soziologieheute-news

14. Juni 2011

Claudia Pass: Gesundheit – ein gleich verteiltes Gut?

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Moderne Gesellschaft: Gesundheit - ein gleich verteiltes Gut? soziologieheuteOKTOBER2008ClaudiaPass

Bernhard Hofer: Phänomen Migration – Bedrohung oder Chance?

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Phänomen Migration

OKTOBER2008BernhardHofer

Roland Girtler über die Grenzen im Alltag

Filed under: Heft 1/2008 — soziologie heute @ 12:07
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OKTOBER2008RolandGirtler

Auszug aus: soziologie heute, Heft 1, Oktober 2008.

25. Juni 2010

Utopie oder Realität?

Wie Wunsch- und Furchbilder unser Zusammenleben bestimmen

von Bernhard Hofer (Auszug aus soziologie heute, April 2010)

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16. Mai 2010

Die unterste Milliarde

Seminararbeit (gekürzt) von Wilhelm Greil,12. 2. 2010

(Seminar „Weltpolitik“, em.Univ.Prof.Dr. Franz Nuscheler/Univ.Ass.Dr. Sigrid Lamberg)

1 Einführung

 

Armut trifft man überall auf der Welt, auch in den reichen Industrienationen. Armut ist ein globales Phänomen. Viele Institutionen unterschiedlichster Prägung und Couleurs  sind bemüht, gegen die Armut anzukämpfen.

Wissenschafter – vor allem Sozialwissenschafter  (Politikwissenschafter, Soziologen) und Ökonomen rund um den Globus liefern permanent Beiträge zur Linderung der globalen Armut.

Viele Länder, die noch vor zehn Jahren als arme Entwicklungsländer galten, haben es geschafft, der Armutsfalle zu entkommen. Die herausragendsten Beispiele sind die großen Schwellenländer China, Indien und Brasilien.

Einfach ausgedrückt,  lässt sich folgende globale Armuts-Struktur  der Weltbevölkerung darstellen:

  • Ein Sechstel  gilt als reich bis superreich
  • Vier Sechstel  bilden den oberen bis unteren Mittelstand
  • Ein Sechstel lebt in bitterster Armut ,aus der sie aus eigener Kraft nie entkommen wird können

Genau um dieses „letzte Sechstel in bitterster Armut“ nimmt sich Paul Collier in seinem Werk mit dem Originaltitel „The Bottom Billion“,  zu deutsch „Die unterste Milliarde“, an.

 

Wer ist Paul Collier?

Paul Collier (*1949) ist Professor für Ökonomie und Direktor des Zentrums für afrikanische Ökonomien an der Universität Oxford. Davor war er Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank. Er gehört zu den führenden Experten für afrikanische Wirtschaft und der Ökonomien der Entwicklungsländer.Seit 2008 ist er Commander of the Order of the British Empire.[1]Seine zwei zentralen Fragen bilden gleichzeitig den Untertitel des Buches: Warum die ärmsten Länder scheitern? – und – Was kann man dagegen tun? Die zentrale These dieses Buches lautet, dass sich die Distanz zwischen den ärmsten Ländern und den übrigen Entwickungsländern vergrößert hat. Die ärmsten Länder schließen insgesamt 58 kleine Staaten ein, die zusammen eine Milliarde Menschen – ein Sechstel der Weltbevölkerung also – beherbergen.Zu 70% liegen sie in Afrika, aber auch Länder anderer Kontinente wie Nordkorea, Burma,Usbekistan,Jemen ,Haiti und Kuba zählen dazu. Sie stellen die wirkliche Herausforderung für die Entwicklungszusammenarbeit dar. Während andere Entwicklungsländer allmählich wachsen, haben sich die Werte der Entwicklungsindikatoren bei der untersten Milliarde verschlechtert. Diese Länder sind heute ärmer als vor 40 Jahren!!

Paul Collier will die „bottom billion“ auf die Agenda setzen, die Milliarde Menschen, die sich keine Hoffnung machen darf, dass sich ihre Lage verbessert. Die Globalisierung werde den Ärmsten der Armen nicht nützen, behauptet der Oxford-Ökonom. Collier geht mitunter sehr provokant zu Werke, was sowohl die Lektüre spannend macht als auch ein Wachrütteln des Adressatenkreises (Politik, Institutionen, Wissenschaft und alle die sich mit dem Thema auseinandersetzen (freiwillig oder unfreiwillig). Von den „Fallen“, in denen die ärmsten Länder gefangen sind, besser noch gefangen gehalten werden, ausgehend, zeigt P.C. die Instrumente auf, die seiner Ansicht zur Rettung mehr oder weniger heranzuziehen wären, um schließlich auf  konkrete Rettungsmaßnahmen einzugehen. Da sich P.C., dem Verfassungszeitpunkt entsprechend, auf G8 bezieht, werden hier aktuell die G20 in () hinzugefügt.

Diese Arbeit bezieht sich im Wesentlichen auf das Werk von Paul Collier. Zitationen aus diesem Buch erfolgen nur mit Seitenangabe neben dem Text.In der Folge wird der Name des Autors  mit Chiffre P.C. angeführt.

2 Die Fallen

 

Alle Gesellschaften waren einmal arm. Den meisten gelingt es heute, einen Weg aus dieser Armut zu finden. Warum nicht allen? Die Antwort darauf lautet: „Entwicklungsfallen“. Armut wird aber nicht zwangsläufig zur Falle, sonst wären wir ja heute alle arm. Diesen Entwicklungsprozess könnte man sich bildlich etwa so veranschaulichen:  

„In den modernen globalisierten Gesellschaften gibt es phantastische Aufstiegsleitern. Aber es gibt auch Rutschen, und einige Gesellschaften sind auf diese abschüssige Bahn geraten. Die Länder ganz unten bilden zwar eine unglückliche Minderheit, aber sie rutschen immer weiter ab“(P.C.19)

Das Konzept der Entwicklungsfalle ist an sich nicht neu. So wurde es auch mit den Arbeiten des amerikanische Ökonomen Jeffrey Sachs in Verbindung gebracht. Sach´s Forschungsschwerpunkt  hat einen gesundheitspolitischen Zugang  und bildet u.a. die Frage nach den Auswirkungen von Malaria und anderen Krankheiten. Malaria hält ein Land in ARMUT fest. Der potentielle Markt eines armen Landes ist wiederum für Pharmakonzerne nicht attraktiv genug, um riesige Geldsummen in die Forschung und Entwicklung eines Impfstoffstoffs zu investieren und so dreht sich die Armutsspirale weiter abwärts. (P.C.20).

 P.C.lässt die Sachs`schen Ausführungen durchaus gelten, differenziert die Entwicklungsfalle jedoch nach vordergründigen Ursachen  in vier Fallen:

v  die Konfliktfalle

v  die Ressourcenfalle

v  ohne Zugang zum Meer und von schlechten Nachbarn umgeben und

v  schlechte Regierungsführung in einem kleinen Land

P.C. schätzte, dass im Jahr 2006 (Zeit seiner Recherche) etwa 980 Millionen Menschen in solchen Fallen-Länder lebten. Etwa 70% dieser Menschen leben in Afrika, und die meisten Afrikaner leben in Ländern, die in der einen und/oder anderen dieser fallen feststecken. Afrika ist somit der Kontinent, auf dem sich diese Probleme bündeln. Das hat der Rest der Welt inzwischen auch erkannt. (P.C.21)

 

Kurzchronologie

1970 Einberufung der Pearson (kanadischer Ministerpräsident)-Kommission – erste größere Entwicklungshilfekommission im Brennpunkt standen globale Entwicklungsprobleme.

1980 folgte die Brandt(deutscher Bundeskanzler) – Kommission mit  einer ebenfalls  globalen Perspektive.

2005 gründet der britische Premier Tony Blair eine Entwicklungshilfe – Kommission mit dem Fokus Afrika. Es war eine Kommission für Afrika nicht für Entwicklungspolitik.

2006 gründet der deutsche Bundespräsident Horst Köhler  ein “Forum“ für Afrika. (P.C.22)

Die Länder der untersten Milliarde bilden keine einheitliche Gruppe, die man unter einem einfachen geographischen Kürzel fassen könnte.

Ein geographische Kürzel wäre allenfalls „Afrika+“, wobei das „+“ für Länder wie Haiti, Bolivien, die zentralasiatischen Staaten, Laos, Kambodscha, den Jemen, Birma und Nordkorea steht. Sie alle stecken noch immer in einer Entwicklungsfalle fest oder haben sich viel zu spät davon befreit. (P.C.22)

Bevor nun die Fallen im Einzelnen beschrieben werden, sei noch auf eine wesentliche Säule dieses Buches, nämlich die Ausführungen zum Thema Wachstum, die auch eine elementare These beinhalten, eingegangen.

 

2.1 Exkurs: Die Bedeutung des Wachstums für die Entwicklung

 

Das Problem vieler ökonomischer Untersuchungen in Entwicklungsländern liegt nach P.C. vor allem darin, dass die wirtschaftliche Entwicklung auf Grundlage der durchschnittlichen Einkommenseinheit beschrieben wird, nicht auf Grundlage des durchschnittlichen Einwohners. Um zu ermitteln, wie der durchschnittliche Einwohner in den Ländern der untersten Milliarde lebt, muss mit Zahlen gearbeitet werden, denen nicht das Einkommen eines Landes, sondern dessen Bevölkerung zugrunde liegt. Macht das einen Unterschied? Ja, und zwar dann, wenn die Diskrepanz zwischen den ärmsten Ländern und den übrigen sehr groß ist. Das ist die These dieses Buches. (.P.C.23)

Denn errechnet man den Durchschnittswert anhand des Einkommens, fallen die ärmsten Länder durch den Rost. Die konkreten Lebensumstände ihrer Bevölkerung zählen nicht viel, eben weil die Leute arm sind. Ihr Einkommen ist eine zu vernachlässigende Größe. P.C. stellt fest, dass sich selbst geringe Unterschiede in der durchschnittlichen Wachstumsrate, sofern sie über Jahre und Jahrzehnte konstant bleiben, summieren und schließlich zu enormen Diskrepanzen im Lebensstandard führen. Diese Wachstumsdiskrepanz hat die meisten Länder der untersten Milliarde bereits heute ins globale Abseits gedrängt. Nach P.C. wird in den kommenden zwei Jahrzehnten das wahre Ausmaß des Problems zutage treten, weil die Länder, die Stagnation oder wirtschaftlichen Niedergang nicht überwinden können, noch weiter zurückfallen. Der durchschnittliche Bewohner eines dieser Länder verfügt heute nur über etwa ein Fünftel des Einkommens, das der durchschnittliche Bewohner eines der anderen Entwicklungsländer  hat, und diese Kluft vergrößert sich zusehends. Im Jahr 2050 wird die Kluft der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr zwischen einer Milliarde  Menschen in den reichen Ländern und fünf Milliarden in den Entwicklungsländern verlaufen, sondern zwischen der in den Fallen festsitzenden einen Milliarde und dem Rest der Menschheit. (P.C.;26)

Nach P.C. ist das zentrale Problem der untersten Milliarde ihr fehlendes Wachstum. Diesen Mangel zu beheben, muss die wichtigste Herausforderung künftiger Entwicklungspolitik sein.  Nach seiner Überzeugung bedeutet Entwicklungspolitik, den Menschen die Hoffnung zu geben, dass ihre Kinder in einer Gesellschaft leben werden, die mit dem Rest der Welt Schritt halten kann. Nimmt man ihnen diese Hoffnung, werden die Klügeren von ihnen all ihre Kraft darauf verwenden, ihrer Gesellschaft zu entfliehen, statt sie voranzubringen. Um diesen Aufholprozess zu schaffen, brauchen die Länder, die heute das Schlusslicht bilden, radikal steigende Wachstumsraten. Die lange Phase ihrer Stagnation lässt ahnen, dass dies nicht leicht werden wird.

 

Was kann getan werden?

P.C. zeigt folgende Ansätze auf:

  • Es braucht eine Vielzahl politischer Instrumente, um die Länder der untersten Milliarde zu ermutigen, Schritte zur Veränderung zu unternehmen.
  • Die größte Herausforderung besteht darin, dass eine strategische Lösung der Kooperation verschiedener Regierungsbehörden bedarf, die nicht immer zur Zusammenarbeit bereit sind.
  • Die Entwicklungspolitik ist in der Regel Sache der Entwicklungsministerien, die in der Hackordnung fast aller Regierungen ganz unten stehen – ein nicht zu vernachlässigendes Problem, denn für eine kohärente Entwicklungspolitik braucht es dringend einen ressortübergreifenden Ansatz.
  • Um dieses hohe Maß an Koordination müssen sich die Regierungschefs selbst des Problems annehmen.
  • Vor allem ist wichtig, dass die Regierungen der wichtigsten Staaten (G20) gemeinsam handeln.
  • Für P.C. ist der G8-Gipfel (jetzt G20) das einzige Forum bei dem die Regierungschefs der führenden Staaten regelmäßig zusammen kommen. Die Probleme der untersten Milliarde sind als Thema der G8(G2) ideal, aber es müssen alle verfügbaren politischen Maßnahmen ausgeschöpft werden.
  • „Afrika+“ sollte auf der G8(G20) – Agenda bleiben, bis sich die unterste Milliarde vollständig aus den Fallen befreit hat.

Dieses Buch entwirft für die G8(G20) eine wirksame Strategie. (P.C;28f.)

2.2 Die Konfliktfalle

 

Etwa 70% aller unterentwickelten Länder befinden sich in der  Konfliktfalle, da in ihnen Kriege ausgetragen werden oder ausgefochten wurden. Bürgerkriege wirken dabei fataler als Kriege zwischen zwei Nationen, da sie fast zehnmal so lang andauern und daher die Volkswirtschaft erheblicher beschädigen. Dazu kommt, dass die ökonomischen Schäden eines solchen Krieges nicht mit dem Ende der Kämpfe verschwinden, sondern andauern und sich oft durch Flüchtlingsströme und ausbrechende Krankheiten (Seuchen) auf die Nachbarländer übertragen. Die Region um den Kivusee bietet für diese These die besten Belege, in der seit Jahren der unerbittliche Kampf zwischen Hutu und Tutsi von einem Land ins nächste wandert. Es scheint fast logische Schlussfolgerung zu sein, dass Collier mit seinen Wissenschaftlern herausgefunden hat, dass in jedem zweiten Bürgerkriegsland innerhalb der folgenden zehn Jahre ein neuer Krieg ausbricht.[2]

 

2.2.1Bürgerkrieg und Staatsstreich

 

Bürgerkrieg

Bürgerkriege stehen für P.C. im Fokus seiner Konfliktfallen – Theorie(These). Die Ursachen für einen Bürgerkrieg zu ermitteln ist nach P.C. ein schwieriges Unterfangen. Er wählt einen statistischen Ansatz und betrachtet ein ganzes Spektrum möglicher Ursachen: soziale, politische, geographische und wirtschaftliche.

Folgende Bürgerkriegsdefinition (Universität Michigan) wurde zugrundegelegt:

„Bürgerkrieg ist ein innerer Konfliktmit einem Minimum von 1000 Todesopfern, von denen jeweils mindestens 5 Prozent auf das Konto einer der beiden Konfliktparteien gehen“.

Die Zahl von 1000 Bürgerkriegstoten mag willkürlich erscheinen, aber irgendwo muss eine Grenze gezogen werden. Denn zwischen einem lokal begrenzten Konflikt mit einem niedrigen Gewaltpotential, bei dem 50 Menschen umkommen, und einem Krieg mit tausenden von Toten gibt es einen großen Unterschied. Als zentrale Bürgerkriegs – Risikofaktoren nennt P.C. Einkommensniveau (niedriges pro-Kopf-Einkommen) und geringes Wachstum (schlimmer noch Stagnation bis rückläufiges Wachstum).  Seine Erklärung ist, dass niedriges Pro-Kopf-Einkommen,  Armut und geringes Wachstum Hoffnungslosigkeit bedeuten. Junge Männer, die in hoffnungsloser Armut leben, sind für eine Rebellenarmee billig zu haben. Das Leben ist nicht viel wert, und sich einer Rebellenbewegung anzuschließen, eröffnet ihnen zumindest eine geringe Chance auf Reichtum.

Bürgerkriege sind extrem zählebig. Dauert ein Krieg zwischen zwei Ländern im Schnitt 6 Monate, so dauert ein Bürgerkrieg etwa 10mal so lang, ja manchmal wird er zur Normalität. Oft setzen die Rebellen den Kampf fort, statt sich von einem Friedensvertrag ködern zu lassen, den die Regierung anschließend nicht einhält. (P.C.;45) Armut, wirtschaftliche Stagnation, Abhängigkeit von Rohstoffexporten sind die Grundmerkmale der Länder der ärmsten Milliarde. Zwar stecken nicht alle diese Länder in der Konfliktfalle fest, aber alle sind anfällig dafür. Hier liegen die Grundbausteine für ein System der Wechselwirkungen: das Risiko eines Gewaltkonflikts differiert je nach den wirtschaftlichen Bedingungen des Landes, die ihrerseits wiederum von Gewaltkonflikten beeinflusst werden. (P.C.;54)

Dieses Modell eignet sich, so P.C., nicht zur Prognose künftiger Konflikte, doch die sich aus diesem Modell ergebende Vorhersage zur Häufigkeit von Konflikten weltweit, ergibt eine niederschmetternde Bilanz. Im Jahr 2020 wird die Welt sehr viel reicher als heute  und 2050 sagenhaft reich sein. Die meisten Länder haben sich bis dorthin entwickelt, die Häufigkeit von Bürgerkriegen ist  trotzdem nur geringfügig zurückgegangen, da die meisten dieser Kriege in den Ländern der untersten Milliarde stattfinden, deren Wachstum sehr gering ist. Das Modell quantifiziert die düsteren Folgen scheiternden Wirtschaftswachstums in den Ländern der untersten Milliarde, die in einem Kreislauf der Armut, Stagnation und Gewalt gefangen sind.

 

Staatsstreich

Rebellion (Bürgerkrieg) ist in den ärmsten Ländern nicht die einzige Widerstandsform. Viele Regierungen sind weit mehr durch Putsch bedroht als von Rebellion. Es stellte sich heraus, dass Länder, die anfällig sind für einen Putsch, zahlreiche Gemeinsamkeiten mit den Ländern aufweisen, die für einen Bürgerkrieg anfällig sind. Die beiden Hauptrisikofaktoren  sind auch hier niedriges Einkommen und geringes Wachstum. Der große Unterschied zu einer Rebellion liegt darin, dass bei einem Putsch die natürlichen Ressourcen eines Landes offenbar keine Rolle spielen. Für eine Rebellion braucht man längerfristig Nachschub an Waffen und Soldaten, und das Geld dazu holt man sich aus den ressourceneinnahmen. Für einen Putsch dagegen benötigt man kein Geld; die Armee, die man gegen die Regierung einsetzt, wurde von dieser bereits ausgerüstet. Afrika ist das Epizentrum für Staatsstreiche und Bürgerkriege, aber nicht weil der Kontinent Afrika heißt – „Afrika – Effekt“ – sondern weil er arm ist. Aufgrund ihrer anhaltenden Armut, Stagnation und Abhängigkeit von Primärgütern sind  die ärmsten Länder anfällig für Krieg und Putsch. Den Hauptanteil der daraus entstehend Kosten tragen jedoch nicht die Verursacher sondern meist die angrenzenden Nachbarn (Flüchtlingsströme, Seuchen …) bzw. eine ganze Region. Wenn in einem einkommensschwachen Land das Wachstum ausbleibt, die nur noch schwer zu begrenzen sind. Und in den Ländern der untersten Milliarde ist die Wirtschaft völlig am Boden. Die Konfliktfalle zu durchbrechen ist keine Aufgabe, die diese Gesellschaften aus eigener Kraft zu leisten imstande sind.

2.3 Die Ressourcenfalle

 

Die Ressourcenfalle ist eine sehr paradoxe Falle. Man würde doch erwarten, dass durch Reichtum an Bodenschätzen der Wohlstand steigt, was auch manchmal der Fall ist. Aber es bleibt die Ausnahme! Große Erträge aus Rohstoffexporten wirken in hohem Maße wachstumshemmend. Erträge und Einkommen, die nach Abzug sämtlicher Kosten, einschließlich der normalen Profitmargen, bezeichnen Ökonomen als Renten und diese scheinen sich verheerend auszuwirken. Länder, in denen große Rohstoffvorkommen  entdeckt werden, können mit der zeit in noch größere Armut abgleiten, und das ausbleibende Wachstum kann den aus Renten erzielten einmaligen Einkommenszuwachs mehr als zunichte machen. Die Länder der untersten Milliarde sind in der Kategorie der ressourcenreichen Armut überproportional vertreten. Rund 29Prozent der ärmsten Milliarde Menschen leben in Ländern, in denen der Ressourcenreichtum das Wirtschaftsleben dominiert.

Reichtum an Bodenschätzen ist also ein entscheidendes Element in der Geschichte der Armut der untersten Milliarde. P.C. bezeichnet dieses Paradox als Ressourcenfluch (P.C., 59).

Das Hauptproblem des Ressourcenfluchs besteht darin, dass Ressourceneinnahmen zu einer funktionellen Störung der Demokratie führen. Die Annahme, dass Demokratie die einzig wahre Staatsform zur Administration des Rohstoffreichtums sei, hat sich besonders in den ärmsten Ländern nicht bestätigt. Das neue Gesetz des Dschungels, nach dem der politische Wahlkampf eines ressourcenreichen (aber trotzdem armen) Land abläuft könnte vielmehr lauten:             „Survival of the fattest – Nur die Reichsten überleben.“ (P.C.;63)

 

Warum ist nun Ressourcenreichtum eine Falle?

Ein ressourcenreiches, einkommensschwaches Land, das entweder eine ethnisch heterogene Autokratie ist oder eine ausgewogene Demokratie mit regem Parteienwettstreit im Wahlkampf, aber ohne die Mechanismen der Gewaltenteilung, wird seine Chancen höchstwahrscheinlich nicht zur Wachstumsförderung nutzen. Dem Land ist damit ein Entwicklungsweg versperrt, den die meisten Gesellschaften eingeschlagen haben, um eine ausgewogene  Form der Demokratie aufzubauen: der Weg der wirtschaftlichen Entwicklung. P.C. will nicht suggerieren, dass nur die ärmsten Länder von der Ressourcenfalle bedroht sind, aber für sie stellt sie ein immenses Risiko dar. (P.C.;74)

2.4 Ohne Zugang zum Meer und von schlechten Nachbarn umgeben

 

In den vergangenen zehn Jahren haben Wirtschaftswissenschaftler die Bedeutung der Geographie erkannt. In der Forschung gibt es zwei Ansätze, die sich grundlegend unterscheiden und gleichzeitig ergänzen:

  1. Die Analyse der geographischen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern; hier spielte Jeffrey Sachs eine bahnbrechende Rolle:
  2. Die Untersuchung der Frage, was passiert, wenn alle Länder die gleiche Ausgangssituation haben, aber einige von ihnen bestimmte Chancen als Erste nutzen; hier waren Paul Krugman und Tony Venables führend.

Sachs geht davon aus, dass der fehlende Zugang eines Landes zum Meer dessen Wachstumsrate um einen halben Prozentpunkt reduziert. Prompt kommt hier der Einwand: was ist mit der Schweiz, Österreich und Luxemburg – oder mit dem afrikanischen Botswana, eine Zeit lang das wachstumsstärkste Land der Welt? Es ist zwar richtig, dass der fehlende Zugang zum Meer ein Land nicht zwangsläufig zu Armut oder geringem Wachstum verurteilt, aber 38 Prozent der untersten Milliarde leben in Binnenstaaten – und deshalb ist das angesprochene Problem vorrangig ein afrikanisches.

Worin liegen die Ursachen?

  • Hohe Transportkosten
  • Abhängigkeit von der Infrastruktur der Nachbarn (es macht sicher einen markanten Unterschied, ob man Deutschland, Italien, Kroatien oder Kenia zum Nachbarn hat)
  • Nicht nur intakte Verkehrsverbindungen in den Nachbarländern, sondern auch die politische Situation(Unruhen etc.) dort bedingen starken Einfluss.
  • Die Funktion der Nachbarstaaten als Märkte. Insbesondere Deutschland aber auch Italien sind z.B. für Österreich nicht nur bestens ausgebaute Transportkorridore für den Überseeexport sondern die wesentlichsten Märkte. Im Gegensatz dazu hat Uganda das seit 30 Jahren stagnierende Kenia zum Nachbarn.
  • Abhängigkeit vom Wachstum der Nachbarländer

Nach P.C`s. Erkenntnissen profitieren alle Länder, mit oder ohne Zugang zum Meer, vom Wachstum ihrer Nachbarn. Wachstum hat einen „Spill-over-Effekt“, es strahlt aus.  Im globalen Durchschnitt ergab sich, dass das Wachstum eines Landes um zusätzlich 0,4% stieg, wenn das Wachstum seiner Nachbarn um einen Prozentpunkt nach oben ging. (P.C.;80f.) Das durchschnittliche Spill-over bedingte Wachstum aller Länder weltweit, mit oder ohne Zugang zum Meer, beträgt0,4%, bei den nicht-afrikanischen Ländern ohne Meer-Zugang 0,7%, bei den afrikanischen Ländern ohne Meer-Zugang 0,2%, also so gut wie nichts. Die meisten der afrikanischen „Binnenstaaten“ dürften gar keine solchen sein, es wäre besser, sie wären Teil eines Staates mit Zugang zum Meer.

Was kann ein Land ohne Zugang zum Meer tun?

Nach P.C. gibt es für ressourcenarme Länder ohne Zugang zum Meer keine einzelne erfolgreiche Wachstumsstrategie, die ihnen zu einem mittleren Einkommen verhelfen könnte. Also müssen sie sich etwas einfallen lassen. P.C. entwickelt dazu neun Strategien, die da wären:

  1. Den Spill-over-Effekt des Wachstums verstärken
  2. Die Wirtschaftspolitik der Nachbarn verbessern
  3. Den Zugang zum Meer verbessern
  4. Zu einer regionalen Drehscheibe werden
  5. Flugverkehr und E-Services fördern
  6. Rücküberweisungen von Migranten erleichtern
  7. Ein transparentes und investorenfreundliches Klima für die Erschließung von Bodenschätzen schaffen
  8. Entwickung des ländlichen Raumes
  9. Sich um Entwicklungshilfe bemühen

 

Alle diese von P.C. vorgeschlagenen Strategien stellen zwar eine unabdingbare Notwendigkeit dar, um den Wachstumsprozess dieser Länder starten oder vorantreiben zu können. Wie aus den Wirtschaftswissenschaften bekannt, bedingen Strategien rasch greifender taktischer Konzepte, um erfolgreich wirksam zu werden. Alleine sind sie vorerst so etwas wie der „Wunschbrief ans Christkind“. Nach P.C. werden diese Länder weiter in Armut verharren, wenn wir (sprich die reichen Nationen) nicht mehr Hilfe angedeihen lassen. (P.C.;83ff.)

2.5       Schlechte Regierungsführung in einem kleinen Land

 

Mit „Schlechte Regierungsführung“ lassen sich auf den ersten Blick zwei Probleme verknüpfen:

  • Korruption und
  • Mangelnder oder fehlender Reformwille der Regierungseliten; auch in den ärmsten der armen Länder sind einige der „Superreichen dieser Welt“ beheimatet.

Sowohl die Hilfsgelder als auch die Einnahmen aus Natur-Ressourcen (Erdöl, Diamanten) versiegen im Sumpf der Korruption auf den Konten der Macht-Eliten. P.C. führt einige Beispiele zur Bedeutung des Zusammenspiels von (schlechter-)Regierungsführung und Wirtschaftspoltik samt Auswirkungen an und kommt zu folgenden Aussagen:

Die Bedeutung von Regierungsführung und Wirtschaftspolitik hängt von den Optionen ab, die einem Land zur Verfügung stehen.

Schlechte Wirtschaftspolitik und Regierungsführung müssen nicht unbedingt zur Entwicklungsfalle werden.

Wirtschaftsreformen sind nicht nur eine Frage des politischen Willens, sondern auch der Machbarkeit, und in den Ländern der untersten Milliarde herrscht ein chronischer Mangel an Menschen mit dem erforderlichen Know-how.

Der Versuch internationaler Finanzinstitutionen und Regierungen, die Zuweisung von Hilfsgeldern  an  „Konditionalitäten“  zu binden um so Reformen zu erzwingen, ging gründlich daneben.

Der Kampf zwischen Schurken und Helden, der in den Ländern der untersten Milliarde tatsächlich stattfand, wurde umetikettiert in einen Kampf zwischen Afrika und dem IWF.

Die Weltbank hat den Index „Country Policy and Institutional Assessment“ entwickelt, der zwanzig Indikatoren der Regierungsführung und Wirtschaftspolitik auf einer sechswertigen Skala auflistet.

P.C. nutzte die, damals noch unveröffentlichten, Daten für seine Analyse zur Frage: Welche Faktoren bestimmen das Reformtempo in einem Land, dessen Regierungspraxis und Wirtschaftspolitik unbestreitbar zu wünschen übrig lassen?

 

P.C. legte einen Grenzwert fest und nannte alle Länder, die unter diesem Grenzwert einer guten Regierungsführung und Wirtschaftspolitik liegen, „failing states“, also scheiternde Staaten. Solche Staaten scheitern in zweierlei Hinsicht:

v  Am unmittelbarsten in Bezug auf das Wohlergehen ihrer Bevölkerung .

v  Noch beunruhigender ist, dass einkommensschwache, scheiternde Staaten gefährlich leben.

Obwohl eine exakte Definition „scheiternder Staaten“ schwierig und nicht unproblematisch ist, konnte P.C. anhand der erarbeiteten Kriterien eine, nach Jahren geordnete, Liste der Staaten erstellen, die als „scheiternd“ zu definieren sind. Zu den scheiternden Staaten der jüngsten Vergangenheit zählen: Angola, die Zentralafrikanische Republik, Haiti, Liberia, der Sudan, die Salomoninseln, Somalia und Simbabwe. Die Einstufung dieser Staaten ist sicherlich unumstritten. Die Demokratische Republik Kongo liegt geringfügig oberhalb dieses Grenzwerts, was zeigt, wie niedrig er angesetzt ist. Mehr als drei Viertel der untersten Milliarde leben in Ländern, die dieser Definition zufolge irgendwann einmal scheiternde Staaten waren.

2.5.1   Können scheiternde Staaten den Umschwung aus eigener Kraft schaffen?

 

Einen Umschwung einzuleiten erfordert Mut und bedarf Menschen, die bereit sind, ein Wagnis auf sich zu nehmen. P.C. stellte auf der Suche nach den möglichen Indikatoren für einen dauerhaften wirtschaftlichen Umschwung fest, dass er nur drei hinreichend signifikante Indikatoren finden konnte:

„Der dauerhafte Umschwung eines scheiternden Staates war umso wahrscheinlicher, je größer seine Bevölkerung und je höher deren Bildungsgrad war. Der dritte und vielleicht überraschendste Indikator war die Tatsache, dass das Land soeben einen Bürgerkrieg überwunden hatte“. (P.C.;97)

Demokratie und politische Grundrechte zählten ebenso überraschend zu den unbedeutenden Indikatoren. Nach P.C. können sich scheiternde Staaten nur schwer aus dem Status quo befreien. Seiner Wahrscheinlichkeitsrechnung zufolge , braucht es durchschnittlich ganze neunundfünfzig Jahre, bis sich in einem Staat der Zerfallsprozess umkehrt.

3 Rettung durch Globalisierung

 

Globalisierung spaltet seit jeher die Gemüter. Von den einen heiß begehrt, von den anderen verteufelt. Traurige Realität ist nach P.C., dass die Globalisierung zwar der Mehrheit der Entwicklungsländer den Weg zum Wohlstand geebnet hat, den Nachzüglern aber umso mehr Steine in den Weg legt. Drei Aspekte der Globalisierung beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer: der Güterverkehr, die Kapitalströme und die Migration.

Welche Folgen haben diese drei Aspekte der Globalisierung für die „unterste Milliarde“?

Schlechte Regierung und Wirtschaftspolitik verhindern, dass die Einnahmen aus den Rohstoffexporten für Investitionen in Industrie-und Agrarwirtschaft sowie in den Bildungssektor sinnvolle Verwendung finden. Ganz im Gegenteil, die korrupte Elite investiert ausschließlich in die Rohstofferschließung und bekommt dazu von China alle, nicht nur finanzielle, Unterstützung. Daraus folgend ändert sich am Einkommen der Bevölkerung nichts. Reformer werden diffamiert oder hingerichtet. Die ohnedies geringe Anzahl an gebildeten nicht korrupten und reformwilligen Köpfen verlassen das Land. Aufgrund des hohen Unsicherheits-und Risikopotentials besteht für ausländische Investoren abseits des Rohstoffgeschäfts kein Anreiz zu investieren. P.C. meint dazu, es wäre auch für die unterste Milliarde nicht unmöglich auf den „Globalisierungszug“ aufzuspringen , aber nur dann, wenn sich  die Regierungsstrukturen und damit die Politik, ähnlich China in den 80er Jahren, grundlegend ändern und genau das kann noch Jahre dauern.

4 Instrumente

 

Aus der jahrelangen intensiven Ursachenforschung  stellt P.C. in seinem Werk vier Instrumente vor, die seines Erachtens helfen könnten, die Länder der untersten Milliarde aus den Entwicklungsfallen herausführen.

4.1 Entwicklungshilfe als Rettung?

 

P.C. widmet zwar 30 Seiten dem Thema Entwicklungshilfe und beleuchtet es anhand der einzelnen Entwicklungsfallen, macht aber  schon zu Beginn deutlich, dass für Ihn die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe nicht oberste Priorität hat. P.C. dazu wörtlich:“ Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Entwicklungshilfe allein die Probleme der untersten Milliarde lösen kann, und sie ist so stark politisiert worden, dass sie häufig schlecht organisiert ist“.(P.C.;131) Sie scheint auf der Linken wie auf der Rechten die übelsten Instinkte zu wecken. Die Linke betrachtet Entwicklungshilfe anscheinend als eine Art Wiedergutmachung für den Kolonialismus während die Rechte Entwicklungshilfe mit Sozialschmarotzertum gleichsetzt. P.C. räumt jedoch auch ein, dass ohne Entwicklungshilfe die Länder der untersten Milliarde kumulativ noch viel ärmer geworden wären, als sie heute sind. Er sieht sie als Rückzugsgefecht, das verhinderte, dass alles zusammenbrach. Als wesentliches Problem an der Entwicklungshilfe sieht P.C. die Verteilungs-und Koordinationspraxis, wobei er vor allem auf die Schreckensgeschichten über die Bürokratie von Entwicklungsorganisationen hinweist. Diese erlegen den Regierungen der Empfängerländer komplexe und unterschiedliche Abrechnungsprozeduren auf, obwohl diese kaum ihren eigenen Haushalt managen können. Das gegenwärtige Entwicklungshilfesystem ist auf schrittweises Vorgehen ausgelegt – ein bisschen mehr Geld hier, ein bisschen mehr Geld da – und nicht auf strukturelle Veränderung. Um mit Entwicklungshilfe strukturelle Veränderungen in den Empfängerländern fördern zu können, müssen strukturelle Veränderungen in den Entwicklungsorganisationen vorgenommen werden. (P.C.;158f.)

P.C. sieht in der Entwicklungshilfe nicht die einzige Lösung für die Probleme der untersten Milliarde. Sie ist in den letzten Jahren wahrscheinlich überbetont worden, zum teil, weil es für den Westen der einfachste Kurs ist, zum Teil, weil es so bequem in ein moralisches Universum passt, das sich um Schuld und Sühne dreht.

„Entwicklungshilfe hat wirklich ernste Probleme und vor allem ernste Begrenzungen. Sie reicht allein nicht aus, um einen Umschwung für die Gesellschaften der untersten Milliarde zu bewirken. Aber sie ist eher Teil der Lösung als Teil des Problems. Die Herausforderung besteht darin, sie durch weitere Strategien zu ergänzen“.(P.C.;160)

4.2 Militärische Intervention

 

P.C. ist überzeugt, dass militärische Interventionen eine wichtige Rolle bei der Hilfe für die Gesellschaften der untersten Milliarde spielen und dass die Armeen dieser Länder häufig eher Teil des Problems als ein Ersatz für ausländische Truppen sind.(P.C.;161) Neben einer Reihe von Pro-Argumenten, stellt das hohe Putschrisiko in den Ländern der untersten Milliarde, das treffendste Argument dar. Die Bedrohung durch das Militär ist für die meisten Regierungen wahrscheinlich das höchste Risiko des Machtverlusts. Und sie bezahlen: höheres Risiko führt zu mehr Geld für das Militär.(P.C.;171) So werden in vielen Ländern der untersten Milliarde etwa 40% des Militärbudgets ungewollt durch Entwicklungshilfe finanziert. Mit anderen Worten, die Armeen der untersten Milliarde erpressen Schutzgeld, und unsere Hilfsprogramme sind das Opfer. Staatsstreiche funktionieren, so P.C., als mittel des Regierungswechsels meist nicht gut, und das ist seiner Ansicht der Hauptgrund, warum externe militärische Garantien dagegen gegeben werden müssen. Ebenso würden durch solche Garantien Schutzgelderpressungen zusammenbrechen. Die Regierungen könnten Entwicklungshilfe tatsächlich im Sinne von Entwicklung verwenden, statt sie an Erpresser zu bezahlen. (P.C.;172)

 

4.3 Gesetze und Chartas

 

Korruption, Bestechung und Finanzkriminalität stehen im Fokusdieser Betrachtung. Hier sind die reichen Länder, wie etwa die Schweiz, gefordert, Gesetze zu schaffen, die es ihrem Bankensektor versagt, sich durch dunkle Finanztransaktionen korrupter   Staats-und Regierungschefs oder Minister etc. von Ländern der untersten Milliarde  ihre Gewinne aufzumöbeln. Geld, das, skurriler Weise, zuerst als Entwicklungshilfe in diese Länder geflossen ist. Stark davon betroffen ist, neben dem Bankensektor, die Baubranche, in der Schmiergelder (bisweilen auch Erpressungsgeld) nahezu als Kavaliersdelikt gilt. P.C. führt als Beispiel Frankreich an, wo Bestechungsgelder an Beamte dieser ärmsten Länder sogar von der Steuer absetzbar waren. Übersetzt könnte man das als staatlich (von Steuergeldern) subventionierten Betrug bezeichnen. Und dies passiert so, oder auf Umwegen ähnlich, in vielen anderen reichen Ländern analog. Das Verhalten der Banken wie der Baufirmen hängt von den Gesetzen ihres (reichen) Herkunftslandes ab. Aber nicht allein die Gesetze sind reformbedürftig, sondern vor allem deren Durchführung ist zu straffen und strikt zu überwachen. Dem kann allerdings sinnvoll nur im Kontext aller maßgeblichen reichen Länder  erfolgreich begegnet werden, denn  ein einzelnes Land verschlechtert nur seine Wettbewerbssituation, ansonsten geht das schlimme Treiben munter weiter.

4.3.1 Normen für die unterste Milliarde

  

Meist wird Verhalten eher von Normen als von Gesetzen bestimmt. Obgleich Normen freiwillig sind funktionieren sie über den Gruppenzwang. So können Normen eine große Wirkung bei der Durchsetzung von Veränderungen der Regierungsführung haben. Als Beispiel führt P.C. hier das EU-Regelwerk „acquis communautaires“ an, dem sich alle in die EU drängenden Staaten anpassen mussten. Die Länder der untersten Milliarde brauchen nach P.C. ein ähnliches Normenwerk. Nicht das EU-Regelwerk, das ist für Westeuropa geschrieben, sondern ein ihrem Entwicklungsniveau entsprechendes. P.C. schlägt fünf internationale Chartas vor – Normen, von denen er glaubt, dass sie Reformen innerhalb der Gesellschaften der untersten Milliarde beim Erreichen und Sichern von Veränderungen helfen:

v  Eine Charta für das Einkommen aus natürlichen Ressourcen

v  Eine Charta für die Demokratie

v  Eine Charta für Haushaltstransparenz

v  Eine Charta für Postkonflikt-Situationen

v  Eine Charta für Investitionen

4.4 Handelspolitik zur Umkehr der Marginalisierung

4.4.1 Wo liegt das Problem?

 

Vereinfacht ausgedrückt, unterscheidet P.C. im Instrument „Handelspolitik…“ drei Probleme:

Die Handelspolitik der reichen Länder

„Wirtschaftspolitische Inkohärenz“, bei der eine Maßnahme der anderen entgegenwirkt, ist hier das Schlagwort. „Es ist dumm, Entwicklungshilfe zu leisten, um die Entwicklung zu fördern, und gleichzeitig eine Handelspolitik zu machen, die dieses Ziel verhindert. Das geschieht, weil die Handelspolitik ausgehandelt wird“. (P.C.;200) Bei diesem „Aushandeln“ spielen die ärmsten Länder der untersten Milliarde keine Rolle. Im GATT waren sie gar nicht vertreten und in der WTO werden sie nicht wirklich wahrgenommen.

Handelsschranken der ärmsten Länder

Handelsschranken und Protektionismus sind die Werkzeuge der Korruption. Wenige Firmen, hohe Preise und eine Wachstumsrate von Null.

Entwicklungshilfe verschärft das Problem der Handelsschranken

Entwicklungshilfe steht in Konkurrenz zu den Exporteuren. Mehr Hilfe bedeutet weniger Bedarf an Exporten, also verdienen die Exporteure weniger. Der Mechanismus, der diesen Effekt erzeugt, ist der Wechselkurs. Entwicklungshilfe steigert den Wechselkurs und macht einen vom Exporteur verdienten Dollar in nationaler Währung weniger wert. Exporteure werden dadurch geschädigt, einige gehen davon kaputt. Das ist das Problem der „holländischen Krankheit“. Die holländische Krankheit ist für Verfechter der Entwicklungshilfe besorgniserregend. Wenn eine große Steigerung der Hilfe die Konkurrenzfähigkeit der Exporte zerstört, betont sie ungewollt genau das Problem, das die Länder der untersten Milliarde lösen müssen – neue Exportaktivitäten konkurrenzfähig zu machen. (P.C.;202f.)

4.4.2 Was sind die Antworten?

 

Fair Trade?

P.C. bezeichnet den höheren Preis bei Fair Trade-Produkten als eine Art Wohlfahrtstransfer, woran an sich nichts Schlechtes wäre. Das Problem gegenüber anderen Formen der Hilfe ist aber, dass es die Empfänger bestärkt, weiterhin das zu tun, was sie tun –Kaffe zu produzieren. Die Preiserhöhung macht es für die Menschen schwieriger, in andere Bereiche zu wechseln. Kurzum, sie bekommen Wohlfahrt, solange sie das anbauen, was sie in der Armut festhält. (P.C.;205)

Regionale Integrität?

Wurde über Jahrzehnte als die politisch korrekte Lösung und quasi als Stein der Weisen für die Handelsprobleme der Länder der untersten Milliarde gesehen. Arme Länder konnten hohe Handelsschranken gegenüber den reichen Ländern beibehalten, aber sie untereinander abbauen. Dieser Ansatz enthält viele Missverständnisse. Trotzdem waren regionale Integrationsplane so attraktiv, dass sie eine nahezu explosionsartige Verfielfachungsdynamik entwickelten, was dazu führte, dass es heute mehr regionale Handelsabkommen als Länder gibt. Das typische afrikanische Land gehört vier verschiedenen an, die oft miteinander unvereinbar sind. Für die Präsidenten brachten sie jedoch jede Menge Publicity. Da jedoch die daraus resultierenden Märkte winzig klein sind, haben diese Abkommen nicht viel zustande gebracht.  In Summe ist nach P.C. „Regionale Integration“ eine gute Idee, aber nicht hinter  hohen Außenschranken.(P.C.;205ff.)

Erfolgversprechende Lösungsansätze sieht P.C.  in: Exportdiversifizierung und einer neu bestimmten Rolle der Länder der untersten Milliarde in der WTO.

Exportdiversifizierung

Wollen Afrika und die anderen Volkswirtschaften der untersten Milliarde eine dynamische Industrie bekommen, wird diese eher von dem Sich-Behaupten auf Exportmärkten kommen als von der Rückkehr zu den Jahren der gemütlichen nationalen Monopole. Das große Problem daran ist, wie man Firmen zuerst konkurrenzfähig macht und ihnen diesen Schub ermöglicht. Nach P.C. braucht es dazu in erster Linie einen einfachen Plan – der in der ganzen OECD gilt – mit großzügigeren Herkunftsregeln, panafrikanischer Geltung und einem Zeitraum bis 2015. Seine Details müssen so flexibel sein, dass sie sich so lange anpassen lassen, bis er funktioniert. Das Ziel sollte sein, der untersten Milliarde neue Exportmärkte zu erschliessen. (P.C.;212)

Die Rolle in der WTO 

Die Länder der untersten Milliarde traten der WTO bei, weil sie auf Transfers in irgendeiner Form hofften, so wie bei den anderen Organisationen wie Weltbank, IWF oder UN. Aber dafür ist die WTO (noch-)nicht da. Die WTO muss, so wie die Weltbank, den entscheidenden Schritt setzen, und sich von der reinen „Verhandlungsrolle“ zu einer „Transferrolle“ entwickeln. Ein wesentliches Kriterium oder auch Ziel wird es seinmüssen, eine Plattform zu schaffen, auf der von beiden Beteiligten – den Reichen und den Armen – die beiden kontrastierenden Kulturen des Transfers und der Verhandlung nicht mehr verwechselt würden, so wie dies bislang geschieht. (P.C.;214)

5. Der Kampf um die unterste Milliarde

 

Das populäre Denken über Entwicklung ist voller stereotyper Bilder und Kontroversen. P.C. stellt einige unhaltbare  – durch quantitative Analysen in Frage gestellte – Polarisierungen vor:

„Die Globalisierung wird es richten“  gegen   „Sie brauchen mehr Schutz“

„Zurück zum Empire“     gegen   „ Respektiert ihre Souveränität

„Sie brauchen mehr Geld“    gegen   „Entwicklungshilfe nährt Korruption“

„Unterstützt ihren bewaffneten Kampf “ gegen „Unterstützt unsere Verbündeten“

„Unterstützt ihren bewaffneten Kampf “ gegen „Unterstützt unsere Verbündeten“

P.C. hat vier Fallen und vier Instrumente vorgestellt. Die Instrumente müssen den Fallen zugeordnet werden, denn nicht alles passt überall.

 

5.1 Instrumente-Kombination

Wie können die Fallen mit den Instrumenten, die derzeit zur Verfügung stehen, überwunden werden?

5.1.1 Überwindung der Konfliktfalle

Bei der Konfliktfalle bieten sich zwei Ansatzpunkte:

  • Postkonfliktsituation und
  • Konfliktprävention

Der Handel kann in Postkonfliktsituationen ausgeklammert werden. Wichtig sind viel mehr die Entwicklungshilfe, die militärische Intervention und die Chartas. Von diesen Dreien hinkt vom Entwicklungsstand her betrachtet  das Instrument der Chartas noch hinterher. Darum ist der dringendste Punkt, eine Charta durchzusetzen.

Prävention erfordert alle vier Instrumente, weil sie fast dasselbe ist wie Entwicklung. Konfliktprävention besteht eigentlich darin, alle anderen Fallen zu überwinden. (P.C.;220)

5.1.2 Überwindung der Ressourcenfalle

Viele Länder der untersten Milliarde sind reich an Ressourcen aber arm an guter Wirtschaftspolitik.  Nach P.C. geht höhere Entwicklungshilfe hier einfach am Ziel vorbei und die Handelspolitik  der „Reichen“ hat auch kein großes Potential. Vielmehr kommen für ihn als Schlüsselinstrument der Intervention unsere Gesetze und die internationalen Normen infrage.   Es braucht eine Charta für Ressourcenreichtum – so etwas wie die überarbeitete Version der Transparenzinitiative für Ressourcenförderung. Darüber gibt es noch viele ungelöste Diskussionen aber ein Satz von P.C. ist m.E. hier zu beachten:

„Unser öffentliches Nichthandeln bedeutet nicht, dass die reiche Welt passiv ist; es bedeutet, dass die mächtigen Kräfte der Globalisierung weiterhin auf der Seite der politischen Gauner in diesen Gesellschaften stehen.“ (P.C.;221)

5.1.3 Überwindung des Reformstaus in scheiternden Staaten

Entwicklungshilfe kann sicherlich helfen, aber sie kann auch hinderlich sein. Intelligente Entwicklungshilfe – und nur die ist hier gefragt – erfordert eine umfassende Reorganisation der Art, wie technische Hilfe gegeben wir. Es wird jedoch sicher Widerstand in den Entwicklungsorganisationen geben. Obwohl P.C. durchaus ein Befürworter  des Instruments „militärische Intervention“ ist, misst er ihm  zur Unterstützung eines Umschwungs eher wenig Erfolgsaussichten bei. Auch handelspolitische Erfolge, sprich Exportdiversifizierung, werden erst nach (mit) positiver Veränderung von Regierungsführung und Wirtschaftspolitik in Gang kommen. Nach P.C`s Meinung liegen die größten Chancen zur Unterstützung eines nachhaltig erfolgreichen Umschwungs in der Adaption unserer Gesetze und in der Neuschaffung internationaler, den ärmsten Ländern entsprechenden, Normen. Unsere Gesetze (Gesetze der Geberländer und Investoren) werden entscheidend für die Korruptionsbekämpfung sein. Internationale Chartas wiederum können Reformern als Instrument zur Kritik schlechter Regierungsführung dienen und zugleich ein Ziel liefern, um das sie sich sammeln. Aus diesem Grund ist auch Widerstand gegen internationale Chartas zu erwarten.(P.C.;224f.)

5.1.4 Überwindung des Schwebezustands

Nach P.C. stellen sich dazu zwei Fragen:

  • Wie kann geholfen werden, diese Länder auf den internationalen Markt zu bringen?
  • Wie können Regierungen, die mit Reformen beginnen, dazu befähigt werden, ihre Verpflichtungen nicht nur gegenüber Ausländern, sondern gegenüber ihrem eigenen Volk glaubhafter zu machen und damit eine Zunahme privater Investitionen zu erreichen?

 

Entwicklungshilfe ist, was den Export angeht, ein zweischneidiges Schwert. Die Problematik(„holländische Krankheit“) wurde schon weiter oben erwähnt. P.C. sieht die Lösung in einem großen Anschub. Hohe, aber zeitlich begrenzte Entwicklungshilfe, um die Exportinfrastruktur auf ein global konkurrenzfähiges Niveau anzuheben. Militärische Intervention ist mit viel Vorsicht auf den Einzelfall zu prüfen. Gesetze und Chartas würden zwar der Exportdiversifizierung nicht direkt nützen, ein Investitionscharta, die hilft, das Investitionsrisiko zu schwächen,  würde private Investoren ermutigen.  Als die offensichtlich absolut entscheidende Intervention für eine Exportdiversifizierung hebt P.C. die Handelspolitik hervor. Sein Argument dazu:“ Ohne wirksamen vorübergehenden Schutz vor den asiatischen Riesen werden die Länder der untersten Milliarde nicht auf die Weltmärkte vordringen können. Ihre Regierungen werden es nicht einmal versuchen, weil ihnen das Selbstbewusstsein fehlt und sie ein Scheitern erwarten“.

5.2 Wer soll es durchsetzen?

 

Da es keine Weltregierung gibt, und in dem Zeitrahmen, der für die ärmsten Länder relevant ist, auch nicht geben wird, ist nach P.C. die Lösung ihrer Probleme ein globales öffentliches Gut. Darum wird sie auch so schwierig sein, wie die Schaffung aller öffentlichen Güter. (P.C.;227) Unter dem Slogan „Mobilisierung von Veränderungen“ checkt P.C. die Durchsetzungs – Kompetenzen zu den einzelnen Instrumenten. Vorweg gesagt, ist nach P.C. die „öffentliche Meinung“ ein wesentlicher (Stör -)Faktor der Durchsetzungsdilemmata.

5.2.1 Entwicklungshilfe

„Das wichtigste Hindernis für die Reform der Entwicklungshilfe ist die öffentliche Meinung. Den Verfechtern von Entwicklungshilfe ist Wachstum verdächtig, den Verfechtern von Wachstum ist Entwicklungshilfe verdächtig“. (P.C.;227)

Kurzum, das Problem ist darin zu finden, dass sowohl die öffentlichen Entwicklungsbehörden (-ministerien) als auch die nichtstaatlichen Entwicklungs- und Hilfsorganisation durch den Druck der öffentlichen Meinung (die wiederum von starken Lobbyisten gesteuert wird) stark beeinträchtigt wird. Solange den Entwicklungsministerien der OECD-Staaten nicht der Rücken gestärkt wird, werden sie ihren ureigensten Koordinationsaufgaben nicht nachkommen können, wodurch der optimale Einsatz aller Instrumente sehr erschwert bis nahezu unmöglich wird. Das hat letztlich, wie es aktuell die Situation auf Haiti zeigt, desaströse logistische Fehlleistungen und im wahrsten Sinne Spendengeldverschwendung in Milliardenhöhe zur Folge.

5.2.2  Militärische Interventionen

Gerade bei diesem hochsensiblen Instrument ist ein Maximum an Koordinierungspotential unter allen „Reichen“ zu gewährleisten. Die nachhaltigste Basis aller Entwicklungsförderung in den ärmsten Ländern ist die Schaffung von Frieden. Als Vorbild und Maßstab nennt P.C. hier wiederum die Intervention in Sierra Leone.

5.2.3 Gesetze und Chartas

Das Trittbrettfahrerproblem ist nach P.C. das große Hindernis beim ändern unserer Gesetze(P.C.;228). Kein „reiches“ Land handelt gern allein, um dabei womöglich einen Nachteil für seine Firmen zu riskieren. Hier setzt die perfekte Rolle für die großen Nichtregierungsorganisationen ein. Sie haben Mitglieder in allen großen Ländern und können damit das Trittbrettfahrerproblem überwinden, das jede Regierung fesselt.

Tatsächlich braucht es eine Allianz zwischen den Nichtregierungsorganisationen und der OECD, die als Bürokratie für Koordination zwischen den Regierungen dient. Die Verbreitung der Chartas kann auf mehrere Arten geschehen:

Die von der britischen Regierung gestartete Transparenzinitiative für Ressourcenförderung sollte einer internationalen Organisation übertragen werden, die für wirtschaftliches Management am geeignetsten ist

Haushaltsprozesse sollten am sinnvollsten beim IWF liegen, da dieser statutengemäß jährliche Konsultationen mit den Regierungen der Mitgliedstaaten führt.

Die Charta für Regierungsführung nach einem Bürgerkrieg  könnte von der 2005 gegründeten Kommission für Friedensschaffung der UN eingebracht werden.

Für politische Chartas (Wahlkampffinanzierung und Gewaltenteilung) wäre die EU-Kommission die ideale Institution. Sie setzt explizite Standards der Demokratie als Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ein. Die Verbreitung internationaler Standards, die für ihre Mitglieder, und wichtiger noch ihre Beitrittskanditaten gelten, ist ja das Kerngeschäft der EU-Kommission. Sie sollte sich nicht scheuen, ihren Erfahrungen auf eine über Europa hinausgehende globale politische Bühne zu übertragen. Bislang hat sich die Kommission der Untersten Milliarde gegenüber auf ihr Entwicklungsprogramm verlassen. Sie hat ihre Stärke, die nicht im finanziellen, sondern vielmehr im regulativen Bereich liegt, noch nicht ausgespielt.

Als weitere mögliche Organisation für die Verbreitung politischer Standards nennt P.C. den  britischen Commonwealth, denn schließlich hat sein größter Mitgliedstaat Indien eine längere Tradition der Demokratie als viele Länder mit weit höherem Einkommen. Zudem besitzt Indien das Prestige, über den Commonwealth eine glaubhafte Charta der Minimalstandards für demokratische Prozesse vorzuschlagen.

Ein ganz anderer, für P.C. denkbarer Weg zur Verbreitung politischer Standards,  sind lokale Clubs. Demnach wären kleine Clubs gleichgesinnter Staaten nötig, deren Standards sich zu Chartas erweitern lassen – letztlich Clubs mit freiem Zugang bei Beachtung von Chartas. (P.C.;230)

5.2.4 Handelspolitik

 

Hier sind nach P.C. vor allem einige brisante  Aspekte hervorzuheben, die den Einsatz von Handelspolitik als Entwicklungsinstrument sehr schwierig gestalten:

  • Einzelinteressen treffen auf Unwissenheit und manipulieren sie.
  • Der Protektionismus der reichen Länder verbündet sich mit Antiglobalisierungsromantikern und Gaunern aus der dritten Welt.
  • Die entscheidenden Veränderungen der Handelspolitik, wie Schutz der untersten Milliarde vor Asien auf unseren Märkten passen zu keinem der gängigen Slogans und kommen daher nicht auf die Agenda.
  • Schutz vor Asien hat nichts mit Gerechtigkeit, Fairness oder Widerstand gegen die Globalisierung zu tun, er hat vielmehr damit zu tun, die marginalisierten Länder an Bord zu holen.
  • Die großen Entwicklungslobbys, hier vor allem die westlichen Nichtregierungsorganisationen verstehen oft nichts von Handel.

Innerhalb der WTO wird die Handelspolitik von nationalen Vertretern bestimmt, die ihre Rolle vor allem darin sehen, eine vorteilhafte Übereinkunft  auszuhandeln. In diesem Rahmen hat Handelspolitik als Entwicklungsinstrument keinen Platz. (P.C.;231)

Um Handelspolitik zu einem Entwicklungsinstrument umzugestalten, gilt als Grunderfordernis, dass die Handelsministerien ihre Prioritäten vom Aushandeln der vorteilhaftesten Übereinkunft auf die Förderung der Entwicklung der untersten Milliarde verlagern.Die große Frage lautet: Aber von wem? P.C. beleuchtet dazu zwei Problemkreise:

  • Probleme der Koordination und
  • Probleme der Konzentration

 

Probleme der Koordination

Die vier Entwicklungsinstrumente liegen innerhalb jeder Regierung bei unterschiedlichen Ministerien. Nur die Entwicklungsministerien haben Entwicklung als Hauptziel; jedoch können sie nur ein Instrument kontrollieren, nämlich die Entwicklungshilfe. Die Entwicklungsministerien verstehen sich daher fast zwangsläufig als Lobby für Entwicklungshilfe statt als Lobby für Entwicklung. Zudem stehen die Entwicklungsministerium in der Rangordnung der Ministerien meist weit unten und haben daher bei interministeriellen Verhandlungen wenig Gewicht. P.C. sieht den Lösungsweg darin, dass Entwicklung über die Ebene der Entwicklungsministerien hinausgehoben und zur Chefsache gemacht wird. Nur die Regierungschefs haben die Möglichkeit bzw. Macht, eine zielführende Koordination des Ministerialapparats herbeizuführen.

Das zweite und wahrscheinlich noch größere Koordinations-Problem besteht zwischen den Regierungen. Hier werden die G8 bzw.G20 massiv gefordert sein, die Koordination der drei übrigen Instrumente Sicherheit, Handelspolitik und internationale Standards voranzutreiben.  Die Bilanz der letzten Jahre ist ernüchternd und alles andere als vielversprechend ausgefallen, wobei das schon angesprochene  globale Problem der Trittbrettfahrer eine nicht zu übersehende Rolle spielen dürfte.

Probleme der Konzentration

An sich waren die Millenniums- Entwicklungsziele ein großer Schritt nach vorn. Sie ermutigten dazu, die Agenda von den Ausgaben auf die Ergebnisse zu verlagern: Halbierung der Armut, Grundschulbildung usw.. Trotz dieses Fortschritts haben aber die Ziele zwei Schwächen, die beide mit mangelnder Konzentration zu tun haben. Ein erster großer Mangel an Konzentration besteht darin,  dass die Ziele den Fortschritt von fünf der sechs Milliarden Bewohner dieses Planeten verfolgen. Es ist nach P.C. höchst an der Zeit, das Entwicklungsproblem so zu definieren, dass es sich auf die unterste Milliarde bezieht, die Länder, die in der Armut feststecken.

Der zweite, entscheidende Mangel an Konzentration, besteht bei den Strategien zur Erreichung der Ziele.

„Wachstum ist kein Allheilmittel, aber fehlendes Wachstum zerstört alles“. Dieses Scheitern des Wachstumsprozesses ist das gewaltige Problem, das es vordringlichst zu lösen gilt. (P.C.;234)

Die Regierungen der ärmsten Länder müssen Strategien entwickeln, die auf ihre Verhältnisse abgestimmt sind. Ansätze wären vorhanden, doch ihre Strategien ähneln eher Wunschzetteln an die Geber, weil das Ziel nicht Wachstum sondern Entwicklungshilfe ist. P.C. fordert daher, dass die Regierungen der untersten Milliarde selbst ehrgeiziger werden müssen! (P.C.;235) Bislang lag in den Ausführungen der Ball bei den Regierungen und Nichtregierungsinstitutionen. Quasi als Abschluss stellt P.C. noch die Frage:

Was können die Bürger tun?

Nach P.C. ist das Handeln der reichen Länder in Bezug auf die unterste Milliarde bis jetzt im Wesentlichen gescheitert. Die meisten dieser Gesellschaften entwickeln sich abwärts statt aufwärts und geraten gemeinsam gegenüber dem Rest der Welt weiter ins Hintertreffen. Das muss nicht so sein meint P.C. und glaubt an ein Spektrum möglicher Zukunftsszenarien. Vorweg bedarf es allerdings, so P.C., eines Mentalitätswandels der westlichen Wähler, links wie rechts.

Für die Linke gilt:

  • Armut ist nicht romantisch!
  • Die Länder der untersten Milliarde sind keine sozialistischen Pionierexperimente, sondern brauchen dringend Hilfe auf dem Weg zu einer funktionierenden freien Marktwirtschaft!
  • Die internationalen Finanzinstitutionen sind nicht Teil einer Verschwörung gegen die armen Länder; sie sind überlastet mit Hilfsversuchen.
  • Die linke muss lernen, das Wachstum zu lieben!

Für die Rechte gilt es:

Sich von der Vorstellung zu verabschieden, Entwicklungshilfe sei Teil des Problems – eine Sozialhilfe an Schmarotzer und Gauner. Den Glauben abzulegen, Wachstum sei immer möglich, wenn die Gesellschaften sich nur zusammenreißen würden. Sich der Tatsache zu  stellen, dass diese Länder feststecken, dass es schwer für sie sein wird, mit China und Indien zu konkurrieren. Zu erkennen, dass private Aktivitäten auf dem Weltmarkt manchmal Probleme für die ärmsten Länder schaffen, die öffentliche Lösungen erfordern.

Den Linken dient Jeffrey Sachs` Buch Das Ende der Armut als Fanfarenstoß, den Rechten William Easterlys` Buch Wir retten die Welt, in dem er sich nicht ganz zu unrecht über die Illusionen der Entwicklungshilfelobby lustig macht. Jedoch genau so wie Sachs den Nutzen der Entwicklungshilfe übertreibt, überspannt Easterly den Bogen ihrer Nachteile und vernachlässigt das Spektrum anderer Maßnahmen.

Wie das Denken sich wandeln muss, fasst P.C. zu allerletzt in drei Positionen zusammen:

1.Position

Die Lösung der Probleme der Länder der untersten Milliarde, die in der Falle sitzen, muss angegangen werden, wobei es keinesfalls bei den gegenwärtigen Versuchen bleiben darf, sonst werden sie unlösbar bleiben, auch wenn die Messwerte der Weltarmut insgesamt immer besser werden.

2.Position

Der Kampf um die Zukunft der untersten Milliarde findet nicht zwischen einer bösen reich und einer edlen armen Welt statt, sondern innerhalb der  Gesellschaften der ärmsten Milliarde, allein die Reichen haben bislang weitgehend zugeschaut.

3.Position

Wir – die „Reichen“ – brauchen keine Zuschauer sein. Ganz im Gegenteil, unsere Unterstützung kann für den Wandel entscheidend sein. Dazu braucht es nicht nur einen intelligenteren Umgang mit Entwicklungshilfe, sondern zusätzliche Aktionen mit Instrumenten, die bis dato nicht zum Arsenal der Entwicklungspolitik gehören: Handelspolitik, Sicherheitsstrategien, Änderungen unserer Gesetze und neue internationale Chartas.

Anders gesagt, die Reichen müssen das Ziel einschränken, vielleicht auch neu definieren und die Instrumente erweitern.

Das sollte die Agenda der G8(G20) sein. (P.C.235ff.)

6 Exkurs: Haiti und seine Fallen

 

Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik. Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Haiti ist das einzige Land des amerikanischen Doppelkontinents, das zu den am wenigsten entwickelten Ländern gezählt wird. Misswirtschaft und eine instabile politische Lage mit zahlreichen Unruhen führten dazu, dass im letzten Jahrzehnt  über drei Millionen Haitianer ausgewandert sind. Wie so oft in den ärmsten Ländern, war auch hier die Landbevölkerung besonders  hart betroffen. Die Investitionen gingen ausschließlich in Kaffee –und Mango-Plantagen für den Export. Viele Bauern verloren ihre bodenständige Existenz und wanderten in die Städte, vor allem in die Hauptstadt Port-au-Prince, wo sie sich zumeist in den Slums wieder fanden.

Die soziale Lage des Landes ist katastrophal. Das Land ist ein übervölkerter Agrarstaat mit dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen Lateinamerikas. Etwa 65Prozent der Gesamtbevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, rund 50% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos. Trotz sechsjähriger Grundschulpflicht liegt die Analphabetenquote bei 50Prozent. In den Städten, vor allem in der Hauptstadt, kommt es gehäuft zu Entführungen, Schießereien, Vergewaltigungen, Raubüberfällen und Drogenhandel. Die schlechte Luftraumüberwachung hat Haiti zu einem beliebten Transitland für den Kokainschmuggel gemacht.[3]

Mit dem verheerenden Erdbeben vom 13.Januar 2010 wurde dieses ohnehin schon bitter arme Land vollends in den Abgrund gestoßen. Seine Hauptstadt  ist nahezu zerstört, die ohnedies schwache Regierung  nicht oder zumindest kaum mehr existent. Die Medien liefern täglich Horrormeldungen. Hilfe aus den reichen Staaten treffen ein oder wurden und werden täglich neu zugesagt. Alle großen, aber auch unzählige kleinere, Hilfsorganisationen  sind bereits vor Ort. Die auftretenden Probleme sind nicht enden wollend.

Zur Veranschaulichung einige Pressemeldungen :

„Nach dem Erdbeben in Haiti behindern Beamte und mangelhaftes Krisenmanagement der USA und der NATO die Helfer.“ (DIE FURCHE, 21.01.10)

„Hilfe in Haiti zur Schau der Eitelkeiten verkommen“ (26.01.10)*

„EU-Gendarmen werden ins Erdbebengebiet geschickt“(26.01.10)*

„Haiti: Zehn Jahre Hilfe nötig“  (27.01.10)*

„Haiti: In die „tote Stadt“ kehrt langsam Leben zurück“ (29.01.10)*

„Haiti: Sexuelle Gewalt und Mangel an Medikamenten“ (30./31.01.10)*

„Esspakete vor allem an Frauen verteilt.“ (01.02.10)*

„Haiti: Nächstenliebe und Kinderhandel ( 02.02.10)* 

„Hilfe scheitert an der Logistik – Bürokratie und Kommunikationspannen“ (04.02.10)*

„Bill Clinton soll Chefkoordinator werden“ (der Standard.at .02.10)

„1,6 Millionen Menschen in Haiti immer noch obdachlos“ (10.02.10)*

„Haiti und die Folgen – In jeder großen Katastrophe geschieht dasselbe: Der Schwerpunkt wird zu sehr auf internationale Hilfe gelegt, während lokale Anstrengungen und nationale Vorsorge ignoriert werden“ (Jan Egeland;DIE FURCHE, 11.02.10)

„EU-Militärmission zum Schutz der Opfer in Haiti“ (12.02.10, Der Standard)

 

Zu den Fallen:

Drei Fallen – Konfliktfalle, Ressourcenfalle (z.B.Landwirtschaft; Kaffee-und Mango-Plantagen) und schlechte Regierungsführung und Wirtschaftspolitik – sind für Haiti schon lange ausschlaggebend. Die schlechte Regierungsführung und die Konfliktfalle trifft das Land nach dem Beben in zusätzlicher Härte.

 

Zu den Instrumenten:

Aktuell sind alle, von P.C. ausgeführten, Instrumente einzusetzen.

Entwicklungshilfe: Dieses Instrument spielt in der Anfangsphase die größte Rolle, wobei es sich hier um Notstandshilfe handelt, die mit Entwicklung im eigentlichen Sinn noch nichts zu tun hat. Ihr größtes Problem ist derzeit, wie auch die Pressemeldungen bestätigen, die Logistik, Koordination und Kommunikation sowohl von den Geberländern als auch Hilfsorganisationen. Das kann letztlich dazu führen, dass der internationale Spendenwille, vor allem auch der Private, versiegt, da das Vertrauen auf rasche und gerechte Hilfe verlorengeht.

Militärische Intervention zur Unterstützung der Hilfsaktionen ist sicher unablässig und schon im Gange.

Gesetze und Chartas sowie die Handelspolitik sind zwar aktuell noch Zukunftsmusik, die politischen Maßnahmen gilt es aber schon zu strukturieren um den Wiederaufbau Haiti`s in Gang zu bringen. Die UN-Absicht, Bill Clinton als Chefbeauftragten nach Haiti zu entsenden, wird international begrüßt und aufgrund seiner Kompetenz auch erfolgversprechend.

Zwei Fragen zum Einsatz von Bill Clinton stellen sich allerdings meines Erachtens:

Wie sehr wird die USA dadurch ihre Macht und ihren Einfluss auf Haiti in Zukunft geltend machen?

Welche Konflikte können dadurch zwischen den Geberländern einerseits und den US-feindlichen Staaten andererseits ausgelöst werden, die letztlich wiederum auf dem Rücken Haiti`s ausgetragen würden?

Insgesamt lassen sich die von Paul Collier in seinem Buch dargelegten Forschungserkenntnisse nahezu 1:1 auf die Situation Haiti`s übertragen.

P.C. spricht auch mehrmals die Notwendigkeit von funktionierenden Staatengemeinschaften für die ärmsten Länder an. Wie recht er damit hat, zeigt die aktuelle Situation Griechenlands. Die EU kann es sich nicht leisten, dieses Land in der „Wirtschafts-und Finanzfalle stecken zu lassen“. Quasi über Nacht wurde Haiti vom medialen Top-Platz zugunsten Griechenlands abgelöst.

Eine letzte Frage drängt sich noch auf:

Warum ist Haiti so arm und ihr unmittelbarer Insel-Nachbar, die Dominikanische Republik, nicht?

Nun, die historischen Ausgangslagen unterscheiden sich nicht so wesentlich. Beide unterlagen Kolonialherrschaften, ja Haiti war einmal sogar Herr über die Dominikanische Republik.

Kurzum, die Ursache dürfte vorwiegend darin liegen, dass es Haiti verabsäumt hat, die innere Lage so zu stabilisieren, dass es am größten Kuchen der Region, dem Tourismus, teilhaben kann. Die Dominikanische Republik hat es, trotz ähnlicher struktureller Voraussetzungen, geschafft, sich  über den Tourismus, der etwa 70Prozent des BIP ausmacht, auf Plätze um 75 (upper middel income[4]) in den aktuellen Wohlstandsranglisten zu etablieren, während Haiti erst zwischen 165 und 170 (low income) zu finden ist.

 

7 Zusammenfassung

 

Die „unterste Milliarde“ (the Bottom Billion) im Titel des Buches steht für die 85 ärmsten Länder der Welt, die sich in einem desolaten Zustand befinden und von der derzeitigen Globalisierung nicht oder kaum profitieren und etwa eine Milliarde Menschen in sich vereinen.

Aufbauend auf seinen, in unterschiedlichen Studien erworbenen Kenntnissen, analysiert P.C. die Ursachen für die konstante Armut dieser Länder. Er unterscheidet dabei  vier Fallen, die Konfliktfalle, die Ressourcenfalle, die Falle „ohne Zugang zum Meer und von schlechten Nachbarn umgeben und „schlechte Regierungsführung und Wirtschaftspolitik“. Zusammen bezeichnet er sie auch als Entwicklungsfallen, wobei er seine Auslegung des Begriffs von der Jeffrey Sach`schen wesentlich differenziert.

In einer „Zwischenfrage“(Exkurs) geht er darauf ein, dass die Länder der untersten Milliarde  aus der  Globalisierung keinerlei Nutzen ziehen können, sondern dass diese oftmals sogar zum Schaden gereicht.

Den roten Faden durch das gesamte Werk zieht die Forderung nach Wachstum. Darauf aufbauend, beschreibt er ebenso ausführlich die Wirksamkeit jener Instrumente , die nach seiner Meinung  ihre Entwicklung am ehesten fördern können: Entwicklungshilfe, Militärische Intervention, Gesetze und Chartas und die Handelspolitik.

Hilfreich ist Collier für die Diskussion um die Entwicklungszusammenarbeit, dass er anhand seiner Studien Defizite bei der bisherigen Vergabe benennen kann und konstruktive Verbesserungen anmahnt. Damit schlägt er sich auf keine der gegensätzlichen Positionen, die aus grundsätzlichen Überlegungen ganz auf Entwicklungshilfe verzichten wollen, und die nach beständiger Erhöhung rufen, ohne ihre Effizienz zu prüfen. So wurden bzw. werden ohne Auflage vergebene Budgethilfen  nicht gut verwendet, dagegen haben Projekte unter Einbezug von Nichtregierungsorganisationen und Konditionalitäten die Wirksamkeit der Entwicklungshilfe erhöht. Collier weist auf eine Schätzung der Wirkung der Entwicklungshilfe zum Wirtschaftswachstum der untersten Milliarde in den letzten 30 Jahren von „mageren“ 1 Prozent hin, und stuft sie trotz der vermeintlichen Geringfügigkeit als wesentlichen und wichtigen Beitrag ein.

Im Kapitel „Agenda zum Handeln“ fasst Collier die Ergebnisse zusammen und benennt die Akteure, die zum Handeln aufgerufen sind, von der öffentlichen Meinung über Entwicklungsbehörden bis zu Regierungen in Industrie-und Entwicklungsländern.

Als wesentlichen Akteur hebt P.C. immer wieder die G8 hervor.

„G20 ruft sich zur neuen Weltregierung aus“ [5]

Am Pittsburgh-Gipfel im September 2009 ruft sich die G20 als Nachfolgerin der G8  zur Weltregierung aus. Hier scheint jedoch noch eher der „fromme Wunsch“ als die Realität vordergründig zu sein. Collier vertritt jedenfalls die Ansicht, dass es eine „Weltregierung“ nicht gibt und auch nicht geben wird.

 

Fazit 

Dem Buch mangelt es nicht an Provokationen, die im allerbesten Sinn bedenkenswert erscheinen:

  • Die Frage nach der Konzentration auf die ärmsten Länder;
  • die fallweise Unausweichlichkeit einer militärischen Intervention;
  • die Kenntnis um kontraintuitive Wirkweisen;
  • die Dilemmata politischen Handelns in einer mit anderen Politikfeldern unkoordinierten Entwicklungszusammenarbeit;
  • das Ernstnehmen der Eigenverantwortung der Entwicklungsländer und der eigenen Verantwortung für Internationale Chartas  und Steuerparadiese für Diktatoren usw..

Wegen vieler origineller Einsichten und Beiträge zur aktuellen Diskussion um die Entwicklungszusammenarbeit wird dieses Buch unbedingt weiter empfohlen, wobei darauf hingewiesen wird, dass ergänzend dazu auf die Lektüre von Joseph Stiglitz` “Chancen der Globalisierung“ nicht verzichtet werden soll, weil dieser die wirtschaftlichen Aspekte zutreffender und besser herausarbeitet und dadurch eine Schwäche Colliers ausgleicht.[6]

Literatur

 

Bücher:

Primär:

Collier,Paul (2007): The Bottom Billion.  Oxford University press New York 2007; Deutsche Ausgabe:  Die unterste Milliarde – Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann; Verlag C.H.Beck oHG,München 2008 (hier verwendet)

Sekundär:

Eberlei, Walter (2009): Afrikas Wege aus der Armutsfalle; Brandes&Aspel Frankfurt/Main 2009

Sachs, Jeffrey (2006): das Ende der Armut ; Edition Pantheon München 2006

Sachs, Jeffrey (2005): In die Entwicklung investieren; Vereinte Nationen, New York 2005

Stiglitz, Joseph (2006): Die Chancen der Globalisierung; Siedler Berlin 2006

Zeitungen :

DIE FURCHE ;  Wien ,Ausgaben 21.01. 2010-02-11 und 11.02,2010

DER STANDARD; Wien, Ausgaben siehe Seite 31f.

Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Collier

http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/DATASTATISTICS/0*     

http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:UN-Human_Development_Report_2009.PNG**

http://de.wikipedia.org/wiki/Pro-Kopf-Einkommen***

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,druck-651171,00.html

http://www.socialnet.de/rezensionen/6660.Php

www.furche.at

www.derStandard.at


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Collier

[2] Vgl.Hummitzsch,T (2008): „Ohne Frieden ist alles nichts“ Rezension zu Paul Collier`s „Die unterste Milliarde“

[3] Vgl. Wikipedia(10.02.2010): http//de.wikipedia.org/wiki/Haiti

[4] World Bank list of economies (July 2009)

[5]  Schmitz Gregor Peter : SPIEGELONLINE vom 25.September 2009

[6] Vgl. Andreas Fisch.vom 23.11.2008 zu: Paul Collier :Die unterste Milliarde In: socialnet Rezensionen

24. April 2010

Die Deutschen 2010

Kritik zu Domenico Losurdos Buch „Die Deutschen“

von Richard Albrecht*)

Domenico Losurdo ist bei mir als philosophischer Intellektueller und produktiver politikgeschichtlicher Autor positiv besetzt[1]. Leider schade, daß er Ende April 2010 über DIE DEUTSCHEN ein so krottenschlechtes Buch publizierte.

Darauf verweist schon der großlettrige Buchtitel DIE DEUTSCHEN. Diese gab´s Anfang August 1914 für Kaiser Wilhelm II. Nach Kriegseintritt seines Deutschen Reiches bekannte Willem Zwo am 4. August 1914 im Deutschen Reichstag öffentlich, „keine politische Partei mehr“ als gesellschaftlichen Interessensträger zu „kennen“. Sondern „nur noch“ volksgemeinschaftliche Deutsche[2]. Ansonsten gab und gibt es „die Deutschen“ als sozialwissenschaftliche Kategorie ebensowenig wie „wir alle“, „das Volk“, „die Politiker“, „die Linke“, „das Recht“, „die Amerikaner“, “die Neger“, „die Behinderten“ und „die Schwulen“.

Auf der Verlagsseite wird das Buch DIE DEUTSCHEN so beworben: „Der Knüppel vom ´deutschen Sonderweg´ dient dazu, die Bundesrepublik in einer Vasallenrolle gegenüber den USA zu halten.“[3]

Im Vorwort eines „Rechtswissenschaftlers“ wird mit volljuristischer Wucht bestimmt: „Die deutsche Linke muß ein selbstbewußtes Verhältnis im Umgang mit der Nation zurückgewinnen“ – gemeint vermutlich wieder[4] mit der eignen –, damit „eine Politik, die den Hegemonialanspruch der USA wirksam in Frage stellt“, gelingen möge.

Im Störtebeckernetz bei Altermedia Deutschland wurde vor Jahren schlicht und ohne Gramsci-Rückbezug gefordert: „Brecht die Macht der USA!“[5]

So trommeln und pfeiffen kann freilich jemand wie der Ober-„Genosse der Bosse“, den DIE DEUTSCHEN sieben lange Politjahre lang zum/als Bundeskanzler wählten, ertrugen und duldeten, besser als Linksvorworter, Homilius-Verlag und Störtebeckernetz wie alle, die zu wissen meinen wo´s ideologisch längs in die politische Querfront geht, es je können werden.

Stünde nicht L. als mit allen marxistischen Wassern – von Hegel über Lenin, Rosa Luxemburg und Lukács zu Hannah Arendt – gewaschener Autor oben auf dem Buchdeckel – würde ich das Buch nicht lesen. Und zwar nicht deshalb, weil´s kein Buch, sondern ein Aufsatz ist. Der im Großdruck auf gut achtzig Seiten formal dem entspricht, was in der von L. 2000 begründeten und inzwischen eingestellten marxistischen „Flugschriften“-Reihe erschien.

Ohne den Autorennamen ließe ich das Bändchen rechts liegen. Allein wegen der zuerst 1996 – und 2007 auch deutsch – veröffentlichten revisionismo storico-Kritik diskutiere ich als historisch arbeitender Sozialforscher hier sowohl Ls grundlegendes Konzept: Sonderweg/e als auch seinen aktualpolitischen Ausblick: Die Linke und die Nation. Denn L´s Kritik des Revisionismus der europäischen Zeitgeschichtsschreibung im allgemeinen und im besonderen der Nolte´schen Verkehrung in Form der Behauptung vom aus der russischen (Oktober-) Revolution der Bolschewisten 1917 stammenden „europäischen Bürgerkrieg“ war – und ist – vor allem deshalb richtungsweisend, weil den Autor nicht nur der totale und Vernichtungskrieg als Resultat interessiert. Sondern weil er nachdrücklich an die historische Bedeutsamkeit des europäischen Kolonialismus als Ursache des ersten großen „Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) erinnerte und den letzten deutschen Reichskanzler[6] mit der faschistische Lebensraum- und Vernichtungspolitik des völkisch-rassistischen Nationalsozialismus in ebendiesen historischen Zusammenhang stellte.

Die durch Buchbetitelung gesetzte Befürchtung findet sich in L´s Rahmenkapitel wieder – einer abstrakt-allgemeinen Skizze zur „Theorie vom reaktionären deutschen Sonderweg“ und der davon abgeleiteten politischen Ideologie vom bis „in alle Ewigkeit reaktionären Deutschland“. Aber wenn und weil es konkret-historisch für L. lauter „Sonderwege“ gibt – hätte der Autor als methodologisch versierter Marxist die sozialwissenschaftliche Untauglichkeit der Leitkategorie „Sonderweg“ erkennen können.

Wenn es immer um konkrete „gesellschaftliche Beziehungen“ als insgesamt von Verhältnissen handelnder Menschen (und nicht um bloße Individuen als ´vereinzelte einzelne´) geht[7] – dann auch hier um von L. vernachlässigtes historisch Konkretes: etwa die zeitgeschichtliche Einzigartigkeits- oder unique-uniqueness-These und ihre fundierte  Kritik mit dem methodisch zutreffenden Hinweis, der auch den speziellen „totalitären Antisemitismus“ (Adorno/Horkheimer) des „dritten“ Deutschen Reiches erklären helfen kann:

„Entgegen der noch immer verbreiteten Behauptung von der Singularität des Völkermords an europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs ist einzigartig allein die dem Stand der gegenständlichen Produktivkraft entsprechende fabrikmäßig-industrielle Form des Massenmords […].“[8] 

Genauer:

„Einzigartig war nicht der 1941-1945 ´staatlich organisierte Verwaltungsmassenmord´ (Hannah Arendt) an sich und als solcher. Singulär waren vielmehr die destruktiv angewandten Formen gegenständlicher Produktivkraftentwicklung und die staatsbürokratische Organisation zur großindustriell unternommener Massenmordpraxis in den genozidalen Todesfabriken im während des Zweiten Weltkriegs militärisch besetzten Osten als qualitativ neue Einzigartigkeit nationalsozialistischer Politik. Nur dies war die ´besondere politische Praxis der Nazis´.“[9]

Die fehlende analytische Schärfe des ersten Kapitels DER DEUTSCHE SONDERWEG UND ANDERE SONDERWEGE kann L. auch in seinen nächstbeiden Kapiteln zu internationalen Ursprüngen des Nazismus als Ideologie des „Dritten Reiches“ und zu fehlenden und verkannten revolutionären Traditionen in der „verspäteten“ Nation Deutschland nicht korrigieren.

Im letzten Kapitel DIE LINKE UND DIE NATION aktualisiert L. die Politizität seiner zeitgeschichtlichen Hinweise in Form von Plädoyers zum (wohlunterschieden von Habermas´schen Verfassungs-) Patriotismus und zur (von „Rasse“ abgelösten) Nation mit Rückgriffen auf bekannte sozialistische Theoretiker und kommunistische Politiker wie Lenin, Liebknecht, Gramsci, Togliatti, Dimitroff und Mao Tse Tung im Sinne einer neuen Dialektik von sozialer Revolution und nationaler Frage zur Überwindung des in „der Linken“ immer noch dominierenden „nationalen Nihilismus“.

Unabhängig von aller aktualpolitischen Be- und Vernutzung veranschaulicht L´s Bändchen DIE DEUTSCHEN als ideologische Rezeptions- und praktische Wirkungsvorgabe etwas in der politikgeschichtlich-ideologiepolitischen Szene nicht gänzlich Unbekanntes[10]: das besondere und widersprüchliche Verhältnis von wissenschaftlicher Progressivität und reaktionärer politische Ideologie.

Leider schade, daß der bei mir positiv besetzte produktive politikgeschichtliche Autor und philosophische Intellektuelle Domenico Losurdo Ende April 2010 unterm Titel DIE DEUTSCHEN ein so krottenschlechtes Buch publizierte.

 

Literatur:

[1] Domenico Losurdo, Il revisionismo storico. Problemi e miti. Roma: Laterza, 2002 (5. ed.), 281 p. [= Biblioteca di cultura moderna 1110]; die deutschsprachige Ausgabe dess., Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismus und seine Mythen – Nolte, Furet und die anderen. Köln: PapyRossa, 2007, 304 p. [= Neue Kleine Bibliothek 120]; ders., Lenin, die Herrenvolk democracy und das Schwarzbuch des Kommunismus; in: Topos, 22/2003: 41-55; kostenlose Netzversion: http://toposzeitschrift.de/22_losurdo.htm; ders., Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthaß. Essen: Neue Impulse, 2000, 56 p.  [= Marxistische Blätter/Flugschriften 1]; ders., Die Linke, China und der Imperialismus. Ebenda 2000, 32 p. [= ebenso 2]; ders., Was ist Fundamentalismus? Ebda. ²2002, 52 p. [= ebenso 7];  ders.; Erwin Marquit, Zur Geschichte der kommunistischen Bewegung. Essen: Neue Impulse, 2005, 52 p. [= ebenso 20] 

[2] Verhandlungen des Reichstages, Stenographische Berichte, 1914/16, Bd. 306, 1-2

[3] http://www.kai-homilius-verlag.de/vp/12.15/index.php

[4] Tom Nairn; Eric Hobsbawm; Regis Debray, Nationalismus und Marxismus. Anstoß zu einer notwendigen Debatte. Berlin [West]: Rotbuch, 1978, 126 p.

[5] http://de.altermedia.info/general/brecht-die-macht-der-usa-300606_6184.html

[6] Manuel Sarkisyanz, Hitlers englische Vorbilder. Vom britischen zum ostmärkisch-bajuwarischem Herrenmenschentum. Ketsch/Rhein-Heidelberg: Selbstverlag, 1997, 350 p.; sowie beide englischsprachigen Ausgaben dess., Hitler´s English Inspirers. Belfast: Athol, 2003, 346 p.; ders., From Imperialism to Fascism. Why Hitler´s “India” was to be Russia. Foreword Subrata Mukherjee. New Dehli: Deep & Deep, 2003, xxxxvii/353 p.; Richard Albrecht, „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Adolf Hitlers Geheimrede am 22. August 1939. Aachen: Shaker, 2008, 104 p. [= Allgemeine Rechtswissenschaft: Genozidpolitik im 20. Jahrhundert 3]

[7] Karl Marx, Grundrisse der kritik der Politischen Ökonomie (Rohentwurf) 1857-1858. Berlin [DDR]: Dietz, ²1974: 176

[8] Richard Albrecht, Die politische Ideologie des objektiven Gegners und die ideologische Politik des Völkermords im 20. Jahrhunderts. Prolegomena zu einer politischen Soziologie des Genozid nach Hannah Arendt; in: Sociologia Internationalis, 27 (1989) I: 57-88, hier 74

[9] Richard Albrecht, Die WahrheitsLüge. Subjektwissenschaftliche Kritik alter und neuer ganzganzdeutscher Zeitgeschichtsschreibung: http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Die_WahrheitsLuege.pdf

[10] Wilma Ruth Albrecht, Otto Hintze als politischer Publizist in der Weimarer Republik: http://www.grin.com/e-book/122223/otto-hintze-als-politischer-publizist-in-der-weimarer-republik [und] http://www.marx-engels-stiftung.de/hintze.pdf

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Domenico Losurdo, DIE DEUTSCHEN. Sonderweg eines unverbesserlichen Volkes? Vorwort Andreas Wehr. 112 Seiten, Taschenbuchausgabe, Berlin: Kai Homilius, 2010, 112 Seiten [ = Compact Nr. 15. Hg. Jürgen Elsässer], 7,50 €

Domenico Losurdo ist Professor für Philosophie an der Universität Urbino. Er ist Präsident der Internationalen Gesellschaft für dialektisches Denken

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*) Richard Albrecht, PhD. (1976: Cultural Studies), Dr.rer.pol.habil. (1989: Politikwissenschaft) ist Sozialwissenschaftler & Wissenschaftspublizist, Autor & Editor (unter anderem der unabhängigen Netzmagazine http://www.rechtskulturaktuell.de: 2002/07, http://www.mozart1.de: 2007/09 und http://ricalb.wordpress.com: 2009/10). Als historisch arbeitender Sozialforscher beschäftigte sich Richard Albrecht in seinem letzten großen Forschungsprojekt (2005-2009) mit Genozidpolitik im 20. Jahrhundert und veröffentlichte drei Bände (Aachen: Shaker [= Allgemeine Rechtswissenschaft], Bd. 1: Völkermord(en) 2006, ISBN 978-3-8322-5055-3; Bd. 2: Armenozid 2007, ISBN 978-3-8322-5738-5; Bd. 3: Hitlergeheimrede 2008, ISBN 978-3-8322-6695-0) sowie zahlreiche Zeitschriftenbeiträge -> http://ricalb.files.wordpress.com/2010/04/auswahlbibliographie.pdf. – Weitere Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen (2006-2010 unter anderem): Alte Armut – Neue Armut. Theoretische und empirische Aspekte des Pauperismus; Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 42 (2006) 2/3: 145-16; http://www.forced-labour.de/wp-content/uploads/2008/10/alte-neue-armut-dra-2008-23-p.pdf; Zukunftsperspektiven: (I) Denkauslöser, Realitäten, planende Kreativität bei Marx; (II) Arbeitslosigkeit – Subjekt- und Realanalyse; Forum Wissenschaft, 23 (2006) 4: 51-52; 24 (2007) 1: 61-63; http://www.forced-labour.de/archives/957; „Demoskopie als Demagogie“ – Kritisches aus den achtziger Jahren“ (= Berichte aus der Sozialwissenschaft). Aachen: Shaker, 2007 [mit CD-Rom], ISBN 978-3-8322-6324-9; StaatsRache – Justizkritische Beiträge gegen die Dummheit im deutschen Recht(ssystem). München: GRIN Verlag für akademische Texte, ²2007, ISBN 978-3638705011; Crime/s Against Mankind, Humanity, and Civilisation, München: GRIN, 2008, ISBN 978-3638888639; Bürgerrechte – Staatspflichten – Rechtsprechung – Bürokratie (= Justizkritik 1). München: GRIN, 2008, ISBN 978-3638889261; ´Beleidigung´ – Materialien zur Kritik eines justiziellen Phantomdelikts (= Justizkritik 2). München: GRIN, 2008, ISBN 978-3638889629; SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker (= Sozialwissenschaft), 2008, ISBN 978-3-8322-7333-0; „Weltmacht Habermas“; Tönnies-Forum, 18 (2009) 2: 5-25, „Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur“ – Ernst Blochs Exil-Vortrag vor siebzig Jahren; Bloch-Jahrbuch 13 (2009): 223-240;    „Einmal Emigrant – immer Emigrant“: René König; soziologie heute, 3 (2010) 10: 30-33; sowie als online-Texte im „kritiknetz“  -> http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Subjektmarxismus.pdf -> http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Die_WahrheitsLuege.pdf

Korrespondenzadresse/n

Richard Albrecht  Wiesenhaus  D.53902 Bad Münstereifel

e-Post: dr.richard.albrecht@gmx.net

Bio-Bibliographie: http://ricalb.files.wordpress.com/2010/04/cv.pdf

1. Februar 2010

Pessimistische Ungarn

von Peter Stiegnitz, 1. 2. 2010

Aus den operettenhaften „schwerblütigen Magyaren“ ist ernst geworden: Gallup WorldPoll stellte jüngst in 120 Ländern die Frage, wie Erwachsene ihre eigene Zukunft sehen. Ungarn nimmt dabei, mit 34,2%, auf der pessimistischen Skala den 117. Platz ein; gemeinsam mit Haiti, Burundi, Togo und Pakistan. Die optimistische Seite führt Norwegen an, wo nur 0,5% der befragten Erwachsenen ihre Zukunft negativ beurteilen. Auch Österreich (3,0%) und Deutschland (7,5%) stehen auf der Sonnenseite der Optimisten.

Über die Gründe des tiefen Pessimismus der Ungarn sprach der Budapester Soziologe Prof. Dr. Elemér Hankiss bei einer Veranstaltung der Wiener Peter Bornemisza-Gesellschaft: • Seit dem Systemwechsel (1989) fühlen sich die Ungarn „vom kapitalistischen Westen verraten“. Sie haben irriger Weise angenommen, dass mit dem Ende des Kommunismus das „Geld nach Ungarn strömen“ wird. Das es nicht dazu kam, das stieß als erste viele Ungarn in einen tiefen Pessimismus • In einem Land, dessen Menschen seit Generationen keine Demokratie kennen, fehlt die Bereitschaft zur politischen Kooperation. Daher herrschen zwischen den einzelnen Parteien und ihren Anhängern blanker Hass und Kampfeslust.

Auch das hebt nicht die „gute Stimmung“. • Viele „stolze Ungarn“ erweisen sich, angesichts eines „starken Führers“ als echte, kritiklose und vor allem begeisterte Untertanen. Fällt der eine „Führer“, rennt man schon hinter dem nächsten her. Diese selbst täuschende Einstellung sorgt dafür, dass sich kaum eine Regierung länger als eine Legislaturperiode halten kann. • Wirtschaftliche Not, Perspektivlosigkeit, eine hohe Arbeitslosigkeit , niedrigste Renten und eine ungenügende Gesundheitspolitik tragen gleichfalls zum tiefen Pessimismus der Ungarn bei.

Trotz diesen und ähnlichen Problemen können sich gar nicht so wenige Ungarn „Westurlaube“ leisten. Kehren diese Menschen nach Ungarn zurück und dabei die krassen Unterschiede zwischen dem „westlichen“ und dem ungarischen Lebensstandard sehen, verbreiten sie nur Frustration und Unzufriedenheit. Auch das verstärkt, so Soziologe Hankiss, den tiefen Pessimismus der ohne dies verzweifelten Magyaren. 

Wir können es mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der geplante Siegeszug rechter und rechtsextremer Parteien bei den Parlamentswahlen im heurigen April dieser Stimmung voll Rechnung tragen wird. (pst)

17. Januar 2010

Kann Liebe Arbeit sein?

Deutschlandfunk, 14.01.2010

Kann Liebe Arbeit sein?

– Kontroversen um bezahlte Elternschaft

von Christian Forberg

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1105782/

Jenaer-Thesen zur bezahlten Elternschaft zum Downloaden:

Jenaer Thesen zur Bezahlung von Elternschaft – Entwurf für 14.1.2010

Minarette, Macht und Multikulti

Deutschlandfunk, 14.01.2010

Das zähe Ringen um die Integration der Einwanderer in Deutschland
von Kersten Knipp

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1105610/

11. November 2009

Die Status-Sicherheit der Juden

Filed under: Peter Stiegnitz — soziologie heute @ 10:47
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Ungarn und Österreich

von Peter Stiegnitz (Oktober 2009)

„Es ist nicht leicht, ein Jude zu sein …“ – Diesen Satz hört meine Frau, die – im Gegensatz zu mir – eine gebürtige Österreicherin und Christin ist, unzählige Male. Fast so oft allerdings höre ich ihre Antwort: „Es ist auch nicht leicht, ein Nicht-Jude zu sein …“

Meine Frau, wie nahezu immer, hat Recht. Im Schatten der Shoa, des Holocaust, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, fallen – man verzeihe mir diese semantische Tautologie – die Medien und die „veröffentlichte Meinung“, die sich nur äußerst selten mit der Meinung der Öffentlichkeit decken, in das andere Extrem. Kein Tag, keine Woche, wo sich die Medien – zumindest in Österreich und in Deutschland – nicht mit dem Thema „Juden“, „Jüdischkeit“ und vor allem „Antisemitismus“ beschäftigen. Diese Inflation einer geistigen Restitution – das unschöne Wort „Wiedergutmachung“ will niemand mehr hören – beeinflusst auch die soziologische Situation der Juden, die ich in meinen Arbeiten „Status-Sicherheit“ nenne.

Bevor ich mit den wichtigsten Faktoren beginne, darf ich Ihnen einige Zahlen nennen:

Gegenwärtig leben auf der ganzen Welt 13,2 Millionen Juden, davon 4,9 Millionen in Israel – und 8,3 Millionen in der Diaspora. Nicht uninteressant sind die sechs Städte, wo die meisten Juden leben: In Tel Aviv: 2,5 Mio, in New York: 1,9; in Jerusalem: 570.000; in Paris: 350.000; in Moskau: 200.000 und in Kiew: 110.000 Juden. Mit mehr globalen Zahlen will ich Sie nicht quälen. Höchsten mit nur wenigen, wenn ich kurz zur Schilderung der betreffenden Situation in den beiden Ländern komme.

In Österreich lebten bis zum Jahre 1938 über 200.000 Juden; der Großteil davon, rund 180.000, in Wien. Das große „Glück“ im Unglück des Holocaust in Deutschland und in Österreich – im Gegensatz beispielsweise zu Ungarn – waren die Jahre zwischen dem „Anschluss“ (1938) und dem systematischen Beginn des Völkermordes (1941). Deshalb kamen die wenigsten Juden in Deutschland und in Österreich um. – Aber das nur nebenbei.

In Österreich leben heute rund 7.000 Juden, die Mitglieder einer der fünf Kultusgemeinden sind – in Wien, Linz, Salzburg, Graz und Innsbruck – und ungefähr noch einmal so viele außerhalb der Gemeinden.

Im Rahmen meiner soziologischen Langzeitstudie gelang es mir, in Bezug auf die Status-Sicherheit, also auf die selbst gestaltete Position in der Gesellschaft den Unterschied zwischen drei Generationen der in Österreich lebenden Juden auszuarbeiten.

Davor jedoch eine demographische Erklärung: Unter den rund 14.000 Juden, die heute in Österreich leben, bilden die österreichischen Re-Emigranten einen eher kleinen Teil. Die meisten kamen aus Osteuropa: von 1945 bis Ende der 80-er Jahre aus Ungarn, Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Rumänien. Anschließend aus Russland und auch einige Rückwanderer aus Israel.

Jetzt, meine Damen und Herren, die kurze Darstellung der Generationsunterschiede in Bezug auf die Status-Sicherheit: Die erste (Jahrgänge 1910-1920) hat Holocaust und Emigration als erduldende Opfer
er-, und wenn sie viel Glück hatte, auch überlebt. Die Generation ruderte nach der Befreiung von der Nazi-Barbarei möglichst weit weg von all dem, was man mit „Judentum“ in Verbindung bringen konnte. So verstand z. B. mein Vater (seligen Angedenkens) nicht, warum ich in Wien als 22-jähriger Student (wieder) Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde wurde.

Die zweite Generation, die der heute ca. 70-Jährigen, fand zaghaft zu ihren „jüdischen Wurzeln“. Diese zweite Generation, die Holocaust und Emigration als Kinder erlebte oder knapp nach dem Krieg geboren wurde, wurde in die ungute Rolle eines „Sozial-Puffers“ gezwungen. Sie verstanden die Ahnungs- und Widerstandslosigkeit ihrer Eltern nicht, wir wollten nicht begreifen wie Hunderttausende und Millionen Menschen ohne Widerstand in den sicheren Tod gingen. Die Entschuldigung unserer Eltern („Widerstand wäre zwecklos gewesen …!“) wollten und konnten wir nicht akzeptieren.

Mitglieder dieser zweiten reemigrierten Generation kamen als junge Menschen mit ihren vertriebenen Eltern in die „alte Heimat“ nach Österreich, zurück, wo sie kaum jemand mehr haben wollte. Eine psychologisch zwar verständliche, doch genau genommen eine furchtbare, tief-belastende, neurotisierende Situation. Das einzig Gemeinsame der Reemigranten war ihr fehlendes „jüdisches Bewusstsein“. Daher lebten die assimilierten, manchmal auch getauften Familien in der Selbstlüge der „geläuterten Österreicher“, die – laut Moskauer Deklaration von 1943 – selbst „Opfer Hitlers“ waren. Die „Heimgekehrten“ wollten nichts anderes als leben, möglichst gut leben, „Geschäfte in Wien, Ferien in Israel“ machen, wie das Ruth Beckermann formulierte.

Die meisten sozialpsychologischen Begriffe, vor allem die des „Selbstbewusstseins“ und der „Identifikation“, stehen oft auf tönernen Füßen. Erst recht im Leben der zweiten jüdischen Diaspora-Generation. Meist als Kinder assimilierter, getaufter oder kommunistisch-atheistischer Eltern fanden sie den wirklichen Zugang zur jüdischen Religion nicht und blieben daher im formellen Bereich zu den hohen Feiertagen hängen.

Stärker als die Religion, doch nicht minder illusionistisch sind die zionistischen „Wurzeln“, aus denen die dritte Generation ihre „Jüdischkeit“ zu ernähren hoffte. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden aufnehmen muss, kann eine wirklich innere Bindung zum Land Israel, das – vielleicht – vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, nicht geknüpft werden. Religion ohne religiöse Tradition, Zionismus ohne wirkliches Heimatgefühl sind weitere Elemente, aus denen viele Juden ihr widersprüchiges Leben diktiert bekommen.

Die dritte jüdische Generation, heute um die 40, lebt entweder „vollassimiliert“ in Wien und geht, meist einem akademischen Beruf nach, oder hat sich in der englischsprachigen Welt Australiens, Englands, Kanadas und der USA endgültig niedergelassen und nur im Winter, zum Schifahren, besucht sie die fremd gewordene Heimat ihrer Eltern und Großeltern.

Die nicht-religiöse jüdische Tradition, das Aufrechterhalten des jüdischen Selbstbewusstseins in der Diaspora ist diffizil und von äußeren Einflüssen und Bedingungen abhängig. Den Weg der Assimilation, also den der vollständigen Aufgabe jüdischer Tradition und jüdischen Glaubens und Lebens gingen bis zum Holocaust in Österreich, Deutschland, aber auch in den großen mittel- und westeuropäischen Städten (Wien, Berlin, Prag, Warschau, Budapest, usw.) sehr viele jüdische Familien. Auch die Zahl der so genannten „Mischehen“ – allerdings mehr in Wien als in Budapest – wuchst ständig an.

Der Holocaust wirkt heute auch auf die „Mischehen“. Allerdings wird nicht der jüdische Teil „christlich“, sondern eher umgekehrt. „Mischehen“ gehen jüdischerseits natürlich nur Menschen ein, die sich von der jeweiligen religiösen Tradition vollends losgesagt haben. Auch die Juden in den Mischehen basteln verzweifelt an ihrer (Schein-)Identität, die so stark sein kann, dass der christliche Teil des gemischten Doppels „judaisiert“ wird. Der christliche Teil in diesen „Mischehen“ huldigt, wenn auch unbewusst, einer moralischen Wiedergutmachung.

Die Status-Sicherheit der Juden wird überwiegend vom echten und noch mehr vom eingebildeten Antisemitismus gelenkt und geformt. Auch und erst recht – im Shoah-Schatten – in Österreich und in Deutschland, obwohl die Angst vor Antisemitismus in diesen Ländern gutteils zu Unrecht grassiert. Genau das zeigt eine Studie der in Wien beheimateten und außerordentlich kritischen „Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ (EUMC), ein so genanntes „Eurobarometer“, mit dem die europäische Toleranz gegenüber Andersgläubigen ausgelotet wird. Der EU-Durchschnitt der tolerant eingestellten Menschen, die sich durch die Anwesenheit von Andersgläubigen nicht beunruhigt fühlen, beträgt 82,0 Prozent. In Österreich liegt dieser Anteil bei 82,3 Prozent, also knapp über dem EU-15-Durchschnitt. Der deutsche Anteil mit 75,7 Prozent liegt etwas unterhalb des EU-15-Wertes.

Die Status-Sicherheit der Juden in Österreich – von „österreichischen Juden“, die sich zu Österreich wirklich bekennen, kann man seit der so genannten „Waldheim-Affäre“ kaum mehr sprechen – wird hauptsächlich von innenpolitischen Verhältnissen beeinflusst. Seit den jüngsten Parlamentswahlen im heurigen September und dem starken Zugewinn rechtspopulistischer Parteien haben gar nicht so wenige Juden das Gefühl, wenn auch völlig zu Unrecht, auf „gepackten Koffern“ sitzen zu müssen.

Hier darf ich, wenn auch nur kurz, auf den Hauptfaktor der subjektiven Status-Sicherheit zu sprechen kommen: Die Schuld- und Minderwertigkeitskomplexe vor allem der wenigen, doch immer noch tonangebenden re-emigrierten österreichischen Juden blockieren jedwede Heimatgefühle dieser Menschen. Da sie in nach sozialen Schichten eingeteilten freiwilligen „Ghettos“ leben, ziehen sie sich in Parallelgemeinschaften zurück. Weil sie im Vergleich zu den in Österreich lebenden Türken zahlenmäßig sehr klein sind, kann man nicht von „Parallelgesellschaften“, sondern eben nur von „Parallelgemeinschaften“ sprechen. Die Kompensierung ihrer Komplexe zeigt, wie immer in solchen Fällen, auch extrem kritische Züge.

Die aus Osteuropa, vorwiegend aus Ungarn, nach Österreich emigrierten Juden kennen diese Komplexe nicht. Da sie den Holocaust nicht in Österreich oder noch überhaupt nicht erlebt haben, bekennen sie sich gutteils zu ihrer neuen Heimat. Die erste Generation, die leider nicht mehr lebt, bekannte sich trotz der schlimmen Erfahrungen im Holocaust und auch im Nachkriegskommunismus voll und ganz zur alten „ungarischen Heimat“. Die zweite Generation, also die meine, lebt ambivalent; wir sind einerseits „gute Österreicher“ geworden, andererseits haben gar nicht so wenige unter uns Häuser oder zumindest Wohnungen in Ungarn gekauft, wo sie die Wochenenden und die Sommermonate verbringen.

Während also die erste Generation der aus Ungarn emigrierten österreichischen Juden – sie sind im Gegensatz zu den Re-Emigrierten keine „Juden aus Österreich“, sondern eben „österreichische Juden“ – zu hundert Prozent „ungarisch“ bleibt, sieht dieser Anteil in der zweiten Generation bereits 50-zu-50 Prozent aus. Die dritte Generation, also unsere Kinder, zeigen bestenfalls eine 80-zu-20 Prozent Relation.

Sehr geehrte Damen und Herren! Bevor ich mich kurz, soweit ich es von außen her sehe, mit der Status-Sicherheit der ungarischen Juden beschäftige, darf ich einen kurzen Einschub leisten. Das vor allem deshalb, weil ich mich hier unter hochrangigen Historikern befinde.

Der eigentliche Begründer der soziologischen Untersuchungen der Juden hieß Arthur Ruppin; er wurde im Jahre 1876 in Rawatsch bei Posen geboren und starb 1943 in Jerusalem. Er gilt nicht nur als geistiger Vater der Soziologie der Juden, sondern auch als Begründer der Stadt Tel Aviv, die heute noch das „weltliche“ Pendant zu Jerusalem ist.

Der nach Magdeburg übersiedelte Ruppin studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Berlin und in Halle. Zunächst als Referendar am Landgericht in Magdeburg und später als Sozialwissenschaftler verfasste er mehrere, heute noch als Standardwerke geltende Bücher, wie die „Juden der Gegenwart“ und „Darwinismus und Sozialwissenschaft“. 1908 übersiedelte er nach Palästina. Bereits zu dieser Zeit befürwortete er die so genannte „Zwei-Staaten“-Lösung für Juden und Araber. 1926 wurde er Inhaber des Lehrstuhls „Soziologie des Jahrhunderts“ an der Jerusalemer Universität. Seine damaligen Vorlesungen gelten heute zumindest als rechtspopulistisch und sogar rassistisch. Ruppin zeigt sich den Gedanken der Eugenik gegenüber aufgeschlossen und fordert für die neue Besiedlung Palästinas eine „Auslese des Menschenmaterials. Die Anzusiedelnden sollten von besonderer „körperlicher, beruflicher und moralischer Beschaffenheit“ sein. Er beteiligt sich auch intensiv an der Entwicklung neuer Formen des sozialen Zusammenlebens, so insbesondere der Kibbuzbewegung. Ruppin gilt zwar als Begründer der Soziologie der Juden, doch vor allem seine Bejahung der Eugenik (Erbgesundheitsforschung) rückt ihn in faschistische Nähe. Zumindest nach heutiger Auffassung.

Jetzt, meine Damen und Herren, noch einige Worte zur ungarischen Situation. Natürlich ist es von mir anmaßend, vor Ihnen über eine ungarische Situation zu sprechen. Trotzdem versuche ich es. Ich darf meine Analyse auf zwei Quellen aufbauen: auf die Ergebnisse einer eher kleinen, doch repräsentativen Stichprobe, die ich mit Studenten durchführte und darüber berichten, wie wir vom Ausland her die einschlägige Situation in Ungarn beurteilen.

In Ungarn, wo Anfang der vierziger Jahre noch 900.000 Juden lebten, kamen 600.000 ums Leben. Und trotzdem redete im Land der ermordeten Magyaren, deren „Pfeilkreuzler“ und Gendarmerieeinheiten brutaler als die SSler wüteten, nach dem Krieg keine einzige offizielle Stelle vom Holocaust und Antisemitismus. So konnten auch die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über das Martyrium der ungarischen Juden nicht in Budapest, sondern sie mussten im Westen erscheinen. Die erste umfassende Analyse erblickte in den Niederlanden das Licht der (interessierten) westlichen und (desinteressierten) östlichen Welt. Der Historiker und Universitätsprofessor Péter Várdy zog die Bilanz des Schreckens seiner ehemaligen Landsleute und Schicksalsgenossen: „Das offizielle ungarische Judentum bot nach dem Krieg das Bild einer in sich gespalteten, zerstrittenen und schließlich verängstigten Minderheit.“

In Ungarn leben nach inoffiziellen Statistiken rund 100.000 Juden, davon 75.000-80.000 in Budapest. Heute tobt im Land der Magyaren ein offener Antisemitismus, getragen von rechtsextremen Parteien (MIÉP und Jobbik), bzw. Bewegungen (Ungarische Garde), die sich offen auf die Nazi-Pfeilkreuzler berufen. Eines der „Hauptnahrungsmittel“ des „gefräßigen“ Antisemitismus in Ungarn der Jetztzeit ist die relativ hohe jüdische Beteiligung in den KP-Führungsgremien nach dem Ersten (z. B. Béla Kuhn) und nach dem Zweiten Weltkrieg (Mátyás Rákosi, der „ungarische Stalin“). Dass sich weder Kuhn noch Rákosi als „Juden“ und letzterer sich sogar als Antisemit deklarierte, das registrieren die heutigen Judenfeinde in Ungarn nicht. So z. B. der Führer der rechtsrechten Lebens- und Wahrheitspartei, István Csurka.

Die Situation in Ungarn ist paradox: hohe Assimilation und trotzdem viele Glaubensjuden? Diesen Widerspruch kann man nur dann verstehen, wenn man die „Inselmentalität“ (Marta S. Halpert: „jüdische Gemeinden in Europa“) der Ungarn, eingebettet zwischen Slawen und Germanen, versteht. Dieses kulturelle „Alleingelassensein“ züchtet ein hohes, oft auch neurotisches Selbstbewusstsein. Diese „Wir-sind-Wir“-Mentalität charakterisiert auch das Selbstbewusstsein der ungarischen Juden, die „Juden“ und „Ungarn“ in einer Person sein möchten.

Wie in Österreich, so konnten wir, meine Studenten und ich, eine ähnliche Generationseinstellung, wie das in Österreich der Fall ist, feststellen. Da jedoch die Mitglieder der ältesten Generation, die jetzt um die 100 Jahre alt wären, nicht mehr leben, übernimmt diese Rolle die zweite – eben meine – Generation. Der Unterschied zu Österreich ist allerdings beängstigend und groß: Die Angst vor antisemitischen Äußerungen ist in Ungarn real. Während die österreichische Rechtssprechung die Wiederbelebung des NS-Geistes mit mehreren Jahren Gefängnisstrafen ahndet, kann man im heutigen Ungarn davon kaum sprechen.

Eine Parallele beider Länder ist aus psychologischer Sicht interessant: In Österreich wie in Ungarn bekennt sich nur ein gewisser Teil – die Hälfte oder noch weniger – auch offiziell zu seinem Judentum. Die Ursachen sind allerdings unterschiedlich. Während die assimilierten, oft auch getauften Juden der zweiten Generation in Österreich keine Beziehung mehr zur jüdischen Religion haben und die Mitgliedschaft in einer Kultusgemeine aber eine solche voraussetzt, regiert in den Kreisen der gleichen ungarischen Generation der Juden die pure Angst.

Ganz anders reagieren in Österreich, aber auch in Ungarn die Angehörigen der dritten Generation: sie bekennen sich offen und sogar demonstrativ zu ihrem Judentum, wobei der „Event-Charakter“ hier wie dort entsprechend vorhanden ist. Wir sehen, dass die gesellschaftspolitische Akzentuierung in der dritten jüdischen Generation in Ungarn – ich meine darunter die religiöse wie die zionistische Einstellung – viel ausgeprägter ist als in Österreich. Die Gründe hiefür liegen sicherlich in der unterschiedlichen Wohlstands- und Sicherheitssituation.

Wie wir wissen, spielen in Ungarn in der dritten und vierten Nach-Holocaust-Generation die jüdische Religion und ihre politischen und geistlichen Vertreter eine sehr große Rolle. Das bezieht sich vor allem auf die frommen, auf die orthodoxen Richtungen, deren „Abgesandte“ in jüdischen Kreisen intensiv missionieren.

Im Gegensatz zu den Wienern, deren Charakterfestigkeit immer schon biegsame Züge aufwies, verfügen die Ungarn mit ihrer „Kopf-durch-die-Wand“-Mentalität über einen Dauerplatz auf allen Verliererstraßen der mitteleuropäischen Geschichte. Vom Mongolensturm bis zum Ende des Nazireiches standen die Ungarn immer – und das auch mit Begeisterung – auf der Seite der Verlierer.

Analog zu diesem Volkscharakter haben die ungarischen Juden, im Gegensatz zu ihren Schicksalsgenossen im Westen, die deutschen Wiedergutmachungsleistungen großzügig ausgeschlagen. Allerdings nur bis jetzt. Der Grund dieses, jetzt langsam verblassenden Stolzes liegt nicht im angedichteten Beleidigtsein – „Von Mördern nehmen wir nichts …!“ -, sondern am niedrigen deutschen Angebot und vor allem am politischen Druck der bis 1989 herrschenden Kommunisten.

Im Schatten der auch offen zur Schau getragenen Judenfeindlichkeit erstarkt – als Reaktion auf diese Entwicklung – das jüdische Leben im Land, welches wiederum den Antisemiten neue Nahrung verschafft. Auch hier zeigt sich die Formel: Druck erzeugt immer Gegendruck, und wie einst Herzls Zionisten den Antisemitismus „brauchten“, so profitieren die beiden Kontrahenten – Antisemiten und die Juden – aus der gegenseitigen Hochschaukelei. Wie neurotisch jedoch dieses „Zusammenspiel“ ist, muss wohl nicht extra betont werden.

Während unserer Befragung, wir arbeiteten mit den qualitativen Methoden der tiefenpsychologischen Gespräche, hörten wir öfters den Satz, „Wie gut geht es den westeuropäischen Juden …“. So träumen Ungarns Juden von österreichischen Verhältnissen – und das weit über Wiedergutmachungsleistungen und soziale Sicherheit hinaus.

In unserer Arbeit haben wir auch Sekundärliteratur benützt: Im Frühjahr und Sommer 2000 haben ungarische Soziologen unter der Leitung von András Kovács Identität und Zugehörigkeit ungarischer Juden erforscht. Ich darf, ganz kurz und keineswegs wortwörtlich aus dieser Arbeit zitieren: Für einen Gutteil der ungarischen Juden ist die Frage nach der Religion (Religionszugehörigkeit als statistische Größe) eine reine private Angelegenheit. So ist es kein Wunder, dass gar nicht so wenige Juden, vor allem solche, die nicht Mitglieder einer Kultusgemeinde sind, schlicht und einfach Angst haben, auf die Frage der Statistiker („Volkszählung“) nach ihrer Religion, wahrheits- oder einstellungsgemäß zu antworten. Noch immer brennt die Erinnerung an die Nazizeit, als die Mörder mit fertigen Listen in der Hand ihre wehrlosen Opfer in den Tod jagten. 65 Prozent der Befragten sagen, dass sie der „jüdischen Religion“ angehören. Interessant dabei ist die altersmäßige Streuung: 51 Prozent der 18- bis 34jährigen, 55 Prozent der 35- bis 54jährigen, 73 Prozent der 55- bis 69jährigen und sogar 83 Prozent der 70jährigen und älteren bekennen und bejahen ihren jüdischen Glauben. Dieses Ergebnis scheint die Angst der Älteren vor einem offenen Bekenntnis zur jüdischen Religion zu widersprechen: immerhin bezeichnen sich 73 Prozent der ältesten Befragten nicht nur schlicht und einfach als „Juden“, sondern sie bekennen sich auch zum jüdischen Glauben.

Trotzdem: Es herrscht nur eine lose Bindung zur aktiven Religion; selbst jüdischen Soziologen gegenüber behaupten nur 18 Prozent aller Befragten, dass sie Wert auf die Ausübung ihres Glaubens legen. Etwas höher (23 Prozent) war der Anteil derjenigen, die gerne Mitglieder einer ethnisch-jüdischen Minderheit wären. Das ist vor allem in Ungarn interessant, wo auch religiöse Minderheiten als ethnische Minderheiten gehandhabt werden. Diese Ethnizität ist noch ein unbewusstes Erbe aus dem sowjetischen System, wo die „Juden“ als ethnische Minderheit und nicht nur als eine „Religion“ betrachtet wurden.

Die ungarische Untersuchung – das hätte man in Österreich und in Deutschland nicht anders gehandhabt – ging auch auf die komplizierten Fragen der „jüdischen Identität“ ein: 84 Prozent der Befragten sehen, wenn auch nur indirekt, ihre Identität im Holocaust wurzeln und knappe 70 Prozent suchen ihre Zugehörigkeit in der jüdischen Kultur.

Die Reformjuden – in Ungarn „Neologen“ genannt – haben sich zwar vom orthodoxen Glauben, doch nicht von der jüdischen Gesellschaft entfernt. Dieser zweischneidigen, alles andere als glücklich machenden Tradition aus der Vor-Holocaust-Zeit frönen auch heute sehr viele Juden, vor allem in Budapest.

Ungarn, auch die Juden, sind Nationalisten, und so kehren auch die jungen Juden aus Amerika und aus Israel wieder zurück. Nebst, für ungarische Verhältnisse, modischen Accessoires bringen diese Heimkehrer vor allem ihre Liebe zur Religion, zur Orthodoxie mit.

Damit brachen bisher ungeahnte Konflikte zwischen den assimilierten Eltern und ihren frommen Kindern aus, die ihr orthodoxes Judentum überdimensional mitbrachten. Unter dem Druck ihrer frommen Kinder mussten die Mütter in ihrer Küche, die weitab von jedwedem Koschertum sehr oft auch Schweinefleisch sah, eigene „koschere Ecken“ einrichten, wo die glaubensstarken Mädchen und Jungen nicht nur das „unsaubere Schweinefleisch“, sondern alles, was die jüdische Religion verbietet, hinauswarfen.

Während „Mischehen“ im Kreise ungarischer Juden bis zu den sechziger, siebziger Jahren Seltenheitswert besaßen, steigt in den letzten Jahrzehnten der Anteil der jüdisch-christlichen Ehen merklich an. Kinder aus diesen Ehen, die aus unterschiedlichen Gründen auf „jüdische Wurzelsuche“ – vorwiegend in Israel und in Amerika – gingen, haben sich mit großer Freude fromm-orthodoxen Sekten angeschlossen.

Psychologisch verständlich, doch nicht uninteressant ist die „projüdische“ Reaktion der christlichen Familienmitglieder in den Gemischtehen: sie unterstützen – vielleicht aus schlechtem Gewissen – die fromme Neujüdischkeit ihrer jungen Heimkehrer. Während sich der jüdische Teil der Familie vehement dagegenstemmt, erfahren die jungen Orthodoxen von ihren christlichen Verwandten eine weitgehende Unterstützung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Im letzten Teil meines Referates möchte ich auf die theoretischen Grundlagen der Gesamtthematik und die praktischen Ergebnisse unserer, auch meiner, wenn auch etwas länger zurückliegenden Arbeiten zu sprechen kommen.

Um die sozialpsychologischen Hintergründe der Status-Sicherheit der Juden zu verstehen, und das betrifft die gesamte europäische Diaspora, ist es notwendig, die drei „Kraftquellen“ der Juden zu erwähnen. Diese wurzelt erstens in der Theologie des strikten Monotheismus, zweitens im Geist des Studiums der Bibel und der Kommentare und drittens in der Schicksalsgemeinschaft der Verfolgung. Die ersten beiden „Kraftquellen“, also die Theologie und der Geist, zeigen die wichtigste Qualifikation des jüdischen Glaubens, dass es sich dabei um eine Buchreligion handelt.

Der Vollständigkeit halber, vor allem aber weil ich mich hier in einer illustren Gesellschaft namhafter Historiker befinde, darf ich die wichtigsten sieben-plus-zwei Jahreszahlen des jüdischen Volkes erwähnen:

  • Um 1750 v. Chr. verlässt Abraham das Zweistromland und wird mit seinen Stämmen in Kanaan sesshaft
  • 1240 führt der ägyptische Prinz Moses das Volk der Apiru, wie dort die hebräischen Sklaven hießen, über die Sinai-Halbinsel Richtung kanaanatische Heimat
  • 1000 legt Königsmörder David die Grundsteine Jerusalems
  • 587 beginnt das babylonische Exil; Nebukadnezar zerstört Jerusalem und den Tempel
  • 538 kehren die Hebräer nach Jerusalem zurück
  • 520 wird der Tempel wieder aufgebaut
  • 63 das Imperium Romanum erobert das Land.

Soweit die sieben wichtigsten historischen Eckdaten. Die zwei restlichen betreffen:

  • Das Jahr 30, die Kreuzigung des Wander- und Wunderrabbiners Jesus – und
  • das Jahr 70 n. Chr., die endgültige Zerstörung des Tempels.

Soviel, meine Damen und Herren, zu den wichtigsten historischen Eckdaten, die in der Soziologie der Juden immer noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Die meisten sozialpsychologischen Begriffe, vor allem die des „Selbstbewussteins“ und der „Identifikation“, stehen oft auf tönernen Füßen. Erst recht im Leben der bereits erwähnten zweiten jüdischen Diaspora-Generation. Meist als Kinder assimilierter, getaufter oder kommunistisch-atheistischer Eltern fanden sie den wirklichen Zugang zur jüdischen Religion nicht und blieben daher im formellen Bereich zu den hohen Feiertagen hängen.

Stärker als die Religion, doch nicht minder illusionistisch sind die zionistischen „Wurzeln“, aus denen die zweite Generation ihre „Jüdischkeit“ zu ernähren hoffte. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden aufnehmen muss, kann eine wirkliche innere Bindung zu Land Israel, das – vielleicht – vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, nicht geknüpft werden.

Religion ohne religiöse Tradition, Zionismus ohne wirkliches Heimatgefühl sind weitere Elemente, aus denen viele Kontinental-Juden ihr widersprüchliches Leben diktiert bekommen.

„Der schaut aus wie eine ‚Stürmer’-Figur …“ Dieser Satz aus meiner Budapester Kindheit, mit dem wir „assimilierte Juden“ unsere orthodoxen Schicksalsgenossen abstempelten, prägte sich tief in meine Erinnerung ein. Stimmt es wirklich, dass manche Mitglieder (verfolgter) Minderheiten so wie die eigene Karikatur aussehen? Ohne Zweifel und Absicht benehmen sich gar nicht so wenige Zigeuner und Juden – leider – so, wie das von ihren unerbittlichen, intoleranten Gegnern dargestellt wird.

Weit wichtiger als diese oberflächliche, höchstgradig masochistische Selbst-Angleichung an das von ihren Verfolgern entworfene Bild ist die „Bewusstseinshaltung“ in der jüdischen Diaspora. Während allerdings zahlreiche historische Studien die jüdischen Identitäten der k.u.k.-Monarchie ausführlich darlegen, gehen solche Arbeiten aus der Gegenwart der Diaspora-Juden noch ab.

Die sozio- und psychohistorischen Methoden damaliger und heutiger Untersuchungen könnten deckungsgleich verlaufen. Einerseits wurden (für damalige Zeiten) und sollten (für die Gegenwart) die Anpassung an die nicht jüdische Gesellschaft (und die) damit verbundenen Identitätsprobleme genauso durchleuchtet werden, wie der Einfluss gesellschaftlich vorherrschender Bilder über Juden auf deren Selbstverständnis.

Etwas einfacher formuliert: Das Fremdbild prägt immer das Eigenbild. Besonders starke Persönlichkeiten – so genannte „Robinson-Typen“ – können auf die Meinung ihrer nähren und entfernteren Umgebung verzichten. Sie wissen, was sie wollen und gehen erhobenen Hauptes, die sozialen Stolpersteine negierend, ihren eigenen Weg; selbst dann, wenn dieser in einer Sackgasse mündet.

Die meisten Menschen, darunter bedeutend mehr Männer als Frauen, sind jedoch aus einem anderen Holz, sie sind keine Helden, die einem Robinson gleich auf sich allein gestellt überleben können. Wir alltägliche Menschen in Minderheiten und Mehrheiten beobachten aufmerksam die Meinung und Einstellung unserer Umgebung und freuen uns über jedes Lob und regen uns maßlos über jede Kritik auf.

Mit anderen Worten, vielleicht noch einfacher formuliert: Je labiler der Mensch in seiner sozialen Umgebung verankert ist, desto ängstlich-intensiver hört er auf die Meinung anderer. Schicksalsgemeinschaftliche Minderheiten, die keine kommerziell-kulinarisch-folkloristische Stabilität genießen, lassen sich in vielfacher Hinsicht von ihrer Umgebung beeinflussen. Groteskerweise hören sie vor allem auf ihre Gegner und Hasser.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich glaube, es wäre zeitraubend, wenn ich jetzt das Gesagte noch zusammenfassen würde. Am Ende meines Referates erlauben Sie mir trotzdem, ein persönliches Bekenntnis abzulegen: Kein Mensch, und auch Soziologen sind nur Menschen, kann ein Thema, das ihn persönlich betrifft, wirklich objektiv und tunlichst wertfrei darstellen. In meinem Referat habe ich auch mein Schicksal und das meiner Familie dargestellt und obwohl ich bemüht war, die Fakten möglichst sachgerecht zu analysieren, kann es ohne weiteres der Fall sein, dass ich persönliche Momente nicht ganz ausklammern konnte. Dafür bitte ich Sie jetzt schon um Nachsicht. – Und ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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