soziologieheute-news

18. Oktober 2009

Vom Umgang mit den Conquistadoren unserer Zeit

Filed under: Bernhard Hofer — bjh @ 16:18

wider die genormte Einfalt

von Bernhard Hofer

(aus: Public Observer Nr. 24 v. 27.7. 2006)

Wer von eigenen Problemen ablenken will, sucht die Schuld bei den anderen. Wer mit der Gefahr lebt, tut gut daran, sie in ihren Facetten kennen zu lernen. Wer etwas nehmen will, muss auch bereit sein zu geben.
Wenn in den folgenden Zeilen von Conquistadoren, Medien, Politik, Lobbyisten und „Krankjammerern“ gesprochen wird, so stellt dies nur einen „Blitzlicht-Ausschnitt“ unserer gesellschaftlichen Spielwiese dar. Vorliegende Gedankennotizen
sollen anregen und helfen weiter nachzudenken, woran – wie es so schön heißt – unsere Gesellschaft „krankt“. Heilung dieser Krankheit wird hier nicht versprochen, doch einige skizzenhaft festgehaltene, erste Überlegungen könnten wohl den einen oder anderen Lösungsansatz für unsere gesellschaftlichen Herausforderungen bieten.

Als die Conquistadoren nach Amerika kamen, sicherten sie für die Kriegspolitik des spanischen Königshauses die nötigen Finanzmittel; Spanien
stieg zur Weltmacht auf. Den moralischen Rahmen garantierte die katholische Kirche. Im Zuge der zahlreichen Eroberungen und Bekehrungsversuche in der „Neuen Welt“ wurden ganze Kulturen vernichtet, Länder ausgebeutet und Menschen ihrer Rechte beraubt. Heute ist es das „schwarze Gold“, welches Länder zu Weltmächten, zu einflussreichen Staaten, aufschwingen lässt. Um in den Besitz dieses schwarzen Goldes zu gelangen, wird auch wieder die Moral strapaziert. Terroristen und mit diesen
sympathisierende Regierungen (Schurkenstaaten) müssen herhalten, es wird vom „Kampf des Guten gegen das Böse“ gesprochen und die Frage des gerechten Krieges erhält starken Aufwind.

Staaten, bei welchen einstens die Menschenrechte vordringliche Bedeutung hatten, machen keinen Unterschied mehr zwischen der Bewertung des Menschen selbst und seinen Handlungen. Moralische Grundsätze werden so mit Füßen getreten. Den dafür notwenigen Rahmen bietet die neue, globale Religion, die Medien, welche in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und
Abhängigkeiten den „ganzen“ Menschen in ihren Bann ziehen.

Wer heute ein einziges Mal im Internet seine Spuren hinterlässt, ist auf Dauer präsent. Und über wen in diesem Medium irgendetwas publiziert wurde – egal ob positiv oder negativ für den Betroffenen – wird sich immer darin wieder finden. Die wenigsten User fragen nach den Quellen, der Herkunft der Information und jeder Desinformationskampagne scheint damit Tür und Tor geöffnet zu sein. Wie schon zur Glanzstunde der Zeitungen gilt für breite Bevölkerungskreise der Grundsatz: „Wenn es mal veröffentlicht ist, wird es
schon stimmen; zumindest irgendetwas muss ja dran sein.“

Mit diesem Wissen wird vielerorts gespielt, werden ManagerInnen emporgehievt oder verdammt, Missen und Stars gemacht, PolitikerInnen zur Wahl begleitet, ja ganzen Staaten ein Stempel aufgedruckt und vor allem Macht ausgeübt. Wissen ist Macht und Unwissende oder „Desinformationsempfänger“ sind der Torheit ausgeliefert. Wer die Verfügungsgewalt über Informationen hat, kann diese zum Wohl oder Wehe der anderen gebrauchen.

Im Zuge der Globalisierungsdebatte müsste gerade den riesigen Medienimperien mit besonderer Achtsamkeit begegnet werden. Diese „Zwischenreiche“ unserer Gesellschaft, die zunehmend alle Sinne des Menschen in Beschlag nehmen, sehen sich nur zu oft als Hüter der Moral, wobei die vielgerühmte Pressefreiheit letztlich ökonomischen Gesichtspunkten unterworfen und in Geiselhaft genommen wird. Die überbordende Anzahl an Unterhaltungssendungen auf den unterschiedlichen Fernsehkanälen, Events, Gewinnspielen oder Klatschspalten lassen den alten römischen – nach wie vor aktuellen – Slogan von „Brot und Spiele“ wieder deutlich erstrahlen. Selbst Gräuelbilder wie die
Hinrichtung des Amerikaners ARMSTRONG und die Folterbilder von Abu Graid werden zu gewinnträchtigen Medienereignissen unter dem Deckmantel der Moral und Pressefreiheit hochstilisiert.

Spiele allein sind jedoch nicht ausreichend, denn mit einem „leeren Bauch“ ist nicht gut lachen. Das „Brot“ der heutigen Zeit heißt Konsum, und für die „richtige“ Steuerung dieses Konsums wird wieder die Moral strapaziert. Warum – so schallt es uns entgegen – sollen Teile der Gesellschaft
von diesem Konsum ausgeschlossen bleiben?

Zynisch betrachtet drängen sich einem folgende Fragen auf: Haben beispielsweise nicht gerade die jungen Leute, ja auch die Kinder, ein Anrecht, die Errungenschaften unserer Welt wie Bankomat-/ Kreditkarte, Kontoüberziehungsrahmen etc. ebenso zu benutzen, ja wollen wir sie ausschließen von den Spielregeln unserer Gesellschaft? Und sind wir nicht im Zuge des – eigentlich nie so richtig funktionierenden – Generationenvertrages (moralisch) verpflichtet, zusätzlich mehr und mehr
in (die dritte Säule) Eigenvorsorge zu investieren? Und sind wir nicht auch (moralisch) verpflichtet, den in einem nach wie vor nicht ausreichendem Bildungssystem aufwachsenden Jugendlichendurch Umschulungen Chancen am Arbeitsmarkt zu bieten? Und gibt es nicht für die älteren Arbeitslosen Hoffnung zu erzeugen, indem man demografische Prognosen und Projektionen bemüht, um aufzuzeigen, dass in nicht allzu ferner Zeit der ältere Mensch am Arbeitsmarkt ohnehin wieder gefragt erscheint? Um wieder ausreichend „Brot“ zu haben, müsse mehr konsumiert werden. Dieses „Mehr“ an Konsum orientiert sich nach wie vor – so scheint es – an der
Quantität der Produkte und Leistungen. Dies drückt sich u. a. in Worthülsen wie „Nullwachstum“, der wieder aktuellen Forderung nach mehr Atomkraftwerken oder der Erschließung neuer Märkte in China und Indien aus.

Nur sehr zögerlich und wenn, dann auch unter dem Gesichtspunkt ökonomischer Interessen, werden Forderungen nach Qualitätsverbesserung erhoben. Und dort, wo dies der Fall ist, kommen in übertriebenem Ausmaß Normen und Zertifizierungszwänge zum Tragen. „Evaluation“ als Modewort der 90er Jahre findet ungebrochen und kaum hinterfragt Eingang in alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Was ursprünglich zu einer Qualitätsverbesserung beitragen sollte, wird nun zur notwendigen, lästigen Pflichtübung – sehr oft ohne glaubwürdig nachvollziehbarer Argumentation.

Gerade in den letzten zehn Jahren zeigt sich der wachsende Stellenwert der Wirtschaft in der Politik. Mit der Drohung der Abwanderung von Betrieben und der Freisetzung von Arbeitskräften werden Ziele und Begriffe wie Gewinnmaximierung, shareholder value etc. salonfähig gemacht. Der Wirtschaftslobbyismus tritt dabei als Brandbeschleuniger der Politikverdrossenheit auf und der Bürger stellt sich vermehrt die Frage: engagiert sich die Politik für das Kapital oder für den Bürger?

Das gleichzeitig in Europa einsetzende Krankjammern, dass es uns wirtschaftlich so schlecht gehe, erweckt fast den Eindruck, dass dieses Europa auf die Stufe eines Entwicklungslandes abgerutscht sei und lenkt gleichzeitig davon ab, dass ob dieser Botschaft die Standards in vielen Bereichen laufend gesenkt werden. Mehr Belastung (Stichwort: Eigenverantwortung) und weniger Leistungen seitens Staat und Wirtschaft
sind die Folge.

Wir können gewisse Entwicklungen sicher nicht verhindern; dazu ist die Macht der Ökonomie und ihrer Lobbyisten zu groß. Wir können sie jedoch
über den Parlamentarismus eindämmen und in die richtigen Bahnen lenken. Dafür braucht es mehr Bürgernähe in Europa, Meinungspluralität durch breit gestreute, möglichst unabhängige Medien, Offenlegung von Ämtern und Bezügen in der Politik, regelmäßige Rechenschaftspflicht von Lobbyistenorganisationen und die verpflichtende Beteiligung aller staatlichen und halbstaatlichen Institutionen und Organisationen zur Beseitigung sozialer Schieflagen. Freie Bildung, Information für alle, das Recht, seine Meinung und Gedanken frei mitteilen zu können und das Recht, gut informiert zu sein, nimmt dabei einen zentralen Stellenwert ein.

Wofür es in einer globalisierten Gesellschaft einzutreten gilt, ist neue Zugänge zu dieser Bildung und zur Information zu schaffen. Vielfalt und
nicht „genormte“ (Ein)falt muss die Oberhand gewinnen! Der freie Zugang zur Bildung, unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse, Religion oder Herkunft, muss als Grundrecht für alle Gesellschaftsmitglieder nicht nur gesetzlich verankert, sondern praktiziert werden. Interkulturelles, lebenslanges Lernen, die ständige Bereitschaft zum Diskurs, zum Hinterfragen nach dem Nutzen der Gesamtgesellschaft und nicht dem Nutzen einzelner (Eliten), sollte zur Maxime staatlich organisierter
Bildungseinrichtungen zählen. In einer globalisierten Welt darf der Bildung keine Zugangsbeschränkung auferlegt werden. Vielmehr gilt es heute von einander, mit einander und für einander zu lernen und gemeinsam Lösungen für alle anstehenden Problemfelder zu suchen. Respekt vor den Werten und der Kultur des jeweils anderen, das Vermeiden von einseitigen Abhängigkeitsverhältnissen, ein ausgewogenes Verhältnis des Gebens und Nehmens unter dem Gesichtspunkt der Menschenwürde und der Freiheit des einzelnen könnten dabei wesentliche Faktoren einer neuen globalen Moral sein.

Im Umgang mit den „Conquistadoren unserer Zeit“, welche die Interessen ihrer Clientel durch Problemverlagerung in andere Regionen und Bereiche
sicherstellen wollen, erscheint dies als angemessene und zugleich überlebensnotwendige Reaktion.

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