jeweiligen Gesellschaft zu begreifen sind.

Individualisierung als prägende Kraft im 21. Jahrhundert
Eine erschöpfende Analyse der die moderne Gesellschaft prägenden Kräfte – unerlässlich für ein Aufspüren und Verstehen sich darin zeigender Lebensstile – kann selbstredend hier nicht geleistet werden. Immerhin dürfte weitgehend außer Streit stehen, dass im Blick auf die Gesellschaft der Gegenwart dem Prozess der Individualisierung besondere Bedeutung zukommt. Dies gilt ungeachtet der auftretenden Gegentendenzen, die die Individualisierung nicht zurückdrängen, sondern mitgestalten. Ulrich Beck widmet ihr in seinem Buch Risikogesellschaft besondere Aufmerksamkeit.

Genauerhin führt die Modernisierung neben anderem auch zu einer dreifachen Individualisierung: zum ersten haben wir es zu tun mit der Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und –bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge, zum zweiten mit dem Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen und zum dritten mit einer neuen Art der sozialen Einbindung. Diese drei Momente bilden ein allgemeines, ahistorisches Modell der Individualisierung. Wir sehen dieses Modell genauer, wenn wir es entlang einer zweiten Dimension begrifflich differenzieren, nämlich nach (objektiver) Lebenslage und (subjektivem) Bewusstsein (Identität, Personwerdung).

Der Individualisierungsprozess weist immanente Widersprüche auf. Individualisierung vollzieht sich unter den Rahmenbedingungen eines Vergesellschaftungsprozesses, der individuelle Verselbstständigungen gerade in zunehmenden Maße unmöglich macht: der Einzelne wird zwar aus traditionalen Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst, tauscht dafür aber die Zwänge des Arbeitsmarktes und der Konsumexistenz samt den damit verbundenen Standardisierungen und Kontrollen ein. So treten an die Stelle traditionaler Bindungen und Sozialformen (soziale Klasse, Kleinfamilie) sekundäre Instanzen und Institutionen, die den Lebenslauf des Einzelnen prägen und ihn zum Spielball von Moden, Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten machen.

Individualisierung bedeutet also Marktabhängigkeit in allen Dimensionen der Lebensführung. Die entstehenden Existenzformen sind der vereinzelte, sich seiner selbst nicht bewusste Massenmarkt und Massenkonsum für pauschal entworfene Wohnungen, Wohnungseinrichtungen, tägliche Gebrauchsartikel, über Massenmedien lancierte und adoptierte Meinungen, Gewohnheiten, Einstellungen, Lebensstile. Individualisierungen liefern die Menschen an eine Außensteuerung und –standardisierung aus, die die Nischen ständischer und familialer Subkulturen noch nicht kannten.

Vor diesem Hintergrund ist die Privatsphäre nicht das, was sie zu sein scheint, nämlich eine gegen die Umwelt abgegrenzte Sphäre, sondern die ins Private gewendete und hineinreichende Außenseite von Verhältnissen und Entscheidungen, die anderswo, nämlich in den Fernsehanstalten, im Bildungssystem, in den Betrieben, am Arbeitsmarkt, im Verkehrssystem etc., unter weitgehender Nichtberücksichtigung der privat-biographischen Konsequenzen getroffen werden.

Individualisierung löst die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen, sie wird offen und entscheidungsabhängig die Aufgabe des einzelnen Handelnden. Biographien werden also „selbstreflexiv“. Der Einzelne muss lernen, sich selbst als Handlungszentrum in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf zu begreifen. Gefordert ist ein aktives Handlungsmodell des Alltags, das das Ich zum Zentrum hat, ihm Handlungschancen zuweist und eröffnet und es auf diese Weise erlaubt, die aufbrechenden Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in bezug auf den eigenen Lebenslauf sinnvoll kleinzuarbeiten.

Was die Lebensstilanalyse leisten kann und könnte
Es wäre längst an der Zeit, sich in der Gemeinde der SozialwissenschafterInnen (oder bescheidener: der SoziologInnen) auf einen verbindlichen Rahmen des Lebensstilkonzepts zu einigen. Mit einem solchen müsste klar werden, was die konstitutiven Komponenten und wesentlichen Lebensstildimensionen sind, die Träger von Lebensstilen müssten ersichtlich werden, und schließlich müssten neben der Analyse von Werten, Einstellungen und Konsummustern auch die Untersuchung von Lebensstilstrategien von Statusgruppen möglich sein.

Lebensstile wären dann bestimmbar als raum-zeitlich strukturierte Muster der Lebensführung, die von materiellen und kulturellen Ressourcen, der Familien- und Haushaltsform und den Werthaltungen abhängen. Die Ressourcen geben Auskunft über die Lebenschancen, die Familien- und Haushaltsform beschreibt die Lebens-, Wohn- und Konsumeinheit, die Werthaltungen definieren die vorherrschenden Lebensziele, prägen die Mentalitäten und kommen in einem spezifischen Habitus zum Ausdruck.

In dem Maße, in dem die theoretische Verfeinerung des geschilderten Rahmens gelingt, wird Lebensstil nicht nur ein vergleichbarer Grundbegriff wie Klasse und Schicht, sondern in der Konjunktion von Lebenschancen und Lebensstilen rückt auch ein zentrales Thema der klassischen Soziologie wieder in den Mittelpunkt: das Problem der Lebensführung.

Literatur
Becher, Ursula A. J., 1990: Geschichte des modernen Lebensstils. Essen – Wohnen – Freizeit – Reisen, München: C. H. Beck
-, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Bourdieu, Pierre, 1970: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt/M.: Suhrkamp
-, 1982: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Müller, Hans-Peter, 1992: Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Weber, Max, 1978 (1920f): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 1-3, Tübingen: Mohr, 1985 (1922): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie (Studienausgabe), Tübingen: Mohr

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