soziologieheute-news

18. Oktober 2009

Pflegenotstand?

Filed under: Bernhard Hofer — bjh @ 17:19

zwischen Panikmache und Wählergunst

von Bernhard Hofer

(aus: Public Observer Nr. 25 v. 18. 8. 2006)

Nach den kürzlichen Finanzskandalen um BAWAG, HYPO und Gewerkschaft wird die Politik erneut gefordert. Mit dem Thema „Pflegenotstand“ kann die Wahlschlacht um die wichtige Gruppe der „Babyboomer“ beginnen. Es ist die Zeit der Experten, welche nun bemüht werden, Lösungsansätze zu präsentieren, um der Bevölkerung vor Augen zu führen, dass neue Belastungen auf sie zukommen. Und sobald diese neuen Belastungen
(kurzfristig) internalisiert worden sind, ist die Zeit für die Parteien reif, „Beruhigungspillen“ zu verteilen, Lösungen, welche der Masse der
Wähler nicht wehtun (dürfen). Auch wenn der Bevölkerung mitgeteilt wird, eine Entscheidung werde erst in einer neuen Legislaturperiode
fallen, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im Vorfeld der Wahlen mit entsprechenden Forderungen und vermeintlichen Lösungen auf sich aufmerksam macht.

Es ist auch die Zeit der Hilfsorganisationen, welche im Vorwahlkampf ihre Chance nützen müssen, auf die Problematik wieder einmal aufmerksam zu machen, verbunden mit der Hoffnung, zumindest Teilerfolge bei ihren Forderungen zu erzielen.

Caritas-Präsident KÜBERL hat es auf den Punkt gebracht: wir brauchen einen nationalen Aktionsplan. Solch ein Aktionsplan ist wahrlich höchst an der
Zeit. Er darf sich jedoch nicht auf Einzelmaßnahmen beschränken; es ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig, um kurz-, mittel- und langfristig die mit der Pflege und Gesundheit verbundenen Herausforderungen in den Griff zu bekommen. „Intergenerationelle Verantwortung“ ist das
Schlüsselprinzip.
So erscheint es unverständlich, dass bei der derzeitigen Pflegediskussion nur von der älteren Generation geredet wird und die Jugendlichen – gegen
ihren Wunsch – ausgeklammert werden. Bereits im Jahr 2005 1) sprach sich rund ein Drittel der Jugendlichen für einen freiwilligen Sozialdienst aus. Hauptmotive für die Bereitschaft, einen freiwilligen Sozialdienst abzuleisten, sind vor allem eine attraktivere Entlohnung und die Anrechnung der Ausbildung für den Beruf (jeweils rund 60 % der Befragten). Für eine Öffnung des Zivildienstes – insbesondere auch für Frauen – traten nahezu drei Viertel der befragten Jugendlichen ein.
Derzeit gibt es in Österreich das freiwillige soziale Jahr (FSJ), wo junge Menschen ab 18 Jahren praktische Erfahrungen in der Sozialarbeit sammeln
können. Dafür erhalten diese ein monatliches Taschengeld von 168 Euro, gesetzlichen Versicherungsschutz, freie Unterkunft und Verpflegung in der Einsatzstelle. Der Wermutstropfen am Rande: Da es sich beim FSJ um keine Ausbildung im Sinne des § 2 Abs. 1 lit. bFLAG handelt, ist somit auch kein gesetzlicher Anspruch auf die Familienbeihilfe gegeben.

Rund 64 Prozent der Jugendlichen könnten sich auch vorstellen, dass ein Sozialdienst Teil der Ausbildung an österreichischen Schulen wird.2) Die Schaffung eines eigenen Lehrberufs für die Pflege erscheint hier als sinnvolle und langfristig wirksame Maßnahme.

„Intergenerationelle Verantwortung“ bedeutet in diesem Fall die Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen und Einstiegshilfen für die Jugendlichen,
Verminderung der Jugendarbeitslosigkeit und vor allem das Erlernen prosozialen Verhaltens. Intergenerationelle Verantwortung bedeutet aber auch einen verantwortlichen Umgang mit seiner persönlichen Gesundheit und mit dem Umfeld. Wer sich nicht selbst aktiv an gesundheitsfördernden
Maßnahmen beteiligt, wer nicht Verantwortung für seine eigene Gesundheit übernimmt, degradiert sich zum Tabletten und Anweisungen empfangenden Patienten (vgl. S. 16 in dieser Ausgabe) und wird aller Voraussicht nach
frühzeitig zum Pflegefall. Nicht alle „schwarz“ Gepflegten brauchen
Heimplätze!

Um auch mit einem Missverständnis aufzuräumen:
Nicht alle „schwarz“ gepflegten Menschen brauchen Heimplätze. Der Großteil der ausländischen Pflegekräfte verrichtet notwendige Hilfsdienste
wie Kochen, Wäsche waschen, Baden, Putzen, Einkaufen, Vorlesen etc. Kurzfristig ist eine Legalisierung dieser Pflegekräfte, sei es in Form von Saisonarbeitskräften oder in einer anderen – rechtlich und moralisch vertretbaren – Form sicherlich sinnvoll, langfristig können sich allerdings Pflegende und auch die Politik nicht auf billige ausländische Ressourcen verlassen. Tschechien und die Slowakei haben ähnliche (Pflege)Probleme wie Österreich und mit dem Anstieg des Lohnniveaus in diesen Ländern wird über kurz oder lang der Zustrom „billiger“ ausländischer Pflegekräfte abreißen.
Begleitmaßnahme „Pflegescheck“
Ein entsprechend beworbener und in jeder Trafik erhältlicher „Pflege(Dienstleistungs)-Scheck“ löst zwar nicht das Problem direkt, könnte jedoch eine brauchbare Begleitmaßnahme darstellen. Um einen ähnlichen
Flop wie beim Dienstleistungsscheck zu vermeiden, bedarf es dabei allerdings eines konzertanten Zusammenwirkens aller Parteien und Institutionen und einer breitgefächerten Öffentlichkeitsarbeit. Bisherige Modelle greifen zu kurz Versicherungssparmodelle – wie sie vereinzelt von
Versicherungen und Banken angeboten werden – greifen zu kurz. Insbesondere für die “Baby-boom- Generation“ kommen sie zu spät und schließen die unteren EinkommensbezieherInnen größtenteils aus.

Auf jeden Fall fühlen sich nun auch jene bislang sich noch zurückgehaltenen Banken und Versicherungen dazu aufgefordert, diesen aktuellen Markt zu erschließen. Gesellschaftliche Entwicklung birgt auch Chancen
Höhere Scheidungsraten, vermehrtes Single-Dasein und zunehmende Vergreisung werden von Experten oft als Hauptursachen des Pflegenotstandes gesehen. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass gerade die sogenannten „Patchworkfamilien“ auch Chancen
bieten. In diesen Patchworkfamilien ist das Beziehungsnetzwerk manchmal auch weiter als bei traditionellen Familien ausgeprägt. Darüber hinaus sind Singles ja nicht nur Pflege-Empfänger; gerade Singles engagieren sich oftmals im Pflegebereich und erhöhen auf diese Art und Weise ihre Sozialkontakte. Natürlich sind PflegerInnen aus Patchworkfamilien und Singles
nicht die Lösung des Problems. Dennoch wäre es ratsam, auch in diese Richtung weiterzudenken. Schätzungen zufolge werden österreichweit derzeit rund 460.000 Personen von Angehörigen gepflegt; die
Hauptlast der Pflege tragen dabei die Frauen. Der Vorschlag des Wirtschaftsforschungsinstituts, wonach neue Jobs geschaffen werden könnten, indem Pflegende, die sich um einen Angehörigen kümmern, auch
weitere Pflegebedürftige in der Umgebung betreuen könnten, mag zwar in der Theorie richtig sein. Es fehlt ihm jedoch jegliches Einfühlungsvermögen und praktische Relevanz. Zwischen der Pflege Angehöriger und der Pflege fremder Personen – auch wenn dies in der Umgebung erfolgen soll – ist ein fundamentaler Unterschied: die Motive sind völlig anders geartet. Pflege ist umfassend zu betrachten und hat bei der Prävention zu beginnen.

Laut einer von Public Opinion kürzlich durchgeführten Befragung 3) unter 1000 ÖsterreicherInnen ab 16 Jahren meinen 72 Prozent der Befragten, dass alles unternommen werden müsse, damit Menschen bebestimmte intime Dinge wie Waschen, Essen oder eine Toilette benützen selbständig verrichten können sollen. 57 Prozent treten sogar dafür ein, dass vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen für jeden Einzelnen zur Pflicht gemacht werden sollen. (Über Letzteres könnte man natürlich noch ausgiebig diskutieren). Erste, allerdings noch halbherzige, Ansätze seitens
der Politik und der Wirtschaft gibt es bereits. Barrierefreies Bauen, um die älteren Menschen möglichst lange selbständig in ihrer gewohnten Umgebung zu behalten, betriebliche Gesundheitsprogramme und
Vorsorgeuntersuchungen. Einzelne Bildungswerke und Hilfsorganisationen bieten spezielle Programme zur Vorbeugung gegen die zunehmende Demenz
an.

Chance für Neu- und WiedereinsteigerInnen in den Pflegeberuf
Mit dem im Herbst 2005 vom Sozialministerium ins Leben gerufenen Freiwilligenpass wurde ein interessanter Schritt gesetzt, um im Freiwilligenengagement erworbene Qualifikationen auch einer beruflichen
Anerkennung zuzuführen. Dies könnte die Chance für Neu- und WiedereinsteigerInnen in den Pflegeberuf durchaus vergrößern. Auch ein Anspruch auf spätere Pflege für einen selbst – so wie er von Rainer MÜNZ kürzlich vorgeschlagen wurde – könnte daraus abgeleitet werden. Über die informelle Pflege wird nach wie vor geschwiegen Bei der derzeit laufenden Diskussion um den Pflegenotstand darf eines nicht vergessen werden: neben
der formellen Pflege, welche großteils durch Hilfsorganisationen professionell bewältigt wird, gibt es noch den großen Bereich der informellen Pflege, also die Pflege durch Angehörige, Nachbarn, Selbsthilfegruppen und sonstige nicht organisierte Freiwillige. Über diesen Bereich gibt es derzeit nur Schätzungen, welche sich zwischen 5 und 10 Prozent bewegen.

Wie die künftige Lösung auch aussehen mag – erfreulich ist jedenfalls, dass dieses gesellschaftspolitisch so wichtige Thema Eingang in die öffentliche
Diskussion gefunden hat. Es bleibt abzuwarten, wie wir mit dieser intergenerationellen Verantwortlichkeit umgehen werden.

Quellen:
1) Public Opinion: Die Zukunft des Zivildienstes. Online-
Umfrage, März 2005.
2) Ebd.
3) Schneider/Hofer: Gesundheitsmarkt Österreich. Repr. Befragung
, Nov. 2005.

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