soziologieheute-news

11. November 2009

Die Status-Sicherheit der Juden

Ungarn und Österreich

von Peter Stiegnitz (Oktober 2009)

„Es ist nicht leicht, ein Jude zu sein …“ – Diesen Satz hört meine Frau, die – im Gegensatz zu mir – eine gebürtige Österreicherin und Christin ist, unzählige Male. Fast so oft allerdings höre ich ihre Antwort: „Es ist auch nicht leicht, ein Nicht-Jude zu sein …“

Meine Frau, wie nahezu immer, hat Recht. Im Schatten der Shoa, des Holocaust, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, fallen – man verzeihe mir diese semantische Tautologie – die Medien und die „veröffentlichte Meinung“, die sich nur äußerst selten mit der Meinung der Öffentlichkeit decken, in das andere Extrem. Kein Tag, keine Woche, wo sich die Medien – zumindest in Österreich und in Deutschland – nicht mit dem Thema „Juden“, „Jüdischkeit“ und vor allem „Antisemitismus“ beschäftigen. Diese Inflation einer geistigen Restitution – das unschöne Wort „Wiedergutmachung“ will niemand mehr hören – beeinflusst auch die soziologische Situation der Juden, die ich in meinen Arbeiten „Status-Sicherheit“ nenne.

Bevor ich mit den wichtigsten Faktoren beginne, darf ich Ihnen einige Zahlen nennen:

Gegenwärtig leben auf der ganzen Welt 13,2 Millionen Juden, davon 4,9 Millionen in Israel – und 8,3 Millionen in der Diaspora. Nicht uninteressant sind die sechs Städte, wo die meisten Juden leben: In Tel Aviv: 2,5 Mio, in New York: 1,9; in Jerusalem: 570.000; in Paris: 350.000; in Moskau: 200.000 und in Kiew: 110.000 Juden. Mit mehr globalen Zahlen will ich Sie nicht quälen. Höchsten mit nur wenigen, wenn ich kurz zur Schilderung der betreffenden Situation in den beiden Ländern komme.

In Österreich lebten bis zum Jahre 1938 über 200.000 Juden; der Großteil davon, rund 180.000, in Wien. Das große „Glück“ im Unglück des Holocaust in Deutschland und in Österreich – im Gegensatz beispielsweise zu Ungarn – waren die Jahre zwischen dem „Anschluss“ (1938) und dem systematischen Beginn des Völkermordes (1941). Deshalb kamen die wenigsten Juden in Deutschland und in Österreich um. – Aber das nur nebenbei.

In Österreich leben heute rund 7.000 Juden, die Mitglieder einer der fünf Kultusgemeinden sind – in Wien, Linz, Salzburg, Graz und Innsbruck – und ungefähr noch einmal so viele außerhalb der Gemeinden.

Im Rahmen meiner soziologischen Langzeitstudie gelang es mir, in Bezug auf die Status-Sicherheit, also auf die selbst gestaltete Position in der Gesellschaft den Unterschied zwischen drei Generationen der in Österreich lebenden Juden auszuarbeiten.

Davor jedoch eine demographische Erklärung: Unter den rund 14.000 Juden, die heute in Österreich leben, bilden die österreichischen Re-Emigranten einen eher kleinen Teil. Die meisten kamen aus Osteuropa: von 1945 bis Ende der 80-er Jahre aus Ungarn, Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Rumänien. Anschließend aus Russland und auch einige Rückwanderer aus Israel.

Jetzt, meine Damen und Herren, die kurze Darstellung der Generationsunterschiede in Bezug auf die Status-Sicherheit: Die erste (Jahrgänge 1910-1920) hat Holocaust und Emigration als erduldende Opfer
er-, und wenn sie viel Glück hatte, auch überlebt. Die Generation ruderte nach der Befreiung von der Nazi-Barbarei möglichst weit weg von all dem, was man mit „Judentum“ in Verbindung bringen konnte. So verstand z. B. mein Vater (seligen Angedenkens) nicht, warum ich in Wien als 22-jähriger Student (wieder) Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde wurde.

Die zweite Generation, die der heute ca. 70-Jährigen, fand zaghaft zu ihren „jüdischen Wurzeln“. Diese zweite Generation, die Holocaust und Emigration als Kinder erlebte oder knapp nach dem Krieg geboren wurde, wurde in die ungute Rolle eines „Sozial-Puffers“ gezwungen. Sie verstanden die Ahnungs- und Widerstandslosigkeit ihrer Eltern nicht, wir wollten nicht begreifen wie Hunderttausende und Millionen Menschen ohne Widerstand in den sicheren Tod gingen. Die Entschuldigung unserer Eltern („Widerstand wäre zwecklos gewesen …!“) wollten und konnten wir nicht akzeptieren.

Mitglieder dieser zweiten reemigrierten Generation kamen als junge Menschen mit ihren vertriebenen Eltern in die „alte Heimat“ nach Österreich, zurück, wo sie kaum jemand mehr haben wollte. Eine psychologisch zwar verständliche, doch genau genommen eine furchtbare, tief-belastende, neurotisierende Situation. Das einzig Gemeinsame der Reemigranten war ihr fehlendes „jüdisches Bewusstsein“. Daher lebten die assimilierten, manchmal auch getauften Familien in der Selbstlüge der „geläuterten Österreicher“, die – laut Moskauer Deklaration von 1943 – selbst „Opfer Hitlers“ waren. Die „Heimgekehrten“ wollten nichts anderes als leben, möglichst gut leben, „Geschäfte in Wien, Ferien in Israel“ machen, wie das Ruth Beckermann formulierte.

Die meisten sozialpsychologischen Begriffe, vor allem die des „Selbstbewusstseins“ und der „Identifikation“, stehen oft auf tönernen Füßen. Erst recht im Leben der zweiten jüdischen Diaspora-Generation. Meist als Kinder assimilierter, getaufter oder kommunistisch-atheistischer Eltern fanden sie den wirklichen Zugang zur jüdischen Religion nicht und blieben daher im formellen Bereich zu den hohen Feiertagen hängen.

Stärker als die Religion, doch nicht minder illusionistisch sind die zionistischen „Wurzeln“, aus denen die dritte Generation ihre „Jüdischkeit“ zu ernähren hoffte. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden aufnehmen muss, kann eine wirklich innere Bindung zum Land Israel, das – vielleicht – vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, nicht geknüpft werden. Religion ohne religiöse Tradition, Zionismus ohne wirkliches Heimatgefühl sind weitere Elemente, aus denen viele Juden ihr widersprüchiges Leben diktiert bekommen.

Die dritte jüdische Generation, heute um die 40, lebt entweder „vollassimiliert“ in Wien und geht, meist einem akademischen Beruf nach, oder hat sich in der englischsprachigen Welt Australiens, Englands, Kanadas und der USA endgültig niedergelassen und nur im Winter, zum Schifahren, besucht sie die fremd gewordene Heimat ihrer Eltern und Großeltern.

Die nicht-religiöse jüdische Tradition, das Aufrechterhalten des jüdischen Selbstbewusstseins in der Diaspora ist diffizil und von äußeren Einflüssen und Bedingungen abhängig. Den Weg der Assimilation, also den der vollständigen Aufgabe jüdischer Tradition und jüdischen Glaubens und Lebens gingen bis zum Holocaust in Österreich, Deutschland, aber auch in den großen mittel- und westeuropäischen Städten (Wien, Berlin, Prag, Warschau, Budapest, usw.) sehr viele jüdische Familien. Auch die Zahl der so genannten „Mischehen“ – allerdings mehr in Wien als in Budapest – wuchst ständig an.

Der Holocaust wirkt heute auch auf die „Mischehen“. Allerdings wird nicht der jüdische Teil „christlich“, sondern eher umgekehrt. „Mischehen“ gehen jüdischerseits natürlich nur Menschen ein, die sich von der jeweiligen religiösen Tradition vollends losgesagt haben. Auch die Juden in den Mischehen basteln verzweifelt an ihrer (Schein-)Identität, die so stark sein kann, dass der christliche Teil des gemischten Doppels „judaisiert“ wird. Der christliche Teil in diesen „Mischehen“ huldigt, wenn auch unbewusst, einer moralischen Wiedergutmachung.

Die Status-Sicherheit der Juden wird überwiegend vom echten und noch mehr vom eingebildeten Antisemitismus gelenkt und geformt. Auch und erst recht – im Shoah-Schatten – in Österreich und in Deutschland, obwohl die Angst vor Antisemitismus in diesen Ländern gutteils zu Unrecht grassiert. Genau das zeigt eine Studie der in Wien beheimateten und außerordentlich kritischen „Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ (EUMC), ein so genanntes „Eurobarometer“, mit dem die europäische Toleranz gegenüber Andersgläubigen ausgelotet wird. Der EU-Durchschnitt der tolerant eingestellten Menschen, die sich durch die Anwesenheit von Andersgläubigen nicht beunruhigt fühlen, beträgt 82,0 Prozent. In Österreich liegt dieser Anteil bei 82,3 Prozent, also knapp über dem EU-15-Durchschnitt. Der deutsche Anteil mit 75,7 Prozent liegt etwas unterhalb des EU-15-Wertes.

Die Status-Sicherheit der Juden in Österreich – von „österreichischen Juden“, die sich zu Österreich wirklich bekennen, kann man seit der so genannten „Waldheim-Affäre“ kaum mehr sprechen – wird hauptsächlich von innenpolitischen Verhältnissen beeinflusst. Seit den jüngsten Parlamentswahlen im heurigen September und dem starken Zugewinn rechtspopulistischer Parteien haben gar nicht so wenige Juden das Gefühl, wenn auch völlig zu Unrecht, auf „gepackten Koffern“ sitzen zu müssen.

Hier darf ich, wenn auch nur kurz, auf den Hauptfaktor der subjektiven Status-Sicherheit zu sprechen kommen: Die Schuld- und Minderwertigkeitskomplexe vor allem der wenigen, doch immer noch tonangebenden re-emigrierten österreichischen Juden blockieren jedwede Heimatgefühle dieser Menschen. Da sie in nach sozialen Schichten eingeteilten freiwilligen „Ghettos“ leben, ziehen sie sich in Parallelgemeinschaften zurück. Weil sie im Vergleich zu den in Österreich lebenden Türken zahlenmäßig sehr klein sind, kann man nicht von „Parallelgesellschaften“, sondern eben nur von „Parallelgemeinschaften“ sprechen. Die Kompensierung ihrer Komplexe zeigt, wie immer in solchen Fällen, auch extrem kritische Züge.

Die aus Osteuropa, vorwiegend aus Ungarn, nach Österreich emigrierten Juden kennen diese Komplexe nicht. Da sie den Holocaust nicht in Österreich oder noch überhaupt nicht erlebt haben, bekennen sie sich gutteils zu ihrer neuen Heimat. Die erste Generation, die leider nicht mehr lebt, bekannte sich trotz der schlimmen Erfahrungen im Holocaust und auch im Nachkriegskommunismus voll und ganz zur alten „ungarischen Heimat“. Die zweite Generation, also die meine, lebt ambivalent; wir sind einerseits „gute Österreicher“ geworden, andererseits haben gar nicht so wenige unter uns Häuser oder zumindest Wohnungen in Ungarn gekauft, wo sie die Wochenenden und die Sommermonate verbringen.

Während also die erste Generation der aus Ungarn emigrierten österreichischen Juden – sie sind im Gegensatz zu den Re-Emigrierten keine „Juden aus Österreich“, sondern eben „österreichische Juden“ – zu hundert Prozent „ungarisch“ bleibt, sieht dieser Anteil in der zweiten Generation bereits 50-zu-50 Prozent aus. Die dritte Generation, also unsere Kinder, zeigen bestenfalls eine 80-zu-20 Prozent Relation.

Sehr geehrte Damen und Herren! Bevor ich mich kurz, soweit ich es von außen her sehe, mit der Status-Sicherheit der ungarischen Juden beschäftige, darf ich einen kurzen Einschub leisten. Das vor allem deshalb, weil ich mich hier unter hochrangigen Historikern befinde.

Der eigentliche Begründer der soziologischen Untersuchungen der Juden hieß Arthur Ruppin; er wurde im Jahre 1876 in Rawatsch bei Posen geboren und starb 1943 in Jerusalem. Er gilt nicht nur als geistiger Vater der Soziologie der Juden, sondern auch als Begründer der Stadt Tel Aviv, die heute noch das „weltliche“ Pendant zu Jerusalem ist.

Der nach Magdeburg übersiedelte Ruppin studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Berlin und in Halle. Zunächst als Referendar am Landgericht in Magdeburg und später als Sozialwissenschaftler verfasste er mehrere, heute noch als Standardwerke geltende Bücher, wie die „Juden der Gegenwart“ und „Darwinismus und Sozialwissenschaft“. 1908 übersiedelte er nach Palästina. Bereits zu dieser Zeit befürwortete er die so genannte „Zwei-Staaten“-Lösung für Juden und Araber. 1926 wurde er Inhaber des Lehrstuhls „Soziologie des Jahrhunderts“ an der Jerusalemer Universität. Seine damaligen Vorlesungen gelten heute zumindest als rechtspopulistisch und sogar rassistisch. Ruppin zeigt sich den Gedanken der Eugenik gegenüber aufgeschlossen und fordert für die neue Besiedlung Palästinas eine „Auslese des Menschenmaterials. Die Anzusiedelnden sollten von besonderer „körperlicher, beruflicher und moralischer Beschaffenheit“ sein. Er beteiligt sich auch intensiv an der Entwicklung neuer Formen des sozialen Zusammenlebens, so insbesondere der Kibbuzbewegung. Ruppin gilt zwar als Begründer der Soziologie der Juden, doch vor allem seine Bejahung der Eugenik (Erbgesundheitsforschung) rückt ihn in faschistische Nähe. Zumindest nach heutiger Auffassung.

Jetzt, meine Damen und Herren, noch einige Worte zur ungarischen Situation. Natürlich ist es von mir anmaßend, vor Ihnen über eine ungarische Situation zu sprechen. Trotzdem versuche ich es. Ich darf meine Analyse auf zwei Quellen aufbauen: auf die Ergebnisse einer eher kleinen, doch repräsentativen Stichprobe, die ich mit Studenten durchführte und darüber berichten, wie wir vom Ausland her die einschlägige Situation in Ungarn beurteilen.

In Ungarn, wo Anfang der vierziger Jahre noch 900.000 Juden lebten, kamen 600.000 ums Leben. Und trotzdem redete im Land der ermordeten Magyaren, deren „Pfeilkreuzler“ und Gendarmerieeinheiten brutaler als die SSler wüteten, nach dem Krieg keine einzige offizielle Stelle vom Holocaust und Antisemitismus. So konnten auch die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über das Martyrium der ungarischen Juden nicht in Budapest, sondern sie mussten im Westen erscheinen. Die erste umfassende Analyse erblickte in den Niederlanden das Licht der (interessierten) westlichen und (desinteressierten) östlichen Welt. Der Historiker und Universitätsprofessor Péter Várdy zog die Bilanz des Schreckens seiner ehemaligen Landsleute und Schicksalsgenossen: „Das offizielle ungarische Judentum bot nach dem Krieg das Bild einer in sich gespalteten, zerstrittenen und schließlich verängstigten Minderheit.“

In Ungarn leben nach inoffiziellen Statistiken rund 100.000 Juden, davon 75.000-80.000 in Budapest. Heute tobt im Land der Magyaren ein offener Antisemitismus, getragen von rechtsextremen Parteien (MIÉP und Jobbik), bzw. Bewegungen (Ungarische Garde), die sich offen auf die Nazi-Pfeilkreuzler berufen. Eines der „Hauptnahrungsmittel“ des „gefräßigen“ Antisemitismus in Ungarn der Jetztzeit ist die relativ hohe jüdische Beteiligung in den KP-Führungsgremien nach dem Ersten (z. B. Béla Kuhn) und nach dem Zweiten Weltkrieg (Mátyás Rákosi, der „ungarische Stalin“). Dass sich weder Kuhn noch Rákosi als „Juden“ und letzterer sich sogar als Antisemit deklarierte, das registrieren die heutigen Judenfeinde in Ungarn nicht. So z. B. der Führer der rechtsrechten Lebens- und Wahrheitspartei, István Csurka.

Die Situation in Ungarn ist paradox: hohe Assimilation und trotzdem viele Glaubensjuden? Diesen Widerspruch kann man nur dann verstehen, wenn man die „Inselmentalität“ (Marta S. Halpert: „jüdische Gemeinden in Europa“) der Ungarn, eingebettet zwischen Slawen und Germanen, versteht. Dieses kulturelle „Alleingelassensein“ züchtet ein hohes, oft auch neurotisches Selbstbewusstsein. Diese „Wir-sind-Wir“-Mentalität charakterisiert auch das Selbstbewusstsein der ungarischen Juden, die „Juden“ und „Ungarn“ in einer Person sein möchten.

Wie in Österreich, so konnten wir, meine Studenten und ich, eine ähnliche Generationseinstellung, wie das in Österreich der Fall ist, feststellen. Da jedoch die Mitglieder der ältesten Generation, die jetzt um die 100 Jahre alt wären, nicht mehr leben, übernimmt diese Rolle die zweite – eben meine – Generation. Der Unterschied zu Österreich ist allerdings beängstigend und groß: Die Angst vor antisemitischen Äußerungen ist in Ungarn real. Während die österreichische Rechtssprechung die Wiederbelebung des NS-Geistes mit mehreren Jahren Gefängnisstrafen ahndet, kann man im heutigen Ungarn davon kaum sprechen.

Eine Parallele beider Länder ist aus psychologischer Sicht interessant: In Österreich wie in Ungarn bekennt sich nur ein gewisser Teil – die Hälfte oder noch weniger – auch offiziell zu seinem Judentum. Die Ursachen sind allerdings unterschiedlich. Während die assimilierten, oft auch getauften Juden der zweiten Generation in Österreich keine Beziehung mehr zur jüdischen Religion haben und die Mitgliedschaft in einer Kultusgemeine aber eine solche voraussetzt, regiert in den Kreisen der gleichen ungarischen Generation der Juden die pure Angst.

Ganz anders reagieren in Österreich, aber auch in Ungarn die Angehörigen der dritten Generation: sie bekennen sich offen und sogar demonstrativ zu ihrem Judentum, wobei der „Event-Charakter“ hier wie dort entsprechend vorhanden ist. Wir sehen, dass die gesellschaftspolitische Akzentuierung in der dritten jüdischen Generation in Ungarn – ich meine darunter die religiöse wie die zionistische Einstellung – viel ausgeprägter ist als in Österreich. Die Gründe hiefür liegen sicherlich in der unterschiedlichen Wohlstands- und Sicherheitssituation.

Wie wir wissen, spielen in Ungarn in der dritten und vierten Nach-Holocaust-Generation die jüdische Religion und ihre politischen und geistlichen Vertreter eine sehr große Rolle. Das bezieht sich vor allem auf die frommen, auf die orthodoxen Richtungen, deren „Abgesandte“ in jüdischen Kreisen intensiv missionieren.

Im Gegensatz zu den Wienern, deren Charakterfestigkeit immer schon biegsame Züge aufwies, verfügen die Ungarn mit ihrer „Kopf-durch-die-Wand“-Mentalität über einen Dauerplatz auf allen Verliererstraßen der mitteleuropäischen Geschichte. Vom Mongolensturm bis zum Ende des Nazireiches standen die Ungarn immer – und das auch mit Begeisterung – auf der Seite der Verlierer.

Analog zu diesem Volkscharakter haben die ungarischen Juden, im Gegensatz zu ihren Schicksalsgenossen im Westen, die deutschen Wiedergutmachungsleistungen großzügig ausgeschlagen. Allerdings nur bis jetzt. Der Grund dieses, jetzt langsam verblassenden Stolzes liegt nicht im angedichteten Beleidigtsein – „Von Mördern nehmen wir nichts …!“ -, sondern am niedrigen deutschen Angebot und vor allem am politischen Druck der bis 1989 herrschenden Kommunisten.

Im Schatten der auch offen zur Schau getragenen Judenfeindlichkeit erstarkt – als Reaktion auf diese Entwicklung – das jüdische Leben im Land, welches wiederum den Antisemiten neue Nahrung verschafft. Auch hier zeigt sich die Formel: Druck erzeugt immer Gegendruck, und wie einst Herzls Zionisten den Antisemitismus „brauchten“, so profitieren die beiden Kontrahenten – Antisemiten und die Juden – aus der gegenseitigen Hochschaukelei. Wie neurotisch jedoch dieses „Zusammenspiel“ ist, muss wohl nicht extra betont werden.

Während unserer Befragung, wir arbeiteten mit den qualitativen Methoden der tiefenpsychologischen Gespräche, hörten wir öfters den Satz, „Wie gut geht es den westeuropäischen Juden …“. So träumen Ungarns Juden von österreichischen Verhältnissen – und das weit über Wiedergutmachungsleistungen und soziale Sicherheit hinaus.

In unserer Arbeit haben wir auch Sekundärliteratur benützt: Im Frühjahr und Sommer 2000 haben ungarische Soziologen unter der Leitung von András Kovács Identität und Zugehörigkeit ungarischer Juden erforscht. Ich darf, ganz kurz und keineswegs wortwörtlich aus dieser Arbeit zitieren: Für einen Gutteil der ungarischen Juden ist die Frage nach der Religion (Religionszugehörigkeit als statistische Größe) eine reine private Angelegenheit. So ist es kein Wunder, dass gar nicht so wenige Juden, vor allem solche, die nicht Mitglieder einer Kultusgemeinde sind, schlicht und einfach Angst haben, auf die Frage der Statistiker („Volkszählung“) nach ihrer Religion, wahrheits- oder einstellungsgemäß zu antworten. Noch immer brennt die Erinnerung an die Nazizeit, als die Mörder mit fertigen Listen in der Hand ihre wehrlosen Opfer in den Tod jagten. 65 Prozent der Befragten sagen, dass sie der „jüdischen Religion“ angehören. Interessant dabei ist die altersmäßige Streuung: 51 Prozent der 18- bis 34jährigen, 55 Prozent der 35- bis 54jährigen, 73 Prozent der 55- bis 69jährigen und sogar 83 Prozent der 70jährigen und älteren bekennen und bejahen ihren jüdischen Glauben. Dieses Ergebnis scheint die Angst der Älteren vor einem offenen Bekenntnis zur jüdischen Religion zu widersprechen: immerhin bezeichnen sich 73 Prozent der ältesten Befragten nicht nur schlicht und einfach als „Juden“, sondern sie bekennen sich auch zum jüdischen Glauben.

Trotzdem: Es herrscht nur eine lose Bindung zur aktiven Religion; selbst jüdischen Soziologen gegenüber behaupten nur 18 Prozent aller Befragten, dass sie Wert auf die Ausübung ihres Glaubens legen. Etwas höher (23 Prozent) war der Anteil derjenigen, die gerne Mitglieder einer ethnisch-jüdischen Minderheit wären. Das ist vor allem in Ungarn interessant, wo auch religiöse Minderheiten als ethnische Minderheiten gehandhabt werden. Diese Ethnizität ist noch ein unbewusstes Erbe aus dem sowjetischen System, wo die „Juden“ als ethnische Minderheit und nicht nur als eine „Religion“ betrachtet wurden.

Die ungarische Untersuchung – das hätte man in Österreich und in Deutschland nicht anders gehandhabt – ging auch auf die komplizierten Fragen der „jüdischen Identität“ ein: 84 Prozent der Befragten sehen, wenn auch nur indirekt, ihre Identität im Holocaust wurzeln und knappe 70 Prozent suchen ihre Zugehörigkeit in der jüdischen Kultur.

Die Reformjuden – in Ungarn „Neologen“ genannt – haben sich zwar vom orthodoxen Glauben, doch nicht von der jüdischen Gesellschaft entfernt. Dieser zweischneidigen, alles andere als glücklich machenden Tradition aus der Vor-Holocaust-Zeit frönen auch heute sehr viele Juden, vor allem in Budapest.

Ungarn, auch die Juden, sind Nationalisten, und so kehren auch die jungen Juden aus Amerika und aus Israel wieder zurück. Nebst, für ungarische Verhältnisse, modischen Accessoires bringen diese Heimkehrer vor allem ihre Liebe zur Religion, zur Orthodoxie mit.

Damit brachen bisher ungeahnte Konflikte zwischen den assimilierten Eltern und ihren frommen Kindern aus, die ihr orthodoxes Judentum überdimensional mitbrachten. Unter dem Druck ihrer frommen Kinder mussten die Mütter in ihrer Küche, die weitab von jedwedem Koschertum sehr oft auch Schweinefleisch sah, eigene „koschere Ecken“ einrichten, wo die glaubensstarken Mädchen und Jungen nicht nur das „unsaubere Schweinefleisch“, sondern alles, was die jüdische Religion verbietet, hinauswarfen.

Während „Mischehen“ im Kreise ungarischer Juden bis zu den sechziger, siebziger Jahren Seltenheitswert besaßen, steigt in den letzten Jahrzehnten der Anteil der jüdisch-christlichen Ehen merklich an. Kinder aus diesen Ehen, die aus unterschiedlichen Gründen auf „jüdische Wurzelsuche“ – vorwiegend in Israel und in Amerika – gingen, haben sich mit großer Freude fromm-orthodoxen Sekten angeschlossen.

Psychologisch verständlich, doch nicht uninteressant ist die „projüdische“ Reaktion der christlichen Familienmitglieder in den Gemischtehen: sie unterstützen – vielleicht aus schlechtem Gewissen – die fromme Neujüdischkeit ihrer jungen Heimkehrer. Während sich der jüdische Teil der Familie vehement dagegenstemmt, erfahren die jungen Orthodoxen von ihren christlichen Verwandten eine weitgehende Unterstützung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Im letzten Teil meines Referates möchte ich auf die theoretischen Grundlagen der Gesamtthematik und die praktischen Ergebnisse unserer, auch meiner, wenn auch etwas länger zurückliegenden Arbeiten zu sprechen kommen.

Um die sozialpsychologischen Hintergründe der Status-Sicherheit der Juden zu verstehen, und das betrifft die gesamte europäische Diaspora, ist es notwendig, die drei „Kraftquellen“ der Juden zu erwähnen. Diese wurzelt erstens in der Theologie des strikten Monotheismus, zweitens im Geist des Studiums der Bibel und der Kommentare und drittens in der Schicksalsgemeinschaft der Verfolgung. Die ersten beiden „Kraftquellen“, also die Theologie und der Geist, zeigen die wichtigste Qualifikation des jüdischen Glaubens, dass es sich dabei um eine Buchreligion handelt.

Der Vollständigkeit halber, vor allem aber weil ich mich hier in einer illustren Gesellschaft namhafter Historiker befinde, darf ich die wichtigsten sieben-plus-zwei Jahreszahlen des jüdischen Volkes erwähnen:

  • Um 1750 v. Chr. verlässt Abraham das Zweistromland und wird mit seinen Stämmen in Kanaan sesshaft
  • 1240 führt der ägyptische Prinz Moses das Volk der Apiru, wie dort die hebräischen Sklaven hießen, über die Sinai-Halbinsel Richtung kanaanatische Heimat
  • 1000 legt Königsmörder David die Grundsteine Jerusalems
  • 587 beginnt das babylonische Exil; Nebukadnezar zerstört Jerusalem und den Tempel
  • 538 kehren die Hebräer nach Jerusalem zurück
  • 520 wird der Tempel wieder aufgebaut
  • 63 das Imperium Romanum erobert das Land.

Soweit die sieben wichtigsten historischen Eckdaten. Die zwei restlichen betreffen:

  • Das Jahr 30, die Kreuzigung des Wander- und Wunderrabbiners Jesus – und
  • das Jahr 70 n. Chr., die endgültige Zerstörung des Tempels.

Soviel, meine Damen und Herren, zu den wichtigsten historischen Eckdaten, die in der Soziologie der Juden immer noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Die meisten sozialpsychologischen Begriffe, vor allem die des „Selbstbewussteins“ und der „Identifikation“, stehen oft auf tönernen Füßen. Erst recht im Leben der bereits erwähnten zweiten jüdischen Diaspora-Generation. Meist als Kinder assimilierter, getaufter oder kommunistisch-atheistischer Eltern fanden sie den wirklichen Zugang zur jüdischen Religion nicht und blieben daher im formellen Bereich zu den hohen Feiertagen hängen.

Stärker als die Religion, doch nicht minder illusionistisch sind die zionistischen „Wurzeln“, aus denen die zweite Generation ihre „Jüdischkeit“ zu ernähren hoffte. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden aufnehmen muss, kann eine wirkliche innere Bindung zu Land Israel, das – vielleicht – vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, nicht geknüpft werden.

Religion ohne religiöse Tradition, Zionismus ohne wirkliches Heimatgefühl sind weitere Elemente, aus denen viele Kontinental-Juden ihr widersprüchliches Leben diktiert bekommen.

„Der schaut aus wie eine ‚Stürmer’-Figur …“ Dieser Satz aus meiner Budapester Kindheit, mit dem wir „assimilierte Juden“ unsere orthodoxen Schicksalsgenossen abstempelten, prägte sich tief in meine Erinnerung ein. Stimmt es wirklich, dass manche Mitglieder (verfolgter) Minderheiten so wie die eigene Karikatur aussehen? Ohne Zweifel und Absicht benehmen sich gar nicht so wenige Zigeuner und Juden – leider – so, wie das von ihren unerbittlichen, intoleranten Gegnern dargestellt wird.

Weit wichtiger als diese oberflächliche, höchstgradig masochistische Selbst-Angleichung an das von ihren Verfolgern entworfene Bild ist die „Bewusstseinshaltung“ in der jüdischen Diaspora. Während allerdings zahlreiche historische Studien die jüdischen Identitäten der k.u.k.-Monarchie ausführlich darlegen, gehen solche Arbeiten aus der Gegenwart der Diaspora-Juden noch ab.

Die sozio- und psychohistorischen Methoden damaliger und heutiger Untersuchungen könnten deckungsgleich verlaufen. Einerseits wurden (für damalige Zeiten) und sollten (für die Gegenwart) die Anpassung an die nicht jüdische Gesellschaft (und die) damit verbundenen Identitätsprobleme genauso durchleuchtet werden, wie der Einfluss gesellschaftlich vorherrschender Bilder über Juden auf deren Selbstverständnis.

Etwas einfacher formuliert: Das Fremdbild prägt immer das Eigenbild. Besonders starke Persönlichkeiten – so genannte „Robinson-Typen“ – können auf die Meinung ihrer nähren und entfernteren Umgebung verzichten. Sie wissen, was sie wollen und gehen erhobenen Hauptes, die sozialen Stolpersteine negierend, ihren eigenen Weg; selbst dann, wenn dieser in einer Sackgasse mündet.

Die meisten Menschen, darunter bedeutend mehr Männer als Frauen, sind jedoch aus einem anderen Holz, sie sind keine Helden, die einem Robinson gleich auf sich allein gestellt überleben können. Wir alltägliche Menschen in Minderheiten und Mehrheiten beobachten aufmerksam die Meinung und Einstellung unserer Umgebung und freuen uns über jedes Lob und regen uns maßlos über jede Kritik auf.

Mit anderen Worten, vielleicht noch einfacher formuliert: Je labiler der Mensch in seiner sozialen Umgebung verankert ist, desto ängstlich-intensiver hört er auf die Meinung anderer. Schicksalsgemeinschaftliche Minderheiten, die keine kommerziell-kulinarisch-folkloristische Stabilität genießen, lassen sich in vielfacher Hinsicht von ihrer Umgebung beeinflussen. Groteskerweise hören sie vor allem auf ihre Gegner und Hasser.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich glaube, es wäre zeitraubend, wenn ich jetzt das Gesagte noch zusammenfassen würde. Am Ende meines Referates erlauben Sie mir trotzdem, ein persönliches Bekenntnis abzulegen: Kein Mensch, und auch Soziologen sind nur Menschen, kann ein Thema, das ihn persönlich betrifft, wirklich objektiv und tunlichst wertfrei darstellen. In meinem Referat habe ich auch mein Schicksal und das meiner Familie dargestellt und obwohl ich bemüht war, die Fakten möglichst sachgerecht zu analysieren, kann es ohne weiteres der Fall sein, dass ich persönliche Momente nicht ganz ausklammern konnte. Dafür bitte ich Sie jetzt schon um Nachsicht. – Und ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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