soziologieheute-news

11. November 2009

IST DER SOZIALSTAAT IN ZUKUNFT NOCH TRAGFÄHIG?

Filed under: Helmut Renöckl — bjh @ 09:21
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– sozialethische Perspektiven, Thesen und der kirchliche Beitrag

von Helmut Renöckl (aus: Public Observer, 26. 1. 2006)

Mein Beitrag ist von meiner beruflichen Perspektive
geprägt: Ich bin Theologe, Ethiker, ein Wissenschaftler
mit Freude am Beruf und mit „nüchterner
Leidenschaft“. Pflicht eines Wissenschaftlers
ist es, gründlich und systematisch zu denken und zu
argumentieren, besonders auf das zu achten, was
man leicht übersieht oder lieber verdrängt. Die
Grundfrage der Ethik ist: „Wie gelingt unser Leben?“
Dafür ist von entscheidender Bedeutung,
nichts Wichtiges zu übersehen, auf angemessene
Prioritäten und Proportionen und auf die Herausforderungen
der Zeit zu achten.
1. Katholisch-sozialethische Perspektiven angesichts
der Neugestaltung Europas
Wir sind Zeitgenossen dramatischer Umbrüche von
wahrhaft historischer Dimension: Der überraschende
Abbau des „Eisernen Vorhangs“ 1989/90 und die Auflösung
des totalitären Sowjet-Imperiums machen eine
Neugestaltung ganz Europas möglich. Focus der politischen
Integration ist die Europäische Union. Mit der
2004 erfolgten Erweiterung auf 25 Mitglieder durch
die Aufnahme der bis 1989/90 kommunistisch beherrschten
mitteleuropäischen Staaten, dazu noch Zypern
und Malta, wurde die Nachkriegsspaltung Europas
definitiv überwunden. Angesichts dieser historischen
Umbruch- und Neuorientierungsprozesse stellt
sich die Frage, wie es um die Präsenz und Gestaltungskraft
der Christen in den Gesellschaften (Mittel-)
Europas steht. Nach christlicher Überzeugung müssen
sich die Kraft des Geistes und die Relevanz der Kirche
für das persönliche und gesellschaftliche Leben wesentlich
in den „Früchten des Geistes“ erweisen. Die
Botschaft der biblischen Offenbarung und der darauf
antwortende christliche Glaube inspiriert und orientiert
ja das persönliche Leben und die Gestaltung von Gesellschaft
und Wirtschaft. Nach den Akzenten des 2. Vatikanischen Konzils gilt dies besonders hinsichtlich
der „Zeichen der Zeit“, dazu gehört für uns ohne
Zweifel die jetzt mögliche Einigung Europas. Gefragt
sind also entsprechende Beiträge der Christen und Kirchen
zur jetzt möglichen Neugestaltung ganz Europas
in Freiheit und Gerechtigkeit.
Eine historische Chance, spirituell gesehen: einen Kairos,
kann man aber auch verpassen oder verpatzen!
Die Stimmung hinsichtlich der europäischen Einigung
ist trotz der historischen Chance derzeit weder in der
Bevölkerung noch in den politischen Führungsebenen
gut. Durch die Auflösung des „Eisernen Vorhangs“
und das Zusammenwachsen der bisher getrennten
Sphären ergeben sich auf beiden Seiten gravierende
Veränderungen. Darauf reagiert man in den wohlhabenden
Regionen (trotz der vergleichsweise günstigen
Rahmenbedingungen) überwiegend verstört und blockt
möglichst ab. In den früher kommunistisch beherrschten
Ländern steht man unter dem Dauerstress von
mehreren gleichzeitigen Umbrüchen: Zusätzlich zur
EU-Integration und zur Globalisierung muss ja auch
die politische, ökonomische und mentale Transformation
bewältigt werden. Dort wie da sind die Menschen
durch die Umbrüche und notwendigen Neuorientierungen
verunsichert und möchten das Angenehme und
Vertraute erhalten. Auf den Führungsebenen verkrallt
man sich in partikuläre und kurzfristige Interessen und
verliert dabei die Perspektive und Gestaltungskraft für
das Gemeinsame und Zukunftsfähige. Das haben die
schweren Rückschläge auf dem Weg zu einer Minimalverfassung
der EU offenbar gemacht. Gefragt wären
Führungskräfte, die nicht die Probleme vernebeln,
sondern weiterführende Wege kennen und bahnen und
glaubwürdig vermitteln können, dass sie die Menschen
dabei nicht verschaukeln. Leider sind solche Persönlichkeiten
derzeit sehr dünn gesät, in der Politik, in der
Wirtschaft und auch in der Kirche.
Wie steht es real um die Präsenz und Kraft der Christen
und Kirchen in unserer Lage, in der Europas Weichen
neu gestellt werden? Die Zwischenbilanz ist gemischt,
es gibt durchaus viel Anerkennenswertes, aber
der große Elan ist nicht zu erkennen. Wie durchgehend
in der Christentumsgeschichte bewähren sich auch
jetzt Christen persönlich und im sozial-caritativen
Dienst in gelebter Mitmenschlichkeit und werden in
dieser Funktion allgemein geschätzt und anerkannt.
Gott und den in dieser Weise tätigen Christen sei
Dank. In der Gesellschaftsgestaltung haben Christen
und christliche Kirchen leider deutlich an Kraft und
Terrain verloren. Bloßes Wiederholen von noch so richtigen Prinzipien und Formeln, die traditionellen
Formen der Lehrverkündigung von oben finden nur
noch geringe Resonanz. Fordernde Imperative, Appelle,
Anklagen … wurden im 20. Jahrhundert politisch
wie religiös inflationär verbraucht und greifen nur
noch sehr begrenzt. Hochentwickelte Gesellschaften
und großräumig vernetzte Ökonomien sind komplizierte
Gebilde. Sie sind in ihren Wirkzusammenhängen
nicht leicht zu verstehen und noch schwerer konstruktiv
zu beeinflussen. Im Feld dieser komplizierten
Gesellschaft, in Kultur, Politik, Wirtschaft, auch gegenüber
Not und Elend, genügt es nicht, es gut zu meinen.
Der Wiener Satiriker Karl Kraus hat dies einst
polemisch so formuliert: „Gut gemeint ist das Gegenteil
von gut!“ Man muss die relevanten Kräfte und Zusammenhänge
– interdisziplinär – bestmöglich erfassen,
wenn man kompetent mitgestalten, wenn man optimal
helfen will.

2. Entwicklung und aktuelle Lage des „Sozial-
Staat“-Modells
Ich kann hier nur einige Zusammenhänge kurz in Erinnerung
rufen: Auslöser für diese Entwicklungen war
die „Industrielle Revolution“ im 19. Jahrhundert. Der
neuzeitlichen Programmatik entsprechend kam es damals
durch die Einsatzreife von Schlüsseltechnologien
(Dampfmaschine, Werkzeugmaschinen, Eisenbahn
usw.) zu gewaltigen Effizienzsteigerungen und Ballungen
im Produktionsbereich und in der Folge zu dramatischen
ökonomischen, gesellschaftlichen und mentalen
Umwälzungen. Die Bezeichnung „Industrielle Re-volution“ vermittelt die im Kern unwiderstehliche
Wucht dieser Vorgänge und die damit verbundenen
gesellschaftlichen Umwälzungen. Der durch die maschinell-
industrielle Produktion verfügbaren Güterfülle
zu wesentlich niedrigeren Kosten, mit der die handwerklichen
Produktionsweisen weithin nicht konkurrieren
konnten, stand die Entwurzelung und Verelendung
von großen Teilen der Bevölkerung („
Proletariat“) gegenüber. Von christlicher Seite reagierte
man mit intensiver caritativer Nothilfe, es entstanden
auch schon früh christliche Sozialbewegungen.
Aber von offizieller kirchlicher und theologischer Seite
fand man erst sehr verspätet, lange nach der marxistischen
Mobilisierung, zur angemessenen Diagnose
dieser Umwälzung und zur „Katholischen Soziallehre“
mit ihrer zutreffenden Doppelstrategie „Gesinnungsund
Strukturreform“ für eine menschenwürdige Gesellschaftsgestaltung.
Die wesentlichen strukturellen
Weichenstellungen dafür waren allerdings schon vorher
durch die überwiegend marxistisch oder sozialistisch-„
revisionistisch“ geprägten Arbeiterbewegungen
einerseits und durch die Sozialgesetzgebung der auf
gesellschaftliche Stabilität bedachten Staatsregierungen
andererseits erfolgt. Die Kirchen und deren Theologie
sind durch ihr „Zuspät“ viel schuldig geblieben.
Das 20. Jahrhundert war für Europa ein sehr dunkles
Jahrhundert. Unser Kontinent wurde durch Vernichtungskriege
und humane Katastrophen weitgehend zerstört.
Wesentliche Ursachen waren die totalitären irdischen
Heilslehren des Nationalismus, des Kommunismus
und des Nationalsozialismus mit seinem Rassenwahn.
Viele Millionen Menschen wurden in den technisch-
effizient geführten Kriegen und in den Vernichtungslagern
der Nationalsozialisten und Kommunisten
getötet, körperlich und seelisch verstümmelt, viele
Millionen Menschen wurden vertrieben, unermessliche
kulturelle und materielle Werte wurden vernichtet.
Trotz der verzweifelten Lage nach diesen furchtbaren
Katastrophen und trotz der deprimierenden menschlichen
und materiellen Verluste gelangen nach dem
Krieg zukunftsweisende Neuanfänge durch eine mutige
und weitsichtige Bündelung der Kräfte, christlich
orientierte Persönlichkeiten spielten dabei maßgebliche
Rollen. In Deutschland und Österreich entwickelte
man als bewusste Alternative zur nationalsozialistischen
und kommunistischen Diktatur das Gesellschafts-
und Wirtschaftsmodell der „Sozialen Marktwirtschaft“.
Man wollte bewusst eine konkret erfahrbare
Beteiligung der Menschen an den gesellschaftlichen
und ökonomischen Entwicklungen, eine möglichst
faire Verteilung der Chancen, Lasten und Erträge
durch entsprechende Strukturen und Regelsysteme
erreichen. Die Konzepte und Umsetzungen in
Deutschland und Österreich sind in wichtigen Punkten
ähnlich, aber nicht gleich. In Deutschland wurden soli-de theoretische Grundlagen erarbeitet, in Österreich
ging man eher pragmatisch vor. Je nach eigener Tradition
verliefen die Entwicklungen in anderen Staaten
unterschiedlich, aber wesentliche Elemente einer sozial
moderierten Marktwirtschaft gibt es in den meisten
europäischen Staaten, in deutlicher Differenz zu den
US-amerikanischen Verhältnissen.
Spezifisch für Österreich ist die Institution der „
Sozialpartnerschaft“ (regelmäßige Treffen der Vertreter
der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Landwirtschaft
mit zahlreichen formellen und informellen
Kompetenzen) zur Findung von Interessensausgleichen
und für Konfliktregelungen. Erste Weichenstellungen
dafür ergaben sich in Gesprächen auf den Lagerstraßen
im KZ Dachau, in das man schon 1938, unmittelbar
nach dem Zwangsanschluss Österreichs an
das nationalsozialistische Deutschland, die österreichischen
Führungskräfte aus den damals verfeindeten politischen
Lagern gebracht hatte. Man kam dabei überein:
Sollte Österreich nochmals frei werden, wollte
man es besser machen und lieber am Verhandlungstisch
als auf der Straße die unterschiedlichen Positionen
und Interessen aushandeln und ausstreiten. Daraus
wurde ein wirklich beachtenswertes Erfolgsmodell:
Weil die Menschen spürten, dass keine Gruppe ausgegrenzt,
dass Lasten und Vorteile im Großen und Ganzen
fair verteilt wurden und die knappen Mittel und
Kräfte nicht im Machtkampf gegeneinander zerrieben
und vergeudet wurden, deshalb arbeiteten alle mit innerer
Zustimmung und vollem Einsatz mit und schufen
aus Not und Zerstörung ein Land mit Wohlstand und
hoher Lebensqualität. Die Orientierung an Sozialpartnerschaft
und Sozialer Marktwirtschaft, der Einsatz für
gemeinsame Ziele, ist in den letzten Jahrzehnten
schwächer und schwieriger geworden, teils durch interne
Fehlentwicklungen, teils durch die zunehmenden
grenzübergreifenden Vorgänge in Wissenschaft, Technik
und Wirtschaft.
Ausdrücklich ist daran zu erinnern, dass die Einigung
Europas nach dem verheerenden Krieg wesentlich
durch christlich motivierte Persönlichkeiten mit großem
Mut und politischem Weitblick, nämlich Maurice
Schuman, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperri,
als Friedensprojekt begonnen wurde. Man unterstellte
als Erstes die für die Rüstung wesentlichen Bergbau-,
Eisen- und Stahlindustrien einer dafür neu geschaffenen
europäischen Institution und entzog sie damit dem
nationalen Zugriff, der die europäischen Völker immer
wieder in Kriege verstrickt hatte. Schrittweise trieb
man die europäische Einigung geografisch und inhaltlich
bis zum gegenwärtigen Zwischenstand der „
Baustelle Europa“ voran. Wie schon erwähnt, ist die
Stimmung hinsichtlich der europäischen Einigung derzeit
nicht gut. Verunsichert durch die großen Umbrüche
verkrallt sich in partikuläre, kurzfristige Interessen und verliert dadurch an Perspektive und Gestaltungskraft
für das Zukunftsfähige. Ich habe Verständnis für
die regressiv-gedrückte Stimmung, aber es wäre
schlecht, darin hängen zu bleiben. Und es ist übel,
wenn Politiker und Medien diese verständlichen Emotionen
populistisch missbrauchen, denn die Herausforderungen
für uns und für ganz Europa sind groß und
dringend: Die Welt ist in einem rasenden Umbruch
und wartet sicher nicht auf ein langsames und durch
kleinkarierte Streitereien blockiertes Europa.
Neugestaltung Europas im Kontext der „Globalisierung“
Die jetzt mögliche Neugestaltung ganz Europas ist also
dringend und sie muss unter schwierigen Rahmenbedingungen
erfolgen. Das Schlagwort „
Globalisierung“ benennt entscheidende Vorgänge unserer
Zeit, aus denen man sich nicht einfach auskoppeln
kann: Vergleichbar mit der „Industriellen Revolution“
im 19. Jahrhundert vollzieht sich derzeit eine
zweite technisch-ökonomische, aber auch kulturelle,
religiöse und ethische „Revolution“, ausgelöst vor allem
durch den Einsatz der Leittechnologien Elektronische
Informationstechnik/Telekommunikation und
Bio-Technologien/Life-Science. Wiederum werden die
vertrauten Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen,
aber auch Bewusstsein und Handlungsmuster massiv
und irreversibel verändert. Wesentliche Forschungsund
Wirtschaftsprozesse sind global geworden. Die
elektronische Telekommunikation, die schnelle weltweite
Mobilität von Informationen, Waren, Dienstleistungen
und – besonders folgenschwer – Kapital ermöglichen
und die gigantischen Entwicklungs-
Aufwendungen und Anlagekosten verlangen großräumige
Vernetzung und transnationale Märkte. Ökonomisch,
politisch und sozial werden dadurch die Karten
weltweit neu gemischt. Chancen, Lasten, Entscheidungszentren,
Arbeitsplätze werden weltweit neu verteilt.
Gewaltige „Völkerwanderungen“, freiwillige
Mobilität und unfreiwillige Migration, begleiten diese
Prozesse. Wie im 19. Jahrhundert wird man solche
Umwälzungen nicht insgesamt aufhalten können. Wir
sollten nicht noch einmal verspätet hinten nachhinken.
Man wird diese Umwälzungen umso eher einigermaßen
human gestalten und eine Reihe von Schäden vermeiden
oder wenigstens mildern können, je eher man
diese Vorgänge aktiv und zutreffend erfasst und kompetent
gestaltend darauf reagiert. Wenn man davor die
Augen verschließt oder nur defensiv abzublocken versucht,
dann gehen Gestaltungschancen verloren und es
kommt im Zuge dieser Umwälzungen zu Entsolidarisierung
und sozialer Brutalisierung.
Eine starke „Globalisierung“ vollzieht sich nicht nur
technisch-ökonomisch, sondern auch im Bewusstsein
und kulturell: Vor allem über die elektronischen Medien
sickern Informationen, Bilder, Lebensmuster und auch religiöse Vorstellungen und Haltungen aus aller
Welt vom Kleinkindalter an in unser Bewusstsein, verändern
Sichtweisen und Verhaltensmuster. Es gibt äußerlich
wie innerlich keine „geschlossenen Welten“
mehr. Die neue Lage bringt auch eine „ethische Globalisierung“
mit sich: Aus der globalen ökonomischen
Vernetzung folgt eine globale soziale Verantwortlichkeit
in neuer Qualität. Aber „ethische Globalisierung“
bedeutet noch wesentlich mehr: Elektronische Informationstechnik,
Telekommunikation, Bio- und Gentechnik,
globalisierte Wirtschaft sind Spitzenleistungen
des neuzeitlichen Naturbeherrschungs- und Weltgestaltungsprogramms.
Damit wurden in letzter Zeit
Schallmauern durchstoßen, weltbewegende Kräfte bis
hin zu Lebenssteuerungen, Erbgut, Luft, Meere und
Klima kamen in menschliche, in industrielle Verfügung.
Viele Menschen empfinden diese „
Entgrenzung“ nicht mehr ungebrochen als wachsende
Freiheit, sondern erleben sich oft als Getriebene, als
fremdbestimmt. Es wachsen die Abstände zwischen
Arm und Reich, zwischen „einflussreich“ und „
ohnmächtig“.
Zunehmend werden die zwei Gesichter der wissenschaftlichen,
technischen und wirtschaftlichen Effizienz
bewusst: Erfreulichen Verbesserungen und neuen
Möglichkeiten stehen hohe Aufwände, Risiken und
Schäden gegenüber. Die „Natur“ ist nicht mehr wie
bisher stabiler, unantastbarer und sich selbst regulierender
Rahmen unseres Lebens und Handelns. Mit
dem Zugriff auf substantiell weltbewegende Kräfte
liegt die Verantwortlichkeit für die ökosystemische
Balancierung, für eine nachhaltig zukunftsfähige Lebenskultur
auf menschlichen Schultern. Werden wir
das rechtzeitig begreifen und werden wir persönlich
und gesellschaftlich rechtzeitig das Notwendige tun?
Haben wir dafür ausreichend Wissen, fundierte Hoffnung
und moralische Kraft? In diesen Fragen und Sorgen
wird spürbar: Die Visionen und Programme der
Neuzeit verlieren an Plausibilität, an Mobilisierungsund
Orientierungskraft; der gesellschaftliche Grundkonsens
nimmt ab. Man tastet und tappt herum „im
Nebel“ des Übergangs zu einer noch undeutlichen „
Nachneuzeit“, man sucht nach verlässlichen Wurzeln,
nach neuen Orientierungen.
4. Ausblick auf zukunftsfähige europäische Modelle
menschenwürdiger Gesellschaftsgestaltung
Überall drücken und drängen ökonomische Zwänge
und durch die globale technisch-ökonomische Revolution
entfesselte Kräfte. Es stimmt: Ohne entsprechende
wirtschaftliche Grundlagen gibt es kein gutes Leben.
Die Zukunftsfähigkeit Europas und seiner Lebensformen
braucht konkurrenzfähiges wissenschaftlichtechnisch-
ökonomisches Wissen und Können, aber
ebenso Sinn- und Orientierungswissen, „Weisheit“,
auf gleichem Niveau. Bei der Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung geht es nicht nur um Eigengesetzlichkeiten
und unpersönliche Kalkulationen. Glaubwürdige
Antworten auf grundsätzliche Fragen sind
wieder neu notwendig: Was ist, was bedeutet in der
aktuellen europäischen und globalen Lage persönlich,
gesellschaftlich, politisch, ökonomisch „Freiheit“?
Freiheitlich-pluralistische Demokratien mit Wettbewerbsmarkt-
Wirtschaften bauen auf weitgehende Entscheidungs-
und Gestaltungsmöglichkeiten für einzelne
Menschen, dezentrale Institutionen, Wirtschafts-
Unternehmen und freie Vereinigungen sowie auf deren
Verantwortungsbereitschaft. Offene demokratische
Gesellschaften und Wettbewerbs-Märkte sind gesellschaftliche
Organisationsformen, stark stimulierende
Verfahren mit hoher Eigendynamik. Mit dem entsprechenden
Wissen und Können sind sie zur Erreichung
von Zielen und zur Lösung von Problemen zu steuern.
Oft wird vergessen, dass sich nicht automatisch ergibt,
welche Ziele, Werte, Problemlösungen als menschenwürdig
anstrebenswert, welche Prioritäten und Proportionen
dabei einzuhalten sind. Das bleibt eine zentrale
menschliche, religiöse, kulturelle, politische Klärungs-
, Bildungs- und Steuerungsaufgabe.
Ohne Zweifel brauchen alle Menschen und auch die
Wirtschaft ein gut geordnetes Gemeinwesen mit entsprechenden
Bildungs-, Gesundheits- und Sozial-
Einrichtungen, Rechtssicherheit, Kommunikations-
Infrastruktur, zumindest ein Minimum gemeinsamer
Werte und Sinn-Horizonte. Evident sollte die mit der
ansteigenden technisch-ökonomischen Effizienz zunehmende
Bedeutung der Rücksicht auf unverzweckbare
personale Dimensionen sowie Umwelt und Nachhaltigkeit
sein. Da geht es um die Zukunftsfähigkeit
unserer Lebensform und unserer gesellschaftlichen
Systeme. „Effizienz“ ist kein freischwebender Selbstzweck,
sondern untrennbar auf sinnvolle und verantwortbare
Ziele und Werte bezogen und daran zu messen.
Ohne menschenwürdige Ziele, Werte und Ordnungen
für das instrumentelle Wissen und Können
wird Effizienz ziel- und sinnlos und damit unverantwortlich.
Tatsächlich vergrößern sich nicht nur global, sondern
auch in Europa die Abstände zwischen arm und reich,
zwischen Wende- und Globalisierungs-Gewinnern und
jenen, die nicht profitieren oder verlieren. Auch in den
europäischen Staaten, zu deren Staatszielen ausdrücklich
soziale Standards gehören, laufen Umgestaltungen,
die Vorwürfe wie „Sozialabbau“ und „Zerstörung
des Sozialstaats“ auslösen. Die Sorge, im Zuge der
Europa-Integration und Globalisierung die bisherige
soziale Qualität zu verlieren, ist begründet. In unserem
Zusammenhang geht es um grundsätzliche Orientierung,
nicht um Tagespolitik. Selbstverständlich verstößt
es gegen zentrale christliche Grundwerte ebenso
wie gegen Menschenwürde und Gemeinwohl, wenn Schwache und Bedürftige, die sich nicht selbst helfen
können, ohne verlässliche Solidarnetze und ausreichende
Unterstützungen ihrer Not überlassen würden.
Es wäre aber eine Engführung, „Sozialstaat“ mit staatlichen
Sozialleistungen und Versorgung gleichzusetzen.
Noch wichtiger ist es, von vornherein für echte
Chancengleichheit und Beteiligung aller, für eine prosperierende
Wirtschaft mit sozialen und ökologischen
Standards zu sorgen, das Entstehen von Unselbständigkeit,
Marginalisierung, Hilfsbedürftigkeit und Not
vorbeugend zu minimieren. „Sozial“ zu einseitig als „
Versorgung“ zu denken, kann auch Machtausübung
von Funktionären und „Helfern“, Abhängighalten und
Passivität bedeuten. Derzeit tendieren viele junge
Menschen in Sozialberufe, zu Betreuungsaufgaben.
Viele wollen helfen, stützen, pflegen, das ist erfreulich.
Wir bräuchten aber auch dringend viele fähige
und engagierte Menschen und haben zu wenige, die
bereit sind, kompetent und ausdauernd an fachlich und
ethisch guten Gestaltungen in Gesellschaft und Wirtschaft
zu arbeiten.
Angesichts der laufenden Zusammenschlüsse zu großen
Einheiten wachsen verständliche Ängste, an eigenen
Gestaltungsmöglichkeiten und an Identität zu verlieren.
Oft wird unsere Aufmerksamkeit durch das vordergründig
dominierende „Große“ fixiert, das verengt
die Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit. Demgegenüber
ist deutlich vor Augen zu stellen: Die historisch
gewachsene Qualität Europas liegt nicht in der
Gleichschaltung, sondern in der Differenzierung. Die
Europäische Union hat sich in ihrer Grundarchitektur
auf „Subsidiarität“ verpflichtet. In Europas Kultur,
Politik und Wirtschaft ist also die Realisierung dieses
von der katholischen Soziallehre entwickelten (aber
von der Kirche selbst nicht ausreichend praktizierten)
gesellschaftlichen Gestaltungsprinzips notwendig und
chancenreich, wenn auch nicht einfach. Dieses Prinzip
besagt, dass die Gestaltungs- und Entscheidungs-
Kompetenzen samt Verantwortung so weit wie möglich
bei den kleineren Einheiten zu belassen sind. Nur
was diese nicht gut bewältigen kann, geht auf die
nächstgrößere Ebene, auch nicht gleich an die obersten
Zentralen, über. Die Europäische Union fördert regionale
Identitäten sowie kleine und mittlere Strukturen
aus guten Gründen: Für wichtige politische, ökonomische
und ökologische Anliegen brauchen wir das große
europäische Dach. Aber in unüberschaubar großen
Räumen fühlen sich die Menschen ohnmächtig, heimatlos,
entwurzelt, demotiviert. Entwurzelte Menschen
haben kein gutes Leben, sie werden leicht zu „
Treibsand“. Deshalb brauchen die Menschen unter
größer werdenden Dächern mehr denn je die Beheimatung
in überschaubaren, gut gestalteten, „bewohnbaren
Räumen“. Unter dem großen europäischen Dach bestehen
also echte Aufgaben und Chancen für kleinere
Einheiten. Allerdings behalten und stärken diese ihre Vitalität nicht durch Passivität und defensive Abschottung,
so verkümmern sie in Provinzialität, sondern
durch Entfaltung und Betätigung ihrer Talente, durch
bewusste Pflege und Ins-Spiel-Bringen ihrer Qualitäten,
durch stimulierenden Austausch, durch Osmose
mit den anderen.
Hilfreich ist nüchterne Hoffnung, nicht romantische
Nostalgie: Aufgrund der Hochentwicklung kann vieles
in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft nur noch in
großräumiger Vernetzung erfolgreich sein, allerdings
lässt sich nach wie vor vieles gut in kleineren Einheiten
und im Nahbereich unternehmen. Kleinere Staaten
und andere Institutionen, kleine und mittlere Betriebe
haben durch verschiedene Formen von Spezialisierung
und Kooperation, durch Nützung der Nähe und bessere
Kenntnis der Bedürfnisse sehr wohl Chancen. Je größer
die Großen werden, umso größere Nischen entstehen
für konkurrenzfähige Kleine, denn die Großen
sind für vieles zu schwerfällig, zu unkreativ, zu teuer.
Für die Nützung dieser echten Chancen brauchen wir
Menschen mit entsprechender persönlicher Einstellung
und fachlichem Können, aber auch Strukturen und Regelsysteme,
die ungesunde Machtballungen unterbinden
oder wenigstens limitieren und fairen Wettbewerb
für alle, die Einhaltung sozialer und ökologischer
Standards sichern.
Die stärksten Infragestellungen von Effizienz und
Leistung, von Freiheit, Sinn und menschlicher Würde
sind die Grenz- und Ohnmachts-Erfahrungen im Alltag,
bei Schicksalsschlägen, in Armut und Marginalisierung,
im unausweichlichen Altern und Sterben. Vieles
in unseren spätneuzeitlichen Zivilisationen ist unschwer
als Kompensieren, Verdrängen und Überspielen
der Endlichkeit, als Illusion von grenzenloser Leistungsfähigkeit
(„Full Power and Wellness for ever“, „
Anti-Aging“) zu durchschauen. Verdrängen oder
Kompensieren der Zerbrechlichkeit und Begrenztheit
führt nicht zur Freiheit. Ohne Integration der unvermeidlichen
Grenzen, Schwächen und Leiden, der
menschlichen Endlichkeit insgesamt, in die persönlichen
und öffentlichen Lebensmuster gelingt keine
menschenwürdige Lebenskultur.
In der Diskussion über europäische Werte und Ziele
gibt es säkularistische Tendenzen, ein geringschätziges
Beiseiteschieben der christlichen Beiträge zur kulturellen
Identität Europas. Es muss aber gefragt werden, ob
unser persönliches und gesellschaftliches Leben unter
Aussparung der tiefsten Fragen nach unserer transzendenten
Herkunft und Zukunft gelingen kann. Die Gefahr,
dass ohne Transzendenzbezug entweder einzelne
Teilwerte, wie bspw. Macht und Geltung, Geld, Leistung,
Konsum, Jugend, sexuelle Aktivität …, mit fatalen
Folgen überbewertet oder überhaupt verabsolutiert
werden, dass ohne Transzendenzbezug Desorientie-rung, Resignation und Zynismus zunehmen, liegt auf
der Hand. Die großen religiösen Traditionen der
Menschheit sind in ihren Antworten auf die letzten
Fragen, in ihren Vorstellungen über die transzendente
Herkunft und Zukunft von Mensch und Welt nicht
gleich. Transzendenz kann die Realität der Welt und
konkreter Menschen entwerten oder deren Bedeutung
durch Erweiterung der Perspektive über die irdische
Phase hinaus eminent aufwerten. Die biblischchristliche
Sicht mutet uns im Unterschied bspw. zu
bestimmten fernöstlichen oder esoterischen Transzendenz-
Vorstellungen die Wertschätzung des Lebens,
der Welt und jedes Menschen, sowie die schwierigen
Wege der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensgestaltung
zu und gibt fundierte Hoffnung über den
Tod hinaus. Viele Macher in unserer einseitigen
Leistungs- und Konsumgesellschaft halten derartige
Überlegungen für überflüssig. Viele Menschen lassen
sich von den angebotenen Konsum- und Medienwellen
ziemlich gedankenlos treiben und zerstreuen. Aber
wird das Leben nicht unsäglich flach und banal bzw.
eiskalt und brutal, wenn übersehen wird, dass spezifisch
Menschliches, wie Sprachfähigkeit, Denkfähigkeit,
Liebesfähigkeit, aus und in zuvorkommender Zuwendung
und wohlwollender Beziehung wächst, dass
Wichtiges im Leben nicht machbar, nicht erzwingbar,
nicht kalkulierbar, nicht kaufbar ist, dass Freiheit untrennbar
mit Verantwortung verbunden ist, weil unser
tiefster Ursprung und unser endgültiges Heil in der
zuvorkommenden Zuwendung Gottes gründen?
In sozialethischer Perspektive brauchen wir für ein
zukunftsfähiges Europa neue Synthesen. Weder die
einseitige Leistungs- und Konsumorientierung noch
die in alternativen und auch in kirchlichen Kreisen
verbreitete naiv-romantische Polemik gegen technischökonomische
Effizienz führen uns voran. Wir brauchen
heute und morgen nicht weniger, sondern mehr
konkurrenzfähiges technisch-ökonomisches Wissen
und Können. Es muss uns allerdings wesentlich besser
als bisher gelingen, dieses Wissen und Können auf
menschenwürdige Ziele und Stile hin auszurichten.
Das ist der Unterschied von „Wissen“ und der in der
biblischen und in vielen kulturellen Traditionen hervorgehobenen
„Weisheit“: die bewusste Aufmerksamkeit
für das unverkürzte Ganze des menschlichen Lebens
und für das Gemeinwohl. Nur so lassen sich die
für ein Gelingen des menschlichen Lebens wesentlichen
Dimensionen und Faktoren, Prioritäten, Proportionen
und Zusammenhänge besser verstehen und in der
Praxis beachten. Wir sollten aus den erwähnten Erfahrungen
mit der 1. „Industriellen Revolution“ im
19. Jahrhundert (klassischen Prinzipien der „
Katholischen Soziallehre“ samt Implementierungs-
Konzept Gesinnungs- und Struktur-Entwicklung) und
aus den gelungenen gesellschaftlichen Neuanfängen
nach Weltkrieg und Totalitarismus (sachlich und menschlich erfolgreichen Konzepte „Soziale Marktwirtschaft“
und „Sozialpartnerschaft“) lernen. Diese
Errungenschaften stehen durch die Europa-Integration
und die globale Vernetzung vor neuen Bewährungsproben:
Ökosoziale Ordnungspolitik ist keinesfalls als
überholt beiseite zu schieben, sondern im eigenen
kommunalen, regionalen und staatlichen Bereich für
die veränderten Gegebenheiten zu adaptieren und auf
europäischer Ebene voranzutreiben.
Selbstverständlich wären angesichts der zunehmenden
transnationalen ökonomischen und wissenschaftlichtechnischen
Entwicklungen zur Sicherung sozialer,
kultureller und ökologischer Standards wirksame Institutionen
und Regelsysteme auch auf Weltebene notwendig.
Das wird sich aber nur schrittweise in harten
Interessenskämpfen durchsetzen lassen und ist nicht
schon in naher Zukunft zu erwarten. Die Europäische
Union mit 450 Millionen Menschen und gewaltigen
materiellen und immateriellen Kapazitäten ist potent
genug, im eigenen Bereich entsprechende kulturelle,
soziale und ökologische Standards zu entwickeln und
in der globalen Konkurrenz zu behaupten. Es spricht
alles dafür, dass wir sachlich und menschlich zukunftsfähige
europäische Modelle erhalten bzw. entwickeln,
in Kontrast zu und im Wettbewerb mit USamerikanischen
und asiatischen Modellen! Dafür die
Fähigkeiten und Kräfte der Menschen und Völker in
Europa zu bündeln ist eine echte Zukunftschance!
Deshalb muss es rechtzeitig gelingen, die kurzsichtigen
Verstrickungen in Partikulärinteressen zu überwinden
und aus den noch sehr verschiedenen nationalen
Traditionen, Mentalitäten, Strukturen und Vorgangsweisen
unter Wahrung der Subsidiarität gemeinsame
europäische Kompetenzen zu entwickeln!
5. Thesen zu erwartbaren Entwicklungen und Aufgaben
in der Arbeitswelt
Wenn man Arbeit angemessen definiert: als Lösung
von Problemen, als Erarbeitung und Vermittlung von
Produkten und Dienstleistungen zur Entfaltung und
Verbesserung des Lebens und zur menschenwürdigen
Gestaltung der Welt, dann haben wir sicher keinen
Mangel an Arbeit. Es gibt auch keinen grundsätzlichen
Mangel an Kapital und sonstigen Ressourcen. Wir stecken
vielmehr in schwierigen Übergangsphasen, für
viele wichtige Aufgaben fehlen uns die Transformationen
in Arbeitspakete, die Voraussetzungen im Bewusstsein
und auf der Ebene der Strukturen und Regelsysteme,
um die dafür notwendigen Finanzen und
sonstigen Ressourcen zu organisieren. Vieles ist blockiert
durch überholte, dysfunktionale Auffassungen
und Strukturen. Wir brauchen eine tiefgreifende Neuorientierung
der Ziele und eine tiefgreifende Neuordnung
der Ressourcen und Regelsysteme.
Denken wir nur an die in diesem Text skizzierte unausweichliche Neuverteilung der Arbeit (Forschung/
Entwicklung, Produktion und Dienstleistung) im Europäischen
Großraum und weltweit, an die Herausforderungen
der Demographie (höchst unterschiedliche Alterspyramiden
in reichen und armen Ländern) und der
Migration. Es nützt wenig und nur kurzfristig, die Augen
und die Grenzen davor zu verschließen. Wir müssen
uns der neuen Standort-Konkurrenz sachlich und
menschlich kompetent stellen, Entwicklungsausgleiche
und eine Neupositionierung unserer Länder bewältigen!
Rechtzeitiges Handeln eröffnet Spielräume und
hilft, Schäden und Zwänge zu mindern. Wie schon
erwähnt, wäre Europa groß und kompetent genug, europäische
kulturelle, soziale und ökologische Standards
zukunftsfähig zu entwickeln und in der globalen
Konkurrenz zu behaupten.
Schwierige Probleme ergeben sich aus der in absehbarer
Zeit kaum domestizierbaren globalen Kapital-
Mobilität und aus der weitgehenden Abkoppelung
zwischen dieser Kapitalsphäre und der Realwirtschaft.
Aber auch die Unrechtslagen zwischen stärker und
schwächer dem Wettbewerb ausgesetzten Bereichen,
zwischen jenen, welche transnational agieren und daraus
teils problematische Vorteile gewinnen können
und jenen, die diese Möglichkeiten nicht haben, sind
schwer erträglich – sowohl zwischen den Arbeitnehmergruppen
als auch zwischen den Unternehmen. Die
Institutionen und Führungskräfte sowohl der Arbeitnehmer
als auch kleinerer Unternehmen und landwirtschaftlicher
Betriebe stecken da in sehr schwierigen
Problemen und kommen damit oft nicht gut zurecht.
Starres Verteidigen überkommener Rechte und Positionen
sichert mitunter nicht einmal die Positionen der
so Vertretenen und geht meist auf Kosten der schlechter
oder gar nicht Vertretenen. Eher hilfreich sind eine
Verbindung von klaren, sachlich und menschlich tragfähigen
Zielen mit schrittweisem Vorgehen sowie Flexibilität
mit Augenmaß.
Ich habe bewusst auf die Erfolge von Sozialer Marktwirtschaft
und Sozialpartnerschaft hingewiesen. Die
gesellschaftliche Grundüberzeugung, dass Lasten,
Chancen, Erträge auch bei schmerzlichen Umgestaltungen
einigermaßen fair verteilt werden, muss in unseren
Ländern erhalten bzw. wieder gewonnen werden.
Nur so bringen die Menschen ihre Fähigkeiten
und ihre Belastbarkeit entsprechend ein. Andernfalls
entstehen dramatische Ausfälle und Kosten, Motivations-
und Reibungsverluste, welche Europas Konkurrenzfähigkeit
im globalen Wettbewerb entsprechend
schmälern. Immer wieder festzustellende obszöne Diskrepanzen,
nämlich Lastenzuschiebung an Schwächere
und gleichzeitige Vorteilsnahmen von Mächtigen und
Reichen, sollte man wirklich nicht mit der Berufung
auf „Freiheit“ legitimieren. Nur glaubwürdige Fairness
bei der Lasten- und Vorteilsverteilung und echte Partizipation sichern längerfristig die notwendige Motivation,
und Problemlösungskraft sowie ausreichend hohe
Belastbarkeit und damit das Gemeinwohl.
6. Kirchliche Beiträge zur Neugestaltung Europas
Ich habe keine kirchliche Leitungsfunktion und respektiere
die theologisch-fachliche Kompetenz der Fundamental-
und Pastoraltheologen. Aus meiner sozialethischen
Perspektive kann ich nur ein paar Anmerkungen
machen. Kirchliche Beiträge zur geistigen und
sozialen Neugestaltung Europas sind ganz wesentlich
und dringlich. Die Hoffnungs- und Orientierungsarmut
angesichts der Erschöpfung des prometheischeigenmächtigen
Fortschritts-Paradigmas der Neuzeit
ebenso wie die Verunsicherungen und Überlastungen
durch die aktuellen Umbrüche disponieren zu Regressionen
und Anfälligkeiten für persönliche und politische
Kurzschlüsse. Stützende, inspirierende, ermutigende
und orientierende christliche Weggemeinschaften
sind in dieser Lage besonders notwendig und hilfreich.
Erfreulich ist, dass die Christen und die Kirchen
in allen postkommunistischen Ländern erhebliches
Ansehen haben, trotz aller berechtigten wie unberechtigten
Kritik. Obwohl ihre Lagen kompliziert und ihre
Ressourcen knapp sind, erweisen sie sich oft als wesentlich
vitaler und belastbarer als die Christen und
Kirchen im Westen. Man erwartet nach wie vor viel
von ihnen, weil man nicht vergessen hat, dass die Kirchen
in der kommunistischen Zeit die einzigen großen,
nicht gleichgeschalteten, Menschen und ihre Würde
schützende Institutionen waren und Substantielles zur
befreienden Wende und zu deren unblutigem Verlauf
beigetragen haben. Ein zentrales kirchliches Problem
sehe ich in dem fast überall vorherrschenden Verharren
in einer Getto-Position gegenüber der Gesellschaft.
Diese Existenzform einer christlichen Nischen-
Subkultur war unter den totalitären Bedingungen überlebensnotwendig
und, auch durch die kommunistischen
Attacken, gesellschaftlich wirksam. Unter den
mittlerweile stark pluralisierten Verhältnissen führt das
Verweilen in der Getto-Position im Denken und Verhalten
aber zum Verlust an gesellschaftlicher Relevanz
und zur Identitäts-Schwächung: In einer offenen, pluralistischen
Gesellschaft werden Nischenbewohner
nicht bekämpft, allerdings auch nicht beachtet, wenn
sie sich nicht aktiv und gekonnt in die gesellschaftliche
Meinungs- und Entscheidungsbildung einbringen.
Unter den Führungskräften in Wirtschaft, Politik und
Medien finden sich leider nur wenige kompetente
Christen. Das Mitgestalten von Christen und Kirchen
in unseren ökonomisch, wissenschaftlich, technisch,
medial geprägten Gesellschaften verlangt sowohl nach
entsprechenden Fach-Kompetenzen als auch nach ethischer
Orientierung, mehr denn je nach fundierter Hoffnung.
Wir brauchen tragfähige, interdisziplinär erarbeitete
Konzepte und realistische Programme zu deren Implementierung. Die Kirchen und Christen tun sich
mit den pluralistisch-dynamischen Verhältnissen nicht
leicht, verständlicherweise nicht in den Transformationsländern,
aber auch nicht „im Westen“. Im Blick auf
die biblische Seesturm-Szene ist zu fragen: Ermutigen
und befähigen die kirchlichen Leitlinien, die christliche
Spiritualität, Pastoral und Bildungsanstrengungen
zum Rudern und Steuern durch die hochgehenden
Wellen der gesellschaftlichen Umbrüche? In einer über
die christlichen Kirchen noch hinausreichenden
Ökumene der Humanität im offenen, pluralistischen „
Neuen Europa“ ist von vitalen christlichen Gemeinschaften
Großes und kaum Ersetzbares zu erwarten,
wenn dort die biblischen Erinnerungen und Verheißungen
glaubwürdig gelebt und praktisch erfahrbar
werden, wenn aus tiefen Wurzeln gespeist nachhaltig
an der Kultivierung des Lebens und der Gesellschaft
mitgearbeitet wird, wenn die vielfach überforderten
und desorientierten Menschen immer wieder gestützt,
ermutigt und orientiert werden.
Viele Menschen moderner und postmoderner Prägung
finden trotz des zunehmenden Interesses für Transzendenz
keinen Zugang zu unseren Kirchen, nicht wenige
verlassen sie. Das ist tragisch angesichts des gigantischen
Bedarfs an Inspiration, Hoffnung und Orientierung
in den gegenwärtigen Chancen und Krisen. Mit
der Marginalisierung von Glaube und Kirchen dürfen
wir uns nicht abfinden. Die Leer-Räume nach dem Ende
der Faszination sowohl durch kommunistische als
auch westliche Fortschritts-Ideologien sind höchst gefährlich!
Dafür nur den Menschen oder „dem Säkularismus“ die Schuld zu geben, ist eine kaum rechtfertigbare
einseitige Schuldzuweisung, solange nicht alle
kirchlichen Strukturen, Denk-, Sprach- und Vermittlungsformen
energisch überprüft werden, ob sie für die
Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft
bestmöglich entsprechen, ob sie Glauben und kirchliche
Vitalität wirklich fördern oder eher blockieren.
Wir haben dafür nicht endlos Zeit: Wenn es nach dem
Auszug böser Geister aus dem Haus nicht rasch gelingt,
in den leeren Räumen einen besseren Geist zu
beheimaten, dann etablieren sich üblere Zustände als
zuvor (vgl. Lk 11,24-26). Die biblische Warnung an
Glaubende und besonders an kirchliche Vorsteher ist
scharf: Wer mit der Hand am Pflug nur zurückschaut,
auf alte Besitzstände, vertraute Formen und Machtpositionen,
statt fruchtbare Furchen nach vorne zu ziehen,
entspricht nicht dem nahe gekommenen Gottesreich
(vgl. Lk 9,62). Die schon oben erinnerte biblische
Szene vom Rudern auf einem stürmischen See ist
zugleich desillusionierend und ermutigend: Christlicher
Glaube erlaubt nicht das Verweilen in den Häfen
von gestern, die Abkapselung in Gettos oder in vermeintlich
spirituellen Idyllen. Christlicher Glaube mutet
uns zu, dass wir uns auf die stürmischen Umbruchgewässer
hinauswagen. Wenn wir alle Fähigkeiten
zum Rudern und Steuern einsetzen, dann dürfen wir
gewiss sein: Wir sind nicht alleine im Boot, der göttliche
Schöpfer und Begleiter ist auch der Herr über die
Stürme.

 

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