soziologieheute-news

18. Oktober 2009

Wer lässt sich schon integrieren?

Filed under: Alfred Rammer — bjh @ 16:29

Die doppelte Integrationsproblematik moderner Gesellschaften

von Alfred Rammer

(aus: Public Observer Nr. 24 v. 27.7.2006)

Der Umgang mit fremden Kulturen – zumal mit muslimischen – ist spätestens seit den Terroranschlägen in den USA 2001 allerorts ein heiß
umstrittenes Thema. Schön langsam setzt sich selbst in Ländern wie Deutschland oder Österreich die Erkenntnis durch, dass man ungeachtet anders lautender Versicherungen längst de facto zu einem Einwanderungsland geworden ist.

Vor diesem Hintergrund aber verschieben sich Horizonte, es gilt, Perspektiven für den Umgang von Angehörigen anderer Kulturen innerhalb der eigenen Gesellschaft zu entwickeln, nicht mehr Außenpolitik sondern Innenpolitik ist gefragt. Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen, die über
Generationen von ganz anderen Prämissen ausgegangen sind, den Umschlag der realen Verhältnisse zwar theoretisch (und selbst dies mit Würgen)
zur Kenntnis nehmen, in ihren emotionalen und weltanschaulichen Dimensionen jedoch dieser eingestandenen Wirklichkeit hinterher hinken.
Die Folgen sind Ablehnung, Ausländerfeindlichkeit, irrationale Abwehrbemühungen. Und selbstredend finden sich in allen Staaten politische Organisationen und Parteien, die die entsprechenden Stimmungslagen als leicht zu erntendes Stimmreservoir erkennen. Dem Volke auf’s Maul schauend verstärken sie die grassierenden Vorurteile, bauen zum Teil absurde Bedrohungsszenarien auf und bieten messianistisch
anmutende einfache Lösungen. Dabei gäbe es der Probleme wahrlich genug. Doch wird es nicht reichen, den Blick nur in eine Richtung zu schärfen, sich nur damit zu beschäftigen, welche Anforderungen man denn an die hier lebenden Ausländer stellen muss.

Allzu schnell erliegt man der Versuchung, nicht mehr bloß zu fordern, was für ein gedeihliches Miteinander notwendig ist, stattdessen wird das
Fordern Selbstzweck, und erzeugt wird ein Verhältnis zwischen Alteingesessenen und Hinzugekommenen als Über- und Unterordnung. Wenn sie schon „hier bei uns“ leben wollen, so heißt dann die Devise, sollen sie sich eben auch „ integrieren“. Doch erweist sich diese Integrationsforderung bei näherem Hinsehen nicht selten als Euphemismus, als schieres Bedürfnis, den anderen spüren zu lassen, wer hierzulande das Sagen hat. Da reicht es dann auch nicht, wenn eine Gruppe Muslime unter Wahrung sämtlicher in Österreich geltender Regeln privat für einige Stunden
ein öffentliches Freibad mietet, um dort nach eigenen Vorstellungen zu baden – schließlich muss man den Anfängen wehren …

Bei aller Berücksichtigung der verschiedenen Umstände, die die infantile Ausländerfeindlichkeit und -angst schüren – prekäre eigene soziale Lage, drohende Arbeitslosigkeit, demagogische Politiker usw. – ganz aus der Verantwortung wird man den einfachen Bürger wohl auch nicht entlassen
können. Immerhin leben wir im 21. Jahrhundert und die europäischen Gesellschaften verstehen sich als aufgeklärte Gesellschaften. Etwas mehr kritische Selbstreflexion wäre vonnöten, klarere Vorstellungen davon, wer und was man in dieser Gesellschaft und was diese selbst denn eigentlich sein will und soll und kann, wären zu entwickeln.

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Ministerium für Inneres die Zusammenfassung einer Studie, die die Situation der Muslime in Österreich
beleuchtet. Über die wissenschaftliche Qualität der Arbeit lässt sich wohl trefflich streiten, zumal sie ja nicht zur Gänze vorliegt. Fraglich mag auch
sein, ob der Nürnberger Richter und Islamexperte Mathias ROHE tatsächlich die richtige Adresse für die spezielle Fragestellung ist. Doch spielen
derartige Zweifel für die hier präsentierten Überlegungen keine Rolle. Mindestens ebenso interessant erscheint mir die Art und Weise, wie die Ergebnisse in der Öffentlichkeit rezipiert wurden. Gefragt soll hier bloß danach werden, ob die Inhalte der Arbeit tatsächlich das hergeben, wofür
man sie offensichtlich zu verwenden gedenkt, nämlich als Anlass, die Alarmglocken in Österreich noch ein wenig lauter schellen zu lassen.
Gefragt soll in einem weiteren Gedankengang danach werden, was denn diese ominöse „Integration“ eigentlich sei, die man so heftig von den Ausländern (in bestimmter Hinsicht und in vernünftigen Grenzen zurecht) fordert und die man – nicht zuletzt dank besagter Studie – bei selbigen so schmerzlich vermisst. Und hier wird in einem dritten Gedankengang erkennbar, woran das Bemühen um eine befriedigende Bewältigung der Ausländerproblematik
krankt, nämlich an der mangelhaften Trennung zweier Problemkreise: der Integration von Minderheiten einerseits, jener der Mehrheitsgesellschaft
selbst anderseits.

1. Die Integrationsstudie
Mathias ROHE verwendet für seine Studie Daten aus der Volkszählung in Österreich 2001, der Inhaltsanalyse tagesaktueller Medienberichte in Österreich sowie verbreiteter türkisch- und arabischsprachiger
Printmedien; außerdem stützt er sich auf zwei repräsentative bundesweite Telefonumfragen unter jeweils 1000 Österreichern in den Erhebungszeiträumen Ende November bis Mitte Dezember 2005 (Leitfadeninterviews) und Jänner – Februar 2006 (100 ausführliche Leitfadeninterviews).

Die Analyse österreichischer Medien führt Rohe zur Feststellung, dass das medial schon länger behandelte „Ausländerproblem“ während der letzten
Jahre zunehmend zum „Islamproblem“ wurde. Das Thema Integration wurde also insgesamt immer weniger eigenständig als vielmehr im Zusammenhang mit weltweiter Gefahrenprävention erörtert. Auch das noch 1997 im Vordergrund stehende Thema Bildung/Erziehung verschwindet zunehmend. Lokal vorhandene Probleme werden mit Problemen mit der islamischen Welt insgesamt zunehmend vermischt.

Dass es sich für die österreichische Gesellschaft um ein durchaus überschaubares Problem handelt, ergeben die Daten aus der Volkszählung in
Österreich von 2001: 8,9 % der österreichischen Wohnbevölkerung sind Ausländer, knapp 340.000, also 4,2 % der Gesamtbevölkerung, sind Muslime, die hauptsächlich aus Serbien/ Montenegro (18,7 %), Türkei (17,9 %) und Bosnien/ Herzegowina (15,2 %) kommen. Fast alle Türken, die meisten Staatsangehörigen Bosnien/Herzegowinas und wohl auch ein gewisser Teil der Menschen aus Serbien/Montenegro dürften Muslime sein. Die charakteristischen Richtungen des Islam in der Türkei (theoretisch laizistische Ausprägung, faktisch gemäßigter sunnitischer Staatsislam sowie Alevitentum mit in der Türkei stark beschränkter Religionsfreiheit) und auf dem Balkan (weitgehend liberaler bis gemäßigttraditioneller Islam mit vereinzelten Radikalisierungstendenzen im Zuge des Bürgerkriegs) prägen
also das Bild des Islam von Österreich. Je nach Bundesland schwankt der Anteil der Muslime unter den Ausländern zwischen knapp einem Drittel und etwas über der Hälfte.

Die Probleme fasst ROHE wie folgt überblicksartig zusammen: Die muslimische Präsenz in Österreich und in weiten Teilen Europas beruht auf Migration jüngeren Datums. „Gastarbeiter“ mit meist sehr niedriger formaler Bildung und Flüchtlinge prägen das Bild, viele von ihnen befinden
sich am unteren Rand der Aufnahmegesellschaften. Gerade hier treffen zwei sehr gegensätzliche Kommunikationskulturen aufeinander. Orientalische
Kommunikation – geprägt durch Vermeidung offener, sachlicher Kritik – wirkt auf Europäer häufig unaufrichtig. Umgekehrt wirkt die europäische
„Offenheit“ oft verletzend. Innerhalb vertrauter Formen sind die Menschen orientalischer Prägung im zwischenmenschlichen Umgang sehr herzlich, offene Ablehnung führt zu Trotzreaktionen. Hier liegt eine der wesentlichen Ursachen der mittlerweile unter jungen Türken oder Albanern herausgebildete, teils betont aggressive Jugendkultur.

„Nach langjähriger Beobachtung über die hier vorliegende Analyse hinaus wagt der Verfasser die Tendenzaussage, das der übersteigerte Nationalismus
bei vielen Türken nicht weniger integrationshinderlichist als religiöser Fanatismus (nicht zuletzt militante laizistische Nationalisten sind für einen Grossteil der vergangenen und gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei verantwortlich).“
Solange in der europäischen Öffentlichkeit Muslime bzw. der Islam vorwiegend als Problem wahrgenommen und angesprochen werden, dürfte sich – so vermutet der Autor – die Isolation auf beiden Seiten eher verstärken. Je mehr gemäßigte muslimische Stimmen auch in der Öffentlichkeit wirken können, je mehr Muslime beruflich und gesellschaftlich feste Verankerung finden und sich an arrivierten Multiplikatoren orientieren
können, desto eher werde dauerhafter gesellschaftlicher Friede zu erreichen sein. Bei all dem schreibt er übrigens der Religion keine entscheidende
Bedeutung zu. Sie könne allerdings ideologisch genutzt und bei Unzufriedenen zur Mobilisierung für den Aufbau einer „Gegengesellschaft“
dienen.

ROHE zieht folgende Schlussfolgerungen:
„Persönliche Erfahrungen und Einschätzungen der befragten Österreicher und Muslime hinsichtlich des Zusammenlebens lassen die vereinfachte
Aussage zu, wonach ein insgesamt eher kontaktarmes, friedliches, aber von einiger Distanz geprägtes Nebeneinander besteht – ‚Integration’
auf niedrigem Niveau. Diese vereinfachte Aussage muss allerdings gruppenspezifisch relativiert werden, sowohl im Hinblick auf die Österreicher insgesamt als auch auf die Muslime. Beide Gruppen sind sehr heterogen, und in beiden Gruppen findet sich eine grundsätzlich verständigungsbereite oder zumindest neutrale Mehrheit. Allerdings
sind gewichtige Gruppen mit jeweils erheblicher Distanz zum Gegenüber (Muslime bzw. österreichische Gesellschaft) nicht zu übersehen.“

„Restriktive Maßnahmen gegen Extremismus und Unterhöhlung werden auf breite Akzeptanz stoßen, auch unter vielen Muslimen. Solche Akzeptanz
setzt andererseits die Bereitschaft zur Förderung und effektiver Rechtsgewährung dort durch, wo entsprechende Ansprüche bestehen
bzw. wo Fördermaßnahmen Integration effizient bewirken können.“

„Die Integration der Muslime in die österreichischeGesellschaft (nicht: die Assimilation an sie!) ist noch bei weitem nicht erfolgreich abgeschlossen.
Es dominiert das weitestgehend friedfertige Nebeneinander mit einer noch verbreiteten gegenseitigen Distanz. Die Mehrheit unter den Österreichern
insgesamt wie auch unter den Muslimen bringen nach ihren Grundhaltungen gute Voraussetzungen für gelingende Integration mit.

Allerdings finden sich auf beiden Seiten gewichtige Gruppen, die hierfür nur schwer zu gewinnen sind. Ein gewisses Maß an Segregation wird daher wohl auf lange Zeit hinzunehmen sein. Segregation ist aber ein in jeder Gesellschaft durchaus übliches Phänomen und als solches nicht bedenklich.
Deshalb ist auch der verbreitete Begriff der ‚Parallelgesellschaft’ noch zu wenig konturiert, um aussagekräftig zu sein.“

„Das größte Gefährdungspotential dürfte … dort liegen, wo wirtschaftliche Probleme, ein erhebliches Maß an innerer Distanz, Unsicherheit bzw.
Überlegenheitsgefühlen und intensive Einbindung eine ethnisch oder religiös ausgerichtete Infrastruktur zusammentreffen.“

ROHE zeichnet alles in allem kein besonders dramatisches Bild von der Situation der Muslime in Österreich. Im Duktus durchaus wohlwollend verweist er auf die verschiedenen Probleme und Gefahren und zeigt sich vorsichtig optimistisch, was die Möglichkeiten der Bewältigung derselben
betrifft. Von überbordender und gefährlicher Integrationsfeindlichkeit
eines beträchtlichen Teils der Immigranten ist nicht nur nicht die Rede, es
bedarf kühner Phantasie, um derartige Deutungen zu entwickeln. Dass sich selbige dennoch jedenfalls teilweise durchsetzen, lässt vermuten, dass diese Gesellschaft keine klaren Vorstellungen davon hat, woraufhin zu integrieren ist.

2. Integration
Emile DURKHEIM folgend ist zu unterscheiden zwischen zwei Dimensionen sozialer Integration, nämlich der negativen und der positiven Solidarität,
denen aus rechtsphilosophischer Sicht negative und positive Freiheit korrespondieren.

Wenngleich man die Konzepte der Klassiker der Soziologie nicht unmittelbar auf die Gegenwart anwenden kann, empfiehlt sich doch, an diese anzuschließen. Nicht nur gelten jene nicht umsonst als Klassiker, sie machten sich auch um die Entwicklung der soziologischen Theorie und Praxis in unvergleichlicher Weise verdient und lieferten Erkenntnisse, hinter die nicht straflos zurückzufallen ist; die von der Tradition völlig unbelastete
Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Themenschafft zudem terminologischen Wildwuchs, der mehr verdeckt als freilegt. Freilich darf man es nicht beim bloßen Rezitieren klassischer Theorien oder Theorieelementen belassen, vielmehr gilt es zu prüfen, ob und wie weit selbige auch die jeweilige Gegenwart erhellen können.

Negative Solidarität bedeutet eine Akkordierungder Handlungsrechte von Personen in einer Weise,die Konflikte vermeidet. Der eindeutige Anspruch
auf Eigentum vermeidet den Streit um die Nutzung desselben. Jede konfliktfreie Bestimmung von Handlungsrechten drückt eine negative
Solidarität aus, sie gewährleistet, dass sich die Menschen nicht gegenseitig ins Gehege kommen. Möglich ist diese negative nur durch das
Gegenstück der positiven Solidarität. Diese besteht in der gegenseitigen Anerkennung jener Rechte und in der gemeinsamen Unterhaltung
von Rechtsinstanzen, die über die gegenseitige Respektierung der Rechte wachen. Dieses gegenseitige Bedingungsverhältnis verweist
auf die Irreduzibilität der beiden Dimensionen.

Die eine ist ohne die andere nicht zu haben.
Ein gedeihliches Miteinander der Menschen in´einer Gesellschaft setzt also voraus, dass positive wie negative Solidarität in ein möglichst optimales
Gleichgewicht zu bringen sind, ein Gleichgewicht freilich, das stets prekär bleibt und welches unter Bedachtnahme sich ändernder Rahmenbedingungen immer wieder neu einzustellen ist.

Richard MÜNCH deutet „negative Integration“ in Bezug auf die europäische Integration und die Öffnung des Weltmarktes als die Form der Integration,
die sich aus dem Abbau von Handelshemmnissen ergibt. „Positive Integration“ meint dabei das staatlich-regulierende Eingreifen in die
Marktbeziehungen zwecks Kontrolle unerwünschter Nebeneffekte.
Negative Integration wie negative Solidarität beruhen
also auf der Gewährung privater Freiheitsrechte, positive Integration und positive Solidarität stützen sich auf Kooperation zum Zweck der gemeinsamen Gestaltung der Handlungsräume.
Die positive Solidarität beinhaltet stets eine Form der Zusammenarbeit, etwa die gegenseitige Anerkennung von Handlungsrechten, die Bereitschaft,
Konflikte nach rechtlich festgelegten Verfahren friedlich zu bewältigen sowie rechtliche Instanzen, die Regelabweichungen erfolgreich
sanktionieren, gemeinsam zu unterhalten. Das Integrationsmedium der positiven Solidarität ist das Recht.

Andere Formen positiver Solidarität sind von derrechtlichen zu unterscheiden: die kollektive Verbundenheit,die sich etwa in dichter Arbeitsteilung,in gemeinsamem republikanischem Bürgersinn,in enger sozialer Zusammenarbeit und gemeinsamer kultureller Lebenswelt äußert; die Bereitschaft, den erwirtschafteten Wohlstand mit allen
Mitgliedern der Gesellschaft zu teilen; derVorrang des Kollektivs vor dem Individuum und der Vorrang des eigenen Kollektivs gegenüber
anderen Kollektiven. Das Integrationsmedium dieser „emotionalen Solidarität“ ist das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Je umfassender die einzelnen Formen der positiven Solidarität verwirklicht werden, desto stärker ist eine Gesellschaft integriert. Je stärker die Formen
„emotionaler Solidarität“ ausgeprägt sind, desto geringer fällt die persönliche Wahlfreiheit aus. Zuviel soziale Integration schließt also eine
Gesellschaft nach außen ab, engt die individuellen
Handlungsspielräume ein und unterdrückt Innovationen. Zuwenig soziale Integration wiederum lässt keine Kooperation aufkommen, wo sie benötigt wird, führt zu einem Mangel an Infrastrukturen, überlässt die weniger Leistungsfähigen sich selbst und erzeugt Krisenherde der Entfremdung,
Hoffnungslosigkeit und Anomie (Regellosigkeit), die sich in Kooperationsverweigerung, Zynismus, Leistungsverweigerung und Kriminalität äußern.

In der Moderne wurde der Nationalstaat zur zentralen Einheit einer starken sozialen Integration mit entsprechender Einbettung der negativen in
eine umfassende positive Solidarität. Die Nation ist dabei bestimmbar als eine historisch gewachsene oder politisch konstruierte Gemeinschaft mit
einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das nach innen Differenzen wischen kleineren Gemeinschaften überwindet und sich nach außen gegenüber
anderen Nationen abgrenzt. Als Staat ist ein Herrschaftsverband, der für ein bestimmtes Territorium erfolgreich das Gewaltmonopol beansprucht,
zu verstehen. Der Nationalstaat ersetzt nicht nur partikulargemeinschaftliche Solidarität durch Recht, er schafft auch eine neue solidarische Einheit. Mit den Worten von Richard MÜNCH „Nationale Solidarität ist die nicht-rechtliche Grundlage einer sonst durch das Recht integrierten Gesellschaft, so wie das Recht die nicht-kontraktuelle Grundlage
des Vertrags ist … und der Vertrag das bindende Element der arbeitsteiligen Gesellschaft mit ihrer marktwirtschaftlichen Ordnung.“ Die auf wachsender Arbeitsteilung beruhende organische Solidarität (DURKHEIM) wurde in den Wohlfahrtsstaaten in eine ausgeprägte mechanische Solidarität eingebettet.

Die mechanische Solidarität äußert sich im Grad der Marktunabhängigkeit
des individuellen Lebensstandards. Die internationale Arbeitsteilung überwindet den tödlichen Kampf um knappe Ressourcen und wird zur Grundlage der grenz-überschreitenden Integration. Jenseits der global wachsenden Inklusion der Menschen in die Erwerbsarbeit ist aber soziale
Integration – jedenfalls in vorerst präsentierter Form – kaum mehr möglich.
Dies hängt nicht zuletzt mit dem Umstand zusammen, dass das hohe Wohlstandsniveau und dessen kollektive Teilung in den Wohlfahrtsstaaten
mit einem hohen Maß an Ungleichheit und der Desintegration der Weltgesellschaft einhergingen.

Die Wohlfahrtsstaaten konnten ein hohes Maß der mechanischen Solidarität von Inseln des Wohlstands in eine immer mehr von grenzüberschreitender
Arbeitsteilung geprägten Welt retten, doch je weiter sich der europäische Markt und der Weltmarkt öffnen, desto weniger wird sich dieser nationale Wohlstandsverbund in seiner bisherigen Gestalt aufrecht erhalten lassen.

Die unabwendbare Standortkonkurrenz schlägt von der nationalen auf die regionale, lokale und individuelle Ebene durch und lockert so die nationalen
Bande der kollektiven Solidarität. Diverse Sozialleistungen erweisen sich zunehmend als Schwächung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, die Starken lassen sich weniger bereitwillig zu Ausgleichszahlungen motivieren, weil sie jetzt selbst härterer Konkurrenz ausgeliefert sind. Die nationale Kollektivsolidarität wird schwächer und differenziert sich stärker aus in reichere und ärmere Regionen, Städte, Gemeinden, Schichten und Berufsgruppen. „Die kosmopolitisch orientierte Intelligenz wird zum Träger der erweiterten internationalen Arbeitsteilung, die sich über die bisherigen
Schranken der nationalstaatlich organisierten kollektiven Solidarität hinwegsetzt.“

Die Modernisierungsverlierer dagegen sehen den Verlust nationaler Solidarität als Bedrohung für ihr eigene Position und werden so zur Quelle nationalistischer Gegenbewegungen gegen die Globalisierung. Dies alles führt tendenziell auch dazu, dass sich die Maßstäbe der Gerechtigkeit verändern. Gleichheit soll sich weniger in gleichen Resultaten trotz ungleicher Leistungen äußern, sondern mehr in der proportionalen Entlohnung von Leistungen und in gleichen Chancen im Wettbewerb
um Einkommen und Status. Und zunehmend findet der Gedanke Widerhall, dass vom Steuerzahler zu finanzierende Sozialleistungen nur denjenigen
zugute kommen sollen, die ihrer auch bedürfen.

Nicht ganz zu Unrecht gilt Richard MÜNCH als der „amerikanischste“ der deutschsprachigen Soziologen. Entsprechend sollten insbesondere dessen Schlussfolgerungen mit Vorsicht behandelt werden. Tatsächlich erweist sich, dass diese gemessen an seinen sehr sorgfältig ausgearbeiteten
Gegenwartsanalysen in ihrer Stringenz doch erheblich zurückbleiben. Weil das Ziel der Argumentation – der Ausweis US-amerikanischer Gesellschaftsordnung als die einzige Option – schon feststeht, fallen Alternativen unter den Tisch. Doch da es mir hier nicht um eine ausführliche
Diskussion sozialpolitischer Perspektiven zu tun ist, mag MÜNCHS Ausblick als Anstoß für weitere Debatten dienen:

Als Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen der Globalisierung kommen nach MÜNCH Neoliberalismus, Rettung des Wohlfahrtsstaates
und Europäische Sozialintegration in Betracht. Alle drei beinhalten ihm zufolge Richtiges, sie sind ihm aber zu einseitig und letztlich unrealistisch. Bleibt als einzig realistische Strategie eine vernünftige Kombination der drei. Die Marktöffnungsstrategie gilt ihm als unvermeidlich und in dem Umfang richtig, in dem Desintegration und Anomie vermieden werden können. Diese
sucht die Strategie der Rettung des Wohlfahrtsstaates in sozialverträglichen Grenzen zu halten.

Die Sozialintegration wird sich auf Fairness im Sinne von Chancengleichheit konzentrieren müssen, sie wird aber nicht gleiche Lebensbedingungen
schaffen können.

In dem Maße, in dem sich die Politik in der Gesellschaftsgestaltung
durch Gesetzgebung zurückhält, eröffnen sich neue Spielräume eigenverantwortlicher Lebensgestaltung, die die Menschen
häufiger in Konflikte über die Reichweite ihrer Rechte geraten lässt. Entsprechend wächst im Verhältnis zur Gesetzgebung die Bedeutung
der Rolle der Gerichte der Sozialintegration durch Streitschlichtung, Gewährleistung rechtlicher Gleichheit, Chancengleichheit und Fairness.

3. Die Integrations-Desintegrationsdynamik
Regelmäßiges Wachstum, sozialstaatliche Sicherungen und korporatistische Übereinkünfte zwischen Interessengruppen nach 1945 vermittelten den Eindruck, dass die Integrationsfrage gelöst sei, ließen erwarten, dass das individuelle wie das soziale Leben von immer weniger Desintegration gekennzeichnet sei. Mittlerweile jedoch zeichnet sich ab, dass sich angesichts der Ambivalenzen sozialer Modernisierung die Integrationsproblematik noch radikalisiert und sich längst
nicht mehr bloß für die „Ausländer“ stellt.

Mittlerweile stellt sich eine doppelte Integrationsfrage: die Integration der Mehrheitsgesellschaft selbst und die der Minderheiten. Mittlerweile gibt es einige Ansätze, die Integrationsthematik mehrdimensional zu betrachten. Sie alle lassen vermuten, dass die Frage danach, was die Gesellschaft zusammenhält, kaum befriedigend beantwortet werden kann, es sei denn,
man stellt an derartigen Zusammenhalt dermaßen bescheidene Ansprüche, dass man von einem solchen eigentlich gar nicht mehr sprechen
kann.

Für Wilhelm HEITMEYER unterscheidet sich die heutige Integrations- Desintegrationsdynamik von früher in drei Punkten: Erstens wird die soziale, ökonomisch-politische Entwicklungsrichtung immer diffuser; zweitens sind die Fragen brisanter Konfliktlinien jenseits politischer Ideologien in den
neuen ethnisch-kulturellen Konfrontationslinien unbeantwortet; und drittens werden immer neue Bevölkerungsgruppen in diese Dynamik hineingezogen, so dass die Angst vor Desintegration zunimmt.

Einer der wesentlichsten Gründe dafür, dass heute die Integrationsthematik so viel Aufmerksamkeit erfährt, ist wohl dem Umstand geschuldet,
dass man angesichts fortgeschrittener Differenzierung einer Gesellschaft auch die Notwendigkeit höher Integration erwartet, andernfalls ja der
soziale wie auch persönliche „Gewinn“ abhanden käme. Was brächte die durch kulturelle Pluralisierung größer gewordene Geltung der jeweiligen
Interessen, wenn gleichzeitig die Wirksamkeit der Regelung von Gegensätzen und Konflikten abnähme?

Nun sind die Versuche einer normativ neutralen Konzeption sozialer Integration entweder gescheitert, oder die Konzeption wird von Menschen,
ihren Bedürfnissen und Ängsten „entleert“ und nur noch sozialtechnologisch gedacht. Als Alternative, die ich im Folgenden forcieren möchte, bietet sich die Idee von der Gleichwertigkeit der Menschen und der Gewaltfreiheit der Verhältnisse und Beziehungen.

Ein Blick auf den Gebrauch des Begriffs Integration macht schnell deutlich, dass selbiger recht nachlässig und interessenorientiert verwendet
wird, ohne dass Rechenschaft darüber abgegeben wird, warum und wozu man ihn auf bestimmte Art und Weise in Anschlag bringt und vor allem
ohne darauf zu reflektieren, was dabei unter den Tisch fällt. So wird Integration zumeist positiv konnotiert, die Ambivalenz des Begriffs, die vorhandenen Mechanismen der sozialen Kontrolle und Zwänge und die damit verbundenen Herrschafts- und Machtverhältnisse, werden für gewöhnlich ausgeblendet. Auch die Gleichsetzung von Stabilität und Integration oder Konfliktfreiheit und Integration ist durchaus problematisch. Dementsprechend wird Desintegration per se negativ
interpretiert. Doch die einfache Gegenüberstellung von positiver
Integration und negativer Desintegration ist nicht sehr hilfreich, denn die gesellschaftliche Entwicklung befindet sich in einer wechselseitigen Integrations-Desintegrationsdynamik. Dagegen gilt es, die Antriebskräfte von Ausformungen der jeweiligen „hellen“ und „dunklen“ Seiten von
Integration und Desintegration gleichermaßen zu berücksichtigen.

Falsch ist auch die Behauptung, dass nicht mehr die hierarchische gesellschaftliche Aufteilung von „oben“ und „unten“ maßgeblich sei, dass es
nun stattdessen um „in“ und „out“ gehe. Demgegenüber ist festzustellen, dass in der funktional differenzierten Gesellschaft die stratifikatorischen
Kategorien keineswegs geschliffen sind. Phänomene sekundärer Differenzierung nach Geschlecht, Hautfarbe, kultureller Zugehörigkeit
usw. werden mit neuen Bedeutungen versehen, die zu immer veränderten Konstellationen von Integration und Desintegration zugleich führen können.

Es gehen also in funktional orientierte Konzeptionen auch stratifikatorische Elemente wie z.B. Positionierungen im Staatsgefüge ein Empirisch lassen sich vielfältige Konstellationen für unterschiedliche Personen und Gruppen feststellen. Durch die Integrations-Desintegrationsdynamik
werden individuell, milieubezogen oder entlang ethnisch-kultureller Zugehörigkeiten komplexe Anerkennungsprozesse geformt,
womit soziale Bindung und politische Loyalitäten erzeugt und stabilisiert werden oder selbige erodieren und lösen sich auf. Die durch gesellschaftliche Modernisierung hervorgerufenen Individualisierungsschübe befördern neue Integrations-
wie Desintegrationsformen, und es stellt sich die Frage, ob diese Dynamik in „Balance“ gehalten werden kann. Innergesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die Globalisierung ökonomischer
Entwicklungen und die ethnisch-kulturelle Partikularisierung lassen es zunehmend undeutlich werden, welche Integrationsmodi und welche
Integrationsressourcen heute noch greifen.

Der Verlauf gesellschaftlichen Wandels hat mehrere Integrationsmodi hervorgebracht. Heutzutage kann, wie HEITMEYER zutreffend feststellt,
gesellschaftliche Bindung nicht mehr als die Auflösung bzw. das Fehlen gesellschaftlicher Konflikte gesehen werden, sondern als Regulation von
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Bewältigt werden demzufolge gesellschaftliche (auch ethnische) Auseinandersetzungen nicht durch
Überwindung, sondern durch das erfolgreiche Prozessieren von Konflikten, wodurch gesellschaftliche Stabilität gesichert und die widerstreitenden
Standpunkte in einem für alle Beteiligten akzeptablen Modus vivendi zusammengeführt werden.

Während die soziologischen Klassiker davon ausgegangen sind, dass die funktionale Differenzierung der Gesellschaft die ethnischen Kategorisierungen zum Verschwinden bringen würden, zeigt
sich heute ein Zunehmen ethnisch-kultureller Auseinandersetzungen.

HEITMEYER nennt folgende anomische Entwicklungen und Gewaltpotenziale, die sich erkennen lassen:
1. Die Strukturkrise, die sich entlang der Differenzierung
gesellschaftlicher Teilsysteme feststellen lässt. Dies führt zur Problementwicklung der stratifikatorischen Positionierung bis hin zur Existenzgefährdung. Wirtschaftliches Wachstum und prosperitätsorientierte Politik verschärfen Ungleichheit. Demokratieabbau bei Wohlstandserhaltung für deutungs- und mobilisierungsfähige
Milieus scheint die fast unausweichliche Konsequenz zu sein.
2. Die Regulationskrise, die davon herrührt, dass durch die Pluralisierung von Werten und Normen „Sinn“ und Verständigung abnehmen. Durch die Pluralisierung von Werten und Normen erhöhtsich die Kontingenzerfahrung und somit auch die Beliebigkeit, daneben wird der Kern der unstrittigen
Normen kleiner, der der umstrittenen dagegen größer.
3. Die Kohäsionskrise, die sich in der Abnahme
von sozialer Anerkennung, Bindungen und Zugehörigkeiten
zeigt. Und so kommt HEITMEYER zu dem Schluss:
„Ein Syndrom, das Desintegrationserfahrungen und Ängste mit Delegitimierung von Normen und der Kontingenz von Wertvorstellungen verbindet sowie ihren Niederschlag sowohl in Vereinzelung
als auch in Re-Aktivierungen von Abgrenzungen erfährt, hat weitreichende Folgen: die ‚Entsicherung’ von Konfliktpotentialen, und damit Gewaltlatenz
durch Gleichgültigkeit, geht in diesem Syndrom einher mit der Absenkung von Gewaltschwellen und der Lenkung von Gewaltprozessen.“
4. Zusammenfassung
Gegenwärtig stehen die europäischen Gesellschaften vor großen Umbrüchen. Die Probleme, die sich mit einem vermehrten Zuzug von Ausländern ergeben, sind tatsächlich vorhanden und sollen hier keineswegs geleugnet werden, wenngleich darauf verzichtet wird, diese ausführlich zu
behandeln oder gar einer Lösung zuzuführen. Beleuchtet man nämlich den gegenwärtigen Diskurs über die Integration von Fremden in die eigene
Gesellschaft so wird schnell ersichtlich, dass sich selbiger über weite Strecken jedenfalls in der breiten Öffentlichkeit von der Wirklichkeit
abgekoppelt hat. Der Beispiele ließen sich viele finden, auf deren Aufzählung muss jedoch aus Platzgründen verzichtet werden. Da werden dann von den Fremden Anpassungsleistungen an Traditionen und Üblichkeiten, die es so nicht oder nicht mehr gibt, gefordert. Während man einerseits
gemeinhin einem überbordenden Individualismus frönt und das Verdampfen von Solidarität mit schicksalsergebenem Achselzucken zur
Kenntnis nimmt, bedient man sich der im großen und ganzen allgemein geteilten Ablehnung von Fremden gleichsam als Alternativquelle von Solidarität. Freilich hat derartige Beruhigung auch ihren
Preis. Dieser besteht darin, dass unter der Hand Prozesse in Gang gesetzt oder verstärkt werden, die man eigentlich nicht wünscht und deren
Konsequenzen im nachhinein umso schmerzhafter empfunden werden, sobald sie dann doch einmal an die Oberfläche drängen.

Es ist höchst an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Integrationsfrage nicht ein für allemal gelöst, sondern angesichts sozialer Modernisierung
erneut und sogar verschärft aufgebrochen ist und sich nun als eine doppelte stellt: als Integration von Minderheiten einerseits und neuerdings
eben auch als Integration der Mehrheitsgesellschaft selbst. Eben diese zweite wird mangels Bereitschaft in der breiten Öffentlichkeit noch
viel zu wenig gesehen und thematisiert. Doch auf Dauer wird es wohl nicht möglich und keinesfalls dienlich sein, die Verwerfungen in einem Gebiet
mit Kurierungsanstrengungen im anderen zu bewältigen. Noch so restriktive und jedenfalls manchmal auch gehässige Maßnahmen gegen Ausländer geben nicht genug her, um die Mängel der Integration der Mehrheitsgesellschaft zu beheben.

Literatur
Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine
andere Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Heitmeyer, Wilhelm (Hg.), 1997a: Was treibt die Gesellschaft
auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem
Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Bd. 1,
Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1997b: Was hält die Gesellschaft
zusammen? Bundesrepublik Deutschland: Auf
dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft,
Bd. 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Münch, Richard, 1996: Risikopolitik, Frankfurt/M.: Suhrkamp,
1998: Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der
schwierige Weg in die Weltgesellschaft, Frankfurt/M.:
Suhrkamp, 2001: Offene Räume. Soziale Integration
diesseits und jenseits des Nationalstaates, Frankfurt/
M.: Suhrkamp
Rohe, Mathias, M.A., 2006: Perspektiven und Herausforderungen
in der Integration muslimischer MitbürgerInnen
in Österreich. Executive Summary, Erlangen-Wien:
Website des Bundesministeriums für Inneres
Rosa, Hartmut, 2005: Beschleunigung. Die Veränderung der
Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp

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