soziologieheute-news

18. Oktober 2009

Religiös motivierter Terrorismus

Filed under: Bernhard Hofer — bjh @ 14:49

ein kurzer Einblick

von Bernhard Hofer

Die Religion hat schon immer einen besonders starken Einfluss auf politische Strukturen ausgeübt. Oft wurde die Gewalt der Regierungen von
ihr geprägt, ebenso oft wurden auch Religionen von Regierungen zur Legitimierung von Gewalt benutzt. Wie die Geschichte zeigt, finden wir Religionskriege oder religiös motivierte Gewalttaten vor allem in christlichen, islamischen und jüdischen Gesellschaften. Beispiele hierfür sind etwa die Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgungen, Zwangsmissionierungen, Judenverfolgung, die Unterstützung von Diktaturen, Steinigungen, Bestrafung wegen Verletzung von Bekleidungsvorschriften, strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen oder religiösen Minderheiten etc.

Die aus der Religion resultierende Wirkung auf gesellschaftliche Strukturen war und ist ein faszinierendes Feld für zahlreiche Forscher. So versteht der
Soziologe Emile DURKHEIM Religion als Festigung sozialer Strukturen, welche auch zur Stabilisierung des Einzelnen beiträgt. In einer moralischen Gemeinschaft wie z. B. der Kirche werden Anhänger solidarisch vereint, haben gleiche Überzeugungen und Praktiken. Nach DURKHEIM ist der Glauben letztlich ein wesentliches Element der Macht. Max WEBER, welcher zahlreiche empirische Studien zur Wirtschaftsentwicklung in protestantischen und katholischen Ländern durchführte, sieht in der Religion ein dauerhaftes, ethisch fundiertes System mit hauptamtlichen Funktionären. Diese Funktionäre regeln die Lehre, stehen der organisierten
Gemeinschaft vor und streben gesellschaftlichen Einfluss an.

Auch Ferdinand TÖNNIES betont den hohen gesellschaftlichen Einfluss der Institution Kirche. Wie auch andere traditionelle Gemeinschaften dienen
religiöse Gemeinschaften der kulturellen Bindung des Individuums. Friedrich FÜRSTENBERG beschreibt sehr anschaulich die Ausbreitung sozialreligiöser Bewegungen und hebt hervor, dass die in einer Lebenskrise manifest gewordene Religiosität zum Handlungsantrieb wird, dessen Richtung ideologisch bestimmt werden kann im Sinne einer Verbindung von rationalisierter Situationsanalyse und wert– bzw. zielbezogener Verhaltensmaxime. Als Vorbedingung hierfür nennt FÜRSTENBERG:1)

– Die individuellen Lebensprobleme werden im Kreise gleich Motivierter
ernst genommen. In gruppendynamischen Prozessen wird die Erfahrung vermittelt, dass es zahlreiche gleichartige oder ähnliche Fälle gibt.
• Intellektuelle Bezugspersonen bieten ein Deutungsschema an und verbinden dabei wissenschaftlich fundierte Tatsachen mit persönlichen
Erkenntnissen und ideologischen Integrationen.

• Der problematischen Gegenwartssituation wird ein sozialutopischer
Idealzustand gegenübergestellt, dessen Wünschbarkeit rein wertrational
begründet wird.
• In der Folge erscheint die Veränderung des Bestehenden als moralisches
Gebot. Zu dessen Realisierung werden mehr oder weniger aktivistische Strategien angeboten.
• Die Suche nach sinnvollen Handlungsmustern findet als kollektiver Lernprozess statt.
• Intensive Gemeinschaftserlebnisse stützen emotional die Verschmelzung von Erkenntnis– und teilweise auch Erlösungssehnsucht und Handlungsdrang.

Bassam TIBI erläutert, warum bei Gewaltaktivitäten oft Bezug auf Religionen genommen wird:
„Religiöse Aspekte wiegen schwerer als alle anderen, und religiöse Bindungen sind etwas anderes als politisches Engagement. Religion
als kulturelles System ist in einem Maße sinnstiftend, wie es eine
Ideologie nie sein kann. Deshalb ist der die Religion politisierende
religiöse Fundamentalismus eine Ideologie von besonderem Kaliber.“ 2)

Wenn vom religiösen Terrorismus gesprochen wird, so versteht man darunter Aktivitäten von Terrorgruppen, bei denen vorwiegend die religiöse Motivation (basierend auf religiösen Geboten, Gesetzen, Vorschriften, Aufrufen etc.) als Grundlage dient. Im Nahen Osten können dafür als Beispiele der Iran, die Selbstmordattentäter der HAMAS, die HISBOLLAH oder auch die Gruppierung um den jüdischen Rabbiner Meir KAHANE, der das Bild der Juden als Opfer umkehren wollte, herangezogen werden.

Religiöse Terroristen sehen in der Anwendung von Gewalt eine von Gott gebotene Pflicht, welche durch religiöse Schriften und Lehrmeinungen gerechtfertigt erscheint. Als ihre Auftraggeber treten zumeist Personen(gruppen) auf, die sich auf transzendente Werte berufen: das Fremde, das Nichtzugehörige, Andersartige ist ihr Ziel. Um die Welt nach den Gesetzen des Islam zu formen, muss man die (westliche) Welt zerstören.

„The world as it is today is how others have shaped it. We have two
choices: either accept it with submission, which means letting Islam
die, or to destroy it, so we can construct the world as Islam requires…” 3)

Im Islam, der in seinen Hauptrichtungen von der Vorherbestimmtheit des Menschen ausgeht, ist das Mitglied ziemlich stark an Vorschriften gebunden.
Der Koran gibt konkrete Anweisungen für die jeweiligen Handlungen des Einzelnen. In den sogenannten fundamentalistischen Staaten kommt
der „Scharia“, der religiösen Pflichtenlehre des Islam, besondere Bedeutung bei. Sie strebt die Regelung aller Bereiche des menschlichen Daseins an. Die Pflege und Entwicklung der Scharia liegt in den Händen der islamischen Gerichtsbarkeit.

„In der islamischen Kultur bezeichnet die Scharia das Gesetz in
seiner weitesten Form, d. h. die Gesamtheit der religiösen, moralischen,
sozialen und rechtlichen Normen, welche im Koran und der
prophetischen Tradition beinhaltet sind.“ 4)

Die Bibel als auch der Koran dokumentieren einen gütigen Gott und stellen Friedfertigkeit und Nächstenliebe ins Zentrum ihrer Botschaft. Der Islamismus – als radikale Ausdrucksform – hingegen pervertiert die Religion, indem er diese mit neuen Bedeutungsinhalten füllt und die religiöse Lehre für eigene politische Ziele verwendet. Für islamistische Terroristen wird deshalb die Religion Mittel zum Zweck und sie forcieren in der Bevölkerung das Bild vom Kämpfer für Entrechtete und Unterprivilegierte.

Das Christentum hat sich seit AUGUSTINUS generell vom religiösen Selbstmord verabschiedet. AUGUSTINUS trat dafür ein, dass nicht das Getötetwerden, sondern das Einstehen für den Glauben an Gott auch um den Preis des Lebens jemanden zum Märtyrer macht. Der Islam ist bis dato diesen Schritt noch nicht gegangen. Stirbt jemand als
Selbstmordattentäter im Kampf gegen die Ungläubigen, so gilt dieser als Märtyrer und geht in das Paradies ein. So wurden beim Anschlag auf das Word Trade Center in Mohammed ATTAS Reisetasche auch Papiere mit einer Handlungsanleitung für den Selbstmordanschlag gefunden. Darin heißt es u. a.:

„Entsinne dich, dass du in dieser Nacht – der Nacht vor der Tat – zuhören und gehorsam sein sollst, denn du wirst mit einer ernsten Situation konfrontiert werden, und der einzige Weg, den es gibt, ist das Zuhören und hundertprozentiger Gehorsam. Sage dir, dass du die Pflicht hast, dies zu tun, verstehe dies im Geiste und überzeuge dich selbst, dass du diese Tat tun musst. Gott sagte, dass du seine Befehle und die seiner Propheten befolgen sollst und keinen Widerstand leisten sollst, denn sonst wird es dir misslingen. Sei geduldig, denn Gott ist mit den Geduldigen.“ und „Öffne dein Herz, denn du bist nur einen kurzen Moment entfernt von dem guten, ewigen
Leben voller positiver Werte in der Gesellschaft von Märtyrern.“5)

Das Dilemma, in welchem sich der Islam befindet, besteht darin, dass er einerseits als friedliche Religion auftritt, andererseits jedoch keine klare Stellungnahme über die Anwendung von Gewalt und Gewaltmitteln abgibt. Die zahlreichen Gruppierungen – insbesondere innerhalb der islamischen
Geistlichkeit – erschweren von vornherein eine allgemein verbindliche Regel. Die Koranauslegung wird somit allem Anschein nach weiterhin in den
Händen von politisch motivierten Immanen liegen.

Der bis 2006 der in Großbritannien agierenden radikalen islamistischen Gruppierung Al-Muhajiroun angehörende Brite pakistanischer Herkunft Hassan BUTT bringt die Problematik schließlich auf den Punkt, indem er seine Motive wie folgt schildert:

„Was mich und viele meiner Gefährten dazu antrieb, in Großbritannien – unserer Heimat – und in anderen Ländern Terroranschläge zu planen, war das Gefühl, für die Erschaffung eines revolutionären Staates zu kämpfen, der am Ende der ganzen Welt die Gerechtigkeit des Islam bringen würde… Dieses dualistische Weltverständnis hat Englands Muslime in einen Konflikt gestürzt… Aber die Hauptursache für den Erfolg der Radikalen ist die Tatsache, dass die meisten islamischen Institutionen in England schlicht und einfach nicht über Theologie reden wollen. Sie weigern sich, die schwierige und´oft komplexe Frage nach dem Stellenwert der Gewalt im Islam anzugehen; stattdessen wiederholen sie das Mantra, dass der Islam eine friedvolle Religion und der Glaube eine persönliche Angelegenheit sei, und hoffen, dass sich diese ganze Debatte irgendwie in nichts auflösen wird.“

Literatur:
1) vgl. Fürstenberg, Friedrich: Die Zukunft der Sozialreligion. Úniversitätsverlag
Konstanz, 1999, S. 96 f.
2) Tibi, Bassam: Die neue Weltunordnung – westliche Dominanz und islamischer
Fundamentalismus. München 2001, S. 88.
3) Hoffmann, Bruce: Inside Terrorism. Victor Gollancz, London 1998, S. 96.
4) Bodiveau: zitiert in Petersohn, Alexandra: Islamisches Menschenrechtsverständnis
unter Berücksichtigung der Vorbehalte muslimischer Staaten zu den
UN-Menschenrechtsverträgen. Disseratation, Bonn, 1999.
5) Auszug aus: Der Spiegel, Nr. 40, 2001: Der Himmel lächelt, mein junger Sohn.
Spirituelle Anleitung für das Selbstmordattentat auf das World Trade Center.
6) Auszug aus der britischen Zeitschrift The Observer v. 1. 7. 2007.

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