soziologieheute-news

1. Februar 2010

Pessimistische Ungarn

von Peter Stiegnitz, 1. 2. 2010

Aus den operettenhaften „schwerblütigen Magyaren“ ist ernst geworden: Gallup WorldPoll stellte jüngst in 120 Ländern die Frage, wie Erwachsene ihre eigene Zukunft sehen. Ungarn nimmt dabei, mit 34,2%, auf der pessimistischen Skala den 117. Platz ein; gemeinsam mit Haiti, Burundi, Togo und Pakistan. Die optimistische Seite führt Norwegen an, wo nur 0,5% der befragten Erwachsenen ihre Zukunft negativ beurteilen. Auch Österreich (3,0%) und Deutschland (7,5%) stehen auf der Sonnenseite der Optimisten.

Über die Gründe des tiefen Pessimismus der Ungarn sprach der Budapester Soziologe Prof. Dr. Elemér Hankiss bei einer Veranstaltung der Wiener Peter Bornemisza-Gesellschaft: • Seit dem Systemwechsel (1989) fühlen sich die Ungarn „vom kapitalistischen Westen verraten“. Sie haben irriger Weise angenommen, dass mit dem Ende des Kommunismus das „Geld nach Ungarn strömen“ wird. Das es nicht dazu kam, das stieß als erste viele Ungarn in einen tiefen Pessimismus • In einem Land, dessen Menschen seit Generationen keine Demokratie kennen, fehlt die Bereitschaft zur politischen Kooperation. Daher herrschen zwischen den einzelnen Parteien und ihren Anhängern blanker Hass und Kampfeslust.

Auch das hebt nicht die „gute Stimmung“. • Viele „stolze Ungarn“ erweisen sich, angesichts eines „starken Führers“ als echte, kritiklose und vor allem begeisterte Untertanen. Fällt der eine „Führer“, rennt man schon hinter dem nächsten her. Diese selbst täuschende Einstellung sorgt dafür, dass sich kaum eine Regierung länger als eine Legislaturperiode halten kann. • Wirtschaftliche Not, Perspektivlosigkeit, eine hohe Arbeitslosigkeit , niedrigste Renten und eine ungenügende Gesundheitspolitik tragen gleichfalls zum tiefen Pessimismus der Ungarn bei.

Trotz diesen und ähnlichen Problemen können sich gar nicht so wenige Ungarn „Westurlaube“ leisten. Kehren diese Menschen nach Ungarn zurück und dabei die krassen Unterschiede zwischen dem „westlichen“ und dem ungarischen Lebensstandard sehen, verbreiten sie nur Frustration und Unzufriedenheit. Auch das verstärkt, so Soziologe Hankiss, den tiefen Pessimismus der ohne dies verzweifelten Magyaren. 

Wir können es mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der geplante Siegeszug rechter und rechtsextremer Parteien bei den Parlamentswahlen im heurigen April dieser Stimmung voll Rechnung tragen wird. (pst)

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