soziologieheute-news

17. Oktober 2009

Wissenschaft: verstaubt oder kühn?

Filed under: Claudia Pass — bjh @ 17:37

Mehr Mut, mehr Frechheit und mehr Kühnheit fordern

von Claudia Pass

(aus: Public Observer Nr. 44 v. 7.7.2007)

Lange Zeit hat Wissenschaft als verstaubt gegolten. Heute durchdringt sie zunehmend alle Gesellschaftsbereiche. Die historischen Anfänge liegen in der Philosophie, Astronomie, Mathematik sowie in der Rechtswissenschaft und Medizin. Aus diesen historisch „traditionellen“ Formen entwickelten sich Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie technischnaturwissenschaftliche Studienrichtungen. Als Reaktion auf neueste gesellschaftliche Entwicklungen gibt es heute zum Beispiel Gesundheitsund Lebenswissenschaften sowie ökologisch orientierte Fächer.

Im systemtheoretischen Sinne gilt dies als Ausdifferenzierung
von Wissenschaft, welche von einer zunehmenden Komplexität begleitet ist und somit einen interdisziplinären Diskurs erfordert sowie Kommunikations- und Teamfähigkeit von jedem einzelnen als Kompetenzen verlangt. Im Sinne einer Ausdifferenzierung entstand auch das gegenwärtig
gängige duale System von Forschung und Lehre. Mit dieser Teilung beider Bereiche wurde eine Differenzierung zwischen forschenden bzw. lehrenden Experten vollzogen. Während sich forschende Experten in der Fachwelt etablieren und jüngste Entwicklungen mit forschenden KollegInnen
debattieren, sind Lehrende dazu aufgefordert, mit neuesten pädagogischen Methoden gesichertes Basiswissen den Studierenden der jeweiligen
Fachrichtungen zu vermitteln.

Da Forschung Innovation bringt, sollte idealen Vorstellungen zufolge diese den Auszubildenden vermittelt werden. In der Praxis tritt heute allerdings
eine Trennung beider Bereiche zutage. Dies steht im Widerspruch zum demokratisch vorherrschenden Verständnis von Wissenschaft, welches Transparenz erfordert. Wie gesellschaftlich wirksam ist eine Wissenschaft, die nur den Diskurs mit sich selbst pflegt? Gleichzeitig werden auch andere Auswirkungen sichtbar: Über Medien werden jüngste, leicht verdauliche Erkenntnisse der interessierten Allgemeinheit zugänglich gemacht bzw. medial „gemacht“. Folglich wird ein weiterer Zusammenhang zwischen
Wissenschaft und Öffentlichkeit klar erkennbar:

Jene Wissenschaftsbereiche, die sich öffentlich in einem „guten Licht“ darstellen und von der Allgemeinheit als „nützlich“ empfunden werden, erfahren entsprechende Anerkennung. Diese Anerkennung schlägt sich unter anderem in einer „leichteren“ Lukrierung öffentlicher bzw. privater Fördergelder nieder. Während Wissenschaftsbereiche mit öffentlicher Anerkennung und materieller Förderung den innovativen Bereich symbolisieren und als bahnbrechend für die gesellschaftliche Entwicklung
gelten, werden Bereiche mit wenig Anerkennung und geringen Förderungen schnell als „Orchideen“- Fächer gebrandmarkt sowie als langweilig und verstaubt betrachtet. Bringen diese zeitweilig als abstrus bezeichneten Fächer denn noch einen Fortschritt bzw. gesellschaftlichen Mehrwert?

Entsprechend der öffentlichen Anerkennung haben es Studierende, leichter oder schwerer nach ihrer Ausbildung einen (unbefristeten) Arbeitsplatz
zu finden. Häufig müssen sich AbsolventInnen der „Orchideen-Fächer“ mit der Frage der „Sinnhaftigkeit“ ihres Studiums einem potentiellen Arbeitgeber gegenüber auseinandersetzen. Hätten diese Personen etwas „Ordentliches“ studiert, wären jetzt keine „Integrationsprobleme“ vorhanden.

Um die Chancen der AbsolventInnen von Studienrichtungen mit „Imageproblemen“ zu erhöhen, werden gegenwärtig seitens der Lehrenden Praktika und Abschlussarbeiten mit Praxisrelevanz empfohlen. Dies erhöht insgesamt die gesellschaftliche Bedeutung bzw. den Nutzen der einzelnen Fächer und trägt zur Professionalisierung wesentlich bei. Obwohl die Praxisrelevanz generell zu befürworten ist, hat diese auch ihren „Preis“. Praxisrelevanz impliziert Aktualität und Spezialisierung in einem bestimmten Gebiet. Sie erfordert somit schnelle, leicht verwertbare Ergebnisse, die von Akteuren unterschiedlichster Fachrichtungen gut nachvollzogen werden können. Gegenwärtig gilt Wissenschaft dann als kühn, wenn viele Arbeiten möglichst rasch durchgeführt werden und als praxisrelevant erkennbar sind.

Eigenen Eindrücken zufolge ist anzumerken, dass heute ausgesprochen
selten langfristig und vor allem grundlegend geforscht wird. Ohne Praxisrelevanz wird Forschung als bedeutungslos stigmatisiert. Wenige scheinen zu bedenken, dass erst die Grundlagenforschung die Wege für eine
Praxisrelevanz öffnet. Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlich zu bearbeitenden Themen wäre es an der Zeit, Grundlagenforschung dauerhaft
zu betreiben. Grundlagenforschung wird aber eher mit dem Begriff „verstaubt“ verbunden.

Während die Grundlagenforschung zumindest in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften als antiquiert gilt, wird der Begriff „Wissenschaftlichkeit“ gegenwärtig allzu oft verwendet und auch teilweise
mit falschen Assoziationen verbunden. Ihn umgibt ein Nimbus des Seriösen, des Abstrakten und des teilweise Langweiligen. Manchmal verkommt er mit
Formalismen. Diese Formalismen sind generell einzuhalten, dürfen aber
nicht zum ausschließlichen Kriterium werden. Ein gutes Beispiel dafür liefert
das Kriterium der Zitation und der Gliederung wissenschaftlicher Arbeiten.

Viele Ausbildungsstätten entwickeln zwecks Corporate Identity ihre eigenen
Regeln zur Zitation bzw. Gliederung. Je größer die Ausbildungseinrichtung ist, umso mehr besteht die Chance, dass diese Regelungen auch intern variieren. Angesichts einer Internationalisierung bzw. Globalisierung, die den Wissenschaftsbereich erfasst, verwundert dies umso mehr. Zunehmend gewinnt man den Eindruck, dass die Regeln den Inhalt bestimmen. Jeder Inhalt muss belegt werden bzw. belegbar sein.

Aber ist Wissenschaft nicht mehr oder etwas völlig anderes? Wissenschaft ist traditioneller Weise eng mit Logik und Systematik sowie Nachvollziehbarkeit
verbunden. Logik und Systematik implizieren aber auch die Auseinandersetzung und folglich eigene Gedanken. Können eigene Gedanken mit innovativen Charakter immer belegt werden? Analytisch betrachtet schließen Belegbarkeit und Innovation einander großteils aus, eine Ausnahme bildet hier sicherlich die experimentelle Forschung. Die ausschließliche Belegbarkeit von Wissen geht mit einer Reproduktion von Wissen einher, verhindert aber gleichzeitig Innovation und Neuheit.
In Zeiten, in denen Informationen unterschiedlichster Provenienz leicht zugänglich sind, ist ein unbändiger Informationsfluss vorprogrammiert.

Dieser Informationsfluss kann leicht in einen Informationsverdruss ausarten. Man gewinnt den Eindruck, Informationen werden zunehmend als Belastung anstelle einer Entlastung erlebt. Jede Wahrnehmung erfordert nämlich auch Selektion. Deshalb lassen spezifische Informationen und Detailwissen vermehrt generelle Fragen und Themen aktuell werden. Die Mehrheit der Menschen wünscht sich Orientierung und Wissenschaft kann dazu ihren Beitrag leisten. Allerdings kann Wissenschaft diesen Anspruch nur dann einlösen, wenn sie sich ihrer essentiellen Prinzipien besinnt. Dazu gehört eben auch, anstelle der ausschließlichen Reproduktion von Wissen eine Produktion neuer, systematisch entwickelter und logisch nachvollziehbarer, aber nicht unbedingt bereits belegbarer
Ideen.

Neue Ideen bzw. Innovation benötigen immer ein „Quäntchen“ an Kreativität, Kreativität wiederum braucht manchmal Zeit, die wir der Forschung oft verwehren und die in der Ausbildung zu kurz kommt. Was Kreativität aber sicherlich erfordert, ist ein Maß an Kühnheit! Die kühne bzw. freche Wissenschaft denkt weiter, lehnt sich wohl auf, weicht vom´Mainstream ab und polarisiert vielleicht. Letztendlich schafft die kühne Wissenschaft damit einen Schritt zur Innovation!

Will man Erkenntnisfortschritte, so gehört ein bestimmtes Maß an Frechheit dazu! Ansonsten wird Wissenschaft „erstarren“ und sich folglich „tot“ laufen!
Es erfordert Mut, sich vom „Durchschnitt“ abzuheben. Wird dieser Mut nicht auf- bzw. eingebracht, werden in Zukunft nur mehr normierte „ durchschnittliche“ AkademikerInnen ausgebildet. Von der Wissenschaft und ihren VertreterInnen wünsche ich mir in Zukunft deshalb: mehr Mut, mehr Frechheit und mehr Kühnheit, ohne dabei auf den erforderlichen Diskurs innerhalb und zwischen den Disziplinen zu vergessen!

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