soziologieheute-news

17. Oktober 2009

Phänomen Religion?

Filed under: Allgemein — bjh @ 14:38

Kann und soll Religion überhaupt Thema der Soziologie sein?

von Alfred Rammer

Für die Soziologen der „ersten Stunde“ (Comte, Marx, Durkheim, Weber, Malinowski, Troeltsch u. a.) war klar, dass Religion ein zentrales Moment jeglicher Gesellschaft darstellt. Doch von vornherein hatte man Schwierigkeiten damit, die angemessenen Mittel zu finden, mit denen man dem Phänomen mit allen Varianten zu Leibe rücken sollte, galt es doch, für die Gesellschaftswissenschaft eine Methodik zu entwickeln, die sich mit jener der inzwischen über die Maßen erfolgreichen Naturwissenschaft messen könnte.

Für eine derartige „Physik der Gesellschaft“ war es natürlich unakzeptabel, in einem zentralen Bereich des Untersuchungsgegenstandes Elemente des Glaubens, des Unerklärlichen etc. stehenzulassen. Bestenfalls war man geneigt, die Sphäre des unerklärlich Religiösen als für die Gesellschaftswissenschaft irrelevanten Bereich zu marginalisieren, zumeist erhoffte man sich jedoch, durch an Logik und Wissenschaftstheorie orientierte Umformulierung theologischer Theoreme den gesamten Komplex religiösen Denkens und Handelns dem (natur-)wissenschaftlichen Zugriff verfügbar zu machen.

Der Anspruch, eine Wissenschaft zu entwickeln, die es ermöglicht, Gesellschaft in gleicher  Weise zu beherrschen wie die Natur, ist längst verabschiedet worden. Doch damit sind die theoretischen Probleme noch längst nicht alle gelöst. Kann und soll Religion überhaupt Thema der Soziologie sein und, wenn man diese Fragen mit einem „ja“ beantwortet, wie kann man sich diesem nähern? 

Religionssoziologie als Wissenschaft ist möglich, weil Religion als Gegenstand unabhängig davon, ob wir dies mögen oder nicht, in der Welt der Dinge und Sachverhalte vorhanden ist. Nach Methode und Gegenstandsverständnis ist zu unterscheiden zwischen Wissenschaften, die ausschließlich Religion zum Gegenstand haben (Religionswissenschaft, -geschichte, Theologie) und Wissenschaften, die u. a. Religion zum Gegenstand haben (alle Wissenschaften, die sich mit dem Menschen und seiner Kultur beschäftigen). Im Unterschied zur Theologie stehen Religionswissenschaft, -geschichte, aber auch die Religionssoziologie ihrem Gegenstand, den sie ebenfalls nicht konstituieren, neutral gegenüber.

Die Diskussion um eine adäquate Definition von Religion verläuft an zwei Hauptproblemen, nämlich erstens am Gegensatz von fideistischer und wissenschaftlicher Definition, zweitens am Gegensatz von substantieller und funktionaler Definition.

Die Auseinandersetzung „fideistische vs. wissenschaftliche Definition“ ist fokussiert auf die Frage, ob Religion auf Soziales reduzierbar ist oder nicht. Man beachte, dass reduktionistische Verfahren nicht notwendigerweise implizieren, dass der Gegenstand, den sie durch Rückführung auf andere, schon bekannte Elemente, erklären, damit verschwunden ist. Jeden Reduktionismus als irreführend lehnt z. B. Gustav Mensching ab, der seine Position im Kontrast zu der Definition Durkheims entwickelt. Allerdings überschreitet Mensching nach Ansicht mancher Theoretiker die Grenzen einer wissenschaftlichen Begriffsbildung; seine Bestimmung des Religionsbegriffs ist eine Realdefinition, die etwas über das „Wesen“ des zu definierenden Gegenstandes aussagen möchte.

Problematisch in dieser Hinsicht ist wohl auch Bergers Definition, insofern sich dieser auf Mircea Eliade bezieht , welcher das „Wesen des Religiösen“ wie folgt bestimmt: „Der Mensch erhält Kenntnis vom Heiligen, weil dieses sich manifestiert, weil es sich als etwas vom Profanen völlig Verschiedenes erweist. Diese Manifestationen des Heiligen wollen wir hier mit dem Wort Hierophanie bezeichnen.“

Von größerer Tragweite war und ist die Diskussion um die substantielle versus funktionale Definition von Religion. Während substantielle Definitionen sagen, was Religion ist, bezeichnen funktionale Definitionen, was Religion tut oder leistet. Als Vertreter einer funktionalen Definition wird man letztlich alle Institutionen, die diese Funktion erfüllen, als Religion bezeichnen, was bedeutet, dass es per definitionem keine Gesellschaft ohne Religion geben kann. Die substantielle Definition ist eher enger gefasst und lässt definitorisch die Möglichkeit einer religionslosen Gesellschaft zu.

Diese Auseinandersetzung findet ihren Höhepunkt, als Peter Berger seinen Freund Thomas Luckmann mit den entsprechenden Unterschieden in ihren Religionstheorien konfrontierte. Doch muss man sich eigentlich nicht auf diesen Kampf, auf ein „entweder oder“ einlassen. Schon Emile Durkheim unterscheidet zwischen einer inhaltlichen Definition und einer funktionalen Erklärung der Religion. Und eingedenk dieser Unterscheidung empfiehlt es sich, die Fragen „was ist Religion“ und „wozu dient Religion“ getrennt zu halten.

Was ist Religion? Wozu dient Religion?
Gemeinsam ist allen Vertretern eine ähnliche Anthropologie, die davon ausgeht, dass der Mensch mit letztlich unlösbaren Problemen von existentieller Bedeutung konfrontiert ist. Diese Probleme sind entweder die sogenannten Sinnproblematiken, die Dialektik von Identität und Wandel oder die Dialektik von Ordnung und Chaos.

Mittlerweile ist kaum mehr umstritten, dass für die soziologische Wissenschaft Religion so definiert werden sollte, dass das Alltagsverständnis nicht völlig auf den Kopf gestellt wird. Jene Phänomene, die gemeinhin für religiös gehalten werden, sollten unter die gegebene Definition auch tatsächlich fallen.

Zu vermeiden ist ferner, dass die Definition selbst bereits die Erklärung der Phänomene enthält, wie dies in phänomenologischen und funktionalistischen Ansätzen vorkommt.

Letztendlich sollte darauf geachtet werden, dass das Selbstverständnis der Religionen, wie es in deren Praktiken zum Ausdruck kommt, vereinbar sein. Martin Riesebrodt, einer der führenden Religionssoziologen der Gegenwart, schlägt folgende Definition vor: Religion ist „ein Komplex religiöser Praktiken, die auf der Prämisse der Existenz in der Regel unsichtbarer persönlicher oder unpersönlicher übermenschlicher Mächte beruhen.“ (Riesebrodt, M., 2007: 113)

Die „Übermenschlichkeit“ dieser Mächte besteht darin, dass ihnen Einfluss auf das menschliche Leben und die Umwelt zugeschrieben wird. Religiöse Praktiken bestehen darin, durch kulturell vorgegebene Mittel Kontakt mit diesen Mächten aufzunehmen oder Zugang zu ihnen zu gewinnen. Diese so formulierte Definition beschränkt den Religionsbegriff auf einen „realistischen“ Glauben an übermenschliche Mächte, der eine subjektiv geglaubte Kommunikation zur Folge hat.

Literatur:

Berger, Peter L., 1973: Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft. Elemente einer soziologischen Theorie. Dt. Übers. von The Sacred Canopy, Frankfurt/M.: Fischer
Durkheim, Emile, 1981: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Eliade, Mircea, 1957: Das Heilige und das Profane, Hamburg: Rowohlt
Luckmann, Thomas,  1991: Die unsichtbare Religion, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Mensching, Gustav, 1966: Soziologie der großen Religionen, Bonn: Röhrscheid
Riesebrodt, Martin, 2007: Cultus und Heilsversprechen. Eine Theorie der Religionen, C. H. Beck

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