soziologieheute-news

18. Oktober 2009

Wer sagt, dass Ortskerne belebt sein müssen?

Filed under: Bernhard Hofer — bjh @ 14:58

Gedanken wider dem Mainstream der Politik

von Bernhard Hofer

(aus: Public Observer Nr. 24 v. 26. 1. 2006)

Wer kennt nicht das alte Lied vom „Unser Ortskern stirbt aus“? Der letzte Greißler hat geschlossen, man kann in der Innenstadt nichts mehr einkaufen,
die Läden und Gebäude stehen leer. Parallel dazu wachsen am Ortsrand Einkaufstempel, Supermärkte etc. in die Höhe, verkehrsmäßig gut erschlossen, mit einem ausreichenden Parkplatzangebot versehen, und … und … und…

Für den „außerirdischen Beobachter“ stellt sich die Frage: wozu ist es notwendig, die Innenstadt/den Ortskern zu beleben, ja mit großem finanziellen und zeitlichen Aufwand den anscheinend kaum zu gewinnenden
Kampf gegen die Abwanderung der Betriebe und Menschen aus der Ortskern aufzunehmen?

Viele „Hartnäckige“ kennen die Probleme, ja werden auch laufend damit konfrontiert: jammernde „ewig gestrige“ OrtsbewohnerInnen, die sich an die „gute alte Zeit“ erinnern, an eine Zeit, wo man in der Innenstadt noch einkaufen konnte, wo der Ort dicht belebt war und wo man trotz allem auch keine Probleme mit den Parkplätzen hatte. Diese „Hartnäckigen“ wollen
die Zeit anhalten, ja vielleicht sogar zurückdrehen. Sie kämpfen den kaum zu gewinnenden Kampf gegen die Auflagen des Denkmalschutzes, gegen die Argumente der vor dem Konkurs stehenden Unternehmerschaft
usf. Sie bemühen die verlorengehende Identität, die „mangelhafte“ Lebensqualität, die Versorgung jener wenigen, die im Ortskern wohnen usf.

Es sollte die Frage erlaubt sein: Was ist eigentlich schlecht daran, wenn BewohnerInnen und Unternehmer aus dem Ortskern wegziehen? Was ist
schlecht daran, wenn sich im Laufe der Zeit das Ortsbild wandelt und was ist schlecht daran, wenn diese auf verkehrsgünstigere und leichter zu erschließende Grundflächen ausweichen? Könnte die leere Innenstadt nicht zum „Museum“, zum „Nostalgikerpark“ etc. erklärt werden (manchmal
sind die Rahmenbedingungen ja ähnlich)? Brauchen wir ein neues Verständnis des offenen Raumes? Wie können wir mit leeren Räumen leben und umgehen? Fehlt uns die Phantasie und Kreativität? Bedeutet Ortskern
nur Nahversorgung? Hat ein „Kern“ nicht auch anderes zu bieten? In diesen Zeiten der „aussterbenden´Ortskerne“ treten manchmal auch – betriebswirtschaftlich gesehen völlig unverständlich – „rettende Engel“ in Form von Banken oder Versicherungen in Erscheinung. Doch verliert nicht auch die Innenstadt ihren ursprünglichen Charakter, wenn plötzlich an einer
Straßenkreuzung ein Glaspalast in Form eines Bankengebäudes entsteht?

Da wird einerseits mit viel öffentlichen Geldern der Ortskern neu gestaltet,
mit z. T. noch mehr öffentlichen und privaten Geldern beworben und— wenn die „Ortskern- Beleber“ Glück haben, dann wird endlich das Rad der Zeit aufgehalten.

Allerdings melden beispielsweise Städte dann Bedarf an sog. „Stadtmarketing-ManagerInnen“ an. Dies sind Personen, an die man die Vermarktung der Innenstadt delegiert und an die man die Verantwortung
(und manchmal auch viel Geld) abwälzt. Ich persönlich verstehe die „Ortskern-Beleber“ nur zu gut, ja finde mich nur zu oft selbst in deren Reihen. Ich genieße es auch, dieses nostalgische Flair, welches man in Urlaubsstädten genießt und welches bei uns immer seltener anzutreffen ist. Doch gehöre ich nun schon zu den älteren Zielgruppen, zu jenen Personen,
die etwas an nostalgischem Flair finden und die in Begeisterung und Entzücken ausbrechen, in einem Greißlerladen einzukaufen, in einer urigen Stadtbäckerei ihr Salzgebäck kaufen oder im alteingesessenen Weinbeisl oder Bierlokal gerne sitzen bleiben. Doch gehöre ich nicht auch zu einer aussterbenden Minderheit? Bin ich nicht auch ein Nostalgiker?

Wir müssen der Realität ins Auge sehen: unsere Gesellschaft, unsere Wohn– und Lebensformen entwickeln sich weiter– wie in den Jahrhunderten zuvor, allerdings bedeutend schneller. Sollten wir uns nicht vermehrt Gedanken über jenen – derzeit noch mobilen – Teil der Bevölkerung machen, die in den Randgebieten der Orte wohnt und deren Versorgung im Alter ein immer größeres Problem darstellt?

Dort, wo die Rahmenbedingungen passen und die Akzeptanz der Mehrheit der Bevölkerung für die Belebung ihres Ortskerns stimmt, dort mögen Belebungsmaßnahmen und Investitionen am rechten Ort sein. Doch dort, wo – trotz aller Info– und Aufklärungsarbeit – keine (im demokratischen Sinn) Mehrheit zu erzielen ist, dort verliert der Anspruch nach Belebung des Ortskerns sein Recht. Dort muss man sich neue Wege für die Lebensqualität der BewohnerInnen überlegen. Dort hat die innerstädtische Förderung mit öffentlichen Mitteln nichts verloren und sollte für neue, innovative Ortsprojekte zur Verfügung stehen.

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